Die (gute) Zeit der (guten) «Zeit» ist abgelaufen. Von Christian Müller.

Ein Artikel von:

Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» ist kaum mehr verdaubar. Nicht zuletzt der Herausgeber selbst ist unerträglich geworden. «Die Zeit» galt einmal als beste Wochenzeitung im deutschsprachigen Raum überhaupt. Es gab viel Lob und Zustimmung, kaum Kritik oder zumindest nur punktuell. Das «Zeit»-Abonnement war die Möglichkeit, sich auf hohem Niveau über den Rest der Welt ein Bild zu machen.
Tempi passati. Infosperber hat schon vor längerer Zeit auf zwei zunehmende Schwachpunkte aufmerksam gemacht: Der Frontseiten-Aufmacher wurde immer öfter einem Thema der Psychologie gewidmet, als ob man die «Zeit» abonniert hätte, weil man selbst psychisch angeschlagen ist und nach Hilfe Ausschau hält. Und zweitens war es immer äusserst ärgerlich, wenn «Zeit»-Herausgeber Josef Joffe persönlich auf der Frontseite einen Kommentar platzierte.

Beide unerfreulichen Tendenzen haben sich seither verstärkt. Es gibt praktisch keine Ausgabe mehr, die dem Leser nicht schon auf der Frontseite mitteilt, er, der Leser, oder sie, die Leserin, hätten ein psychisches Problem – in der Liebe, in der Selbstbeurteilung, im Freundeskreis, im Berufsleben usw. Und wenn Herausgeber Josef Joffe schreibt, dann ist es nicht mehr nur ärgerlich, sondern schlicht unerträglich.

Weiterlesen bitte hier beim Infosperber. Danke vielmals für dieses interessante Stück.

Ergänzung Albrecht Müller:

Die hier vermittelte Beobachtung von Christian Müller bestätigt das, was im Kapitel II meines Buches „Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ beschrieben ist – die Verschiebung der Ordinate wichtiger bisher als liberal bis fortschrittlich geltenden Medien. Hier der einschlägige Auszug aus dem Buch:

Man sollte weiter wissen, dass einige wichtige, ehedem fortschrittliche Medien ihre Ordinate, ihren Standort im Schema zwischen links und rechts, verschoben haben. Wer das nicht beachtet, wird tendenziell mit-verschoben.

Das gilt zum Beispiel für den Spiegel, für die Frankfurter Rundschau, für die taz, für die Süddeutsche Zeitung, für Die Zeit, für die Blätter für deutsche und internationale Politik und für den Freitag. Es gilt für einzelne Sendeformate wie Panorama bei der ARD und in Ansätzen auch für Monitor. Besonders deutlich ist die Entwicklung bei der taz. Dort gibt es mittlerweile Kriegshetze wie auch unsägliche Kommentare, die den Krieg zwischen Jung und Alt fördern.

In den genannten Medien findet man immer wieder sehr gute, aufklärende, informative und kritische Beiträge. Aber in zentralen und die Politik bestimmenden Fragen hat eine bemerkenswerte Anpassung stattgefunden.

Ein Teil des Publikums dieser Medien hat sich mit diesen Medien mit-bewegt. Offensichtlich können die erwähnten Medien mit einer beachtlichen Treue ihrer Leserschaft, Zuhörerschaft und Zuschauerschaft rechnen. Die eigentlich bewundernswerte Charaktereigenschaft, Treue, macht im konkreten Fall immun gegen die Wahrnehmung von Veränderungen grundlegender Art. Vielleicht ist es aber auch nur Gewohnheit.

Wer über einen längeren Zeitraum hinweg kontinuierlich die oben genannten Medien gelesen, gehört oder angeschaut und eine enge Bindung entwickelt hat, merkt eine solche Veränderung nicht mehr. Treue kann zum Verlust der Fähigkeit zum Selberdenken führen.

Anzumerken bleibt noch, dass die Missachtung von Veränderungen einiger wichtiger Medien des ehedem fortschrittlichen Medienbereichs auch etwas damit zu tun hat, dass während dieser Zeit nicht nur einzelne Leser, sondern Leserinnen und Zuschauer die Veränderungen scharenweise mitgemacht haben. Angepasst haben sich also nicht nur einzelne Personen, sondern Gruppen unter Einfluss des eigenen Milieus. Anette Sorg hat am 30. April 2019 in einem viel beachteten Beitrag auf den NachDenkSeiten auf diesen Umstand hingewiesen: »Lieber dazugehören, als aufgeklärt sein.«4

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Medienkritik

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