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6. Dezember 2016
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Einige Interessante Mails zur Debatte um den angeblichen Fachkräftemangel

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Fachkräftemangel, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Wirtschaftspolitik und Konjunktur

Die Beiträge zum Fachkräftemangel (hier und hier) haben ein großes Echo ausgelöst. Danke vielmals. Die Mails sind wegen der berichteten eigenen Erfahrungen interessant und sie enthalten weiterführende Hinweise. Deshalb die folgende Zusammenstellung. Albrecht Müller

Die ausgewählten Mails sind der Einfachheit halber durchnummeriert. Teilweise sind sie etwas gekürzt:

  1. Die Erfahrung des Kollegen habe ich in dieser Zeit genauso gemacht und kann diese voll bestätigen. Die Darstellung ist absolut treffend. Was man in diesem Zeitraum als Absolvent erleben konnte spottet jeder Beschreibung.
    Die Kampagne zum angeblichen Fachkräftemangel entbehrt jeglicher sachlicher Grundlage. Man fragt sich nur wie kann man als Journalist mit noch einigermaßen vorhandenem Verstand derartiges verbreiten?
    Hinzu kommt, dass etwa in vielen Firmen die Budgets für die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter faktisch nicht mehr vorhanden sind, da den „Costreductions“ zum Opfer gefallen.
    Herzliche Grüße
    J. K-
  2. Es ist fast schon grotesk, wie die im Artikel  „Eine persönliche Erfahrung zum Mythos Fachkräftemangel“ geschilderten Erfahrungen den Auskünften gleichen, die mir meine Mit-Studenten der Physik an der FU-Berlin von 1990-95 zuteil werden ließen; ich studierte allerdings damals „brotlose Künste“ (von denen ich heute ganz gut lebe). So das ganze Geschwätz von: „Wir brauchen keine Physiker mehr, die in Indien sind billiger“, während gleichzeitig Siemens 5000 Ingenieure abbaute. Echte Zukunftsangst griff um sich. Angst scheint seit 30 Jahren eines der bevorzugtes Durchsetzungsinstrumente unserer „Neocons“ für ihre asozialen Ziele zu sein. Seit ich 1982/83 in Newsweek lesen mußte, (West-)Deutschland gleiche einem Stein, der gerade über die Kante eines Abgrundes gerollt sei und nur noch einen Herzschlag in der Luft schwebe, bevor er in rasendem Fall in die Tiefe sause, geht Deutschland ständig unter (wie auch neulich wieder, im 3Sat-Interview mit Roman Herzog – ich habe gleich umgeschaltet). Was Sie interessieren dürfte: während, wie Sie schildern, in „Spiegel-Online“ der Fachkräftemangel beschworen wird, findet sich im Wirtschaftsteil der Druckausgabe des „Spiegel“ (Nr. 31, 2.8.2010) auf Seite 63 unter der Überschrift: „Siemens: Aussteigerprämie ab Jahrgang 1954“ folgende Meldung:

    „Siemens greift tief in de Tasche, um ältere Mitarbeiter seines Tochterunternehmens SIS zum vorzeitigen Ausscheiden zu bewegen. Nach den Plänen der Führung sollen bei dem IT-Dienstleister deutschlandweit 2000 Stellen wegfallen. Verstärkt ansprechen will der Konzern Beschäftigte schon ab Jahrgang 1954. Wer zu dieser Gruppe gehört und bis zum 15.August dieses Jahres einen Altersteilzeitvertrag unterschreibt, erhält eine Prämie von 35.000 Euro. Wenn der Mitarbeiter dann spätestens zwei Jahre später sein Arbeitspensum reduziert, wird das monatliche Bruttogehalt bis zum Auslaufen der Vereinbarung am 63.Geburtstag  sogar noch etwas aufgestockt. Außerdem garantiert Siemens den Altersteilzeit-Mitarbeitern ähnlich hohe Betriebsrenten- und Pensionsbezüge wie allen anderen Vollzeit-Beschäftigten. SIS-Angehörige, die das 55. Lebensjahr vollendet und mindestens 15 Jahre im Konzern gearbeitet haben, können auf Wunsch auch ganz ausscheiden – und eine einmalige Abschiedszahlung von 10.000 Euro mitnehmen. Dazu dürfen zwischen Beendigung des Arbeitsverhältnisses und dem Beginn der gesetzlichen Rente nur zwei bis maximal fünf Jahre liegen. Bei ihrer Abfindung können die SIS-Beschäftigten in diesem Fall zwischen einer Einmalzahlung oder einer monatlichen Leistung von bis zu 55 Prozent ihrer früheren Bezüge wählen. Etwaige Lücken bis zum Renteneintritt müssen sie aus Ersparnissen finanzieren.“

    Ein Autor ist nicht angegeben. Vielleicht sollten „Spiegel“ und „Spiegel-Online“ ihre Kommunikation untereinander verbessern (oder vielleicht besser nicht!). Was den Artikel selbst betrifft: Da es sich bei den in Aussicht genommenen Mitarbeiter des IT-Dienstleisters SIS wohl kaum um Kantinenkräfte handeln dürfte, scheint der beschworene Fachkräftemangel tatsächlich eher eine Schimäre zu sein. Also doch Meinungsmache!
    Mit besten Grüßen
    Ihr St. P.

  3. Ein Hinweis schon vom 03.07.10:

    Liebe NachDenkseiten
    ständig wird derzeit über den angeblich drohenden Fachkräftemangel und Auszubildendenmangel aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge und des demografischen Wandels schwadroniert. Dahinter stecken ideologische Manöver, die über die kapitalistischen Ursachen von Arbeitslosigkeit und Bildungsnotstand hinwegtäuschen, u.a. auch die weitere Ökonomisierung und Privatisierung der Bildung vorantreiben sollen, vor allem natürlich das Kapital auf Kosten der Lohnarbeit  und des Staates „entlasten“ sollen. Ich sehe dahinter eine Kampagne nach ähnlichem Muster, wie beim Rentenbetrug. Der gesamte „Experten“-Chor haut in die selbe Demografismus-Kerbe.

    „Fachkräftemangel“ bei anhaltender Massenarbeitslosigkeit ist ja eigentlich ein irrsinniger Widerspruch in sich. Wenn Fachkräfte fehlen, dann liegt das einzig daran, dass die Unternehmen massenhaft zu wenig ausbilden und sich noch damit herausreden, dass die Jugend „nicht ausbildungsfähig“ sei. Ansonsten hängt der Fachkräftebedarf ja wohl auch von der Binnennachfrage ab, die rückläufig sein dürfte, wenn die Bevölkerung altert oder schrumpft. Das Deutsche Kapital und seine Ideologen gehen dagegen von einer ewig währenden Exportweltmeisterschaft und damit einem vom Binnenmarkt abgehobenen Fachkräftebedarf aus; die weitere Dauer der Exportüberschüsse seht jedoch durch ganz andere Gründe in Frage,  als durch einen wahrgesagten Fachkräftemangel.

    Viele Grüße
    K.-H. G.

  4. Ihre Aussagen in kann ich auf Grund meiner Erfahrungen nur bestätigen. Damit meine ich nicht nur meine persönliche Betroffenheit als zurzeit berufsfremd & prekär beschäftigter Ingenieur, sondern auch meine beruflichen Erfahrungen als Arbeitsvermittler in einem Berliner Jobcenter, wo ich ca. 260 hochqualifizierte arbeitslose Akademiker aus allen technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen zu meinen „Kunden“ zählen durfte.
    V.W.
  5. Ein ganz vernünftiger Artikel im Focus…

    Arbeitsmarkt
    Das Märchen vom Fachkräftemangel

    Die Arbeitslosigkeit steigt leicht. Dennoch fehlen Fachkräfte, heißt es immer wieder. Aber stimmt das wirklich? Experten sind sich einig: Einen Mangel gibt es nur in wenigen Bereichen – wenn überhaupt. Das Märchen beginnt diesmal nicht mit dem klassischen „Es war einmal“. Passender für die Geschichte vom Fachkräftemangel ist der Satz: Es wird einmal. Denn tatsächlich sagen Arbeitsmarktexperten: Wenn wir nicht gegensteuern, dann suchen Deutschlands Unternehmen in einigen Jahren verzweifelt nach qualifiziertem Personal. Aber warum reden schon heute alle vom Fachkräftemangel? Wo beginnt der Mangel und wo endet der Bedarf? Hier scheiden sich die Geister – und oft spielt eine gute Portion politisches Gepolter mit hinein in den Streit um den Fachkräftemangel.

    Fakt ist: Ein flächendeckender Fachkräftemangel besteht in Deutschland derzeit nicht. Noch nicht. Das Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) sowie die Bundesagentur für Arbeit sagen, dass in bestimmten Bereichen zwar ein erhöhter Bedarf an Arbeitskräften bestünde, nämlich im Gesundheitssektor und bei den Ingenieuren. Von einem generellen und branchenübergreifenden Mangel könne aber keine Rede sein. Und auch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln, das den Fachkräftemangel oft medienwirksam bewirbt, schreibt in einer Studie aus dem Oktober 2008: „Ein qualifikationsgruppenübergreifender Fachkräfteengpass im Segment Hochqualifizierter kann (…) nicht konstatiert werden.“

    Quelle: Focus

    … und dann fünf Tage später wieder das Märchen von den hohen Löhnen und den hohen „Lohnnebenkosten“ in Deutschland.

    Unbeantwortet bleibt weiterhin die auf der Hand liegende Frage, warum jedes Jahr 150.000 Fachkräfte Deutschland verlassen, wenn doch angeblich die Löhne so hoch sind. In Norwegen, in Schweden, Dänemark und der Schweiz sind die Bruttolöhne für Ingenieure, Informatiker und andere technische Fachkräfte zumindest deutlich höher, teilweise bis 50%, vom besseren Arbeitsklima und der höheren Lebensqualität ganz zu schweigen.

    Und selbst wenn irgendwann ein Fachkräftemangel existieren sollte: ist das Vorhandensein der „paßgenauen Spezialisten“ für die Unternehmen verfassungsmäßig garantiert? Ich denke nicht. Der Drang der Unternehmen ins Ausland ist zwar gebremst, aber weiterhin ungebrochen; wozu also noch mehr arbeitslose (!!) Fachkräfte in Deutschland? Für die Arbeitnehmer gibt es im Übrigen nicht einmal ein Recht auf Arbeit,
    geschweige denn auf „paßgenauen Arbeitsplatz bei guter Bezahlung und null Anforderungen an die Flexibilität“, im Gegenteil.

    MfG
    J. A.

  6. Hallo,

    vielen Dank für den guten Beitrag zum Mythos „Fachkräftemangel“. Ich bin selbst promovierter Informatiker und hangele mich seit der Promotion von einem befristeten 2-monatigen Hiwi-Vertrag über kurzzeitige
    Arbeitslosigkeitsphasen bis zu längeren 6-monatigen Projektanstellungen auf 50% oder 75% Stellen irgendwie durch. Dabei gilt es als selbstverständlich, daß ich Lehrveranstaltungen vertrete, Prüfungsbeisitz mache, Doktoranden mitbetreue und an den Wochenenden Veröffentlichungen und Projektanträgen schreibe. Ohne dieses zusätzliche Engagement auch über die vertragliche Arbeitszeit und die eigentlichen Arbeitsinhalte hinaus wäre ich wohl schon längst weg vom Fenster und irgendein anderer, williger Informatik-PostDoc würde an meiner statt eingestellt.

    Natürlich ist das „nur“ mein Einzelschicksal, aber wenn ich vor diesem Hintergrund vom „Fachkräftemangel“ lese, dann treibt’s mir einfach nur die Galle hoch. Daher nochmals vielen Dank für die Aufklärungsarbeit!

    Mit besten Grüßen,
    S. H.

  7. Das kann ich zu 100% unterschreiben.

    Ich bin 1993 mit dem Studium der Informatik fertig geworden und hatte grosse Probleme, eine Arbeit zu finden und das sogar im Raum Muenchen. Ich bin nur ueber einen Bekannten in eine Firma gekommen, fuer die ich als Student vorher gearbeitet hatte. Erst 1998 ist es besser geworden und ich wurde ploetzlich von einem Headhunter kontaktiert. Ploetzlich war auch ein vernuenftiges Gehalt moeglich. Ich hab bei einem Start-up angefangen, das von einem Amerikaner gegruendet wurde und wo fast schon US Gehaelter gezahlt wurden. 2002 bin ich betriebsbedingt gekuendigt worden, der „Greencard-Inder“ den es in der kleinen Firma gab, hat diese Welle ueberstanden und sogar etwas mehr Geld verdient als ich, obwohl er die gleich Arbeit erledigt hat, wenn sich auch ueber Qualitaet streiten laesst. Mein Eindruck war jedenfalls das er fuer einen deutschen Webservice nur bedingt qualifiziert war und unter den Kulturellen unterschieden sehr gelitten hat was seiner Motivation nicht gut tat.

    Die wenigen Angebote die sich in dem 1 Jahr suche ergeben haben waren streckenweise sehr bizarr und extrem unter bezahlt.

    2002-3 war ich dann 1 Jahr arbeitslos und ja ich hab gerade letztes Jahr in etwa wieder das Gehalt von 2000 erreicht, wobei die Kaufkraft entsprechend geringer ist.
    Das Gerede vom Fachkraeftemangel ist zumindest was die Informatik anbelangt kompletter Unfug.
    Die Traumgehaelter die immer wieder propagiert werden spielen in meiner Realitaet ebenfalls keine Rolle.
    Und ich habe auch mit absoluten Genies zusammen gearbeitet und auch die haben streckenweise die gleichen Probleme. Es liegt nicht an der Qualifikation oder dem Koennen.
    Alles in allem hatte ich offensichtlich noch Glueck im Vergleich zu den beschriebenen Erfahrungen.

    Viele gruesse
    m. b.

  8. Sehr geehrter Herr Müller,

    Sehr gefreut habe ich mich, dass Sie den Erfahrungsbericht „Eine persönliche Erfahrung zum Mythos Fachkräftemangel“ veröffentlichten.
    Meine Beobachtungen als promovierter Bauingenieur sind strukturell die gleichen, lediglich die Konjunkturzyklen der Branchen unterscheiden sich.
    Eine Vorstoß des DGB bei den Arbeitgeberverbänden, von dem ich erfuhr, (warum man von Fachfräftemangel rede, während mehrere 10.000 Ingenieure arbeitslos sind,) führte zu der Auskunft, dass man diese ja nicht einstellen könne, da sie schon über 45 sind.
    Ich sehe es so, dass mit dem „Mythos Fachkräftemangel“ neben Lohndrückerei und Disziplinierung auch Altersdiskriminierung betrieben wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr.-Ing. J. W.

  9. Lieber Herr Müller

    Ich (geb. 1969) bin praktisch mit dem SPIEGEL aufgewachsen und großgeworden. Aus der von ihnen zutreffend beschriebenen Degeneration dieses einstmals investigativen und wichtigen Nachrichtenmagazins habe ich für mich seit einiger Zeit die meiner Meinung nach einzig richtige Konsequenz gezogen: ich lese ihn nicht mehr und ärgere mich weniger!
    Ihnen und ihren Freunden vielen Dank für ihre wichtige Arbeit!

    Aus Frankfurt am Main
    C. F.

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