Die geopolitische Tektonik im Nahen Osten und dem Rest der Welt gerät in Bewegung. Während die Weltöffentlichkeit bei den Ereignissen im Jemen derzeit vor allem auf die explodierenden Erdölpreise und blockierte Handelsrouten blickt, wird die darunter liegende Entwicklung erst langsam klar: Die Ereignisse an der Meerenge Bab al-Mandab sind nicht nur eine Gefahr für die Wirtschaft, sondern der erste Dominostein einer globalen Kettenreaktion. Sie könnte der Katalysator für eine lange aufgestaute und vom Westen verhinderte globale Machtverschiebung sein. Ein Artikel von Maike Gosch.
Ende letzter Woche hat die Ansar-Allah-Bewegung (in westlichen Medien meistens als Huthi-Miliz bezeichnet) im Jemen die Stadt Mokka sowie weitere Gebiete und Inseln entlang der Küste erobert und kontrolliert damit nun entscheidende Positionen auf der jemenitischen Seite der Meerenge von Bab al-Mandab. Neben der Straße von Hormus ist sie eines der strategisch wichtigsten „Nadelöhre“ des globalen Seehandels zwischen dem Indischen Ozean und dem Roten Meer – insbesondere für den Transport von Erdöl und anderen Energieträgern. Für Saudi-Arabien ist die Route besonders wichtig, weil über die Ost-West-Pipeline Öl aus den Fördergebieten am Persischen Golf zum Roten Meer transportiert und damit die Straße von Hormus umgangen werden kann. Der weitere Seeweg zu den asiatischen Märkten führt jedoch durch Bab al-Mandab – und damit unmittelbar an von Ansar Allah kontrolliertem Gebiet vorbei. Damit hat eine Bewegung erheblich an strategischem Einfluss gewonnen, die sich nicht nur ausdrücklich mit den Palästinensern solidarisiert, sondern auch eng mit Iran verbündet und Teil der sogenannten „Achse des Widerstands“ ist. Und natürlich stärkt das auch den verbündeten Iran in seinem Krieg gegen die USA und Israel massiv.
Ansar Allah kämpft seit Jahren gegen die von Saudi-Arabien und den USA massiv finanziell und militärisch unterstützte Regierung Jemens, die große Teile des Landes, aber vor allem die dünn besiedelten Gebiete im Osten kontrolliert, während in den von Ansar Allah kontrollierten Gebieten Schätzungen zufolge rund 70 bis 80 Prozent der jemenitischen Bevölkerung leben. Ansar Allah besitzt auch große Unterstützung in der Bevölkerung, da sie als nationale Befreiungsbewegung gesehen wird. Insbesondere Ansar Allahs Einsatz für die Palästinenser und gegen den Völkermord in Gaza hat der Bewegung zusätzliche Sympathie im Land verschafft.
Laut der Berichterstattung des US-amerikanischen Nachrichtenmediums mit engen Verbindungen zum israelischen Sicherheitsapparat Axios hat der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman US-Präsident Donald Trump in der letzten Woche mehrfach angerufen und um Luftangriffe gegen Ansar Allah gebeten, bisher allerdings vergeblich. Laut Insidern wollen sich die USA auf ihren Krieg mit dem Iran konzentrieren und vermeiden, eine weitere Front zu eröffnen. Hintergrund ist sicher auch die militärische Niederlage der USA gegen Ansar Allah aus dem letzten Jahr.
Auch die Bitte um Hilfe an Pakistan wurde bisher nicht positiv beantwortet. Pakistan hatte erst kürzlich gemeinsam mit der Türkei ein gemeinsames Verteidigungsabkommen mit Saudi-Arabien abgeschlossen (Mecca Joint Defence Agreement), jedoch jetzt erklärt, dieses umfasse keine „bestehenden“, sondern nur neu entstehende Konflikte. Da der Bürgerkrieg im Jemen zwischen der Ansar-Allah-Bewegung und den von Saudi-Arabien und den USA unterstützen Regierungstruppen seit Jahren schwelt, handelt es sich hier nicht um einen neuen Konflikt. Auch die Türkei verurteilte zwar Ansar Allah in einer Erklärung scharf, erklärte sich aber sonst nicht zu konkreter militärischer Unterstützung bereit.
Darum hat sich Saudi-Arabien jetzt an Israel gewandt, und das offensichtlich mit Erfolg. Das US-Portal Axios berichtet über ein inoffizielles Treffen von US-amerikanischen, israelischen und Militärs aus arabischen Staaten, das merkwürdigerweise in Deutschland stattfand: „Eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle sagte, Israel und Saudi-Arabien würden – mit Unterstützung des CENTCOM – darüber beraten, wie Israel die saudischen Militäroperationen gegen die Huthi unterstützen und ISR-Hilfe nach dem Vorbild seiner Unterstützung für die VAE (Vereinigten Arabischen Emirate) leisten könnte.“
Saudi-Arabien hat auf die Attacken mit massivem Bombardement auf die Stellungen von Ansar Allah reagiert. Laut Ansar Allah hat Saudi-Arabien bis zum 15. September 52 Luftangriffe im Jemen durchgeführt (nach neuesten Angaben inzwischen über 450), an denen F-15- und Typhoon-Kampfflugzeuge beteiligt waren. Nach ihren Angaben hätten die Angriffe Straßen, Brücken, Schulen und andere zivile Ziele in den Provinzen Taiz, Al-Jawf, Al-Bayda, Saada und Amran getroffen. Ansar Allah warnen, die Angriffe würden „nicht ungestraft bleiben“.
Die Auswirkungen auf den Energiemarkt
Die außerdem in dem Konflikt (vermutlich durch Kräfte aus dem Irak) schwer beschädigte Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien wird laut AP-Berichten für drei bis fünf Wochen gesperrt sein. Die 1.200 Kilometer lange Pipeline befördert Rohöl von den Förderstätten im Osten des Landes zu Exporthäfen am Roten Meer im Westen. Damit umgeht Saudi-Arabien bisher teilweise die Straße von Hormus, die durch den Iran-Krieg nach wie vor weitgehend blockiert ist. Die Pipeline hat eine Kapazität von bis zu sieben Millionen Barrel pro Tag – und konnte damit auch bisher nur einen Teil der saudischen Vorkriegs-Exportmengen aufnehmen. Somit haben der Iran oder die verbündete Ansar-Allah-Bewegung jetzt drei verschiedene Nadelöhre für den Erdölexport geschlossen oder unter ihrer Kontrolle.
Führungskräfte der US-Ölindustrie warnen davor, dass die weltweite Kraftstoffkrise nun eingetreten sei, da die Lagerbestände sinken, die strategischen Reserven zur Neige gehen und Angriffe die Energieinfrastruktur im Nahen Osten lahmlegen. Mike Wirth, CEO von Chevron, sagte, die Puffer, die den Markt bisher geschützt hätten, seien „mittlerweile weitgehend aufgebraucht“, und fügte hinzu: „Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, dass ich einen Grund sehe, warum sich die Lage entspannen würde, aber derzeit ist es schwer vorstellbar, dass dies geschieht.“ Der Preis für US-Rohöl ist innerhalb von drei Wochen um 19 Prozent auf rund 101 Dollar pro Barrel gestiegen, während Diesel mit 6,23 Dollar pro Gallone einen Rekordwert erreichte und Benzin auf 4,32 Dollar stieg. Die Trump-Regierung beharrte zwar darauf, dass die Störung nur vorübergehend sei, am Dienstag und Mittwoch dieser Woche setzte sich die nervöse Bergfahrt jedoch unvermindert fort: Nach einer kurzen Phase der Konsolidierung zogen die Notierungen aufgrund der anhaltenden Ungewissheit über eine Wiederöffnung der Transportwege erneut um rund drei Dollar an, wodurch Brent-Rohöl aktuell bei 108,75 Dollar pro Barrel notiert.
Am Dienstagnachmittag wurde eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats zu der Situation einberufen. Bei dieser Dringlichkeitssitzung in New York forderte der Rat zwar eine sofortige Deeskalation und den Schutz der internationalen Handelsrouten, konkrete Strafmaßnahmen scheiterten jedoch an den Vetomächten, da sich China und Russland enthielten und die US-amerikanische und israelische Kriegführung für die allgemeine Eskalation in der Region verantwortlich machten.
Die Berichterstattung und das Zerrbild der „Huthi-Rebellen“
Die aktuelle Krise führt auch mal wieder vor Augen, wie sehr die westliche Berichterstattung ein einseitiges Bild der Situation im Jemen vermittelt. Dabei fällt zum Beispiel die gezielte und nicht wertneutrale Verwendung der Begriffe „Miliz“ und „Terrorist“ auf. Es zeigt sich einmal mehr die alte Wahrheit: Mein „Terrorist“ ist dein „Freiheitskämpfer“ und umgekehrt.
Auch ist in den Nachrichten fast immer davon die Rede, diese seien vom Iran „gesteuert“. Dagegen wird sehr selten erwähnt, wie stark die vom Ausland anerkannte „Regierung“ des Jemen vom Ausland gesteuert und wie wenig diese demokratisch legitimiert ist. Durch diese Darstellung wird die völkerrechtliche und politische Realität vor Ort bewusst verzerrt. Ebenso problematisch ist, dass die Berichterstattung die gesamte Vorgeschichte des Konfliktes im Jemen oft weitgehend ausblendet. Es fällt kein Wort über die jahrelange völkerrechtswidrige Blockade und die massiven Bombardements des Jemens durch Saudi-Arabien. Genau das ist aber ein entscheidender Kontext, da die aktuellen Gegenangriffe von Ansar Allah eine direkte Reaktion auf diesen andauernden Belagerungszustand sind – auch wenn das genaue Timing der jüngsten Schläge vor dem Hintergrund des Regionalkonflikts sicherlich eng mit dem Iran abgestimmt sein dürfte.
Wie geht es jetzt weiter?
Wie Al-Jazeera meldet, ist der iranische Außenminister Abbas Araghtschi nach Peking gereist, um dort mit seinem chinesischen Amtskollegen Wang Yi zusammenzutreffen, um die neuesten Ereignisse zu besprechen. Die Minister, die sich zuletzt im Juli getroffen hatten, haben am Mittwoch in der Hauptstadt Gespräche geführt, wie das chinesische Außenministerium mitteilte, da Peking versucht, als Vermittler ein Ende des Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran herbeizuführen. Wang und Araghtschi nahmen am Wochenende bereits am BRICS-Gipfel in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi teil. China ist ein wichtiger Importeur von Öl aus dem Iran und dem Nahen Osten, sodass seine Wirtschaft durch die Blockade der Straße von Hormus und die neuen möglichen Blockaden und Unterbrechungen unter Druck geraten wird. Bei dem Treffen wies Außenminister Wang Yi auf den Krieg der USA gegen den Iran hin und forderte zu Deeskalation und der Aufnahme von Verhandlungen auf. Konkrete Beschlüsse wurden bis zum Verfassen des Artikels nicht verkündet.
Der neue britische Premierminister Andy Burnham prüft derweil laut Bloomberg das Ersuchen aus Saudi-Arabien um verschiedene Formen militärischer Unterstützung zur Abwehr von Angriffen der Huthi, da Großbritannien einen „katastrophalen“ wirtschaftlichen Rückschlag durch eine neue Front im Iran-Krieg befürchtet. Zu den saudischen Forderungen an Großbritannien gehören laut Angaben von Bloomberg operative Unterstützung für das saudische Militär, um den Vormarsch der Huthi entlang der Küste des Roten Meeres in Richtung der Meerenge von Bab al-Mandab zurückzudrängen, sowie Hilfe bei der Abwehr von Angriffen auf die saudische Ölinfrastruktur. Burnham habe zugestimmt, britische Militärberater nach Saudi-Arabien zu entsenden, heißt es aus informierten Kreisen.
Ägypten hat sich bereits laut Berichterstattung von The Cradle positioniert und „volle Solidarität und uneingeschränkte Unterstützung“ für Saudi-Arabien nach den Raketen- und Drohnenangriffen von Ansar Allah auf saudisches Territorium bekundet und erklärt, die nationale Sicherheit beider Länder sei „miteinander verflochten und untrennbar“. „Die Angriffe stellen einen klaren Verstoß gegen die Regeln und Bestimmungen des Völkerrechts sowie eine eklatante Bedrohung für die regionale Stabilität und Sicherheit dar“, erklärte das ägyptische Außenministerium und warnte, dass anhaltende Angriffe der Ansar Allah die Spannungen schüren und die Lage in der gesamten Region weiter eskalieren lassen würden. „Die nationale Sicherheit Ägyptens und Saudi-Arabiens ist miteinander verflochten, verzahnt und untrennbar“, betonte es.
Eritrea, Sudan und Algerien haben währenddessen ihre Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), einem engen Verbündeten (oder auch Vasall) der USA und Israel wie auch Saudi-Arabiens abgebrochen. Der Grund für diesen koordinierten diplomatischen Bruch liegt in der massiven Verärgerung über die geopolitische Rolle der VAE. Den Emiraten wird vorgeworfen, durch finanzielle und logistische Unterstützung von Rebellengruppen – wie den Rapid Support Forces (RSF) im Sudan oder Separatistenbewegungen in Nordafrika – die gesamte Region am Horn von Afrika und am Roten Meer gezielt zu destabilisieren.
Langsam werden also die Fronten und Allianzen in diesem neuen Akt des bereits laufenden dritten Weltkriegs klarer. Auf der einen Seite stehen alle mit den USA und Israel Verbündeten, auf der anderen Seite die „Achse des Widerstands“, wie sie sich selbst bezeichnet, oder die „Achse der Autokraten“, wie der Westen sie nennt – also Iran, Russland, China, Nordkorea. Jetzt richten sich die Staaten und Bewegungen im Nahen Osten immer deutlicher und offener zu der einen oder der anderen Seite aus und bündeln jeweils ihre Kräfte.
Immer klarer wird ebenfalls, wie sehr alle gegenwärtigen Konflikte – wie der zwischen Israel und den Palästinensern, der Irankrieg durch die USA, der Krieg zwischen Israel und dem Libanon, aber auch die Konflikte in Syrien, im Irak, im Jemen und sogar der Ukraine-Krieg – nur verschiedene Fronten eines großen Krieges sind, dessen Konturen immer deutlicher werden. Der Ausgang dieses globalen Machtkampfes noch ungewiss, wenn auch strategisch gerade die anti-imperialen Kräfte am längeren Hebel zu sitzen scheinen.
Titelbild: Screenshot X / Kämpfer der Ansar-Allah-Bewegung vor dem Wrack eines saudischen F-15-Kampfjets, den sie nach eigenen Angaben abgeschossen haben.






