Anthologie „Deutschland neutral“ – Ein Aufruf zu pazifistischem Denken

Anthologie „Deutschland neutral“ – Ein Aufruf zu pazifistischem Denken

Anthologie „Deutschland neutral“ – Ein Aufruf zu pazifistischem Denken

Ein Artikel von Eugen Zentner

Seit dem Zweiten Weltkrieg wird die Bundesrepublik über diverse Bündnis-Strukturen immer wieder in fremde Machtkonflikte verwickelt. Nie geht es dabei um Deutschland, nie um Verteidigung. Das muss sich ändern, lautet die Forderung einer neuen Anthologie aus dem Westend Verlag. Deutschland muss neutral werden! Für den Appell haben die Herausgeber Uli Gellermann, Arnulf Rating und Jens Fischer Rodrian 31 weitere Autoren versammelt, allesamt Personen aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Publizistik, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Eine Rezension von Eugen Zentner.

Gemeinsam ist ihnen die Forderung nach einem Austritt aus der NATO, nach materieller wie verbaler Abrüstung, nach mehr Diplomatie und pazifistischem Denken. Der Journalist Mathias Bröckers etwa schlägt einen neuen Verbund blockfreier Staaten vor, in dem sich Deutschland zusammen mit Österreich und der Schweiz um gute Beziehungen zu den Supermächten USA, China und Russland bemüht, sich aber aus (deren) Kriegen heraushält. Untermalt wird diese Idee mit viel Optimismus. Andere europäische Staaten würden diesem Vorbild folgen, glaubt Bröckers, der insbesondere Ungarn, Tschechien und die Slowakei erwähnt.

Deutschland muss wieder ein Volk guter Nachbarn werden – das schreibt NachDenkSeiten-Herausgeber Albrecht Müller genauso wie sein Journalistenkollege Roberto De Lapuente, der sich zudem für die „Einbindung Russlands in eine kontinentale Friedensordnung“ ausspricht. Seine Forderung nach Neutralität unterstreicht der Journalist damit, dass es nicht bedeutet, keine Interessen zu haben, „sondern endlich (wieder) eigene zu vertreten“. Ähnlich formuliert es die Schauspielerin und Publizistin Gabriele Gysi, für die Neutralität keine Schwäche ist, sondern Ausdruck der Fähigkeit zum Kompromiss – und die müsse Deutschland sich aneignen.

So optimistisch manche Aussagen klingen, so überholt wirken einige. Die Schnelllebigkeit der Geopolitik hat sie entwertet, so wie die in Donald Trump gesetzten Hoffnungen zum Beispiel. Wolfgang Bittner etwa verleiht ihnen noch Ausdruck: „Die Berliner Politiker sind nach wie vor dem tiefen Staat der Regierung Obama und Biden verhaftet“, schreibt er, um nach einem halben Absatz anzufügen: „Ein Wandel könnte sich durch die Ansprüche Donald Trumps auf Grönland sowie die damit verbundenen Drohungen gegen Dänemark und deren Unterstützer, darunter Deutschland, ergeben.“

Noch weiter geht Roberto De Lapuente: Er untersucht Trumps Agenda geschichtsphilosophisch und bezeichnet ihn mit Hegel als eine „List der Vernunft“. Erst Trumps Außenpolitik habe es wieder möglich gemacht, dass deutsche Politiker ohne Schaum vor dem Mund über Russland reden könnten, so die optimistische Deutung. Auf Papier gebracht wurde sie jedoch vor dem Iran-Krieg, mit dem Trump seinen Nimbus als „Friedenspräsident“ endgültig verloren hat. Es wäre interessant, zu erfahren, ob De Lapuente in Trumps unklugem Vorgehen im Nahen Osten weiterhin eine „List der Vernunft“ sieht, also einen „hochgradig paradoxen Prozess, in dem geschichtliche Akteure aus reinem Eigennutz und häufig unter der Prämisse egoistischer Motive handelnd einem übergeordneten vernünftigen Gang der Geschichte dienen“.

Etwas nüchterner beschreibt schon Wolfgang Effenberger den Einfluss Trumps, indem er nicht unerwähnt lässt, dass der neue US-Präsident Deutschland dazu auffordert, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und eine stärkere Rolle innerhalb der NATO einzunehmen. Die Forderungen der in der vorliegenden Anthologie versammelten Beiträge weisen jedoch in die umgekehrte Richtung. Mitherausgeber Jens Fischer Rodrian nimmt dabei vor allem die „Kulturschaffenden“ in die Pflicht. Jetzt gehe es um alles, schreibt er, um „Krieg oder Frieden“. Deshalb sei es Zeit, sich der Kraft der Kultur wieder bewusst zu werden.

Kabarettist Arnulf Rating macht es gleich vor, mit treffenden Pointen und herrlichen Überspitzungen: „Wie schwer das mit der Kriegstüchtigkeit werden kann, wird sich bei den Musterungen erweisen: Von den wenigen jungen Menschen, die wir haben, sind viele zu dick. Diese Doppelwhopper passen durch keine Panzerluke. Klar: Es gibt auch die dünnen Kinder der Veganer vom Prenzlauer Berg. Aber die müssen erst mal an die Gulaschkanone herangeführt werden.“ Satireschwester Lisa Fitz steht dem in nichts nach und garniert ihren Beitrag ebenfalls mit spöttischen Sentenzen: „Während der Bürger Lichterketten bastelt, rechnet der Minister: ‚Bumm‘ bringt am meisten“, erklärt sie die gegenwärtige Aufrüstungseuphorie im ironischen Gestus.

Ihr Künstlerkollege Dietrich Brüggemann prophezeit der Propaganda dennoch keinen großen Erfolg: „Ich glaube jedoch, dass das Kriegsgeschrei, das seit Monaten an allen Fronten auf uns eindringt, am Ende genau das sein wird: ein Rohrkrepierer“, schreibt der Regisseur und Schriftsteller, nachdem er die Bedeutung dieses Phänomens aus dem Militärwesen hergeleitet und anschließend auf originelle Weise verdeutlicht hat, wie sehr unsere Alltagssprache durch Kriegsvokabular geprägt ist.

Neben solchen wortkreativen Beiträgen mit spielerischen Elementen enthält die Anthologie auch solche, in denen die Autoren geschichtliche Exkurse unternehmen, teilweise entlang der eigenen Vita. Während etwa Ulrike Guérot die Entwicklung der europäischen Verteidigungspolitik seit der Nachkriegszeit nachzeichnet, geht Gabriele Gysi auf den Westfälischen Frieden und den Kauf von Manhattan ein, Uli Gellermann auf die Weimarer Außenpolitik und den „Hufeisenplan“ im Jugoslawien-Krieg. Wolfgang Bittner indes baut in seine Ausführungen den Zwei-plus-vier-Vertrag ein, um dann festzustellen, dass Deutschland die Chance auf eine neutrale Rolle schon vor Jahrzehnten verpasst hat und heute nicht vollständig souverän ist.

Um vertane Möglichkeiten geht es auch in dem Beitrag von Albrecht Müller, der an die erste Regierungserklärung des 1969 neu gewählten Bundeskanzlers Willy Brandt und die damalige Haltung der Union erinnert. Letztere, so der NachDenkSeiten-Herausgeber, offenbarte damals eine Schwäche dadurch, dass sie zu allen Völkern Osteuropas keine freundschaftlichen Beziehungen pflegte. Was Russland betrifft, hat sich das bis heute nicht geändert.

Werden bei Müller noch eigene Erfahrungen eingeflochten, nähert sich Dirk Pohlmann dem Thema im objektiven Modus. Er formuliert zunächst zwei Leitfragen, um sie anschließend analytisch-argumentativ zu beantworten. „Wie beurteilen die deutschen Verbündeten und die wichtigsten internationalen Akteure eine mögliche deutsche Neutralität?“, lautet die erste. Während Pohlmann auf diese Frage noch eine eindeutige Antwort geben kann, fällt ihm dies bei der zweiten schon schwerer: „Ist Neutralität für Deutschland eine sinnvolle Option?“ Diese müsse angesichts „des Ukrainekriegs, der Unberechenbarkeit der USA und der sich abzeichnenden neuen multipolaren Weltordnung“ neu bewertet werden, so Pohlmann, der schließlich drei Faktoren nennt, die zum derzeitigen Zeitpunkt für eine Neutralität sprechen.

Auch die Journalistin Madita Hampe ist sich sicher: „Eine gewisse Neutralität sowohl im Politischen wie im Persönlichen ist notwendig, um auf beiden Ebenen einen solchen friedlichen Weg einzuschlagen“, schreibt sie und haucht ihren Worten ein wenig Lebensweisheit ein: „Ungeeignet für eine neutrale Politik sind Charaktere, die nicht bereit sind, persönliche Beziehungen zu Menschen einzugehen, deren Handlungen sie für moralisch verwerflich, gefährlich oder verachtenswert halten. Solche Kontakte zu vermeiden, ist ein Luxus, den sich Privatpersonen leisten können, Politiker jedoch nicht.“

Wie Hampe bejahen alle Autoren die Frage nach der Notwendigkeit von Neutralität, untermauern ihre Überzeugungen aber in einem ganz persönlichen Stil. Das macht das Buch so besonders. Es ist ein Blumenstrauß aus Argumenten und Darstellungsweisen, eine kurzweilige Lektüre – anregend und unterhaltsam zugleich.

Uli Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian (Hrsg.): Deutschland neutral! Mit Sicherheit für Frieden. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3987913679, 24 Euro.

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