Seit Gorbatschows Tod am 30. August 2022 habe ich zu diesem Datum jedes Jahr an den Ausnahmepolitiker erinnert, jenen Chef einer Supermacht, der nichts weniger als eine atomwaffen-, nein: gewaltfreie Welt anstrebte. Es ist auch dieses Jahr nötig – um daran zu erinnern, wie weit wir alle schon einmal waren. Und um zu zeigen, zu welchen Prinzipien wir wieder zurückfinden müssen, wenn die Menschheit überleben will. Von Leo Ensel.
„Sieger ist nicht, wer Schlachten in einem Krieg gewinnt, sondern wer Frieden stiftet!“
(Michail Gorbatschow)„Ich sehe keine Gegner, kein anderes Land, keine andere Nation, die wir verdächtigen, sich auf einen Krieg mit uns vorzubereiten. So nehmen wir die Welt heute wahr. Und das lässt uns hoffen, dass wir uns das Ziel setzen können, eine atomwaffenfreie und gewaltfreie Welt zu schaffen, eines der größten Ziele für die gesamte Weltgemeinschaft. Wir haben genügend andere Probleme, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Wir haben uns in einem Wettrüsten erschöpft, das zu nichts anderem als zu einer Vergiftung der Beziehungen führte, die wir jetzt wiederherstellen müssen.“
Und:
„Eine neue Vision der Welt triumphiert, die Ära der Konfrontation ist vorbei, die das Gesicht Europas und der Welt prägte. Lasst uns ohne Zögern dafür sorgen, dass gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit alltäglich und selbstverständlich werden in der Kommunikation unserer großen Nationen. Möge der auf 20 Jahre geschlossene sowjetisch-deutsche Vertrag zu einem Vertrag über den ewigen Frieden werden!“
So weit waren wir einmal.
Michail Gorbatschow formulierte diese Sätze als Präsident der Sowjetunion am 9. November 1990 – genau ein Jahr nach dem Mauerfall und einen Monat nach der deutschen Vereinigung – anlässlich der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen „Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit“ in Bonn.
Heute, im Sommer 2026 über dreieinhalb Jahrzehnte später, sind wir wieder sternenweit von diesen Sätzen entfernt. Man könnte darüber in Tränen ausbrechen und in Verzweiflung geraten, man kann diese Sätze aber auch als „Stachel im Fleische der Gleichgültigkeit“, als permanenten Ansporn ansehen, sich mit der aktuellen Lage niemals abzufinden! Ich habe mich für Letzteres entschieden.
Im Folgenden stelle ich eine Reihe von Gedanken des Ausnahmepolitikers und -menschen vor, die in der aktuell brandgefährlich zugespitzten Konfrontation zwischen dem kollektiven Westen und Russland wieder hilfreich sein könnten.
Verstehen
Ich begann mein Buch über Perestroika und das neue Denken mit den Worten: „Wir wollen verstanden werden.“ Aber uns wirklich zu verstehen – uns so zu verstehen, dass man uns glaubt – erwies sich angesichts des Ausmaßes der Veränderungen in unserem Land als alles andere als einfach. Es ist sinnlos und gefährlich, Bedingungen zu stellen und zu sagen: „Wir werden euch verstehen und euch glauben, sobald ihr, die Sowjetunion, uns, dem Westen, vollkommen gleicht.“ (Nobelpreisrede, 5. Juni 1991)
Frieden
Frieden bedeutet heute den Aufstieg von bloßer Koexistenz hin zu Zusammenarbeit und gemeinsamer Kreativität zwischen Ländern und Nationen. Frieden ist eine Bewegung hin zu einer globalen und universellen Zivilisation. Nie zuvor war die Idee, dass Frieden unteilbar ist, so wahr wie heute. Frieden ist nicht Einheit in Ähnlichkeit, sondern Einheit in Vielfalt, im Vergleich und der Versöhnung von Unterschieden. Und idealerweise bedeutet Frieden die Abwesenheit von Gewalt. Er ist ein ethischer Wert. (Nobelpreisrede)
Zur Gewalt in der Politik
Es ist offensichtlich, daß Gewalt und Androhung von Gewalt keine Instrumente der Außenpolitik mehr sein können und dürfen. Vor allem trifft dies auf die Kernwaffen zu, aber nicht nur auf sie. Von allen Nationen, vor allem von den Stärksten, wird eine Selbstbeschränkung und völlige Ausschließung der Gewaltanwendung von außen verlangt. Außerdem ist schon heute klar, daß die Forcierung militärischer Stärke keine einzige Großmacht allmächtig macht. Mehr noch, die einseitige Orientierung auf militärische Stärke schwächt letzten Endes die anderen Komponenten der nationalen Sicherheit. (Rede vor der UNO, 7. Dezember 1988)
Verzicht auf Gewalt ist für mich eine der Grundlagen einer neuen, humanistischen Zivilisation, die die besten Köpfe der Menschheit anstrebten und anstreben. Ich halte das Prinzip der Gewaltfreiheit für universell. (Gespräch mit Franz Alt, 2017)
Dialog
Und natürlich meine ich in erster Linie den politischen Dialog – einen intensiveren und offeneren Dialog, der auf das Wesen von Problemen, nicht auf Konfrontation, nicht auf den Austausch von Beschuldigungen, sondern auf den Austausch von konstruktiven Gedanken gerichtet ist. Ohne politischen Dialog kommt der Verhandlungsprozeß nicht voran. (Rede vor der UNO)
Die Atomwaffen
Der militaristischen Doktrin, die auf der Politik der Stärke beruhte, stellten wir die Konzeption des Interessenausgleichs und der gleichen Sicherheit für alle gegenüber. (Gespräch mit Daisaku Ikeda, 1998)
Wir erkannten, dass die nukleare Gefahr unser gemeinsamer Feind, eine gemeinsame Bedrohung war. Daraufhin erklärten die Staatschefs der UdSSR und der USA, dass ein Atomkrieg inakzeptabel und nicht zu gewinnen sei. Reykjavik folgte, und dann die ersten Verträge zur Abschaffung von Atomwaffen. Inzwischen sind 85 Prozent dieser Atomwaffenarsenale zerstört. Wir müssen diesen Weg weitergehen. Doch wir sehen, dass neue Herausforderungen entstanden sind. (Interview mit Interfax, April 2020)
Keine Herausforderung oder Bedrohung, der die Menschheit im 21. Jahrhundert gegenübersteht, kann militärisch gelöst werden. Kein großes Problem kann von einem Land oder einer Gruppe von Ländern im Alleingang gelöst werden. Solange es Atomwaffen gibt, besteht die Gefahr eines Atomkriegs. Es kann kein anderes Endziel geben als die Abschaffung der Atomwaffen. Aber das Gerede von einer Welt ohne Atomwaffen – und alle Länder, einschließlich der USA, geben weiterhin Lippenbekenntnisse zu diesem Ziel ab – wird eine leere Phrase bleiben, wenn die derzeitige Militarisierung der Weltpolitik und des politischen Denkens nicht überwunden wird. Heute ist es besonders relevant, dass keine Seite militärische Überlegenheit anstreben darf. („Politisches Testament“, Russia in Global Affairs, 2021)
Die Vereinten Nationen
Unserer Ansicht nach ist es notwendig, daß die Staaten ihre Beziehungen zu einem so einmaligen Instrument wie der UNO, ohne die die Weltpolitik bereits nicht mehr vorstellbar ist, überdenken. Eine der bittersten und wichtigsten Lehren ist die lange Liste vertaner Möglichkeiten und – als Folge davon – das sinkende Ansehen der UNO in einer gewissen Etappe sowie die Ergebnislosigkeit vieler ihrer Versuche, zu handeln.
Unser Ideal ist eine Weltgemeinschaft von Rechtsstaaten, die auch ihrer Außenpolitik Rechtsprinzipien zugrunde legen. Unter den Bedingungen des Nuklearzeitalters darf das Völkerrecht nicht durch Zwang durchgesetzt werden, sondern muß auf Normen basieren, die der Interessenbalance der Staaten Rechnung tragen. Die internationalen Beziehungen werden die echten Interessen der Völker nur dann vollständig widerspiegeln und zuverlässig der Sache ihrer gemeinsamen Sicherheit dienen, wenn der Mensch mit seinen Sorgen, Rechten und Freiheiten im Mittelpunkt steht. Unser Credo lautet insgesamt folgendermaßen: Politische Probleme sind nur mit politischen Mitteln und menschliche nur menschlich zu lösen. (Rede vor der UNO)
Ein neuer Sicherheitsbegriff
Wir müssen die Weltpolitik, die internationalen Beziehungen und das politische Denken entmilitarisieren. Wir müssen die Budgets von militärischen Zwecken hin zu solchen umverteilen, die mit der menschlichen Sicherheit zusammenhängen. Der Sicherheitsbegriff selbst muss neu gedacht werden! Sicherheit bedeutet in erster Linie, den Menschen Nahrung, Wasser (das bereits knapp ist), eine gesunde Umwelt und natürlich die absolute Priorität der menschlichen Gesundheit zu gewährleisten. (Interview mit Interfax, April 2020)
Die globalisierte Welt
Wir leben in einer globalisierten Welt, haben sie aber noch nicht völlig verstanden, haben nicht gelernt, wie wir alle darin gut leben können. Wir sind EINE Menschheit! Wir leben alle auf EINEM Planeten! („Was jetzt auf dem Spiel steht“, September 2019)
Moral, universelle Werte, Achtung vor dem Individuum, vor der Würde des Menschen – all das muss zu einem integralen Bestandteil der Weltpolitik werden. (Gespräch mit Franz Alt)
Ideologie
Ich bin kategorisch gegen eine Politik und eine Ideologie, die das Leben und das Glück der Menschen einer abstrakten Idee zum Opfer bringen. Da macht es für mich auch keinen Unterschied, unter welcher Losung man den Menschen das Glück raubt. Wir haben auf das ideologische Vorgehen verzichtet, um zu moralischem Vorgehen zu gelangen.
Mein Großvater sagte mitten in einer heftigen ideologischen Kampagne: „Was der Mensch braucht, ist vor allem ein Paar bequeme Schuhe.“ (Gespräch mit Daisaku Ikeda)
Religion
Der Mensch muss sich auf etwas Großes, etwas Unerschütterliches stützen können. Ich bin selbst nicht religiös, doch ich kann verstehen, warum man Halt bei Gott sucht.
Vielleicht liegt hier das Geheimnis aller Religionen, ihre Gemeinsamkeit: Nicht das Ritual, die Zeremonie, die Liturgie sind wichtig, sondern die Stimme des Gewissens. Gewissen ist nicht materialistisch zu erklären. Es ist möglicherweise das wichtigste Argument dafür, dass der Mensch eine Seele hat. Den Menschen nach dieser Logik zu retten heißt, seine Seele zu retten. So habe ich die Bergpredigt verstanden: Der Mensch soll lernen, die dunkle Seite seiner Seele unter Kontrolle zu bringen.
Ich denke, dass es in der Tiefe der menschlichen Seele ein ursprüngliches Zusammengehörigkeitsgefühl zum Menschengeschlecht gibt. Um des künftigen Weltfriedens willen muss man dieses globale Bewusstsein in jedem Menschen kultivieren. Darin liegt der Schlüssel zum Kosmopolitismus, zur Überwindung der nationalen Feindschaft, die Kriege hervorbringt. (Gespräch mit Daisaku Ikeda)
Das XXI. Jahrhundert
„Das XXI. Jahrhundert wird entweder das Jahrhundert der totalen Verschärfung der tödlichen Krise oder ein Jahrhundert der moralischen Läuterung und spirituellen Erholung der Menschheit sein. Ihre umfassende Wiederbelebung. Ich bin überzeugt, dass wir alle – alle vernünftigen politischen Kräfte, alle spirituellen und ideologischen Bewegungen, alle Konfessionen – aufgerufen sind, diesen Übergang, den Sieg der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit zu ermöglichen. Damit das XXI. Jahrhundert ein Jahrhundert der Wiederbelebung, ein Jahrhundert des Menschen wird.“ (Leitprinzip der Gorbatschow Foundation, Moskau)
Die wachsende Kriegsgefahr
Wenn angesichts dieser angeheizten Stimmung einer die Nerven verliert, werden wir die nächsten Jahre nicht überleben. Ich sage so etwas nicht leichtfertig. Ich mache mir wirklich allergrößte Sorgen. (Interview mit dem Spiegel, Januar 2015)
Die heutigen militärischen Aktivitäten ähneln zunehmend den Vorbereitungen auf einen echten Krieg. Das Ziel der US-Außenpolitik besteht darin, neue Atomwaffen für einen flexibleren Einsatz zu entwickeln. Was nichts anderes bedeutet, als die Schwelle für den Atomwaffeneinsatz stetig zu senken. Die Welt steht vor einer akuten unkontrollierbaren militärischen und politischen Konfrontation der beiden führenden Weltmächte. Alle bisher geschaffenen Mechanismen zur Friedenssicherung sind entweder beschädigt, gelockert oder bedroht. („Was jetzt auf dem Spiel steht“, September 2019)
Immer häufiger hört man Stimmen, die einen Krieg und die Anwendung von Gewalt für akzeptabel halten. Wieder wird das Loblied auf Atomwaffen gesungen. Es liegt Krieg in der Luft! Um der Macht willen sind die Falken zu allem bereit. Wenn die Folge der Politik Krieg ist, dann nieder mit dieser Politik! Kommt endlich zur Vernunft. Hört auf! Jede Aktion ist zu stoppen, die uns einer Katastrophe näher bringt – das ist das Gebot für verantwortungsvolle Politiker. (Novaja Gaseta, März 2020)
Zur deutschen Ukrainepolitik
Das neue Deutschland will sich überall einmischen. In Deutschland möchten anscheinend viele bei der neuen Teilung Europas mitmachen. Deutschland hat im Zweiten Weltkrieg schon einmal versucht, seinen Machtbereich nach Osten zu erweitern. Welche Lektion braucht es noch? (Interview mit dem Spiegel)
Eine neue europäische Sicherheitsarchitektur
Was Europa angeht, so ist es an der Zeit, einen neuen Großen Vertrag zur Modernisierung des europäischen Sicherheitssystems zuwege zu bringen. Dieses äußerst wichtige Dokument muss auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs aufgesetzt und beschlossen werden – so, wie es 1975 in Helsinki und 1990 in Paris der Fall war. Eine neue Sicherheitsarchitektur muss her. (Gespräch mit Franz Alt)
Die Rolle der Friedenbewegung
Ich erinnere mich gut an die lautstarke Stimme der Friedensbewegung gegen Krieg und Atomwaffen in den 1980er-Jahren. Diese Stimme wurde gehört! (Gespräch mit Franz Alt)
Krieg
Krieg ist eine Niederlage, ein politisches Versagen! Es ist sinnlos, sich zu verstecken, abzuwarten oder Bedrohungen zu ignorieren. Niemand kann sich mehr verstecken! (Interview mit Interfax)
Die Bedeutung jedes Einzelnen
Meine dringlichste Botschaft lautet: Es ist an der Zeit, dass jeder Mensch und jede Nation ihre Rolle in der globalen Entwicklung überdenkt. Jeder muss sich einbringen. Jeder hat eine Aufgabe zu erfüllen. Erst das persönliche Engagement jedes Einzelnen wird es ermöglichen, dass auf der Erde eine neue Zivilisation gedeihen kann. (Essential Thoughts, 2019)
Und heute?
Machen wir uns noch einmal die gewaltige Chance klar, die sich damals einen Wimpernschlag der Geschichte lang für den gesamten Planeten eröffnet hatte: Mit Michail Gorbatschow war Mitte der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts ein Mann an die Spitze einer Supermacht gelangt, der nicht nur national, sondern wahrhaft global dachte und nichts weniger anstrebte als eine atomwaffen-, nein: gewaltfreie Welt. Seit John F. Kennedys berühmter „Strategy of Peace“-Rede vom 10. Juni 1963 an der American University in Washington hatte die Welt von einem führenden Staatsmann solche Worte nicht mehr gehört!
Danach leider auch nicht mehr.
PS:
Ob Michail Gorbatschow auch über seinen Tod hinaus wirksam bleibt, das liegt nun einzig und allein an uns! (Oder, um ihn selbst noch einmal zu zitieren: „Jeder muss sich einbringen. Jeder hat eine Aufgabe zu erfüllen. Erst das persönliche Engagement jedes Einzelnen wird es ermöglichen, dass auf der Erde eine neue Zivilisation gedeihen kann.“)
Mit freundlicher Genehmigung von Globalbridge.
Titelbild: Screenshot Ralf Eger






