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Medienkonzentration und das Fehlen kritischen Verstandes beim Publikum – beides zusammen zerstört die Substanz der Demokratie

Veröffentlicht in: Aufbau Gegenöffentlichkeit, Erosion der Demokratie, Medienkonzentration Vermachtung der Medien

Pluralität der Meinungsbildung ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass demokratische Verhältnisse wenigstens der Tendenz nach geschaffen werden können. In weiten Teilen auch der westlichen Welt, nicht nur in Ägypten, in Tunesien oder Saudi Arabien, sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt. Wir haben es mit hoch konzentrierten Medienkonzernen, mit Monopolen und Oligopolen zu tun. In Großbritannien steht eine neue Welle der Konzentration an. www.NachDenkSeiten.de unterstützen einen Vorstoß gegen diese weitere Konzentration. Siehe die Mail dazu in Teil A. – Ein NachDenkSeiten Leser macht aber mit Recht darauf aufmerksam, dass hoch konzentrierte und gleichgerichtete Medien zwar schlimm sind, dass demokratiezerstörend aber hinzu kommt, dass es dem Publikum an Fachwissen und Zusammenhangwissen mangelt, um Vorgänge richtig einzuordnen. Es fehlt der kritische Verstand. Seine Mail finden Sie in Teil B. Albrecht Müller.

Teil A: Geballte Medienmacht überall. Damit stirbt die Basis der Demokratie.

Die Medienkonzentration in Italien ist eklatant. Berlusconi beherrscht weite Teile der privaten und öffentlichen Medien. Die Medienkonzentration in den USA ist bedrohlich und eine der Ursachen für undemokratische Personal- und Sachentscheidungen. Der Einfluss des australischen Medienbesitzers Murdoch ist auch in den USA groß. Das gleiche gilt für Großbritannien. Murdoch hat dort auch Personalentscheidungen und die Anpassung von Parteien an neoliberale Vorstellungen, zum Beispiel von Labour mit Tony Blair, wesentlich bestimmt.
In Deutschland wird das Geschehen von im Geiste verbundenen Konzernen bestimmt, von Bertelsmann, von Springer und einigen kleineren Konzernen wie Holtzbrinck und Burda. Wenn’s um den Kern der Entwicklung geht, etwa um die Unterstützung der jetzigen Bundeskanzlerin und auch zum Beispiel des ehemaligen Verteidigungsministers zu Guttenberg, oder um die Grundphilosophie des Zusammenlebens, nämlich die totale Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und um neoliberal geprägte Reformen, dann sind sich diese Konzerne einschließlich der mächtigen Regionalzeitungen im wesentlichen einig. Dass der Spiegel jetzt „Bild“ scharf kritisiert, dient eher der eigenen Imagebildung, als dass es ein wirkliches Bild der Medienverhältnisse abbildet. Der Spiegel und die Bild-Zeitung haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten über weite Strecken gemeinsame Sache gemacht: für die neoliberale Reformpolitik, gegen jede politische Alternative links von Union und FDP, für Privatisierung, für die Privatisierung der Altersvorsorge, für De-Regulierung, usw.

Wir haben also auch in Deutschland ein großes Problem der Gleichrichtung unserer Medien; deshalb ist eine wichtige Bedingung für das Funktionieren der Demokratie außer Kraft gesetzt.

Jetzt ist Großbritannien in Not. Wir veröffentlichen dazu eine Mail und bitten um Unterstützung der Gegenbewegung:

Liebe Freunde,

In 48 Stunden könnten fast die Hälfte der britischen Medien in die Hände eines der gefährlichsten Medienmogule der Welt fallen.

Rupert Murdoch nutzte sein gewaltiges Medienimperium, um den Irak-Krieg voranzutreiben, die Wahl von George W Bush zu sichern, Ressentiments gegen Muslime und Einwanderer zu schüren und weltweite Maßnahmen beim Klimaschutz zu verhindern.

Indem er die britischen Medien kontrolliert, vergrössert er seinen Einfluss auf praktisch alle Themen, die uns nahe stehen: Von den Menschenrechten bis zum Umweltschutz. Murdochs Absichten versetzten Großbritannien in Aufruhr und selbst die mit seiner Hilfe gewählte Regierung ist tief gespalten und muss noch diese Woche eine Entscheidung treffen. Globale Solidarität stärkte die Demokratie-Proteste in Ägypten — und kann jetzt auch in Großbritannien helfen. Lassen Sie uns Rupert Murdoch mit einem weltweiten Aufschrei stoppen. Unterzeichnen Sie die Petition an die britischen Entscheidungsträger:

Großbritannien: Stoppen Sie Rupert Murdoch

Murdoch untergräbt Demokratien auf der ganzen Welt, indem er gewählte Politiker solange mit einseitiger Berichterstattung erpresst, bis sie seinen Willen erfüllen. Er manipulierte jahrelang Demokratien wie die USA, Großbritannien und Australien, doch jetzt will er seine Kontrolle ausbauen. In Amerika stehen die meisten der republikanischen Präsidentschaftskandidaten auf Murdochs Gehaltsliste. Als Obama Murdochs Fox-News-Netzwerk als blosses Propaganda-Sprachrohr verpönte, rief er die rechtsgerichtet Tea-Party-Bewegung ins Leben und begann hasserfüllte Attacken gegen Obamas Gesundheitsreform und Friedensbemühungen zu auszustrahlen — Das Ergebnis ist ein großer Sieg der Republikaner in den Kongresswahlen im Jahr 2010.

Doch wir können diese mächtige Bedrohung unserer Demokratie aufhalten. Letztes Jahr, nach einem Mittagessen mit Murdoch, betreute der kanadische Premierminister seinen Spitzenberater mit der Aufgabe in Kanada einen politischen Propaganda-Kanal im Stil von Murdoch aufzubauen. Ein Aufschrei von kanadischen Avaaz-Mitgliedern konnte verhindern das diese Sendeanstalt vom Geld der Steuerzahlern finanziert wird und gerade letzte Woche konnte eine erneute Avaaz-Kampagne verhindern, dass die kanadische Regierung journalistische Standards entfernt, die es der Fernsehgesellschaft verbieten Lügen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Diese Woche wird Großbritannien zum Schlachtfeld. Der Kampf gegen Murdoch hat erst begonnen, doch in Kanada haben wir schon einen Sieg errungen.

Klicken Sie hier, um den Druck auch in Großbritannien aufrecht zu erhalten: Großbritannien: Stoppen Sie Rupert Murdoch

Die Macht von Avaaz und diesem Moment in der Geschichte ist die Macht der Einheit. In der arabischen Welt, und andernorts, finden Menschen über alle Grenzen hinweg zusammen in gemeinsamer Sache. Murdochs Macht liegt in seiner Fähigkeit zu teilen. Sein Sender benutzen Angst und Fehlinformationen, um links von rechts zu teilen, Bürger von Ausländern, muslimisch von westlich, Einwanderer von Nicht-Einwanderern etc. Murdoch weiss, dass eine Demokratie geteilt werden muss, bevor sie erobert werden kann. Lassen Sie uns ihm diese Woche zeigen wie Einheit aussieht.

Hoffnungsvoll,

Ricken, Alex, Emma, Sam, Milena, Alice, Iain, Pascal, Maria Paz und das ganze Avaaz-Team

Quellen:

Murdoch steht kurz vor Übernahme von BSkyB, Financial Times (Englisch)
Bericht auf Deutsch

Kündigt sich Murdoch an, zieht die Regierung Cameron den Kopf ein, Tages Anzeiger

„Rupert Murdoch ist ein Kriegstreiber“, Spiegel

Umstrittene Äußerungen über Murdoch: Britischer Wirtschaftsminister wird zurechtgestutzt, Spiegel

Amerikanische Medien: Islamisten am Ground Zero, FAZ

Tea-Party: Angriff der Milliardäre, NZZ

MEDIENMOGUL RUPERT MURDOCH: Ein lupenreiner Republikaner

Palin bekommt Job bei Fox News, Spiegel

PALIN UND FOX NEWS: Wegbereiter der Gewalt

SAT1: Steigt auch Rupert Murdoch ein?, Süddeutsche

Teil B: Wichtig ist der kritische Verstand und das Wissen von Menschen und ihr Engagement
Dazu die Mail des NachDenkSeiten-Lesers S.G., ergänzt um den Hinweis auf das für unsere Arbeit einschlägige Wort von Goethe: Mit dem Wissen wächst der Zweifel:

Lieber Herr Müller, Herr Lieb,
um es kurz vorweg zu nehmen: Die Nachdenkseiten sind das beste, was mir in Sachen politisches „Erweckungserlebnis“ je(!) passiert sind. Aber sie haben mir vor allem eines gezeigt (das grundsätzliche Misstrauen gegenüber Politik und Medien war auch schon vorher da): Das Hauptproblem, warum tendenziöse und relativ gleichgeschaltete Medien und damit auch die sehr homogenen politischen Messages funktionieren, sind die Menschen und Rezipienten selbst. Es ist schlicht der Mangel an Fachwissen und Zusammenhangswissen, die dem Leser fehlen, um Vorgänge richtig einordnen zu können und sie auch kritisch zu hinterfragen. Und damit fehlt auch die kritische Grunddistanz gegenüber den Medien an sich, dass diese keine neutrale Instanz sind, sondern parteiische Akteure.
Ich unterrichte seit einigen Jahren an der Universität Göttingen Journalismus-Kurse, ziehe diese auch bewusst politisch-diskursiv auf – am Beispiel tendenziöser Berichterstattung zu aktuellen Themen, um einerseits Fach- und Zusammenhangswissen in relevanten gesellschaftlichen Themen zu vermitteln und andererseits einen medienkritischen Umgang zu fördern. Was mir bei den jungen Akademikern anfangs immer wieder begegnet, ist eine fast durchweg unkritische Einstellung gegenüber Medien und eben der eklatante Mangel an Wissen; will man z.B. über das Rentensystem diskutierten, kann kaum jemand überhaupt erklären, was denn das Umlageverfahren ist (und ich bin schon froh, wenn sie Exekutive, Judikative und Legislative als die drei Säulen unserer Demokratie zusammenbekommen). Eine Erfahrung, die eine Freundin von mir, die Sozialpädagogen an der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen unterrichtet, in noch drastischerem Ausmaß macht. Dazu kommt noch, dass Erfahrungen mit Netzwerken fehlen, wie man sie etwa in der Hochschulpolitik recht authentisch mitbekommt. Das Wort „Politik“ an sich ist schon eine überaus wirkmächtige Abschreckung.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass breiter kritischer Protest so sehr lange auf sich warten lässt und bei hochkomplizierten Themen wie Rente, Wirtschaftspolitik etc. gar nicht erst entsteht. Den Medien Versagen zu unterstellen bis hin zu gezielter Manipulation würde ich unterschreiben, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Im gleichen Atemzug muss man auch sehr stark den Leser und Bürger in die Pflicht nehmen, sich aktiv nicht nur zu informieren, sondern auch zu bilden. Diese Perspektive erscheint mir bei all Ihrer Systemkritik einfach zu unterrepräsentiert. Natürlich ist das einigermaßen utopisch, nichtsdestotrotz sind die Medien keine Plattform, um hochkomplexe Sachverhalte zu vermitteln. Über die einseitige Wirtschaftspolitik kann man eine ganze Monografie schreiben, ein Artikel über die neuesten Gesetzesentwürfe eignet sich dafür nur sehr bedingt.
Dass darüber hinaus das Know-how in den Redaktionen abnimmt oder nicht existiert, mag man immer wieder kritisieren können, ändern wird sich daran aber nur etwas, wenn die Leserschaft an sich kritischer und wissender ist – gegenwärtig riskiert ein Medium kaum seine Reputation, weil es es auf der trägen Welle des Unwissens sehr gut surft und die anderen Medien im Windschatten weiß. Oder anders ausgedrückt: Wenn die Schafe nicht wissen, dass man sie zur Schlachtbank führt, muss man auch nicht zum Vegetarier werden.
Ihr Ansatz, den ich wie gesagt absolut schätze, zur Bildung eben der Leser und Allgemeinheit beizutragen, ist hervorragend – aber Verantwortung für die Misere tragen eben nicht nur Medien und Politiker, sondern auch diejenigen, die sich ihnen quasi ausliefern, indem sie der Bequemlichkeit halber sich nicht bilden.

Mit freundlichen Grüßen
S. G.

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