„Die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realität ist gigantisch“
„Die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realität ist gigantisch“

„Die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realität ist gigantisch“

Ein Artikel von: Redaktion

Angst, Macht, Demokratie und Herrschaft: Das sind vier zentrale Begriffe, mit denen sich Rainer Mausfeld als kritischer Beobachter unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Um diese Begriffe geht es auch in dem folgenden Interview, das die NachDenkSeiten mit dem emeritierten Professor der Psychologie geführt haben. Mausfeld verdeutlicht, wie sehr Angst als Mittel der Machtausübung in unserem politischen System eine Rolle spielt und wie eine hochgradig destruktive Ideologie – die des „unternehmerischen Selbst“ – unser gesamtes gesellschaftliches Denken bestimmt. Von Marcus Klöckner.

Lesetipp: Rainer Mausfeld: Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien. Westend Verlag. Frankfurt am Main. Juli 2019. 128 Seiten. 14 Euro.

Herr Mausfeld, Sie verknüpfen in Ihrer Arbeit die Begriffe „Angst“ und „Macht“ und schlagen dann den Bogen zur politischen Herrschaft. Wie passt diese Verknüpfung zu einem demokratischen System?

Eigentlich gar nicht. Demokratie geht nämlich nicht nur mit einem Versprechen einer gesellschaftlichen Selbstbestimmung einher, sondern auch mit einem Versprechen einer größtmöglichen Freiheit von gesellschaftlicher Angst. Demokratie bedeutet also den Verzicht auf eine der wirksamsten Herrschaftstechniken überhaupt: der systematischen Erzeugung gesellschaftlicher Angst. Wenn die Machtausübenden hingegen systematisch Ängste erzeugen, blockieren sie eine angemessene gesellschaftliche Urteilsbildung und lähmen die Entschluss- und Handlungsbereitschaft. Durch eine systematische Erzeugung von Ängsten wird der Demokratie die Grundlage entzogen. Demokratie und Herrschaftstechniken der Angsterzeugung sind miteinander unverträglich.

Bevor wir näher darauf eingehen: Was ist Angst aus psychologischer Sicht?

Angst gehört im Spektrum unserer Emotionen zu den ganz grundlegenden Gefühlszuständen. Sie ist eine Bedrohung oder Erschütterung des gesamten Selbst, das heißt, sie umfasst das psychische Erleben ebenso wie den Leib. Da Angst als hochgradig unangenehm erlebt wird, löst sie körperliche und psychische Aktivität zu ihrer Bewältigung aus. Wenn nun aber die äußere angstauslösende Situation so beschaffen ist, dass eine Angstlinderung nicht mehr gelingen kann, bleibt die Angst in der Person gefangen – sie wird zu etwas, das in der Psychologie als neurotische Angst oder Binnenangst bezeichnet wird. Sie kreist gleichsam in der Person, zehrt deren psychische Energien auf, führt zu unangemessenen, neurotischen Bewältigungsversuchen, lähmt die Person, macht sie apathisch und depressiv.

Der renommierte Politologe Franz Neumann, einer der Begründer der Politologie, sah eine zentrale Herrschaftstechnik darin, dass die Machtausübenden versuchen, Realangst in Binnenangst umzuwandeln, um so gesellschaftlichen Widerstand zu paralysieren.

Und Macht?

Das Streben nach Macht gehört zu den grundlegenden Begierden des Menschen. In einer sozialen Gemeinschaft ist Macht mit vielen Vorteilen verbunden, denn sie bedeutet, dass jemand seine Interessen gegen andere durchsetzen kann und andere dem eigenen Willen unterwerfen kann. Leider gehört zu den zentralen Eigenschaften der Beschaffenheit unseres Geistes, dass das menschliche Streben nach Macht nicht – wie bei allen anderen Lebewesen – selbstlimitierend ist, sondern grenzenlos. Das bringt gewaltige Probleme mit sich, die sich nur durch geeignete zivilisatorische Schutzbalken bewältigen lassen. Um diese Schutzbalken geht es gerade in der Leitidee von Demokratie.

Für Wissenschaften, die sich mit dem politisch-gesellschaftlichen Bereich beschäftigen, ist das Konzept der Macht ein Fundamentalbegriff – in gleicher Weise wie das Konzept der Energie für die Physik. Macht ist also das zentrale Konzept der Politikwissenschaften. Und die zivilisatorische Aufgabe, die wir zu leisten haben, liegt gerade darin, Schutzbalken gegen die unersättliche Gier nach Macht und gegen Exzesse der Macht zu errichten.

Nun leben wir in einer Demokratie. Alle Macht liegt bekanntlich beim „Volk“.

Beides sind Bekundungen, die man sehr sorgfältig mit der Realität konfrontieren muss. Dass alle Macht vom Volke ausgeht, ist zunächst nicht mehr als eine rhetorische Formel, die dem Volk die Illusion einer gesellschaftlichen Selbstbestimmung geben soll. Aber in der Tat besteht die Leitidee von Demokratie gerade darin, Macht zu vergesellschaften und sie damit in gewisser Weise aufzuheben beziehungsweise durch geeignete Prozeduren gesellschaftlich einzuhegen. Demokratie bedeutet also, dass jede Form gesellschaftlicher Macht einer demokratischen Legitimation bedarf. Alle Machtstrukturen haben ihre Existenzberechtigung nachzuweisen und sich der Öffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen, sonst sind sie illegitim und somit zu beseitigen.

Die Sache ist also doch etwas komplexer?

Die Kluft zwischen demokratischer Rhetorik und kapitalistischer Realität ist gigantisch. Da die jeweiligen ökonomischen Zentren der Macht naturgemäß kein wirkliches Interesse an einer demokratischen Gesellschaftsform haben, ist die Errichtung einer kapitalistischen Demokratie seit ihren Anfängen darauf angewiesen, die unaufhebbaren Widersprüche zwischen Kapitalismus und Demokratie durch eine geeignete Manipulation der öffentlichen Meinung zu verdecken. Die Errichtung einer kapitalistischen Demokratie und die systematische Entwicklung von Methoden der Steuerung der öffentlichen Meinung gehen historisch also Hand in Hand. Der Siegeszug der Demokratie im vergangenen Jahrhundert wurde nur möglich durch Entwicklung geeigneter Techniken zur Manipulation des öffentlichen Bewusstseins.

Mit der neoliberalen Revolution von oben und der sogenannten Globalisierung, die de facto eine Form des Neokolonialismus der ökonomisch stärksten Nationen ist, haben sich heute die tatsächlichen Zentren der Macht nahezu vollständig gegen eine demokratische Kontrolle und Rechenschaftspflicht abgeschottet. Folglich bedarf es stetig wirksamerer Indoktrinationstechniken, um die Kluft zwischen Rhetorik und Realität zu verdecken.

Was heißt das?

Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurden Manipulationstechniken mit einem gigantischen Aufwand systematisch entwickelt und führten zu einem geradezu explosionsartigen Wachstum von Sozialwissenschaften und Psychologie. Seitdem werden die auf diesem Wege entwickelten Techniken eines Demokratiemanangements in einer Weise fortentwickelt und verfeinert, von der sich die Öffentlichkeit heute kaum noch ein angemessenes Bild machen kann. Vielleicht hilft hierbei ein Vergleich mit der Entwicklung der Unterhaltungsindustrie. Hier lässt sich sehr konkret und sinnlich deutlich machen, wie umfassend und tiefgreifend sich in den letzten hundert Jahren die Möglichkeiten der Unterhaltungsindustrie entwickelt haben. In einer vergleichbaren Größenordnung haben sich in demselben Zeitraum die Techniken zur Manipulation des öffentlichen Bewusstseins entwickelt, nur dass diese Entwicklungen weniger greifbar und augenfällig sind und daher im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht präsent sind. Die gewaltigen Fortschritte derartiger Techniken lassen sich daran ermessen, dass es gelungen ist, den weitverbreiteten Eindruck zu erzeugen, dass wir heute in einer Gesellschaften leben, die weitgehend frei von Propaganda und Indoktrination ist. Das ist sicherlich einer der spektakulärsten Erfolge dieser in vielen Jahrzehnten unter gigantischem finanziellen Aufwand betriebenen Bemühungen um die Entwicklung nahezu unsichtbarer Techniken eines Demokratiemanagements.

Und bei der Herrschaftsausübung kommt der Faktor Angst ins Spiel?

Traditionelle Formen eines Demokratiemanagements fokussierten vor allem auf den Aspekt eines Meinungsmanagements. Da jedoch die Erzeugung von Angst eine der wirkungsvollsten Herrschaftstechniken darstellt, wollen auch in kapitalistischen Demokratien die Machtausübenden nur ungern darauf verzichten. Zumal sich eine systematische Erzeugung von gesellschaftlicher Angst mit zumeist recht einfachen Methoden erreichen lässt und eine sehr viel durchschlagendere Wirkung auf das öffentliche Bewusstsein hat als eine bloße Meinungsmanipulation. Je stärker in kapitalistischen Demokratien autoritäre Tendenzen wieder in den Vordergrund treten, umso wichtiger werden Techniken der systematischen Erzeugung von Angst gegenüber traditionellen Techniken eines Meinungsmanagements.

Was meinen Sie mit „Meinungs- und Demokratiemanagement“?

Alle Techniken, durch die sich gesellschaftliche Einstellungen und Meinungen so beeinflussen lassen, dass die Mehrheit der Bevölkerung bei Wahlen so will, wie sie wollen soll. Das entsprechende Arsenal ist in vielen Jahrzehnten systematisch erprobt und verfeinert worden und in den meisten Fällen kaum noch als Manipulation und Propaganda erkennbar. Dieses Arsenal bildet die Grundlage für den Operationsmodus der Leitmedien. Wie dies im Einzelnen funktioniert, lässt sich, einen ideologisch halbwegs nüchternen Blick vorausgesetzt, täglich in der Tagespresse oder in der Tagesschau studieren; jedenfalls gibt es eigentlich keinen Mangel an erhellendem Seminarmaterial für die Ausbildung von Qualitätsjournalisten an Journalistenschulen.

Könnten Sie die grundlegende Vorgehensweise einer Angsterzeugung an einem Beispiel skizzieren? Wie wird Angst zur Herrschaftstechnik?

Gesellschaftliche Ängste lassen sich auf vielfältige Weise erzeugen. Sie lassen sich auf strukturellem Wege erzeugen, etwa durch eine bestimmte Rechts- und Eigentumsordnung, bei der die Überlebensgrundlage der Nichtbesitzenden vom erfolgreichen Verkauf der eigenen Arbeitskraft an die Besitzenden abhängt. Der Zwang zur Lohnarbeit stellt also einen wesentlichen strukturellen Faktor der Erzeugung gesellschaftlicher Angst dar. Strukturelle Formen der Angsterzeugung sind besonders wirksam, weil es hier keine sichtbaren Täter mehr gibt.

Ein direkterer Weg zur Erzeugung gesellschaftlicher Ängste besteht in der systematischen Verwendung einer Angstrhetorik. In der Regel erfolgt dies durch einen von oben verordneten Kampf gegen ‚das Böse‘, also gegen etwas, das als bedrohlicher Feind deklariert wird und das daher entschlossen zu bekämpfen sei. Dieses Etwas kann so ziemlich alles sein, was sich irgendwie wirksam zur Angsterzeugung nutzen lässt. Prominente gegenwärtige Beispiele sind der Kampf gegen Fake News und gegen – natürlich russische – Desinformation; die besten Satiren schreibt eben die Wirklichkeit selbst.

Das folgenschwerste Beispiel ist der verordnete Kampf gegen den Terror. Bei diesem Kampf geht es um alles Mögliche, nur nicht um einen Kampf gegen den Terror. Er dient der Verschleierung imperialer Interessen, einer gigantischen Umverteilung öffentlicher Mittel in die Kriegs- und Sicherheitsindustrie, dem Abbau historisch mühsam erkämpfter demokratischer Errungenschaften und der Etablierung eines Sicherheits- und Überwachungsstaates. Dieser Kampf ist also, wie in allen Fällen, in denen durch einen von oben verordneten Kampf Ängste geschürt werden, heuchlerisch. Denn Terror ließe sich am besten bekämpfen, wenn die, die diesen Kampf gegen den Terror verordnen, selbst auf ihn verzichten würden.

Der heuchlerische Charakter dieser verordneten Kämpfe gegen vorgebliche Bedrohungen lässt sich auch daran erkennen, dass diese Kämpfe gar nicht erfolgreich sein dürfen, weil ihr Erfolg für die ökonomischen und politischen Zentren der Macht gerade darin liegt, nicht erfolgreich zu sein, damit die Bedrohungen als Mittel der Angsterzeugung erhalten bleiben.

Und weiter?

Da offensichtlich in kapitalistischen Demokratien eine systematische Erzeugung von Angst eine zentrale Herrschaftstechnik darstellt, kann es sich bei ‚kapitalistischen Demokratien‘ nicht um das handeln, was man im Gefolge der Aufklärung unter Demokratie versteht. Damit meine ich: Eine Gesellschaftsform, die darauf zielt, jede Form von Macht demokratisch einzuhegen und dadurch eine größtmögliche Freiheit von gesellschaftlicher Angst zu garantieren.

Wenn also in unseren Gesellschaftsformen Herrschaftstechniken der Angsterzeugung verwendet werden, so zeigt dies, dass es sich hier nicht um Gesellschaftsformen handeln kann, wie sie mit der Leitidee von Demokratie verbunden ist. Ein näherer Blick zeigt denn auch, dass in kapitalistischen Demokratien zentrale Bereiche der Gesellschaft von einer demokratischen Kontrolle ausgeschlossen sind. Demokratie bedeutet ja insbesondere, dass jeder Bürger einen angemessenen Anteil an allen Entscheidungen hat, die das eigene gesellschaftliche Leben betreffen. Diese demokratische Grundbedingung lässt sich jedoch nicht realisieren, wenn Kernbereiche einer Gesellschaft, insbesondere die Wirtschaft, autoritär organisiert sind und keiner demokratischen Kontrolle und keiner gesellschaftlichen Rechenschaftspflicht unterliegen. Dies macht noch einmal deutlich, dass das Konzept einer kapitalistischen Demokratie ein Widerspruch in sich ist, da, wie vielfach in der Fachliteratur aufgezeigt wurde, Demokratie und Industrie- und Finanzkapitalismus aus grundsätzlichen Gründen nicht miteinander verträglich sind. In den neoliberalen Formen des Finanz- und Konzernkapitalismus tritt dies besonders hervor, da hier alle Bereiche der Gesellschaft in autoritärer Weise global entgrenzten ökonomischen Machtstrukturen unterworfen werden.

Sie haben sich viele Gedanken über den Neoliberalismus gemacht und sprechen davon, dass diese Ideologie „systematisch“ Angst in unserer Gesellschaft erzeugt. Wie meinen Sie das?

Die neoliberale Ideologie hat ja historisch viele Wurzeln. Was diese Stränge gemeinsam haben, ist ihre anti-demokratische Haltung. Bei Friedrich Hayek hat diese radikal anti-demokratische Haltung wohl ihren explizitesten Ausdruck gefunden. Da der Neoliberalismus, hinter der Ideologie vom ‚freien Markt‘, vor allem ein Umverteilungsprojekt von unten nach oben ist, überrascht es nicht, dass er grundsätzlich unfähig ist, sich durch Wahlen eine demokratische Legitimation zu verschaffen. Er kann seine Herrschaft nur durch Abbau demokratischer Substanz und die institutionelle und rechtliche Einfügung autoritärer Elemente sichern. Da die Kluft zwischen gesellschaftlicher Realität und demokratischer Rhetorik mittlerweile so groß ist, dass sie zunehmend größeren Teilen der Bevölkerung nicht mehr verborgen bleibt, reichen traditionelle Techniken der Meinungsmanipulation nicht mehr, um die Illusion einer Demokratie aufrechtzuerhalten. Daher hat die systematische Erzeugung von Angst als Mittel zur Stabilisierung von Herrschaft im Neoliberalismus als einer Extremform des Kapitalismus wieder eine ganz zentrale Bedeutung gewonnen. Zugleich wurden im Rahmen der neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft gerade diejenigen gesellschaftlichen Instanzen systematisch geschwächt oder zerstört, die über ein Stiften von Solidargemeinschaft angstreduzierend wirken. Ohne eine systematische Angsterzeugung wäre das neoliberale Projekt nicht durchsetzbar.

Haben Sie Beispiele?

Das prototypische Beispiel neoliberaler Angsterzeugung ist die im Zuge neoliberaler Transformationsprozesse gezielt und planvoll betriebene Prekarisierung von Lohnarbeit.

Gezielt und planvoll?

Prekarisierung ist eine Form gesellschaftlicher Desintegration. Gesellschaftliche Desintegration war und ist eine zentrale Herrschaftstechnik. Unsichere und instabile Beschäftigungsverhältnisse vermindern oder zerstören die kollektive Handlungsfähigkeit und die Organisationsmacht der Beschäftigten und fördern eine soziale Atomisierung. Genau diese Wirkungen sind intendiert, weil sie massiv die Kräfteverhältnisse zu Gunsten der Kapitalbesitzenden verschieben. Prekarisierung ist also nicht einfach ein bedauerlicher Nebeneffekt neoliberaler Transformationsprozesse, sondern eine Herrschaftstechnik und ein Disziplinierungsinstrument. Angsterzeugung durch eine materielle Gefährdung existentieller Lebensgrundlagen ist sicherlich die wirksamste Form einer Herrschaftstechnik. Die dadurch bedingten Unsicherheiten der eigenen Lebensplanung und die permanente soziale Abstiegsbedrohung schließen immer größere Teile der Bevölkerung von einer politisch-gesellschaftlichen Partizipation aus und führen somit zu der gewünschten Entleerung des politischen Raumes. Auch lassen sich diese Ängste nutzen, um gesellschaftliche Veränderungsenergien auf Ablenkziele zu richten. Die Prekarisierung von Lohnarbeit als solche schafft also bereits materielle Lebensbedingungen, die angsterzeugend wirken. Diese Form der Angsterzeugung wird nun auf ideologischem Wege noch einmal verstärkt und abgesichert.

Was bedeutet das? Wie lassen sich die durch unsichere Arbeitsverhältnisse erzeugten Ängste ideologisch verstärken?

Die neoliberale Ideologie enthält zwei Kernkomponenten, die in massiver Weise gesellschaftliche Ängste fördern. Die erste Komponente, die sich als neoliberale Epistemologie bezeichnen lässt, wurde von Friedrich Hayek sehr klar formuliert. Dabei geht es letztlich darum, ob es eine Basis eines Verstehens gesellschaftlicher Vorgänge gibt, auf deren Grundlage wir Gesellschaft gestalten können. Hayek war der Auffassung, dass sich die Komplexitäten einer Gesellschaft grundsätzlich den Möglichkeiten einer menschlichen Rationalität entzögen. Damit seien auch alle Versuche zum Scheitern verurteilt, gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Der Markt sei der einzige Mechanismus, der in allumfassender und rationaler Weise Informationen integriere und auf diese Weise gesellschaftliche Verhältnisse gestalten könne. Die einzige Form einer zulässigen Steuerung sei es, Hindernisse für ein freies Wirken des Marktes zu beseitigen. Gesellschaftliche Gestaltungsversuche, die durch Gemeinschaftssinn und Solidarität geleitet sind, beruhen nach Hayek auf Irrationalitäten und gefährdeten daher das rationale Wirken des ‚freien Marktes‘.

Anders gesagt: Der Mensch kann die Welt, in der er lebt, nicht gestalten, meint Hayek?

Ja, eine solche Auffassung stellt eine Art Markttheologie dar, die dem Menschen grundsätzlich die Befähigung abspricht, gesellschaftliche Vorgänge verstehen zu können und sie auf der Basis einer gesellschaftlichen Willensbildung gestalten zu können. Dieser Glaube an den Markt behauptet, dass die Wirkkräfte, die unser gesellschaftliches Leben bestimmen, grundsätzlich einer demokratischen Willensbildung entzogen seien. Die Möglichkeiten unserer gesellschaftlichen Lebensplanung und einer gesellschaftlichen Sicherung von menschenwürdigen Lebensbedingungen würden allein durch die naturgesetzlichen Regeln des Marktes bestimmt, denen wir uns zu unterwerfen hätten. Eine solche Ideologie, die unser gesellschaftliches Leben grundsätzlich einer Verstehbarkeit und Gestaltbarkeit entzieht, dient dazu, Abhängigkeits- und Ohnmachtsgefühle in uns auszulösen, also individuell wie kollektiv Angstgefühle auszulösen.

Sie haben angeführt, dass es zwei Komponenten der neoliberalen Ideologie gibt, die Ängste fördern. Warum bedarf es überhaupt einer zweiten Komponente, wenn doch bereits die Markttheologie in der Lage ist, die für Herrschaftszwecke benötigten Angstgefühle auszulösen? Und wie sieht diese zweite Komponente aus?

Die Ideologie der Unverstehbarkeit und der Nicht-Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Vorgänge löst Ängste aus, die Resignation und politische Apathie fördern. Der Neoliberalismus zielt jedoch auf mehr. Er möchte die Menschen zu seinen Komplizen machen. Er möchte also erreichen, dass Menschen aktiv zu seiner Stabilität beitragen, zu aktiven Trägern der neoliberalen Ideologie werden und zu ihrer Verbreitung und Festigung beitragen.

Wie lässt sich dies am besten erreichen?

Das neoliberale Projekt hat zum Ziel, alle Bereiche einer Gesellschaft ökonomischen Kriterien von Konkurrenz und Profit zu unterwerfen, also auch diejenigen Bereiche, die zuvor vor einer kapitalistischen Verwertungslogik geschützt waren. Dazu gehören Schulen und das gesamte Ausbildungswesen, das Gesundheitswesen oder die gesellschaftliche Gestaltung des Umgangs mit Gemeingütern. Der Neoliberalismus treibt die Ausdehnung kapitalistischer Verwertungslogik nun zu ihrem Extrempunkt, indem er auch das Individuum selbst einer kapitalistischen Verwertungslogik unterwirft. Er sucht gleichsam einen neuen Menschen zu schaffen, der sich in idealer Weise in die behaupteten Naturgesetzlichkeiten des freien Marktes einfügt.

Was ist das dann für ein Mensch?

Dieser Idealtyp des neoliberalen Menschen wird als „neoliberales Selbst“ oder „unternehmerisches Selbst“ bezeichnet.

Was meinen Sie damit?

In der Ideologie des unternehmerischen Selbst stellen alle sozialen Beziehungen vorrangig Konkurrenzverhältnisse dar. Jeder sei als „Humankapital“ eine Art „Ich-AG“ und müsse sich somit als Unternehmer seiner selbst Kriterien einer Profitmaximierung unterwerfen. Das erfordert, durch unermüdliche Anstrengungen die nötigen Anpassungsleistungen erbringen, um auf dem Markt erfolgreich zu sein. Wer dabei versage, seine Fremdverwertbarkeit für den Markt zu optimieren, müsse sich sein Scheitern selbst zuschreiben. Wer also nach Gehalt und sozialem Status erfolgreich sei, habe diesen Erfolg auch verdient, weil er ja eine erfolgreiche Marktanpassung geleistet habe. Wer nicht erfolgreich sei und zu den gesellschaftlichen Verlierern gehöre, sei zu Recht gescheitert. Denn nur der freie Markt könne, so Hayek, Gerechtigkeit verkörpern. Menschliche Gerechtigkeitsvorstellungen stellten nur Irrationalitäten dar und seien somit als potentielle Marktstörungen anzusehen.

Eine solche Ideologie erzeugt in massiver Weise Ängste vor einem Leistungsversagen. Zumal die für einen Erfolg zu erbringende Leistung durch die Ideologie der rationalen Unverstehbarkeit des Wirkens des Marktes die eigene berufliche Planbarkeit eng begrenzen. Nur wer sich selbst zu einer „flexiblen Persönlichkeit“ umgestaltet und geschmeidig Fremdzwänge in Eigenzwänge umzudeuten versteht, könne unter Konkurrenzbedingungen erfolgreich sein.

Die Ideologie des unternehmerischen Selbst ist ein ebenso wirksamer wie perfider Trick, gesellschaftliche Antagonismen gleichsam nach innen zu verlagern und damit paradoxerweise Selbstausbeutung als höchste Form der Freiheit erscheinen zu lassen. Eine solche Entleerung und Transformation des Selbst zu einem „flexiblen Selbst“ muss zwangsläufig gravierende psychische Beeinträchtigungen mit sich bringen, wie sie sich nicht zuletzt in dem starken Anwachsen von Angststörungen und schweren depressiven Störungen zeigen.

Ein großes Problem scheint zu sein, dass die vorherrschende Ideologie so tief in unser Denken eingeschliffen ist, dass kaum noch ein Denken „outside of the box“ möglich ist, oder?

Die neoliberale Ideologie ist ja sehr viel mehr als nur eine ökonomische Konzeption. Als ökonomische Konzeption beruht sie auf Absurditäten und ist voller Inkohärenzen, so dass sie sich in ihren konkreten Praktiken nach jeder der durch sie hervorgerufenen Krisen gleichsam neu erfinden muss. Dabei zeigt sich jedoch eine atemberaubende Flexibilität, so dass die gegenwärtigen Praktiken des real existierenden Neoliberalismus mit den ursprünglichen Ideen nur noch wenig gemein haben. Was jedoch durch all diese Transformation des Neoliberalismus konstant bleibt, ist sein gleichsam totalitärer Anspruch auf eine konkurrenzförmige Gestaltung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche. Dazu gehört auch die Schaffung eines unternehmerischen Selbst, das in einer sozial atomisierten Gesellschaft nur noch als Konsument eine soziale Identität findet.

Diese Ideologie des unternehmerischen Selbst ist mittlerweile zu einer Art kultureller Basisideologie unserer Gesellschaft geworden. Wie alle Basisideologien hat sie sich damit gleichsam unsichtbar gemacht. Wir bemerken sie kaum noch als Ideologie, sie ist uns zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Unser gesamtes gesellschaftliches Denken ist von ihr bestimmt, unsere Vorstellungen von Kindheit und Erziehung, von Familie und Beziehungen, von psychischen Störungen und Therapie und sogar unsere Vorstellungen von unserer eigenen Person. Schule und der gesamte Ausbildungsbereich sind durch diese Ideologie geprägt und sie hat ihre tiefen Spuren im gesamten Bereich der Kultur hinterlassen.

Wie lässt sich dieser Ideologie im eigenen Denken entgegentreten?

Das eigenständige Denken ist natürlich, wie immer, die wichtigste Waffe zu einer intellektuellen Selbstverteidigung. Dies kann auch dazu beitragen, die gesellschaftlichen Quellen der Angsterzeugung aufzuzeigen und bewusst zu machen, um Gegenstrategien zu ermöglichen. Zugleich muss man sich jedoch klarmachen, dass man dieses Problem nicht auf individualistische Weise verkürzen darf. Eine gesellschaftliche Selbstverteidigung geht über intellektuelle Anstrengungen hinaus und kann nur solidarisch erfolgen. Gesellschaftlich erzeugte Angst lässt sich nicht allein mit eigenem Denken bewältigen, sondern nur durch ein angemessenes gemeinschaftliches Handeln. Also geht es zunächst darum, die vom Neoliberalismus gewünschte Individualisierung systematisch erzeugter Ängste zu überwinden, um wieder Wege zu einer solidarischen Angstbewältigung zu finden.

Wenn jeder lediglich an einer individualisierten Form des Glücks arbeitet und auf diese Weise gesellschaftliche Utopie privatisiert wird, kann die neoliberale Ideologie ihr Werk zur gewünschten Perfektion führen: die Zerstörung von Gemeinschaft und die Zerstörung der Idee von Gemeinschaft. Wenn wir die Idee von Gemeinschaft und Solidarität verlieren, verlieren wir unsere kollektive Handlungsfähigkeit. Damit wäre der Traum der besitzenden Klasse realisiert, nämlich die schrankenlose Macht des ökonomisch Stärkeren. Die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten Zerstörungen sozialer und ökologischer Substanz zeigen, dass dieser Traum der Besitzenden unser aller Alptraum ist.

Titelbild: Screencap von „Der fehlende Part“