„Mehr Diktatur wagen“ – so lautete ein Beitrag, den die Süddeutsche Zeitung in der Coronazeit veröffentlichte. „Mehr Diktatur wagen“ – wenn eine Zeitung einer solchen These in der schwersten Grundrechtskrise seit dem Bestehen der Republik Raum gibt, lässt sich erahnen, wie es um den Journalismus bei ihr bestellt ist. Nun stellt die Tageszeitung auch noch unter Beweis, dass sie der Kritik von außen nicht gewachsen ist. Die Zeitung zieht sich von der Plattform X zurück. Der Grund: Ein „konstruktiver öffentlicher Dialog“ sei nicht mehr möglich. Die SZ scheitert nicht am „bösen“ Außen – sie scheitert an sich selbst und ihrem eigenen Diskussionsverständnis. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.
Die Süddeutsche Zeitung gehört mit zu den großen Tageszeitungen in Deutschland. Sie hat ihren festen Platz in der deutschen Medienlandschaft. Lange galt sie als publizistischer Leuchtturm der Demokratie und lieferte großartige Reportagen ab. Wie herrschaftskritisch sie in der Vergangenheit wirklich war, darüber lässt sich sicherlich diskutieren. Bei einer Auseinandersetzung mit der SZ darf beachtet werden: Der „Ressortleiter Politik“, Stefan Kornelius, wechselte von der Zeitung zur Politik und übernahm 2025 als Chef das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.
Zum Wochenbeginn verkündete die SZ in einem Tweet auf der Plattform X, dass sie sich von dem Portal zurückziehe und ihren Kanal bis auf Weiteres ruhen lasse. Der Grund: „Aus unserer Sicht macht die zunehmende Verrohung der Plattform einen konstruktiven öffentlichen Dialog nicht mehr möglich.“
Vor dem inneren Auge verwandelt sich das einst ehrwürdige Blatt in eine beleidigte Leberwurst. Wo die Kraft von tragfähigen Argumenten anzutreffen sein sollte, findet sich Bockigkeit. Das Bild einer Redaktion wird sichtbar, die kurz vorm Nervenzusammenbruch zu stehen scheint.
„Ja Herrschaftszeiten!“, möchte man sagen. Wie sollen denn die „Wächter der Demokratie“ der gewaltigen Aufgabe nachkommen, die Demokratie zu schützen, wenn sie schon aufgrund einer etwas härteren Kritik zum Taschentuch greifen müssen?
Die SZ agiert wie ein Boxer mit Glaskinn. Kräftig austeilen, aber nichts einstecken können.
Das ist für den Boxring eine denkbar schlechte Eigenschaft – und für die öffentliche Diskussion, die nun mal auch von Streit lebt, erst recht.
Während der Coronazeit veröffentlichte das Blatt einen Artikel unter der Überschrift „Mehr Diktatur wagen“. Das heißt, zu einer Zeit, wo unsere Mitmenschen alleine in Heimen und Krankenhäusern aufgrund politischer Maßnahmen sterben mussten, schallt der Ruf nach der „harten Hand“ aus der SZ.
Gute Nacht, Demokratie!
Im November 2021 waren in dem Blatt auch folgende Zeilen zu lesen: „Droht die Spaltung der Gesellschaft, wenn man Ungeimpften ihr kindisches Recht aufs Ungeimpftsein nimmt? Quatsch. Diese Leute rauben den Vernünftigen die Freiheit – und die Regierungen haben auch noch gekuscht vor ihnen.“
Eine Zeitung, die so etwas veröffentlicht, darf sich nicht wundern, wenn sie Kritik ausgesetzt ist. Nein, ein solches Blatt kann gar nicht hart genug kritisiert werden. Und das sind nur zwei Beispiele für einen Journalismus, der zumindest im politischen Bereich oftmals kaum noch zu ertragen ist.
Da vermag es das Blatt im Zusammenhang mit dem Geschehen in der Ukraine bis heute nicht, von einem Stellvertreterkrieg zu sprechen; da hat die Zeitung über Jahrzehnte nicht über die Bilderberg-Konferenzen berichtet; da greift das Blatt einen kritischen Kommunikationswissenschaftler an (“Süddeutsche”: Anklageschrift in Nachrichtenform gegen kritischen Professor); da veröffentlicht das Medium ein „Dossier“ unter der Überschrift „So wird Deutschland wieder kriegstüchtig“; da…, nein, es reicht.
Noch ein Wort: Auch unter dem vorerst letzten Tweet der SZ auf X hagelt es Kritik. Allerdings: Wie auch schon bei anderen Tweets, äußert sich die Redaktion nicht. Von einem „öffentlichen Dialog“ kann also keine Rede sein.
Man kann sich gut vorstellen, wie die Position in der Redaktion aussieht. Vermutlich kommt der „Superjoker“ zum Vorschein: „Hass ist keine Meinung“ – so lautet doch durchgehend die „Haltung“ großer Medien. Wo es an guten Argumenten fehlt, da wird eben schnell alles als „Hass“ wahrgenommen. Die SZ scheitert nicht am „bösen“ Außen – sie scheitert an sich selbst und ihrem eigenen Diskussionsverständnis.
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