Egal ob bei einem internationalen Musikwettbewerb, einem Sportturnier, einer Kunstausstellung oder einem Festival von Jugendgruppen – überall und jederzeit sollten Menschen aller Völker friedlich zusammentreffen können. Und das fern von Sanktionen, Boykotten, Verboten, Behinderungen, Beschränkungen, Bewertungen und politischem Missbrauch. Das wäre demokratische Praxis ohne Machtkalkül. Gerade jetzt, in Krisen- und Kriegszeiten. So hätte es auch beim Eurovision Song Contest (ESC) 2026 laufen können, der am Wochenende in Wien über die Bühne ging. Doch das Ereignis wurde politisch instrumentalisiert, es wurde getrickst. Den ESC deshalb einzustellen, wäre trotzdem eine schlechte Idee. Ein Zwischenruf von Frank Blenz.
Noam Bettans „Michelle“ – ein Lied wie einst Nicoles „Ein bisschen Frieden“
Beim Eurovision Song Contest sang der Israeli Noam Bettan ein Liebeslied, komponiert wie ein feines kleines Chanson voller Sehnsucht und Hingabe. Präsentiert wurde das Stück samt Künstler und Tanzgruppe mit viel Tamtam, Licht- und Videoeffekten – so ist das in modernen ESC-Zeiten.
Bettans Song war einer von mehr als zwei Dutzend Beiträgen des Finales in Wien. Er wurde laut bejubelt, war aber ebenso Protesten und Boykottaufrufen ausgesetzt. Israel führt Krieg, in Wien sang ein Israeli von Liebe. Der ESC wurde damit zu einem Spiegel unserer Zeit – klar und unbestechlich.
Bettans Lied „Michelle“ reihte sich für mich ein wenig in jene Kategorie von Liedern ein wie einst Nicoles „Ein bisschen Frieden“. Als Zuhörer wollte ich am Wochenende – wie damals 1982 bei Nicole – Hoffnung schöpfen: dass Musik Brücken bauen und Menschen zum Nachdenken bringen kann. Das Motto des ESC lautet schließlich: „Musik verbindet“. Das israelische Lied „Michelle“ erreichte am Ende den zweiten Platz hinter dem bulgarischen Siegerlied „Bangaranga“ der Sängerin Dara.
ESC unter Druck
Heftig unterschied sich das Ereignis jedoch von meiner idealen Vorstellung. Musik, Künstler, Publikum und die Verständigung zwischen den Ländern gerieten unter Druck. Der ESC wurde einmal mehr von interessierten politischen Kreisen benutzt – mit fragwürdigen Votings, politisch aufgeladenen Auftritten, Demütigungen von Künstlern sowie viel Heuchelei und Doppelmoral. Wie schön war dagegen einst der Grand Prix Eurovision de la Chanson – scheinbar ganz ohne Tricksereien.
Eine gewagte These kam mir am Wochenende in den Sinn: Wie damals 1982 hätte Nicole womöglich auch 2026 mit dem schlichten Lied „Ein bisschen Frieden“ und ihrem einfachen Auftritt mit Gitarre gewonnen – vorausgesetzt, die undurchsichtige Voting-Maschinerie wäre nicht angeworfen worden. Diese hatte diesmal offenbar besonders viel mit Israel zu tun. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass dies nicht der Fall gewesen wäre.
Wie schön wäre es gewesen, wenn allein eine Jury und das Publikum im Saal entschieden hätten.
So oft abstimmen, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist?
Doch stattdessen kam der Verdacht der Manipulation ins Spiel. Und wie das funktioniert, konnte man beobachten. Dabei fiel mir ein Name auf: Volker Beck.
Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft warf den boykottierenden Ländern Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island vor, sie befänden sich „kollektiv auf einem antisemitischen, antizionistischen Trip“. Beck und viele andere seien von den antiisraelischen Protesten so angewidert gewesen, dass sie solidarisch für Israel abstimmen wollten.
Und weil er es konnte, dürfte er – wie viele andere – zur Trickkiste gegriffen haben. Beck sagte: „Und dann schicke ich halt zehn SMS für den Noam Bettan für seinen Song ‚Michelle‘, weil ich diesen Leuten, diesen Boykotteuren, nicht das letzte Wort lassen würde.“
Noch intensiver betrieb Israel selbst diese Mobilisierung. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) verwarnte den israelischen Sender KAN offiziell, weil dieser in Videos gezielt dazu aufgerufen hatte, alle zehn Stimmen für den israelischen Beitrag abzugeben. In den Clips wurde detailliert erklärt, wie Zuschauer online oder per App das Maximum von zehn Stimmen für Noam Bettan und sein Lied „Michelle“ abgeben konnten. Das war ein massiver Aufruf zur Blockabstimmung – und damit ein Verstoß gegen Geist und Richtlinien des ESC.
Am Abend nahm das Geschehen dann seinen Lauf. Tatsächlich landete Noam Bettan weit vorne. Die Hälfte der Punkte vergab zunächst eine Jury der teilnehmenden Länder, die andere Hälfte das Publikum per SMS oder Anruf. Jeder Anrufer hatte bis zu zehn Stimmen.
Beim Jury-Voting lag Israel noch im Mittelfeld. Beim Publikumsvoting erhielt Bettan dann jedoch 220 Punkte. Nur Bulgarien konnte Israel noch überholen.
Eine Atmosphäre zwischen Freude und Anspannung
Der Eurovision Song Contest 2026 wurde vom Publikum vor Ort durchaus angenommen. Feierlaune kam tatsächlich auf – und das in Zeiten, die weder feierlich noch friedlich oder verbindend wirken.
Doch Musik verbindet immer.
Nicht alle Länder, die hätten teilnehmen können, waren in der Wiener Stadthalle vertreten. Einige wurden ausgeschlossen, andere blieben aus Protest fern. Ein Grund dafür war, dass Israel teilnehmen durfte, Russland hingegen nicht. Über dem ESC lag daher der Schatten der Doppelmoral.
Die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island nahmen aus Protest gegen das fortgesetzte militärische Vorgehen Israels nicht teil. Manche Länder weigerten sich zudem, das Musikereignis zu übertragen, und sendeten stattdessen politische Dokumentationen oder Filme über Palästina.
Trotz heftiger Proteste und einer angespannten Sicherheitslage konnte sich der israelische Sänger Noam Bettan mit seiner Ballade „Michelle“ für das Finale qualifizieren.
Kritiker meinten, der ESC eigne sich nicht als weltpolitische Projektionsfläche. Doch letztlich ist alles auch Politik – inklusive Fahnenschwenken und Stimmverhalten.
Noam Bettan erlebte in der Wiener Stadthalle Pfiffe und pro-palästinensische Störaktionen. Der ESC ist ein europäisches Musikfest – ja. Doch wird er nicht auch immer wieder genutzt, um nationale Images aufzupolieren? Von Liebe zu singen, ist das eine, Kriege zu beenden, etwas ganz anderes.
Und Deutschland?
Sarah Engels trat für Deutschland mit dem Lied „Fire“ an. Ihr und ihrem Tanzensemble gelang es durchaus, den Saal mit seinen 10.000 Besuchern in Stimmung zu bringen. Doch was nützte es?
Die Jury und die Fans der anderen Teilnehmerländer konnten der Show offenbar wenig abgewinnen. Im Jury-Voting gab es 30-mal null Punkte. Immerhin vergaben Bulgarien (2), Belgien (2), Portugal (4) und Italien (4) einige Zähler an Deutschland – am Ende reichte es nur für Platz 22.
Beim Publikumsvoting erhielt Deutschland keinen einzigen Punkt. Sarah Engels landete schließlich auf dem 23. Platz, also dem drittletzten Rang.
Wir Deutschen kamen ins Grübeln, ob dieses Abstimmungsverhalten vielleicht auch etwas mit unserem Ruf und unserem wieder stärker auftretenden Selbstverständnis in Europa zu tun hat.
Der ESC wird weiter gebraucht – gerade jetzt und trotz allem
Mein Fazit: Dieses Musikereignis wird weiter gebraucht – gerade jetzt und trotz allem. Und das auch dann, wenn Deutschland weit hinten landet.
Der ESC ist mehr als nur ein Wettbewerb. Er ist eine Leistungsschau der Sänger, Tänzer und Musiker, aber ebenso eine Bühne für Komponisten, Arrangeure, Tontechniker, Lichtdesigner und Videokünstler. Vor allem aber ist er ein Fest für das Publikum – im Saal wie zu Hause.
Über die Qualität der Lieder lässt sich immer streiten. Und natürlich bleibt Politik, bleibt der Streit der Welt, nicht außen vor. Der ESC ist kein Ereignis im luftleeren Raum. Er ist ein Ort der Begegnung, der Debatte und auch des Streits. Die Konflikte unserer Zeit werden dort sichtbar und nicht ausgeblendet. Das ist wichtig. Reden. Dialog. Die Diplomatie der kleinen Leute. Musik machen, tanzen, singen. Von Liebe, Sehnsucht und Frieden.
Nicole einst und Noam Bettan heute forderten in ihren Liedern eigentlich nicht viel: dass die Welt in Frieden leben möge. Diejenigen, die Kriege führen, sollten sich diese Zeilen zu Herzen nehmen. Es ist längst an der Zeit – und vielleicht längst schon zu spät.
Titelbild: DirkVG/shutterstock.com





