Rentner und die Binnenkaufkraft

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„Drei Viertel aller deutschen Unternehmen sind seit Ausbruch der globalen Finanzkrise nicht mehr in der Lage, uneingeschränkt nötige Investitionen und Käufe zu tätigen.“ Das meldete dpa. Ähnlich ist das ganz sicher in den deutschen Haushalten, Rentnerhaushalte eingeschlossen. Nur, dass das nicht erst mit der Finanzmarktkrise begonnen hat. Die Financial Times Deutschland schreibt: „Die Bundesregierung nutzt den Finanzcrash, um von eigenen Versäumnissen abzulenken.“ Die schwache Konsumnachfrage ist nicht von der Finanzmarktkrise verursacht, sie ist hausgemacht. Seit Jahren setzt die Regierung einseitig auf den Exportsektor: Sie beschneidet Sozialleistungen und staatliche Ausgaben und fördert Lohndumping. Von Kurt Pittelkau, Mitglied im Arbeitskreis Alterssicherung ver.di-Berlin

„Finanzmarktpleite – wer zahlt?“ fragt „Wirtschaftspolitik aktuell“ von ver.di. „Millionen von Bürgerinnen und Bürgern“ ist die Antwort, nachdem die Schnellverfahren der Bundesregierung zur Stützung des Bankensektors mit ihren Hunderten Milliarden beschrieben wurden. „Warum heißt der Bürger Bürger? Weil er immer bürgt.“ So witzelt der Karikaturist.

„Wie wär’s mit Umverteilung?“ fragt ver.diPUBLIK (10-08).

Etwa 18 % Kaufkraftverlust haben wir Alten seit 2000 hingenommen. Das ersehe ich aus einer detaillierten Auflistung von Belastungen, Kürzungen, Beitrags- und Preiserhöhungen dieser Jahre, von Inflationsraten und Nullrunden, ausbleibenden oder nichtig geringen Rentenanpassungen. Die Zusammenstellung stammt von der IG Metall Hamburg. 2008 ragt darin – obwohl noch nicht abgelaufen – heraus, mit der höchsten Inflation (3,3 %), einem Wahnsinnspreisanstieg bei Lebensmitteln. Während die Preise kräftig stiegen, blieben die Renten fast unverändert. Und nun die Finanzmarktkrise mit täglich neuen erschütternden Nachrichten und Talkshows, die kaum noch ein anderes Thema haben.

Als Konsequenz aus der internationalen Finanzkrise fordert M. Schlecht, Leiter des ver.di-Bereiches Wirtschaftspolitik: „… den Zufluss auf die Finanzmärkte begrenzen, indem man privatisierte Altersversorgungssysteme abschafft und Vermögen stärker besteuert!“ Die Regierung müsse „die Konsumnachfrage stärken, beispielsweise mit einem von ver.di schon seit langem geforderten Investitionsprogramm in Höhe von 40 Mrd. €“. Künftige Rentenanpassungen müssen auch einen Inflationsausgleich einschließen.

Die „Berliner Zeitung“ (15.4.2008) titelte: „Kaufkraft der Rentner schwindet rasant. Realeinkommen sind in fünf Jahren um 8,5 % gesunken. Im Osten droht Altersarmut.“ Der Artikel bezieht sich auf eine Berechnung der Bank UniCredit für das Blatt, wonach die „Realrenten auf das Niveau von Mitte der 70er Jahre abgerutscht sind. „Statt derzeit knapp 13.000 € pro Jahr hatte ein Eckrentner 1976 umgerechnet gut 6.000 € zur Verfügung. Allerdings war das Preisniveau nicht einmal halb so hoch wie heute.“

Von den Einbußen ist die gesamte Rentnerschaft betroffen, doch als Einschränkungen des Verbrauchs von Gütern des täglichen Bedarfs werden sie nur von denen mit kleinen Renten erlebt (Fakten siehe unten).

Mit den Beziehern von Mini-Renten, die aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen (wo man pro Monat einen Rentenanspruch von 2,19 Euro erwirbt), macht der Einzelhandel recht wenig Umsatz. Auch kleine Zuverdienste reißen da nicht aus dem Elend. Freilich: Auch Arbeitende mit Schandlöhnen sind übel dran, gehen zur Arbeitsagentur, um das Wenige aufstocken zu lassen.

Da wir Rentner nun rund ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, ist die Stagnation unserer Einkommen einer der Gründe für die insgesamt anhaltende Konsumschwäche in Deutschland. Unser Verlust an realer Kaufkraft wirkt sich stärker aus als der anderer Bevölkerungsgruppen, da die Sparquote naturgemäß niedrig ist. Alte haben wenig Sparziele, wissen die Sparkassen. Sogar 2007 – mitten im „Aufschwung“ – ist der private Konsum geschrumpft. Für 2008 wird jetzt schon mit weiterem Sinken um 0.4 % gerechnet.

Übrigens: In Deutschland gibt es über 800.000 Millionäre, die durchschnittlich über ein Vermögen von 3,5 Mio € verfügen. Über den Seniorenanteil an dieser Personengruppe ist nichts Genaues bekannt. Doch sind Junge da wohl schwach vertreten. Weshalb sind reiche Leute reich? Der VW-Alt-Obere Piech antwortete darauf: „Weil sie weniger ausgeben als einnehmen.“ Das ist wohl wahr, aber nicht die ganze Wahrheit.

Die knappen Kassen der Leute haben auch dieses Ergebnis: „Die Deutschen schränken private Altersvorsorge deutlich ein“, WELT-Online (8.10.). Die Machenschaften der Banker und die Finanzkrise werden sie wohl darin bestärken.

Zur Information:
„Kleinrenten“: 400 … 699 €
DGB-Berechnungen auf der Basis von AVID ’05

Männer West 13 % (+ 5 %)
Männer Ost 29 % (+ 20 %)
Frauen West 39 % (+ 11 %)
Frauen Ost 44 % (+ 12 %)

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