Die weltweite Ungleichheit zu bekämpfen ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch eine dringende Notwendigkeit, um eine ausgewogenere, inklusivere und nachhaltigere Zukunft für alle zu gewährleisten. Von Frei Betto.
In den letzten Jahrzehnten erlebt die Welt ein paradoxes ökonomisches Phänomen: Die weltweite Produktion von Vermögen steigt erheblich an, während dessen Verteilung immer ungleicher wird.
Die Konzentration des Vermögens in den Händen einer privilegierten Minderheit ruft Besorgnis hervor. Es reicht zu erwähnen, dass ein Prozent der Weltbevölkerung zwei Drittel des gesamten Vermögens der Erde anhäuft. Diese abgrundtiefe Ungleichheit ist nicht nur eine moralische Frage, sondern bedeutet auch ein Hindernis für nachhaltige Entwicklung, sozialen Zusammenhalt und politische Stabilität.
Der technologische Fortschritt, die Globalisierung und die Expansion der Finanzmärkte tragen in vielen Ländern zu einem beispiellosen Wirtschaftswachstum bei. Die Früchte dieses Fortschritts werden jedoch ungleich verteilt.
Diese Konzentration wird durch regressive Steuersysteme, Steuerbefreiungen für große Vermögen, Steuerparadiese und Unternehmensstrukturen begünstigt, die die Gewinne der Aktionäre auf Kosten der Arbeitnehmer und der Gesellschaft priorisieren. Im Allgemeinen sehen die Reichsten ihr Vermögen durch Kapitalerträge anwachsen, während die Klasse der Verarmten von Lohnarbeit oder informeller Beschäftigung abhängig ist, die oft schlecht bezahlt und unsicher ist.
Die eklatante Ungleichheit wirkt sich unmittelbar auf die Lebensqualität der Mehrheit der Bevölkerung aus. Sie ist mit schlechteren Gesundheitsindikatoren, prekärer Bildung, einer Zunahme der Gewalt und einer geringeren sozialen Mobilität verbunden. Wenn ein bedeutender Teil der Bevölkerung keinen Zugang zu grundlegenden Ressourcen, Chancen oder politischer Vertretung hat, entsteht ein Teufelskreis aus Armut und Ausgrenzung.
Einige Ökonomen warnen davor, dass die Ungleichheit das Wirtschaftswachstum selbst gefährdet. Gesellschaften mit größerer Gleichheit tendieren dazu, stabiler und produktiver zu sein. Wenn das Einkommen gerechter verteilt wird, gibt es mehr Konsum, Innovation und Investitionen in Humankapital. Umgekehrt verringert eine übermäßige Konzentration des Einkommens die Gesamtnachfrage und schränkt das Entwicklungspotenzial ein.
Ein weiterer Faktor, der zur Ungleichheit beiträgt, ist die Transformation des Arbeitsmarktes. Die Automatisierung und die Digitalisierung begünstigen hochqualifizierte Arbeitskräfte und Eigentümer von technologischem Kapital, führen aber zur Prekarisierung geringer qualifizierter Arbeitsplätze. Die informelle Arbeit, Zeitarbeitsverträge und die „Uberisierung“ der Arbeitsverhältnisse nehmen zu, oft ohne die erforderliche soziale Absicherung.
Die großen Technologieunternehmen, die „Big Techs“, werden beispielsweise zu Symbolen dieser neuen Wirtschaft und konzentrieren immense Vermögen und politische Macht auf sich. Ihre Gründer häufen Milliarden an, während Millionen von Arbeitern mit finanzieller Unsicherheit konfrontiert sind.
Angesichts dieses Szenarios ist die Rolle des Staates von entscheidender Bedeutung bei der Korrektur der Marktverzerrungen. Staatliche Maßnahmen wie die Vermögenssteuer, der Kampf gegen Steuerhinterziehung, Investitionen in Bildung und das öffentliche Gesundheitswesen, ein würdiger Mindestlohn sowie umfassender sozialer Schutz sind grundlegende Instrumente, um die Ungleichheit zu verringern.
Einige nordische Länder wie Finnland und Island haben gezeigt, dass es möglich ist, mit sozialer Gerechtigkeit wirtschaftlich zu wachsen. Mit progressiven Steuersystemen und qualitativ hochwertigen öffentlichen Dienstleistungen gelingt es ihnen, ein hohes Maß an Wohlstand und niedrige Ungleichheitsindizes aufrechtzuerhalten. Diese Modelle zeigen, dass Gerechtigkeit kein Feind des Wachstums ist, sondern eine Voraussetzung für seine Stärkung.
Die Ungleichheit ist indes nicht nur ein internes Problem jedes einzelnen Landes, sondern stellt eine globale Herausforderung dar.
Die transnationalen Produktionsketten, das internationale Finanzsystem und die Kapitalströme wirken sich direkt auf die Verteilung des Wohlstands zwischen den Ländern und innerhalb der Länder aus. Daher ist eine koordinierte Anstrengung zwischen Nationen erforderlich, um gerechtere Mechanismen der Global Governance zu schaffen, wie die Regulierung digitaler Netzwerke und Steuerparadiese, die internationale Zusammenarbeit im Steuerbereich und die Förderung nachhaltiger Entwicklung.
Der Anstieg des weltweiten Reichtums hat, weit davon entfernt, allen zugutezukommen, die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten noch verschärft. Die Konzentration des Reichtums in wenigen Händen schwächt die Demokratie, untergräbt das Vertrauen in die Institutionen und verhindert den Aufbau gerechterer und solidarischerer Gesellschaften.
Diese Ungleichheit zeigt auch, dass die Demokratie, wie wir sie heute kennen, eine Täuschung ist. Wie lässt sie sich rechtfertigen, wenn die politische Demokratie, die auf dem allgemeinen Wahlrecht basiert, nicht durch die wirtschaftliche Demokratie ergänzt wird?
Alle wählen, aber nicht alle haben zu essen.
Angesichts dieses Widerspruchs steht die Menschheit vor einer Entscheidung: den Reichtum teilen – Sozialismus; oder die Konzentration der politischen Macht in den Händen derer, die bereits die wirtschaftliche Macht innehaben – plutokratische Autokratie. Letztere Tendenz breitet sich in der aktuellen Situation aus.
Die Ungleichheit zu bekämpfen ist nicht nur eine ethische Verpflichtung, sondern auch eine dringende Notwendigkeit, um eine ausgewogenere, inklusivere und nachhaltigere Zukunft für alle zu gewährleisten.
Der Beitrag erschien im Original bei der kubanischen Plattform Firmas Selectas de Prensa Latina. Übersetzt aus dem Spanischen von Marta Andujo.
Titelbild: Privat





