Irland auch ein Flugzeugträger der USA – gegen den Willen der irischen Bevölkerung
Irland auch ein Flugzeugträger der USA – gegen den Willen der irischen Bevölkerung

Irland auch ein Flugzeugträger der USA – gegen den Willen der irischen Bevölkerung

Ein Artikel von: Redaktion

Am letzten Wochenende hatte die 2014 in den USA gegründete internationale Friedensorganisation World Beyond War zu ihrer jährlichen Konferenz nach Irland eingeladen. Ein Grund, für das Treffen die Stadt Limerick zu wählen, war die Nähe zum Verkehrsflughafen Shannon, benannt nach Irlands längstem Fluss, an dessen Mündung der Flughafen liegt. Über diesen Flughafen wird eine beträchtliche Anzahl der US-Air-Force-Flüge von den USA zu den Kriegen im Nahen Osten durchgeführt. So endete die Konferenz auch mit einer friedlichen Protestveranstaltung vor Ort. Ein Bericht von Moritz Müller.

Der Flughafen Shannon wurde 1945 in Betrieb genommen, als Tankstopp auf dem Weg von Europa nach Nordamerika und zurück, und 1947 wurde hier der erste Duty-Free-Shop der Welt eröffnet. Mit der Erhöhung der Reichweite von Verkehrsflugzeugen ließ die Bedeutung von Shannon nach, obwohl mittlerweile auch die russische Aeroflot den westlichsten Nicht-NATO-Flughafen in Europa für Flüge nach Amerika, vor allem nach Kuba, nutzte. Obwohl Irland nominell neutral ist, wurde der Flughafen in seiner Geschichte vom Militär verschiedener Staaten, darunter der Sowjetunion und den USA, genutzt, offiziell unter der Bedingung, dass die Flugzeuge nicht bewaffnet sind, keine Waffen, Munition oder Sprengstoff an Bord haben und nicht an Manövern oder militärischen Operationen beteiligt sind.

Zur Zeit sind die USA die vorwiegenden militärischen Nutzer (630 von insgesamt 666 Flugbewegungen in den 12 Monaten bis Juli 2014) und die irische Regierung verlässt sich hier auf das Ehrenwort der US-Regierung und weigert sich trotz Aufforderung von irischen Aktivisten und Politikern, die Flugzeuge zu untersuchen, obwohl sie nach internationalem Luftfahrtrecht dazu befugt wäre. Irland ist nicht Mitglied der NATO. Insgesamt sind seit Beginn der US/GB-Invasion im Irak 2,4 Millionen US-Soldaten in Shannon auf dem Weg zu den Kriegsschauplätzen oder nach getaner Arbeit auf dem Weg nach Hause zwischengelandet. Außerdem berichtet die Organisation Shannonwatch, dass die USA auch ihre berüchtigten Extraordinary-rendition-Flüge über Shannon abwickelten. Die Regierungen der USA und Irlands bestreiten dies, obwohl auch die Irish Times davon berichtete, dass es sehr starke Indizien in diese Richtung gibt. 2017 gab es 1.749 Überflüge des irischen Luftraumes durch Militärflugzeuge, 1.420 (81%) davon waren Flugzeuge der USA. Das macht täglich fast 4 US-Flüge über dem „neutralen“ Irland.

Also Grund genug für World Beyond War, eine Konferenz in der Nähe abzuhalten, und dies wiederum für uns ein Grund, die nicht so weite Reise nach Limerick anzutreten. Die angekündigten Redner auf der Konferenz sind unter anderem die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire, die irische Europaabgeordnete Clare Daly, der Berliner Anti-Kriegs-Café-Betreiber Heinrich Bücker und einige Veterans for Peace, was mich sehr neugierig machte. Und die Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht.

Rund die Hälfte der ca. 150 Teilnehmer schien aus den USA zu stammen, nicht überraschend, da die Konferenz zum großen Teil aus den USA organisiert wurde, aber doch erfreulich in den heutigen Zeiten, so viele vernünftige und konstruktive Amerikaner an einem Ort zu treffen. Bei vielen der US-Redner scheint durch, dass ihnen die aggressive Politik ihrer Regierung, aber auch deren mediale Darstellung, peinlich ist und sie mit ihrer Teilnahme Akzente dagegensetzen wollen und hoffen, etwas Positives zu bewirken.

Eine große Anzahl der Teilnehmer und Mitwirkenden ist aus Deutschland angereist und das lässt mich hoffen, dass die Friedensbewegung in Deutschland vielleicht einfach nur wenig sichtbar, aber dennoch irgendwie existent ist und auch gesangsstark, wie wir am Ende des ersten Tages nach dem Workshop „Mit Musik eine Bewegung aufbauen“ (ab 59:00) zu hören bekommen. Das sind dann auch die Momente, in denen ich mich freue, unter Gleichgesinnten zu sein, denn ob die Konferenz selbst zu Veränderungen in der Politik führt, scheint mir manchmal zweifelhaft, auch weil es doch (noch) keine Massenbewegung ist und auch die Ziele mit dem „Ende aller Kriege“ sehr hochgegriffen sind. Allerdings betonten die meisten der Redner, dass wir, wenn wir als Menschheit überleben wollen, eigentlich gar keine Alternative zum Frieden haben, denn wenn wir so weitermachen wie bisher, mit den ungeheuren technischen Möglichkeiten und Massenvernichtungswaffen in den Händen von Leuten wie Boris Johnson, Emmanuel Macron, Benjamin Netanjahu und Donald Trump, dann sei eine Katastrophe eigentlich mehr oder weniger vorprogrammiert.

Die auf der Konferenz erzeugte Positivität und Empathie, die von vielen solchen Ereignissen ausgehen kann und dies auch tut, ist meines Erachtens ein richtiger Weg, um die Katastrophe Krieg überflüssig zu machen, und das ist es, was wir unseren Kindern vorleben müssen, auch wenn es nicht einfach ist, wenn man gravierende Existenzängste und weitere Sorgen im heutigen Hysteriechaos hat. Gewaltfreiheit als das Fundament für Frieden war auch das Thema von Mairead Maguire, die wirklich eine außerordentliche und dennoch sehr natürliche Person ist, und bei ihr ist der Friedensnobelpreis, den sie 1976 gemeinsam mit Betty Williams entgegennahm, wirklich gut aufgehoben. Sie hat ja in diesem Jahr erneut Julian Assange für den Friedensnobelpreis nominiert und bekräftigte gleich mehrfach in ihren Redebeiträgen die Verdienste von Julian Assange, Chelsea Manning und Edward Snowden und wie ungerecht diese jetzt von den USA und Großbritannien behandelt würden.

Ein weiteres Thema auf der Konferenz war die Umweltverschmutzung, die von (US)-Militärstützpunkten ausgeht. Hierzu dozierte Pat Elder über den Einsatz von Feuerlöschschaum auf US-Basen auch in Deutschland und erklärte, dass das Grundwasser durch diese Chemikalien beeinträchtigt wird.

Außerdem kamen die Situation am Persischen Golf und der weltweite Einsatz von militärischen Drohnen zur Sprache und auch die Situation der Palästinenser in Israel nahm einen breiten Raum ein. Hierzu zeigte der irische Dokumentarfilmer Peadar King seinen Film „No direction Home“, der im Mai dieses Jahres im irischen Fernsehen gezeigt wurde. Peadar King beschrieb nach der Vorführung, dass die Reihe von Dokumentarfilmen, in dessen Rahmen dieser Film lief, höchstwahrscheinlich von der öffentlich-rechtlichen irischen RTÈ nicht fortgesetzt wird.

Am Sonntag dozierte der ehemalige Angehörige der irischen Armee, Ed Horgan, zusammen mit John Lannon über die Situation in Shannon und wie die irische Regierung gegen den in vielen Meinungsumfragen erklärten Willen der irischen Bevölkerung verstößt und den Flughafen Shannon dem US-Militär zur Nutzung für die militärischen Abenteuer und die imperiale Politik der jeweiligen US-Regierungen überlässt und damit auch die von Irland erklärte Neutralität missachtet. Diese Neutralität ist nicht in der Verfassung verankert, doch auch in dieser Frage zeigen Meinungsumfragen eine Mehrheit für eine Verfassungsänderung.

Bei dem Protestmarsch in Shannon, der die Konferenz abschließt, kann man ein Gefühl dafür bekommen, dass diese Meinungsumfragen wohl den richtigen Trend andeuten, denn die Reaktionen von Passanten sind zum allergrößten Teil freundlich und ermutigend. Auch die Polizisten, die das kleine Protestcamp beobachten, verabschieden uns am Ende mit einem freundlichen Kopfnicken. Schade, dass sich im Moment nicht mehr Menschen die Zeit nehmen, für positive Veränderungen einzutreten.

Die Polizisten, die den Demonstranten während der Demonstration am Eingang des Flughafengeländes gegenüberstehen, sind schon sehr viel stoischer und verziehen keine Miene, als Ed Horgan ihnen zuruft, dass sie ihre Pflicht erfüllen und die in Shannon landenden Militärflugzeuge durchsuchen sollen, anstatt den Protestmarsch nicht zum Flughafengebäude durchzulassen. Er bezichtigt die Polizisten in diesem Zusammenhang der Befolgung von illegalen Befehlen der irischen Regierung. Sein alter Freund Gearoid nimmt daraufhin die Polizisten in Schutz und sagt, dass die Polizisten nur ihre Pflicht tun und der Fehler allein bei der irischen Regierung liegt. Das Ganze klingt fast wie ein Ehestreit unter guten Freunden und der nachdenkende Betrachter muss sich hier selbst ein Urteil bilden. Insgesamt treten die Polizisten eher unmartialisch auf und der friedliche Charakter der Demonstration bleibt die ganze Zeit von beiden Seiten gewahrt.

Ed Horgan, Mairead Maguire und Leah Bolger

Auch Mairead Maguire ergreift noch einmal das Wort und hier ist es auch das einzige Mal, dass sie auf ihren Friedensnobelpreis hinweist und die Polizisten auffordert, uns zum Terminal durchzulassen, was (natürlich) auch nicht fruchtet. Insgesamt hat man ein bisschen den Eindruck, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen, und andererseits bleibt, wie schon oben erwähnt, das gute Gefühl, unter friedliebenden Gleichgesinnten gewesen zu sein, und die Hoffnung, dass man vielleicht andere zum Mitmachen angeregt hat und die Friedensbewegung länderübergreifend wieder breiteren Zulauf bekommt.

Die Kriegsveteranen für den Frieden pflanzen eine Eiche

Bilder: Moritz Müller