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„Deutscher Alterssurvey“- Die Rente mit 67 ist eine Kopfgeburt

Veröffentlicht in: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Demografische Entwicklung, Rente

„Deutsche gehen später in Rente“ titelt die Süddeutsche Zeitung und übernimmt damit kritiklos die Sprachregelung von Bundessozialministerin von der Leyen. Die SZ stützt sich dabei auf den gestern veröffentlichten „Alterssurvey [PDF – 49 KB]“. Die Befürworter der Rente mit 67, die behaupten, dass Ältere wachsende Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, können aus dem Alterssurvey jedoch keinen Honig saugen. Selbst bei einer angestiegenen „Erwerbsbeteiligung“ der 60 bis 64-Jährigen von derzeit 33 Prozent (von der Leyen sprach sogar von 40 Prozent), bliebe aus heutiger Sicht die Rente mit 67 für den allergrößten Teil der Arbeitnehmer eine faktische Rentenkürzung. Wolfgang Lieb

Zunächst die Zusammenfassung des „Alterssurveys“ durch den Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen, Professor Clemens Tesch-Römer:

Aktuell beträgt die Lebenserwartung bei Geburt für Männer etwa 77, für Frauen 81 Jahre. In 50 Jahren könnte die Lebenserwartung für Männer auf 85 und für Frauen auf 89 Jahre steigen.

  • Die „Alten der Zukunft“ sind gesünder als vor ihnen geborene Jahrgänge
  • Den Menschen in der zweiten Lebenshälfte geht es im Durchschnitt finanziell recht gut, aber sie machen sich Sorgen um die Zukunft. Es gab eine Zunahme von 18 (1996), auf 32 Prozent (2008) von Personen, die annehmen, dass ihr Lebensstandard in Zukunft schlechter sein wird.
  • Die Lebensformen im Alter werden bunter – und zum Teil fragiler
  • Die Familien halten zusammen, aber sie wohnen nicht mehr so nah beieinander
  • Ältere Menschen spielen auf dem Arbeitsmarkt und in der Zivilgesellschaft eine immer wichtigere Rolle. Unter den 60- bis 64-Jährigen stieg zwischen 1996 und 2008 die
  • Erwerbsbeteiligung um zehn auf 33 Prozent.
  • Obwohl Altersdiskriminierung eine Tatsache ist, werden Altersbilder positiver

Quelle: Deutsches Zentrum für Altersfragen [PDF – 49 KB]

Leider wird aus keiner der bisher im Netz zugänglichen Quellen klar, welche Art der „Erwerbstätigkeit“ das Drittel, das zwischen 60 bis 64 noch erwerbstätig ist, ausübt. Ob also als Selbstständige(r), auf einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz, ob in 400-Euro-Jobs oder sonstigen Niedriglohnsektoren. Nach dem sog. ILO-Konzept wird unter „Erwerbstätigkeit“ jede Form der Erwerbsbeteiligung verstanden. Erwerbstätige sind danach alle Personen im Alter von 15 und mehr Jahren, die in der Berichtswoche zumindest eine Stunde gegen Entgelt (Lohn, Gehalt) oder als Selbstständige bzw. als mithelfende Familienangehörige gearbeitet haben.

Aus der Antwort der Bundesregierung über die Beschäftigungssituation Älterer vom 23.06.2010 [PDF – 1.1 MB] ergibt sich:

  • Nicht einmal zehn Prozent der 64-Jährigen waren 2008 sozialversicherungspflichtig beschäftigt.
  • Gerade ein Fünftel der 60-jährigen schafft den Übergang aus der Erwerbslosigkeit in Erwerbstätigkeit. Von den 64-jährigen schaffen es nicht einmal mehr zehn Prozent.
  • Mehr als ein Fünftel (22 Prozent) geht aus Erwerbslosigkeit (Leistungen SGB III/SGB II) und weniger als ein Fünftel (18 Prozent) geht aus einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in die wohlverdiente Altersrente.

Im Alterssurvey selbst wir folgendes festgestellt:

„Zu beachten ist, dass die seit 1996 deutlich gestiegene Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-Jäh-rigen nicht allein eine Folge des Reformkurses ist, sondern auch demografisch begünstigt wird. Denn in diesem Zeitraum rückten gleichzeitig geburtenstarke, besser gebildete Jahrgänge in die Gruppe der älteren Erwerbstätigen nach, die mit höheren Qualifikationen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten und gleichzeitig vom damaligen konjunkturellen Aufschwung am Arbeitsmarkt profitierten.
Parallel zur politisch gewünschten Steigerung und Verlängerung der Erwerbstätigkeit in der zweiten Lebenshälfte zeichnen sich zwei Tendenzen ab, die gegenläufig zu diesem Reformkurs sind: Die Altersteilzeit wird zunehmend als Brücke in den Ruhestand genutzt, und die Arbeitslosigkeit ist in der Gruppe erwerbsfähiger Älterer gestiegen, die bereits vor dem Renteneintritt außerhalb des Erwerbslebens standen.
Im Vergleich zu 2002 gehen im Jahr 2008 ältere Erwerbsfähige im Schnitt im Alter von 63 Jahren und damit ein Jahr später in Rente. Aber nur Personen, die direkt aus der Berufstätigkeit in den Ruhestand wechselten, verlängerten auch gleichzeitig ihr Arbeitsleben. Für andere Personen, die vor dem Renteneintritt nicht mehr erwerbstätig waren, änderte sich hingegen mit dem Abbau der Frühberentungsoptionen der Übergang in den Ruhestand. In dieser Personengruppe stieg der Anteil derjenigen deutlich, die unmittelbar vor dem Ruhestand arbeitslos waren oder über die Freistellungsphase der Altersteilzeit bereits vollständig aus dem Erwerbsleben ausgestiegen sind.
Zwischen 2002 und 2008 hat sich unter den Anspruchsberechtigten der Anteil der Personen in Altersteilzeit von acht auf 21 Prozent fast verdreifacht. Im Jahr 2008 nutzten bereits mehr als jede zehnte anspruchsberechtigte Person zwischen 55 und 59 Jahren und sogar etwas mehr als jede vierte zwischen 60 und 64 Jahren diese Option. Die Variante des „Blockmodells“ der Altersteilzeit wird wesentlich häufiger als das „Teilzeitmodell“ gewählt.
Die eindeutige Bevorzugung des Blockmodells konterkariert das mit der Altersteilzeit verbundene arbeitsmarktpolitische Ziel, älteren Erwerbstätigen ein längeres Arbeitsleben zu erleichtern.
Quelle: Altern im Wandel, Zentrale Ergebnisse des Deutschen Alterssurveys (DEAS) [PDF – 1.4 MB]

Die letzte Aussage, lässt weitere „Reformen“ bei der Altersteilzeit befürchten, die die Wahl des Blockmodells erschweren könnten.

Fazit: Die Befürworter der Rente mit 67, die behaupten, dass Ältere wachsende Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, können aus dem Alterssurvey keinen Honig saugen. Selbst bei einer ansteigenden „Erwerbsbeteiligung“ der 60 bis 64-Jährigen von derzeit 33 Prozent, bliebe aus heutiger Sicht die Rente mit 67 für den allergrößten Teil der Arbeitnehmer eine faktische Rentenkürzung.

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