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Die vier Gesichter des Donald Trump: Trottel, Monster, Retter oder Realist?

Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, einzelne Politiker, Strategien der Meinungsmache, USA

Das Treffen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und seinem US-Pendant Donald Trump bietet Anlass, die unterschiedlichen Darstellungen und Wahrnehmungen der Person, des Politikers und des Medien-Charakters Donald Trump zu untersuchen. Auch wenn man angesichts des Verwirrspiels Trumps teils im Nebel stochert, so ist eines sicher: Die in den Medien dominierende Darstellung, Donald Trump sei ein einsamer Idiot, ist simpel und falsch. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Ende vergangener Woche haben in London über 200.000 Menschen gegen Donald Trump demonstriert – ich bin nicht sicher, ob ich teilgenommen hätte. Nicht, dass an der Politik und der Person Trumps nicht zahlreiche Dinge auszusetzen wären – aber: So selbstverständlich wie sich viele der Demonstranten auf ihre Ablehnung des stilisierten Medien-Charakters Donald Trump einigen können, so fragwürdig sind einige der von ihnen statt dessen präferierten Modelle. Teils wird nicht konkretisiert, was man sich „statt Trump“ für eine Politik der USA wünscht – teils werden ganz offen die aggressiven „Globalisten“ um die US-Demokratin Hillary Clinton umarmt. Ersteres ist ungenügend, Letzteres ist inakzeptabel.

Zudem ist unklar, wofür genau Trump steht: Seiner kriegerischen Rhetorik steht real eine teils eher entspannende Haltung gegenüber: Auf verbale und taktische Pseudo-Eskalationen sind nun mehrmals Kehrtwenden hin zu Entspannung (Nordkorea, Russland) oder begrenztem Rückzug (Syrien) gefolgt – im Falle Iran bleibt abzuwarten, ob Trump wieder diesem Muster folgen wird bzw. welche der beiden sich aktuell bekämpfenden Macht-Gruppen in den USA sich durchsetzen kann. Andererseits werfen die USA unter Trump so viele Bomben wie noch nie und eskalieren nochmals die Forderungen nach erhöhten Rüstungsetats. Die Signale sind also widersprüchlich und verwirrend. Sehr wahrscheinlich ist aber zumindest, dass Trumps scheinbar chaotische Amtsführung und seine angeblich einsam in der Nacht abgesetzten Tweets Teil einer wohlgeplanten und von einem großen Team umgesetzten Strategie sind.

Mit Trump-Kritik auf der „richtigen“ Seite

Vor allem die Innenpolitik des US-Präsidenten muss sehr kritisch betrachtet werden, da Trump hier seinen bösen Worten meist auch schlimme Taten wie die grausame Isolierung der Migrantenkinder, eine generelle Mobilisierung durch Rassismus oder riskante Finanz-Deregulierungen folgen lässt. Der wirtschaftsliberale Radikal-Kapitalist Trump ist darum keineswegs jener Retter der Arbeiterklasse, wie es seine Wahlkampagne suggeriert hat.

Insofern kann man sich leicht auf eine Ablehnung der Person und der Symbolik Trumps einlassen – schließlich befindet man sich damit auf jeden Fall auf der komfortablen, „richtigen“ Seite. Allerdings ist die angebotene Alternative inakzeptabel: Abschreckend ist bereits die aufreizend arrogante Haltung vieler Gegner Trumps sowie ihre teils merkwürdigen Koalitionen aus „liberalen“ und russen-feindlichen US-Kriegstreibern einerseits sowie „linken“ Subkulturen andererseits.

Man kann festhalten: Trump hat einen abstoßenden Politikstil eingeführt und innenpolitisch mindestens fragwürdig agiert. Aber auf der anderen Seite hat er einerseits überraschend viele seiner (teils auch positiven) Wahlkampf-Impulse versucht umzusetzen – dazu zählt auch die angestrebte und angefeindete Entspannung mit Russland. Andererseits sind viele dieser Versuche am immensen Widerstand der Wahlverlierer und des von ihnen eingesetzten tiefen Staates gescheitert oder gebremst worden. Ein Teil des anarchischen und groben Eindrucks von Trumps Handeln rührt auch her von erzwungenen Abwehrmaßnahmen gegen die offiziellen und verdeckten Angriffe gegen seine Politik.

Welche Macht-Gruppe steht hinter Trump?

Eben dieser unverblümte Einsatz etwa der Geheimdienste gegen Trump widerlegt die hiesige und internationale Medien-Darstellung, Trump sei ein einsamer und infantiler Trottel. Wäre er das, so hätte ihn die breite Koalition seiner Gegner aus Geheimdiensten, Medien, Militär und Silicon Valley mutmaßlich längst eingehegt. An Versuchen hat es nicht gemangelt, zum Teil ist es geglückt: Trump wurde als russische Handpuppe verleumdet, seine Regierungs-Mannschaft wurde von Generälen eingekreist und seine Mitarbeiter mit Prozessen und schmutzigen Tricks bekämpft. Aber scheinbar hat Trump mächtige Personen im Rücken – sonst wäre er nicht mehr im Amt.

Bei der Demo in London schwebte die riesige hämische Darstellung Trumps als böses Baby in Ballonform über den Menschen. Das ist ein gutes Sinnbild für die verkürzte und verharmlosende Sichtweise auf Trump, den man doch – wie alle US-Präsidenten – nicht als irren Einzeltäter, sondern als relativ machtlosen Repräsentanten „seiner“ Machtgruppe sehen muss. Bei der gängigen unbefriedigenden Trump-Analyse überlagert aber die Person die Gruppe – eine geglückte Ablenkung.

Mutmaßlich verfolgt Trump hinter den selbst verursachten Ablenkungen eine Agenda – da er als Einzelkämpfer nicht überleben würde, ist es nicht seine persönliche, sondern die mächtiger Förderer. Wer sind diese Unterstützer und was wollen sie wirklich? Ein Atomkrieg, wie in jüngerer Vergangenheit oft medial geunkt wurde, ist es wahrscheinlich nicht. Manche Beobachter vermuten das Gegenteil, oder stark vereinfacht ausgedrückt: Im Kreis der Trump-Unterstützer sind nach dieser Lesart einflussreiche Personen, die vom sehr teuren System der internationalen US-Basen nicht profitieren. In deren Auftrag zertrümmert Trump dieses System, um die dadurch freien Ressourcen neu einzusetzen – zum Leidwesen der auch deutschen Clinton-Unterstützer, die das internationale Basen-System notfalls durch Kriege noch ausbauen wollten. Durch diese Haltung würde Trump noch lange nicht zum Pazifisten und auch nicht zum freundlichen Partner der Europäer.

Parallel-Welten in den USA

So wie es mehrere öffentliche Charaktere Trumps gibt, so existieren auch in den Vereinigten Staaten Parallelwelten: Neben den Trump-Unterstützern ist da vor allem die von Hillary Clinton repräsentierte Gruppe der „Globalisten“. Sie benötigen für ihr Konzept von internationaler US-Dominanz das System der US-Militärbasen. Sie kontrollieren weite Teile des tiefen Staates und nahezu alle großen Medien. Sie haben ihre Niederlage noch nicht verwunden. Auf diese Gruppe beziehen sich deutsche Transatlantiker, wenn sie von den “guten” USA sprechen. Diese Gruppe ist in Deutschland noch immer einflussreich.

Deutsche Transatlantiker geraten durch Trump jedoch in eine Zwickmühle: Trump zieht den Phrasen von den USA als gutmeinender Friedensmacht das propagandistische Fundament weg. Think-Tanks, Politiker und Journalisten müssen aktuell Trump kritisieren, wollen aber gleichzeitig die NATO erhalten, was in einem wenig überzeugenden medialen Eiertanz mündet. Dass US-Demokraten und deutsche Transatlantiker Trump dabei als kriegstreiberisches Monster darstellen, ist Heuchelei. Dass diese Heuchelei nicht thematisiert wird, ist ein weiteres Beispiel für die Gleichförmigkeit unserer Medienlandschaft.

Trump ist außenpolitisch bisher(!) eher ein Schaf im Wolfspelz, auf die extreme Kriegsrhetorik folgten bislang wie gesagt „nur“ symbolische, militärisch irrelevante Angriffe wie jene beiden Raketenattacken auf Syrien. Jenseits einer auch dem Druck „liberaler“ Medien geschuldeten kriegerischen Rhetorik ist Trumps Außenpolitik in ihrer Wirkung(!) – nicht in ihrer Erscheinung – mutmaßlich weniger aggressiv als die unter Obama oder Bush. Es ist ein Zeichen der Zeit: Verletzungen des Stils werden übler genommen als große Kriege. Lob kommt von den „Liberalen“ erst, wenn Bomben fallen. Auch viele deutsche Pseudolinke würden einer sanft sprechenden, aber Krieg führenden Hillary Clinton einem polternden, aber (angeblich!) die US-Kriegsmaschine zurückziehenden Donald Trump den Vorzug geben. Nach dieser Sicht wiegen blutige Feldzüge weniger schwer als ein paar Twitter-Peinlichkeiten.

Das Ende der NATO?

Manche sehen hinter Donald Trumps Entertainment-Maschine also eher einen kühlen Realisten, der die neue multipolare Welt akzeptiert hat. In der Gewissheit, dass sich das amerikanische Imperium überlebt habe, betreibe er zielstrebig dessen Rückbau – etwa durch die Demontage alter Bündnisse, die mit den hohen Kosten einer Militärpräsenz verbunden sind, wie in Deutschland. Kostenminimierung und damit die Aufgabe von Militärbasen sei das Gebot der Stunde. All die Tweets und Drohungen und das ganze kriegerische Gebaren Trumps sei nur der Theaterdonner, der einen (angeblichen!) realen Rückzug aus Kostengründen überdecken solle.

Alle in diesem Text geschilderten Theorien zur US-Außenpolitik stochern im Nebel und können nicht als gesichert oder belegt bezeichnet werden. Bei allen Unwägbarkeiten in der Beurteilung von Trumps „realen Motiven“ scheint eines aber offensichtlich: Trump treibt die EU mit vielem, was er tut, in die Arme der Russen und Chinesen. Es ist schwer zu glauben, dass das konzeptlos und „aus Versehen“ geschieht. Aller kriegerischer Rhetorik von den zu erhöhenden Rüstungs-Etats zum Trotz erlaubt er Europa damit erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Gedankenspiele, die eine Abschaffung der NATO beinhalten. In unseren Medien wird die „Drohung“ Trumps, die US-Truppen aus Europa abzuziehen und damit die NATO zu begraben, als großes Unheil dargestellt. Tatsächlich wäre das aber Vorbedingung jeder europäischen Selbstbestimmung. Insofern ist die unerhörte Ankündigung Trumps real eine große Chance. Ob sie ergriffen wird, und wenn ja, wie sie umgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Diese Fragen müssten aber jetzt diskutiert werden: Die Zeit drängt – in Helsinki werden dieser Tage wichtige Weichen gestellt.

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