Jens Berger
Jens Berger

Manche Kommentare lesen sich fast, als seien die Autoren enttäuscht darüber, dass es während “Putins WM” keine Zwischenfälle gegeben hat. Hatte man sich während der Spiele noch merklich zurückgehalten, schaltet man kurz nach der Übergabe des Pokals bereits wieder voll auf den altbekannten Feindmodus. Dabei hätte man während der ausgelassenen Wochen der WM doch eigentlich eine gute Gelegenheit gehabt, einmal in sich zu gehen und die eigenen Vorurteile kritisch zu reflektieren. Nichts davon ist geschehen. Im Gegenteil. Der WM-Kommentar des SPON-Sportchefs Daniel Raecke zeigt, dass Überheblichkeit, Eurozentrismus und Arroganz in den Redaktionsstuben wieder fröhlich‘ Urständ‘ feiern. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

“War es richtig, das größte Sportereignis der Welt nach Russland zu vergeben? Nein – denn es darf uns nicht egal sein, wohin Europas Gesellschaft sich entwickelt”. So leitet Raecke sein sportpolitisches Resümee ein, dessen Botschaft bereits im Titel “Russland, wo Demokratie die schönste Nebensache der Welt ist” gänzlich unsubtil mitschwingt. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Seit wann vergeben “wir” denn die Fußball-Weltmeisterschaft? Und seit wann ist die “Entwicklung von Europas Gesellschaft” bei der WM-Vergabe ein ernstzunehmendes Kriterium? Schauen wir uns die WM-Vergabe 2018 doch mal ein wenig genauer an.

Fußball-Weltmeisterschaften werden traditionell von einem Komitee hoher FIFA-Funktionäre vergeben. Dieses Gremium setzt sich vor allem aus Vertretern der Kontinentalverbände zusammen und bildet eine bunte Mischung aller politischen Systeme und Weltanschauungen, die es auf unserem Planeten gibt. Im Fifa-Exekutivkomitee, das die Weltmeisterschaften bis 2022 vergeben hat, befanden sich Funktionäre aus liberalen Demokratien wie Kanada, autoritären Demokratien wie Russland, Militärdiktaturen wie Ägypten, sozialistischen Staaten wie Kuba, dem Ein-Parteien-Staat China bis hin zur absolutistischen Golf-Monarchie Bahrain. Und selbst hier muss man noch darauf hinweisen, dass die Funktionäre meist keine wie auch immer legitimierten Vertreter ihrer Staaten, sondern Delegierte der jeweiligen Fußball-Verbände sind. Deutschland wurde bei den WM-Vergaben 2018 und 2022 von “Kaiser” Franz Beckenbauer vertreten – einem Mann, der weder für eine liberale Demokratie, noch für Menschenrechte, Transparenz oder sonst etwas steht, mit dem “wir” uns gerne schmücken.

Dass heute einige wenige westliche Staaten eine Kampagne gegen Russland fahren und die WM-Vergabe im Nachhinein gerne rückgängig gemacht hätten, mag in unserem eingeengten Horizont von Interesse sein. Aber denken Sie ernsthaft, dass derlei unsinnige Befindlichkeiten die Vertreter Vanuatus, der Cook-Inseln, Panamas, Burundis, Malaysias oder Madagaskars interessieren würden? All diese Staaten stellen über ihre nationalen Fußballverbände einen Vertreter im FIFA-Rat. Die “Probleme”, die SPON-Sportchef Raecke herauspickt, werden ja noch nicht einmal bei uns mehrheitlich so wahrgenommen. Oder kennen Sie Fußballfans, die sich ernsthaft Gedanken darüber machen, welches politische System ein WM-Gastgeberland hat? So wird die WM-Vergabe an Katar – vollkommen zu Recht – zwar hierzulande massiv kritisiert; aber eher weil es dort zu heiß ist, die Spiele also im Winter stattfinden müssen und das Land keine nennenswerte Fußballkultur vorweisen kann. Ob Katar nun eine liberale Demokratie oder eine absolutistische Monarchie ist, spielt da bestenfalls eine Nebenrolle.

Katar hat sich die WM ganz profan gekauft und auf der Payroll der Scheichs standen nicht nur die üblichen Verdächtigen aus Afrika und der Karibik, sondern auch die Vertreter der europäischen UEFA. Die damals zu kurz gekommenen USA kommen nun 2026 zusammen mit Mexiko und Kanada zum Zuge. Man darf gespannt sein, ob unsere versammelte Medienelite dann auch noch so interessiert an Völkerrecht und Menschenrechten ist. Gewählt wurde diesmal übrigens zum ersten Mal von allen FIFA-Mitgliedern – ein Verband, eine Stimme, wodurch der Einfluss der reichen und arroganten europäischen Verbände nachhaltig noch mehr geschwächt werden dürfte. Dass die Stimme von Amerikanisch-Samoa genau so viel zählt wie die Stimme des mächtigen DFB, ist freilich nach „unserem“ Verständnis ein Affront.

Schlussendlich ist es aber auch egal. Die Welt tanzt und sie tanzt auch dann, wenn “wir” die Nase rümpfen. Am Ende schädigen “wir” uns mit “unserer” Arroganz doch nur selbst. Während viele europäische Fußballfans durch die Kampagnen ihrer Medien verängstigt zu Hause blieben, feierten Asiaten, Afrikaner und Lateinamerikaner bunt und fröhlich in den Straßen Moskaus und St. Petersburgs. Auch wenn “wir” das nicht glauben wollen – die Party findet auch ohne “uns” statt und ein flüchtiger Blick auf die mehrheitlich chinesischen Sponsoren dieser WM zeigt auch, dass “wir” nicht einmal mehr als Zahlmeister wirklich gebraucht werden. Dumm gelaufen. Aber vielleicht feiert es sich ohnehin schöner ohne “uns” Miesepeter.

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