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Eine erstaunliche Kampagne der Süddeutschen Zeitung gegen Urban Priol

Veröffentlicht in: Atompolitik, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Medienkritik

Zwischen 28. und 31. März sind in der Süddeutschen Zeitung und bei süddeutsche.de drei Artikel mit heftiger Kritik an Urban Priol veröffentlicht worden. Siehe Dokumentation am Ende dieses Textes. Bei allen drei Artikeln von drei verschiedenen Autoren geht es um den Auftritt von Priol bei der Anti-Atomkraft-Demonstration in München. Wenn Sie sich für Neues aus der Anstalt und für Priols Arbeit oder auch nur dafür, wie solche Kampagnen angelegt werden, interessieren, dann ist die Lektüre dieser drei Artikel zu empfehlen. Albrecht Müller.

Ich will mich auf einige wenige Hinweise und kommentierende Anmerkungen beschränken, auch weil die Tatsache dieser drei Artikel und auch ihr Inhalt und Stil für sich sprechen:

  • Über zu weite Strecken wiederholen sich in den drei Artikeln Bericht von der Veranstaltung und Kommentierung. Dass Priols Bemerkungen über Wirtschaftsminister Brüderle nicht bei allen Zuhörern gut ankamen und einige pfiffen, erfahren wir gleich mehrmals. Auch dass Priol nicht im üblichen Bühnenoutfit auftrat, ist gleich zweimal der Erwähnung wert, genauso wie die Geschichte mit dem Kofferraum, in dem Hanns Martin Schleyer eingesperrt war. – Die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung hätte ihre Autoren ein bisschen besser koordinieren sollen.
  • Die Autoren der Süddeutschen Zeitung versuchen, die Arbeit von Priol abzuwerten. Typisch dafür im Artikel B (siehe unten): „Seit 2007 leitet Priol die ZDF-Anstalt, es gibt nicht wenige Kollegen, die das mindestens für eine Überraschung halten. Denn erstens musste man Priol vor vier Jahren nicht unbedingt zur ersten Garde der Kabarettisten in Deutschland rechnen, …“ – Soll das ein Argument sein? Da hätte man doch wenigstens andeutungsweise gerne gewusst, wer die „nicht wenigen Kollegen“ sind. Warum bleibt das anonym?
  • Der Autor des dritten Artikels stellt fest, Priol mache „Kabarett auf dem kleinsten intellektuellen Nenner“. Bei einem solchen, zunächst einmal sprachlich nicht besonders verständlichen Vorwurf, sucht man, assoziativ auf den Weg geschickt, dann nach den Gründen für diesen Vorwurf. Dann findet man eine Ansammlung von Fremdwörtern eines Autors, der sich offenbar auf dem „größten intellektuellen Nenner“ wähnt.
  • Dann findet man bei diesem Autor wie auch bei den anderen in Andeutungen das, was die Autoren Urban Priol vorwerfen: Hetze. Kostprobe: „Urban Priol ist ein entfesselter Keifer, eine affektierte Heulboje mit eingebautem Politikerhass.“ Oder: „Priol ist das Schießgewehr eines entfesselten Spießbürgertums.“
  • Dann ist viel davon die Rede, dass Satire eine Kunstform sei. Und dass im Gegensatz zu diesem Anspruch Priols „Redefiguren immer einen kunstvollen Dilettantismus eingebaut“ hätten, „eine klug ausgesteuerte Selbstminimierung, aus der die Schärfe der wirkungsmächtigen politischen Pasquille destilliert wird. (Verstehen Sie das? d.Verf) Das politische Kabarett in Deutschland, es ist längst tot. Urban Priol ist der hausmeisterhafte Wiedergänger einer gewesenen Kultur.“ – Große Teile dieses Textes verstehe ich nicht. Es ist die Sprache und das Denken von so genannten Intellektuellen oder Kulturschaffenden oder Journalisten aus der Abteilung Kultur unserer Medien, die meinen, in einem solchen Jargon zeige sich „ihr höchster intellektueller Nenner“.

Urban Priol macht diese Art von angelerntem bildungsbürgerlichen Gehabe nicht mit. Deshalb betrachten ihn diese Journalisten als auf einem niedrigen intellektuellen Niveau befindlich. Sie schlagen im konkreten Fall um sich, weil sie merken, dass beispielsweise Urban Priol wie auch Georg Schramm und Frank-Markus Barwasser (alias Pelzig) etwas erworben haben und besitzen, was ihnen abgeht: sehr viel Faktenwissen über unsere Gesellschaft. Faktenwissen, das diese Kabarettisten wie einige wenige andere davor bewahrt, in den bildungsbürgerlichen Jargon abzugleiten, den die Autoren der Süddeutschen Zeitung benutzen, um sich den Anschein der intellektuellen Größe zu verschaffen. Es ist der pure Neid von Menschen, im konkreten Fall von Journalisten, die noch nicht einmal ein Minimum gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Wirklichkeit durchdrungen haben und deshalb ihre Sprachfiguren brauchen, um andere auszuschließen und sich so den Schein der Intellektuellen Exklusivität zu verschaffen.

Jetzt habe ich selbst zu viele Fremdwörter gebraucht. Ich entschuldige das damit, dass ich ja auch von Autoren der Süddeutschen Zeitung geachtet werden will. Einem Kabarettisten, der das Wort „Sau“ gebraucht, ist diese Anerkennung verwehrt. Schade.

Zur Dokumentation:

Drei Artikel der Süddeutschen Zeitung in drei Tagen gegen Urban Priol

  1. Demonstration gegen Atomkraft
    Priol hetzt gegen Brüderle
    28.03.2011, 11:43
    Ein Kommentar von Hans Holzhaider
    Wen „von diesen Nasen“ solle man denn heute entführen? Bei der Anti-Atomkraft-Demonstration in München hat Kabarettist Urban Priol eine Rede gehalten – die mehr als fragwürdig ist.
    Quelle: SZ
  2. Urban Priol auf der Anti-Atomkraft-Demo Was darf Satire?
    28.03.2011, 17:05
    Ein Porträt von Olaf Przybilla
    Alles muss auf der Bühne irgendwie raus, findet der Kabarettist Urban Priol. Doch darf Satire wirklich alles? Bei der Anti-Atomkraft-Demo in München eckte der Unterfranke mit seinen Äußerungen über Rainer Brüderle an.
    Quelle: SZ
  3. Kabarettist Urban Priol Kassandra im Hobbykeller
    31.03.2011, 10:46
    Von Hilmar Klute
    Mit seinem Auftritt bei der Anti-Atom-Demo wollte Urban Priol den Anschein erwecken, hier sei ein großer, tabuloser Provokateur am Werke. Aber Priol ist kein Provokateur. Er macht Kabarett auf dem kleinsten intellektuellen Nenner.
    Quelle: SZ
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