Putin inszeniert sich neu

Ulrich Heyden
Ein Artikel von Ulrich Heyden | Verantwortlicher:

Angesichts anhaltender Krisenängste wollen auch die Russen unterhalten und abgelenkt werden. Dabei muss es bunt und gefährlich zugehen, kann aber auch ein bisschen schmusig sein. Allround-Talent Putin nimmt die neuen Herausforderungen der russischen Mediengesellschaft gekonnt auf. Von Ulrich Heyden, Moskau.

Sonnenbrille, dunkle Lederjacke und Fleckenhose. Putin zeigte sich bisher gerne als Macho und sportlich fit, mal als Jäger mit nacktem Oberkörper mit einer Flinte in Sibirien, mal mit einem betäubten Tiger.

„Blueberry Hill“ und Sowjet-Lied

Doch die Macho-Rolle ergänzt Putin in letzter Zeit immer häufiger mit Auftritten, die das Publikum einfach nur unterhalten. Letztes Jahr fuhr der Ministerpräsident in einem gelben Lada 2.000 Kilometer durch Sibirien. Dann sang er auf einem Wohltätigkeitsfest in St. Petersburg den Evergreen „Blueberry Hill“, immerhin in leidlichem Englisch. Mitte September saß der russische Ministerpräsident schon zum zweiten Mal an einem Klavier auf einer Bühne und klimperte das alte Sowjet-Lied „Was Heimat bedeutet“. Und zeigte sich Putin auch noch als Taucher. In diesem Sommer sah man den Ministerpräsidenten ganz zünftig in eine Taucheranzug am Ufer des Schwarzen Meeres in den Händen die Überreste griechischer Amphoren, die er angeblich gerade vom Grund des Meeres geholt hatte. Da die Amphore-Scherben ohne den typischen Muschel-Belag war, gab es jedoch Spekulationen, die ganze Tauchaktion sei eine Inszenierung gewesen.

Egal, das gehört zur Inszenierung, meint der Moskauer Galerist, Marat Gelman, der meint, Putins Medien-Auftritten sei nach einem postmodernes Konzept arangiert. Der Zuschauer werde in ein Spiel mit einbezogen. Die Menschen wüssten, dass das Amphoren-Tauchen und Putins Feuerlöschen mit dem Flugzeug nur ein Spiel ist. Aus dem Politiker Putin werde so allmählich eine „Pop-Figur“, wie Marilyn Monroe oder Micky Mouse.

Nachsicht bei freizügigen Studentinnen

Putin zeigt sich als Macho aber ihm liegt auch die Rolle des nachsichtigen Vaters. Als sich letztes Jahr Studentinnen der Moskauer Journalistik-Universität bis auf die Unterwäsche auszogen, um sich für einen Putin-Geburtstagskalender fotografieren zu lassen, bescheinigte der russische Ministerpräsident den Studentinnen eine „aktive Position im Leben“ und riet lediglich, „das Lernen nicht zu vernachlässigen“. Diese gelassene Reaktion ist schon bemerkenswert. Immerhin war der Foto-Kalender voller eindeutiger Text-Botschaften wie, „sie haben die Waldbrände gelöscht, aber ich stehe noch in Flammen.“

Die russischen Besonderheiten

Putin habe sich bei seinen Auftritten im Freizeit-Look viel von seinem 16 Jahre älteren Amtskollegen Silvio Berlusconi abgeguckt, meint das Kreml-kritische Wochenmagazin New Times. Putin wie Berlusconi zeigten gegenüber ihren Wählern „Männlichkeit, Sexualität und die Bereitschaft immer die Rolle des Vaters der Nation auszuüben,“ so das Wochenmagazin.

Der Stil von Berlusconi werde in Russland jedoch nicht einfach kopiert. Russische Besonderheiten würden von Putin´s Image-Beratern berücksichtigt, schreibt das Magazin. Während die Frau und die Liebhaberin von Berlusconi freizügige Interviews geben, sei über das Privat-Leben von Putin „praktisch nichts bekannt“. Nur im russischen Internet kursierte 2008 das Gerücht, Putin habe ein Verhältnis mit der Weltmeisterin in rhythmischer Sportgymnastik, Alina Kabajewa. Um diese Gerüchte ist es jedoch still geworden.

Putin wildert in fremden Gefilden

Der Politologe Gleb Pawlowski, der 1999 Putins Weg zur Macht ebnete und jetzt im Berater-Team von Präsident Medwedew arbeitet, rät dem russischen Ministerpräsidenten, sich für ein klares Image zu entscheiden. Die Auffächerung der Rollen könne dem Ministerpräsidenten schaden. Putin müsse seine Image-Kampagne einem politischen Ziel unterordnen und sich endlich entscheiden, ob er bei den Präsidentschaftswahlen im März 2012 selber antrete oder Medwedew bei einer Kandidatur unterstützen wolle.

Für Präsidenten-Berater Pawlowski wäre es sicher einfacher, wenn Putin sich auf die Rolle des Machos beschränkt und nicht im Feld von Medwedew wildert. Dieser zeigt sich als intelligenter Modernisierer, der gerne twittert und fotografiert. Soll Putin sich doch lieber in der sibirischen Taiga austoben und Medwedew die Rolle des aufgeklärten Europäers überlassen, so denkt wohl Pawlowski. Der russische Wahlkampf wäre dann viel einfacher zu managen.

Ulrich Heyden, Moskau, 17.09.11
www.ulrich-heyden.de

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