Medienschaffende übersehen gerne die Wirkung von gezielten Kampagnen und damit die Wirkung ihrer eigenen Arbeit

Albrecht Müller
Ein Artikel von:

In der Süddeutschen Zeitung erschien gestern ein Kommentar von Heribert Prantl. Er enthält wie üblich Interessantes, ist aber zugleich ein Beleg dafür, wie wenig selbst die verbliebenen, einigermaßen kritischen Journalisten die Rolle der Medien und der Publicrelations für die Meinungsbildung des Publikums erkennen. Sie suchen nach quasi objektiven Gründen für die Meinung der Menschen, wo eine Analyse der abgelaufenen Propaganda den eigentlichen Schlüssel zur Erkenntnis liefern würde. Albrecht Müller.

Der Kommentator berichtet unter der Überschrift „Deutsche Parteien und das Hilfspaket – Helden der Finanzkrise“, die Deutschen bewahrten im Angesicht der Finanzkrise Ruhe – und änderten kaum ihre politischen Präferenzen. Die Wähler rächten sich nicht einmal an der FDP, und die Linkspartei könne wider Erwarten von der Krise nicht profitieren.

Das ist, wenn man die Wahlergebnisse in Bayern und die Umfrageergebnisse betrachtet, einigermaßen richtig berichtet. Aber man braucht sich darüber nicht wie Heribert Prantl zu wundern, wenn man die massive Propaganda beobachtet, die die Finanzkrise begleitet, zum Beispiel:

  • Steinbrück und Merkel werden zu Helden hochstilisiert, obwohl sie unser Land nachweisbar durch Förderung obskurer Finanzprodukte und der Tätigkeit von Heuschrecken für die Krise geöffnet haben.
  • Auf allen Kanälen sozusagen wurde weiter der Versuch gemacht, die öffentlichen Banken als die eigentlichen Sünder und Verlierer darzustellen. Diese verfälschende Darstellung zahlt sich direkt zum Beispiel für die FDP aus.
  • In Talkshows und bei vielen anderen Gelegenheiten wurde Oskar Lafontaine schon auf läppische Weise als Mitverursacher dargestellt, weil er im Verwaltungsrat der KfW sitzt und bei der entscheidenden Sitzung einmal nicht anwesend gewesen sei.
  • Die Bild-Zeitung zum Beispiel hat der Bundeskanzlerin attestiert, dass sie schon lange für eine Regulierung der Finanzmärkte gewesen sei. Und selbst ihr Vorschlag, Tietmeyer zum Vorsitzenden eines Beratungsgremiums zur Neuordnung der Finanzmärkte zu machen, wurde ihr nur als Missgriff und nicht als Absicht angerechnet.
  • Die Verfilzung der Politik mit den Hauptmatadoren der Finanzwirtschaft, auch der amerikanischen Investmentbanken, wird in unseren Medien nicht zum Thema gemacht.
  • In ihrer überwiegenden Mehrheit wundern sich unsere Medien nicht darüber, dass die Brandstifter jetzt Feuerwehr spielen.
  • Nahezu ausnahmslos wird die beginnende Rezession jetzt der Finanzkrise zugeordnet statt der nachlässigen, falschen und verspäteten Wirtschaftspolitik der Bundesregierung und der Hochzinspolitik der EZB. So werden die eigentlichen Verursacher des beginnenden wirtschaftlichen Niedergangs, der schon mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Punkte begann und am Einbruch des Konsums schon im Sommer 2007 erkennbar war, durch die Finanzkrise, die den angelegten Abschwung verstärken wird, reingewaschen. Aber selbst diese Reinwaschung ist nur möglich, weil die Medien die gesamte Propaganda mitgemacht haben und mitmachen. Sie haben zum Beispiel bis vor kurzem von einem Boom gesprochen und geschrieben, als schon lange erkennbar war, dass es abwärts geht. Sie haben die Missachtung der Notwendigkeit, konjunkturell gegenzusteuern, nicht angeprangert. Und sie kreiden diesen Fehler den politisch Verantwortlichen selbst jetzt im Kontext des Rettungsprogramms nicht an.

Sie brauchen auf den NachDenkSeiten nur ein bisschen zurückzuscrollen. Dann werden sie viele Belege für meine kritischen Bemerkungen finden.

Wenn wir in der jetzigen Situation die Rolle der Meinungsbildung übersehen, wenn wir nicht beachten, dass aus Mist Marmelade machen kann, wer über die notwendigen finanziellen und publizistischen Mittel verfügt, dann werden die notwendigen Sanktionen gegen jene ausbleiben, die für den großen Schaden verantwortlich sind, der angerichtet worden ist.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!