Manchmal beschleunigen so banale Dinge wie der Ausgang eines Fußballspiels nationale Denkprozesse. Das hat ein bisschen was von Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Einst erfolgreich, weltweit anerkannt und respektiert – heute eher Mittelmaß. Es wird immer offensichtlicher, dass unser kollektives „Wir“ ziemlich nackt dasteht. Freilich ist der Fußball nur eine Metapher, die auf unser ganzes Land übertragbar ist. Es hat sich ausgeexportweltmeistert. Das Deutschland des 21. Jahrhunderts ist ein normaler Staat, ein mittelmäßiges Land unter vielen. Das ist ja erst mal gar nicht schlimm. Auch Mittelmaß kann schön sein, wenn man konstruktiv damit umgeht. Gefährlich wird es nur, wenn wir unsere „neue“ Rolle in der Welt nicht annehmen. Ein Essay von Jens Berger.
Es muss irgendwann in den späten 1990ern gewesen sein. Ich saß mit einem älteren, sehr klugen Mann in einem chinesischen Imbiss in Göttingen und wir sprachen über den Lauf der Weltgeschichte. Ich hatte gerade Paul Kennedys Meisterwerk „Aufstieg und Fall der großen Mächte” gelesen, in dem er messerscharf die ökonomischen Hintergründe für den Auf- und Abstieg der großen Hegemonialmächte seit dem Ende des Mittelalters analysiert. Das Buch ist von 1987 und Kennedy prophezeite darin das Ende des bipolaren Systems, den Abstieg der damaligen Sowjetunion und dann später des Westens und den Aufstieg Chinas zur ökonomischen Supermacht. Mein Gegenüber nahm dies mit einem Schulterzucken hin. Er verwies auf die Geschichte Chinas, dessen Demütigung durch den Westen während der Zeit der kolonialen Expansion und sagte im China-Imbiss, einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Wenn in 50 Jahren meine Enkel auswandern und als Kellner in einem deutschen Brauhaus in Shanghai arbeiten müssen, dann ist das vor allem eins: Historische Gerechtigkeit”.
Wer sollte diesem Satz widersprechen? Seit Beginn der Geschichtsschreibung gab es ein stetiges Auf und Ab. Weltreiche kamen und gingen. Wirtschaftliche und militärische Vormacht sind keine ewigen Konstanten. Und Europa hatte seine Zeit. Zu glauben, daran würde sich niemals etwas ändern, ist naiv und geschichtsvergessen. Eine umfassende Analyse würde hier den Raum sprengen. Aber konzentrieren wir uns doch besser auf Deutschland.
Das junge Deutschland lag nach dem durch deutsche Großmannssucht ausgelösten Zweiten Weltkrieg physisch, aber auch moralisch am Boden. Von nun an konnte es eigentlich nur bergauf gehen. Und so kam es ja auch. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Und da die alten Eliten dies nicht allein stemmen konnten, wurden die gesellschaftlichen Strukturen durchlässiger. Der Traum vom Aufstieg war real. Wer sich anstrengte, wurde belohnt. Eine solche Aufstiegsgesellschaft entwickelt natürlich eine ganz andere Dynamik als eine gesättigte Gesellschaft, in der es vor allem darum geht, Privilegien und Pfründe gegen Aufsteiger zu verteidigen. Das war es, was Deutschland Jahrzehnte auszeichnete: Gute Bildung, hohe soziale Mobilität, preiswerte Energie und keine machtpolitischen Ambitionen, die dies konterkarieren. Wir waren ein Volk der guten Nachbarn, das sich – zumindest für deutsche Maßstäbe – harmonisch in das Weltgeschehen einfügte.
Diese Erfolgsgeschichte ist Vergangenheit. Unser Bildungssystem ist heute weder gut noch gerecht. Die soziale Mobilität ist zunehmend undurchlässigeren Klassengrenzen gewichen. Der Zugang zu preiswerter Energie liegt in Trümmern auf dem Boden der Ostsee und das ehemalige Volk der guten Nachbarn will lieber im Konzert der Großmächte mitspielen und die Welt nach seiner Pfeife tanzen lassen. Zumindest das hatten wir ja schon mal und es ging nicht gut aus.
Ebenso problematisch ist jedoch, dass durch diese Entwicklungen eine immer größere Kluft zwischen unserem Selbstbild und der Realität entstanden ist. Um es mit Paul Kennedy zu sagen: Wir denken immer noch, wir seien in einer Phase des endlosen Aufstiegs, befinden uns aber schon länger in einer Phase der Erschöpfung, die langsam in eine Phase des relativen Abstiegs übergeht. Und hier lohnt dann auch wieder der Ausflug in den Fußball, der als Metapher herhalten kann. Alle vier Jahre reisen wir als gefühlte Favoriten zur WM, scheiden dann sang- und klanglos gegen ehemalige Underdogs aus und verstehen die Welt nicht mehr. Warum wollen wir uns nicht eingestehen, dass die Welt sich weitergedreht hat und wir nicht Weltklasse, sondern Mittelmaß sind. Historische Gerechtigkeit? Vielleicht.
Ist es denn so fürchterlich schlimm, Mittelmaß zu sein? Ach was. Schauen wir doch mal auf den “Welt-Glücks-Report” der UN – ja, so was gibt es tatsächlich. Seit Ewigkeiten wird dieses Ranking von Ländern wie Finnland, Dänemark und Island angeführt – Länder, die sich noch nicht einmal für die Endrunde internationaler Fußballturniere qualifizieren, keine Exportweltmeister sind und auch nicht auf die Idee kommen, einen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat zu bekommen oder China eine Lektion in Sachen Menschenrechten zu erteilen. Man muss nicht groß sein, um glücklich zu sein. Viel wichtiger ist – auch wenn das jetzt arg nach Motivationstraining anhört – im Einklang mit sich selbst zu leben. Und genau das fehlt Deutschland. Wenn wir das wieder hinbekommen und vielleicht sogar wieder harmonisch im Einklang mit unseren Nachbarn leben können, wäre schon viel gewonnen.
Wir müssen nicht Weltmeister sein. Weder im Fußball, noch in der Wirtschaft. Deutschland ist im globalen Maßstab ein mittelmäßiges Land. Da können wir Bundestrainer und Bundeskanzler austauschen so viel wir wollen – daran ändern wird sich nichts. Auch Finnland, Dänemark und Island sind in den Maßstäben, in denen wir gerne denken, nur mittelmäßig. Anders als Deutschland haben diese Länder jedoch auch gar nicht den Anspruch, machtpolitisch oder wirtschaftlich in der Champions League mitzuspielen. Vielleicht ist das ja das Rezept, um mit sich selbst ins Reine zu kommen?
Und wenn wir das hinbekommen haben, könnten wir uns ja endlich damit beschäftigen, die wirklich wichtige Dinge anzupacken. Wir brauchen nicht – wie Kanzler Merz es vorgegeben hat – die größte Armee Europas, sondern ein Bildungssystem, das zumindest das zweifelsohne vorhandene Potenzial unserer Kinder ausschöpft. Wir müssen nicht mehr Güter und Dienstleistungen exportieren als Staaten, die fast zwanzigmal so groß wie Deutschland sind. Was exportieren eigentlich Finnland, Dänemark und Island? Wir brauchen eine Gesellschaftsordnung, in der Leistung, Talent und Potenzial mehr wert sind als Klassenzugehörigkeit und in der Kinder gleich welcher Herkunft eine gerechte Chance auf eine gute Zukunft haben können. Das alles schaffen wir aber nur, wenn wir lernen, dass Größe nicht alles ist – vielleicht sogar ein Problem darstellt. Wir müssen dafür nicht mittelmäßig werden. Das sind wir ja schon. Wir müssen dies aber endlich akzeptieren und konstruktiv das Beste draus machen. Auf geht´s, es gibt viel zu tun.
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