Während Völker im Globalen Süden eine Entschuldigung für die Verbrechen des Kolonialismus und Wiedergutmachung für die Plünderungen fordern, feiern die Staats- und Regierungschefs des Globalen Nordens das Zeitalter von Kolumbus und bejubeln die Rückkehr zu dieser Epoche. Von Vijay Prashad.
Liebe Freunde,
Grüße vom Schreibtisch des Tricontinental: Institute for Social Research.
Wir leben in einer verkehrten Welt. Die Führer der reicheren Nationen, der alten Kolonialmächte, wollen die Sprache des Imperialismus rehabilitieren: Sie preisen ihre Vergangenheit und wollen diesen Messianismus in der Gegenwart wiederholen.
Unterdessen setzen sich die Völker der ärmeren Nationen für Frieden und Entwicklung ein, ebenso wie für eine Entschuldigung für die Verbrechen des Kolonialismus und Wiedergutmachung für die Plünderungen, die während dieser Zeit begangen wurden.
Die Losung der Völker ist einfach: „Gerechtigkeit muss kommen“. Jetzt rumort sie, wird aber mit der Zeit immer lauter werden.
Wenn Regierungsvertreter aus den USA nach Europa kommen, um über Geopolitik zu sprechen, hören hochrangige europäische Politiker aufmerksam zu. Letztes Jahr hat US-Vizepräsident JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Europäer für eine „selbstverschuldete Krise“ getadelt. Er wurde als unverschämt gegenüber der europäischen Demokratie kritisiert, die er dafür zurechtwies, dass sie sich nicht ausreichend um das „Problem“ der Migration kümmere und sich zu sehr um den Aufstieg der Ultrarechten sorge.
Europäische Zeitungen, von The Guardian bis Le Monde, kritisierten Vance für seine Unverschämtheit. Die meisten hochrangigen liberalen europäischen Politiker – von der Hohen Vertreterin der Europäischen Union für Außenpolitik, Kaja Kallas, bis zum NATO-Generalsekretär Mark Rutte – senkten den Kopf und erklärten, Europa würde gut daran tun, die von den USA festgelegten Ziele für Militärausgaben zu erfüllen. Dieser Drang zur Militarisierung ging Hand in Hand mit einer stetigen Kapitulation vor der Ultrarechten.
In diesem Jahr war US-Außenminister Marco Rubio der Vertreter der USA auf der Münchner Sicherheitskonferenz. In seiner Rede gab Rubio eine ziemlich genaue Geschichtsstunde:
Fünf Jahrhunderte lang, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, hatte der Westen expandiert – seine Missionare, seine Pilger, seine Soldaten und Entdecker strömten von seinen Küsten aus, um Ozeane zu überqueren, neue Kontinente zu besiedeln und riesige Imperien aufzubauen, die sich über den ganzen Globus ausdehnten. Aber 1945 schrumpfte der Westen zum ersten Mal seit dem Zeitalter von Kolumbus. Europa lag in Trümmern. Die Hälfte davon lebte hinter einem Eisernen Vorhang, und der Rest sah so aus, als würde er bald folgen. Die großen westlichen Imperien waren in einem unaufhaltsamen Niedergang begriffen, beschleunigt durch gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände, die die Welt verändern und in den kommenden Jahren weite Teile der Landkarte mit dem roten Hammer und der Sichel überziehen würden.
Rubios allgemeine historische Einordnung ist korrekt. Der europäische Kolonialismus war etwa von 1492 – der Öffnung Amerikas für Eroberung und Versklavung – bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf dem Vormarsch. Dann, nach dem Sieg über den Faschismus im weltweiten antifaschistischen Krieg, angeführt von der Sowjetunion und mit enormen Opfern in China ausgetragen, wurde der europäische Kolonialismus durch den raschen Aufstieg sowohl kommunistischer als auch nationaler Befreiungsbewegungen zurückgedrängt. Kommunisten in Vietnam (1945), China (1949) und Kuba (1959) setzten sich gegen alle Widrigkeiten durch und leiteten kommunistische Experimente in ärmeren Ländern ein.
Rubio wurde in Miami, Florida, geboren. Seine Eltern verließen Kuba 1956, etwa drei Jahre vor der kubanischen Revolution. In seiner Rede macht Rubio klar, dass er sich ganz und gar als Erbe des christlichen Europas versteht und nichts von der reichen Kultur Kubas seiner Eltern hat – einer Kultur, die ebenso sehr auf dem Erbe Afrikas, Asiens und der indigenen Völker Amerikas basiert wie auf dem der asturischen, galicischen und katalanischen Einwanderer von der Iberischen Halbinsel. Die kubanische Revolution bemühte sich darum, die alten rassistischen Hierarchien der Plantagenwirtschaft abzubauen und eine Gesellschaft gleichberechtigter kubanischer Bürger aufzubauen. Das ist die Art von Entkolonialisierung, die Rubio verabscheut.
Während der Ära der Entkolonialisierung und des Sozialismus, sagte Rubio, „glaubten viele, dass die Ära der Vorherrschaft des Westens zu Ende gegangen ist und dass unsere Zukunft dazu bestimmt war, ein schwaches und kraftloses Echo unserer Vergangenheit zu sein“. Aber die Führer der atlantischen Welt gaben nicht nach. „Unsere Vorgänger erkannten, dass der Niedergang eine Entscheidung war, und es war eine Entscheidung, die sie sich weigerten zu treffen.“
Daher, argumentierte Rubio, muss die Führung im Westen heute standhaft sein und das, was er als unvermeidlichen Niedergang darstellt, zurückweisen, die westlichen Werte gegen den Kommunismus verteidigen und sich neuen Formen des Kolonialismus verschreiben (sei es in Gaza oder in der westlichen Hemisphäre).
Was für ein Europa wollen die USA als Verbündeten? Mit Rubios Worten: „Ein Europa, das den Geist der Schaffung von Freiheit besitzt, das Schiffe in unbekannte Meere hinausgeschickt und unsere Zivilisation ins Leben gerufen hat“ – mit anderen Worten, ein koloniales Europa für ein imperiales Amerika.
Die europäischen Staats- und Regierungschefs im Saal erhoben sich von ihren Plätzen, um Rubio zu applaudieren. Sie haben überhaupt nichts gegen ein paar Kolonialkriege einzuwenden, solange die USA an ihrer Seite stehen und ihnen militärische Unterstützung und Schutz bieten.
Es gab keine Empörung über Rubios Rede, keine Betroffenheit über die nackte Zurschaustellung westlichen Chauvinismus und Kolonialismus. Für die europäischen Führungskräfte scheint es inakzeptabel zu sein, Europas demokratische Normen zu kritisieren, aber völlig akzeptabel, die Rückkehr des westlichen Kolonialismus zu vertreten.[1]
Während im Globalen Süden eine neue Bereitschaft wächst, Souveränität auszuüben und ein würdiges Leben für die Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas aufzubauen, feiern die Staats- und Regierungschefs des Globalen Nordens das Zeitalter von Kolumbus und bejubeln die Rückkehr zu dieser Ära. Sie wollen in ihre Museen einbrechen, sich Morriones (die Helme der Konquistadoren) aufsetzen, in ihre Lockheed Martin F-35 Lightning-II-Kampfflugzeuge steigen und die Völker des Südens in Grund und Boden bombardieren.
Das ist es, was die USA am 3. Januar 2026 mit Venezuela gemacht haben, was sie mit Palästina machen und was sie mit Kuba und dem Sahel machen wollen. Sie mögen über eine enorme Militärmacht verfügen, die sie mit ihren geraubten Schätzen aufgebaut haben, und sie mögen in der Lage sein, diese Macht einzusetzen, um großen Teilen der Weltbevölkerung Angst einzujagen, aber sie werden niemals Respekt oder Unterwerfung erlangen.
Das ist klar ersichtlich an den Reaktionen weltweit auf die flagrante Verletzung der Souveränität Venezuelas, an der Art und Weise, wie sich die Menschen angesichts der Versuche, die kubanische Revolution zu ersticken, zur Unterstützung Kubas versammelt haben, und an der Wut fast aller Bewohner dieses Planeten über den anhaltenden Genozid am palästinensischen Volk.
Im Dezember 2025 verabschiedete das Unterhaus des algerischen Parlaments einstimmig einen Gesetzentwurf, in dem die französische Kolonialisierung des Landes von 1830 bis 1962 als Verbrechen gegen die Menschheit erklärt wurde.
Die algerische Regierung hatte zuvor bei der Afrikanischen Union (AU) darauf gedrängt, dieses Thema zu behandeln.
Im Februar 2026 verabschiedete die AU eine Resolution, um den 30. November zum afrikanischen Gedenktag für afrikanische Märtyrer und Opfer des transatlantischen Sklavenhandels, der Kolonialisierung und der Apartheid zu erklären; um eine internationale Konferenz über die Verbrechen des Kolonialismus einzuberufen, der in der Resolution als „Völkermord an den Völkern Afrikas” bezeichnet wird; und um „internationale Anerkennung und Wiedergutmachung für diese historischen Verbrechen“ zu fordern.
Auf der AU-Sitzung erklärte der ghanaische Präsident John Dramani Mahama, sein Land werde im März 2026 bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution einbringen, um den transatlantischen Sklavenhandel als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschheit“ anzuerkennen. „Alle Menschen afrikanischer Herkunft haben auf diesen Tag gewartet“, sagte Mahama. „Die Wahrheit kann nicht begraben werden. Die rechtlichen Grundlagen sind solide, der moralische Imperativ unbestreitbar.“
Auf der einen Seite des Mittelmeers sieht der Globale Norden die Kolonialisierung als positiv an und schlägt ihre Rückkehr vor, während auf der anderen Seite der Globale Süden sie mit historischen Fakten verurteilt und Reparationen fordert.
Mahamas Äußerungen folgen auf die Veröffentlichung von Kwesi Pratt Jr.s Buch „Reparations: History, Struggle, Politics, and Law” (Reparationen: Geschichte, Kampf, Politik und Recht), für das Mahama ein prägnantes Vorwort verfasst hat.
In dem Buch, das auf dem AU-Gipfel in Malabo (Äquatorialguinea) im Juli 2025 vorgestellt und im September 2025 in Accra veröffentlicht wurde, argumentiert Pratt, dass der Globale Norden den afrikanischen Völkern zwischen 2 und 3 Billionen Dollar an unbezahlten Löhnen und zwischen 4 und 6 Billionen Dollar für unbezahlte koloniale Ausbeutung schuldet. Zusammen ergibt dies einen Betrag zwischen 6 und 9 Billionen Dollar.
Am oberen Ende entspricht dies einem Zehntel des jährlichen BIP des Globalen Nordens und ist weitaus mehr als die gesamten Auslandsschulden des afrikanischen Kontinents in Höhe von 1,5 Billionen Dollar (die als Zeichen der Reue allerwenigstens getilgt werden sollten).
Derweil legte der Premierminister von Antigua und Barbuda in der Karibik, Gaston Browne, seinen Anzug ab, setzte sich ein Kopftuch mit der Landesflagge auf (Bandana) auf und brachte unter dem Namen „Gassy Dread” gemeinsam mit Reggae-Star Gramps Morgan im Februar 2026 die Single „Reparations” heraus.
Hier einige Sätze aus dem Song:
Wiedergutmachung, Gerechtigkeit muss kommen
Afrika und die Karibik als eins.
Keine Wohltätigkeit, sondern mutiges Aufdecken
Wiedergutmachung für die Arbeit und das Gold.
Über den Ozean, weggerissen vom Land,
Ketten an den Füßen, Peitsche in der Hand.Jetzt ist ein neuer Tag der Gerechtigkeit angebrochen.
Sie plünderten Körper, Diamanten und Zuckerrohr.
Generationen trugen die Last und den Schmerz.
Aber die Menschen sind stark, wir überleben immer noch.
Jetzt ist es Zeit, Gerechtigkeit walten zu lassen:
Wiedergutmachung, Gerechtigkeit muss kommen.
In der Tat. Premierminister Browne sollte Marco Rubio und allen europäischen Regierungschefs einen Link zu seinem Song schicken.
Rubio sehnt sich nach dem kolonialen „Geist“, der Schiffe in „unbekannte Gewässer“ schickte. Aber die Menschen des Globalen Südens erinnern sich daran, was diese Schiffe transportierten – und was sie weggenommen haben.
Wenn die atlantische Welt von „Zivilisation” sprechen will, soll sie mit Wiedergutmachung beginnen: illegitime Schulden streichen, gestohlenen Reichtum zurückgeben und Reparationen für Jahrhunderte kolonialer Plünderung und neokolonialer Ausbeutung zahlen.
Die Ära der kolonialen Straflosigkeit ist vorbei. Gerechtigkeit muss kommen.
Mit herzlichen Grüßen,
Vijay
Dieser Beitrag ist der 9. Newsletter 2026 des Tricontinental: Institute for Social Research, aus dem Englischen übersetzt von Marta Andujo.
Titelbild: Everett Collection / Shutterstock
[«1] Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist ganz dabei: Im November 2025 rief er beim Staatsbesuch in Spanien die europäische Jugend auf, sich am Geist der kolonialen Eroberer zu orientieren, die „Landkarten neu zeichneten“, „Mut, Neugier und auch Geduld mitbrachten und einen neuen Horizont öffneten“.





