Ein gigantisches Flugzeug aus Russland, das ganz Europa bedroht – journalistische Verantwortungslosigkeit in der NZZ

Ein gigantisches Flugzeug aus Russland, das ganz Europa bedroht – journalistische Verantwortungslosigkeit in der NZZ

Ein gigantisches Flugzeug aus Russland, das ganz Europa bedroht – journalistische Verantwortungslosigkeit in der NZZ

Marcus Klöckner
Ein Artikel von: Marcus Klöckner

Die russische Gefahr, sie ist real und sie lauert – zumindest in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Unter der Überschrift Im Schatten des Iran-Kriegs: Wie gross ist die Gefahr eines russischen Angriffs auf Europa? findet sich eine Fotomontage, die propagandistisch eine angeblich gigantische Bedrohung Europas durch Russland visualisiert. Das Blatt zeigt der Leserschaft eine Illustration, die aus journalistischer Sicht einer Zumutung gleichkommt. Eine stilisierte Grafik eines gigantischen Flugzeugs, das aus Russland kommt und ganz Europa anzugreifen droht, setzt auf die Stimulation der uralten Angst vorm bösen Russland. Nüchtern betrachtet illustriert die Grafik vor allem eins: journalistische Verantwortungslosigkeit. Von Marcus Klöckner.

Das Flugzeug über einer Karte, die die Landmasse vom Atlantik bis zum Ural zeigt, ist gigantisch. Von oben betrachtet wirkt es, als könnte es ganz Europa mit dem Abwurf einer einzigen Bombe zerstören. Noch hat es Deutschland nicht erreicht, aber sein Schatten liegt unter anderem bereits auf einem Teil Polens und der Slowakei. Damit es auch der Begriffsstutzigste versteht, verdeutlichen drei rote Pfeile, woher das Flugzeug kommt: aus Russland. In einem kühlen Grau gehalten, täuscht die Illustration Sachlichkeit vor, obwohl sie darauf ausgelegt ist, Angst zu stimulieren.

Im Zusammenhang mit der Überschrift „Im Schatten des Iran-Kriegs: Wie gross ist die Gefahr eines russischen Angriffs auf Europa?“ und dem sich anschließenden Artikel soll der Leser den Schluss ziehen: Aus Russland muss eine große Gefahr drohen. Europa kommt als verletzlicher Kontinent zum Vorschein, auf den eine große Gefahr zukommt. Die Karte fokussiert auf Europa als hypothetischen Kriegsschauplatz. Würde sich eine derartige Bedrohung in der Realität zeigen: Wir sprächen vom großen Krieg der NATO gegen Russland, ja, vom 3. Weltkrieg samt einer dann sehr wahrscheinlichen nuklearen Katastrophe.

Da schreibt der NZZ-Redakteur Lukas Mäder etwas von „Angriffen unterhalb der Kriegsschwelle“, von Anschlägen auf „zivile Infrastrukturen, um gesellschaftliche Spannungen zu schüren“, von denkbaren „Aktionen bewaffneter Einheiten ohne Hoheitszeichen“ und meint, „verschiedene Entwicklungen könnten den Kreml zu einer Eskalation des Konflikts mit Europa veranlassen“.

Einschränkend schreibt der Verfasser: „Ob es zu einem offenen militärischen Konflikt zwischen Russland und Nato-Staaten kommt, hängt auch vom Verhalten Europas und des Verteidigungsbündnisses selbst ab“, um dann zu dem Schluss zu kommen, der „Konflikt zwischen dem Kreml und dem freiheitlichen Europa ist langfristig angelegt“.

So alarmistisch die Illustration ist, so massiv ist die Schlagseite des Textes selbst.

Da stützt sich der Autor auf einen „Blick“ in die „jährlichen Bedrohungsanalysen, welche die Nachrichtendienste und Sicherheitskräfte jeweils Anfang Jahr publizieren“ – ganz so, als ob „ein Blick“ auf Erkenntnisse von Nachrichtendiensten und Sicherheitskräften bei einem derartigen Stoff ausreichen würde. Gerade „jährliche Bedrohungsanalysen“ von Geheimdiensten sollten von Journalisten in Zeiten, wo Staaten zur Kriegstüchtigkeit aufrufen, nicht kritiklos als frei von Propaganda betrachtet werden.

Da führt der NZZ-Redakteur aus, „Sicherheitspolitiker und Nachrichtendienste nennen oft das Jahr 2028 als Zeitpunkt, ab dem Russland seinen Krieg in Europa ausweiten könnte“, aber mit keiner Zeile hinterfragt die NZZ hier, inwieweit solche Prognosen von politischer Propaganda durchdrungen sind.

Da erklärt der Verfasser, „ein Ziel der russischen Führung ist es, den transatlantischen und innereuropäischen Zusammenhalt zu schwächen“, aber mit keiner Zeile erwähnt der Autor mögliche tiefenpolitische Ziele der NATO gegenüber Russland.

Da trägt der Autor an die Leserschaft heran, „der Kreml sieht sich in einem direkten Konflikt mit dem Westen. Es geht um Ideologie und Einflusssphären“, und erweckt dabei den Eindruck, als ob sich nicht auch der Westen in einem „direkten Konflikt“ mit Russland sehen würde – man denke nur an die Aussage des deutschen Außenministers Johannes Wadephul: „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben.“

Da spricht der NZZ-Redakteur ernsthaft von „Ideologie“, aber die anti-russische Ideologie in den Köpfen nicht weniger westlicher Politiker bleibt unerwähnt.

Da ist die Rede von „Einflusssphären“, aber die NZZ lässt die Leserschaft darüber im Dunkeln, was es bedeutet, dass es bei dem Krieg in der Ukraine um „Einflusssphären“ eben nicht nur von Russland, sondern auch vom Westen geht.

Text und Grafik verschmelzen letztlich miteinander, beim Leser entsteht der Glauben, wenn es einen handelnden Akteur gibt, von dem Gefahr ausgeht, dann kann das nur Russland sein. Russland agiert, der Westen – völlig unschuldig – reagiert nur auf die Aggression. Während Russland bedroht, versucht die „westliche Wertegemeinschaft“ lediglich aufzurüsten, um den Aggressor Russland abzuschrecken.

Und so ist eine journalistisch verpackte „Analyse“ entstanden, die in ihrer Einseitigkeit auch aus der NATO-Pressestelle kommen könnte. Eine Analyse, die nicht bereit ist, die schmutzigen tiefenpolitischen „Umtriebe“ des Westens in der Ukraine zum Gegenstand zu machen, ist kein Journalismus, sondern wird selbst zur Propaganda. Die Gefahr besteht, dass das „Feindbild Russland“ in der Öffentlichkeit gefestigt wird. Und das ist aus journalistischer Sicht unverantwortlich.

Titelbild: Illustration Jasmine Rueegg / NZZ

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe Leser, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Beitrag versenden

Sie kennen jemand der sich für diesen Beitrag interessieren könnte?
Dann schicken Sie ihm einen kleinen Auszug des Beitrags über dieses Formular oder direkt über Ihr E-Mail-Programm!