Der Fall Hammarskjöld (1/3)
Der Fall Hammarskjöld (1/3)

Der Fall Hammarskjöld (1/3)

Ein Artikel von: Redaktion

Am letzten Januarwochenende hatte beim Sundance Film Festival der Dokumentarfilm “Cold Case Hammarskjöld” von Mads Brügger und Andreas Rocksen Premiere. Die beiden Filmemacher recherchierten über den mysteriösen Flugzeugabsturz, bei dem der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld 1961 in Afrika ums Leben kam. Dabei stießen sie auf sensationelle Informationen, bei denen die geheime Miliz SAIMR eine wichtige Rolle spielt. Ihre Blutspur zieht sich durch den ganzen afrikanischen Kontinent. Der britische Guardian berichtet in mehreren Artikeln darüber, die wir hier in deutscher Übersetzung von Josefa Zimmermann wiedergeben.

Veteran der Royal Air Force gibt zu, 1961 den UNO-Generalsekretär getötet zu haben

Dokumentarfilm „Cold Case Hammarskjöld“ wirft ein neues Licht auf den mysteriösen Flugzeugabsturz, bei dem Dag Hammarskjöld zu Tode kam.

„Manchmal musst du Dinge tun, die du nicht tun willst.“ Es gibt neue Beweise, die einen Royal-Air-Force-Veteranen (RAF) mit dem Tod des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz 1961 im südlichen Afrika in Verbindung bringen.

Jan van Risseghem wurde bereits früher als möglicher Täter genannt, es hieß aber, er sei ein belgischer Pilot. Der Observer hat nun aufgedeckt, dass er enge Beziehungen zu Großbritannien hatte, zum Beispiel hatte er eine britische Mutter und eine britische Ehefrau, wurde bei der RAF ausgebildet und von Großbritannien für seinen Dienst im Zweiten Weltkrieg ausgezeichnet.

Filmemacher, die im Rahmen der Produktion des Dokumentarfilmes „Cold Case Hammarskjöld“ über den Absturz von 1961 recherchierten, kamen mit einem Freund von van Risseghem in Kontakt, der behauptete, der Pilot habe gestanden, das UN-Flugzeug abgeschossen zu haben. Auch ein anderer Zeuge bestätigt dies, ein Pilot, der eines der Alibis seines Kollegen in Frage stellte.

Van Risseghem, dessen Vater Belgier war, flüchtete zu Beginn des Krieges aus dem besetzten Europa, um sich dem Widerstand in England anzuschließen. Er trainierte bei der RAF und flog Missionen über den von Nazis besetzten Gebieten. Während dieser Zeit traf er seine britische Frau und heiratete sie. Die Ehe hielt ein Leben lang.

Am Ende des Krieges kehrte das Ehepaar nach Belgien zurück. Doch 1961 war van Risseghem im Kongo und flog Einsätze für separatistische Rebellen, die die Unabhängigkeit der abtrünnigen Provinz Katanga erklärt hatten. Dort, so die Dokumentation, wurde ihm befohlen, das Flugzeug abzuschießen, in dem sich Hammarskjöld befand, der nachts auf geheimer Mission als Vermittler bei Friedensverhandlungen unterwegs war. Die Premiere des Films findet beim diesjährigen Sundance Film Festival statt.

Zum Zeitpunkt des Ünglücks war nicht klar, ob der Absturz, bei dem alle 15 Personen, die mit dem Generalsekretär an Bord waren, getötet wurden, ein Sabotageakt oder ein tragischer Unfall war. Mehr als ein halbes Jahrhundert später untersuchen die Vereinten Nationen immer noch, was am 18. September 1961 geschehen war. Als jedoch die Nachricht von Hammarskjölds Tod erschien, war der RAF-Veteran unter den Verdächtigen. Er wurde vom US-amerikanischen Botschafter im Kongo als möglicher Täter benannt und zwar direkt an Hammarskjölds Todestag in einem geheimen Telegramm, das erst kürzlich freigegeben wurde.

Van Risseghem schien Jahrzehnte lang einen Beweis dafür zu besitzen, dass er in Hammarskjölds Todesnacht nicht in der Region geflogen war. Die Maschine mit Hammarskjöld an Bord, die Albertina, stürzte außerhalb von Ndola in Sambia, damals Nord-Rhodesien, ab.

Die Flugprotokolle – genaue Aufzeichnungen darüber, wo und wann er flog – scheinen zu zeigen, dass van Risseghem den größten Teil des Monats nicht geflogen war und erst am 20. September wieder in Dienst gestellt wurde. Roger Bracco, ein anderer Söldner, der für Katanga flog, sagte den Filmemachern jedoch, dass die Logbücher seines Kollegen voller offensichtlicher Fälschungen waren.

Er glaubte nicht, dass van Risseghem Hammarskjöld abgeschossen hatte. Als er in einem Interview in dem Film gefragt wird, ob er das Logbuch für eine Fälschung halte, antwortet er: „Das würde ich so nicht sagen, aber… ich habe nicht erkannt, welche Story da drinsteckt.“ Nachdem er das Logbuch durchgeblättert hatte, warf er van Risseghem direkt vor, es gefälscht zu haben. “Das ist eine Fälschung”, sagt Bracco unverblümt über ein Flugziel und fügt hinzu, dass manche Namen auf der Liste der Kopiloten falsch sind.

Ein Freund meldete sich ebenfalls und behauptete, dass van Risseghem ihm weniger als ein Jahrzehnt nach Hammarskjölds Tod gesagt hätte, er habe das Flugzeug abgeschossen. Pierre Coppens lernte van Risseghem 1965 kennen, als er für ein Fallschirm-Trainingszentrum in Belgien flog. In mehreren Gesprächen behauptete er, der Pilot habe detailliert beschrieben, wie er verschiedene technische Herausforderungen überwinden musste, um das Flugzeug abzuschießen. Er habe aber nicht gewusst, wer sich darin befand.

„Er wusste es nicht”, sagte Coppens, “Er sagte: ‘Ich führte eine Mission durch.’ Und das war alles. Dann musste ich zurückgehen, um mein Leben zu retten.“

Van Risseghem starb im Jahr 2007. Überlebende Angehörige, darunter auch seine Witwe und seine Nichte, geben an, dass er nicht an irgendwelchen Angriffen beteiligt war. Seine Witwe erzählte dem Observer, dass er in Rhodesien über den Kauf eines Flugzeugs für kongolesische Rebellen verhandelte, und die Logbücher beweisen, dass er zu dieser Zeit nicht für Katanga flog.

Van Risseghem wurde nie direkt von den Behörden oder von Journalisten über Hammarskjölds Tod befragt. Es ist jedoch klar, dass er die Nachrichten genau verfolgte. In einem Interview mit dem Flughistoriker Leif Hellström aus den 1990er Jahren kommt er wiederholt auf den Absturz und die Details der offiziellen Untersuchung zu sprechen. Er betont, dass er sich zu der Zeit nicht im südlichen Afrika befand, und bezeichnet die Idee eines Angriffs auf das Flugzeug als „Märchen“.

von Emma Graham-Madison, Andreas Rocksen und Mads Brügger

Titelbild: Conny Odengrund/Wikimedia/CC BY-SA 3.0

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