Jeffrey Epstein: Die Straffreiheit der Superreichen
Jeffrey Epstein: Die Straffreiheit der Superreichen

Jeffrey Epstein: Die Straffreiheit der Superreichen

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Eine neue Dokumentation betrachtet den Skandal um den US-Milliardär und Menschenhändler: Die Geschichte von sexuellem Missbrauch Minderjähriger, unterlassener Strafverfolgung und dubioser „Selbsttötung“ zeigt einmal mehr die potenzielle Korruption juristischer Vorgänge. Leider dringt der Film nicht in die politischen Strukturen ein, die Epsteins Vorzugsbehandlung erst möglich gemacht haben. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Vorgänge um den kürzlich in seiner Gefängniszelle verstorbenen US-Milliardär und mutmaßlichen Menschenhändler Jeffrey Epstein haben zwei Ebenen: Zum einen ist da der Skandal um die Obsessionen eines von minderjährigen Mädchen besessenen Vergewaltigers, der auch aufgrund seines Reichtums trotz erdrückender Last an Indizien und Zeugenaussagen seinen Leidenschaften weiterhin jahrelang nachgehen konnte. Zum anderen gibt es einflussreiche Kreise, die engen Umgang mit Epstein gepflegt haben und ohne deren Unterstützung die erlebte Verschleppung der Strafverfolgung im Fall Epstein nur schwer möglich erscheint. Das hebt den individuellen Kriminalfall Epstein auf die Stufe eines allgemeinen Justiz- und Gesellschaftsskandals.

Epstein-Doku: Raum für die Opfer – Keine Analyse der Strukturen

Eine neue, aufwendige Dokumentation des Streamingdienstes Netflix befasst sich in vier Teilen und unter dem Titel „Jeffrey Epstein – Filthy Rich“ („Stinkreich“) mit den bedrückenden Vorgängen. Die Produktion ist durchwachsen. Die erste der beiden beschriebenen Ebenen wird berührend umgesetzt: In ausführlichen Interviews kommen einige Opfer Epsteins zu Wort. Dadurch erhalten endlich jene Frauen eine Stimme, die laut Aussage des Films sowohl von Medien als auch von Juristen nie richtig gehört bzw. angemessen zitiert wurden – und das, obwohl die Frauen bei mehreren Anlässen zu sehr riskanten Aussagen über einen reichen und mächtigen Mann animiert wurden. Insofern wird hier einer späten Gerechtigkeit zumindest teilweise Genüge getan.

Gerade die ausführlichen Schilderungen der furchtbaren Details der Leidenswege der jungen Frauen lassen aber andererseits die größeren Zusammenhänge in den Hintergrund treten: Wie kam es ganz konkret zu den skandalösen Absprachen zwischen Epsteins Team aus Star-Anwälten und der US-Justiz? Wie kann es sein, dass viele prominente Vertraute Epsteins aus Politik, Kultur und Finanzwelt nun unbehelligt bleiben, trotz mutmaßlicher Mitwisserschaft oder gar Mittäterschaft?

Dubioser Reichtum – Abgründige Leidenschaften

Die Chronologie der Fälle macht auch ohne ein Ausleuchten der größeren politischen Zusammenhänge wütend: Schon ab 1996 gab es glaubwürdige Schilderungen von massenhaftem Missbrauch in den diversen herrschaftlichen Anwesen Epsteins durch Opfer. Doch es sollte – wegen im Film leider nicht konkret verdeutlichten Defiziten im Justizsystem – bis zur Anzeige der Mutter einer 14-Jährigen im Jahr 2005 dauern, bis ernsthafte Ermittlungen aufgenommen wurden. Diese Ermittlungen förderten Informationen über mindestens 50 weitere mutmaßliche Opfer zutage. In Medienartikeln wird die Anzahl der Entführten und sexueller Gewalt ausgesetzter Kinder und Jugendlicher mit „Hunderte“ angegeben. Die jüngsten Opfer sollen laut Medien erst 11 Jahre alt gewesen sein.

Verantworten musste Epstein sich 2006 in einem als Farce zu bezeichnenden Verfahren aber nur für einen minderschweren Fall. Von den 18 Monaten der ausgesprochenen Strafe musste er nur zwölf „absitzen“, weitere Teile davon in offenem Vollzug. Kaum war er auf freiem Fuß, nahm er laut Film seine furchtbaren Praktiken unbehelligt wieder auf. Die gerichtliche Einigung habe zudem die FBI-Ermittlungen, die möglicherweise weitere Opfer aufgedeckt hätten, beendet.

Auch wurden mögliche Mittäter wegen der Art des Verfahrens nicht verfolgt, wie Medien berichteten. Epstein, der seinen großen Reichtum durch dubiose „Finanzberatungen“ vor allem in den 80er Jahren angehäuft haben will, wirkte nicht allein. Eine wichtige bekannte Komplizin war nach Darstellung des Films seine Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell, eine prominente Angehörige der britischen Oberschicht. Gemeinsam rekrutierten sie benachteiligte junge Frauen, die wiederum junge Mädchen in die Anwesen locken sollten. Einmal in diesen Luxusvillen angekommen, wurden die Mädchen von Epstein und Maxwell missbraucht und höchstwahrscheinlich zusätzlich in einem Kreis von einflussreichen „Freunden“ herumgereicht. Druckmittel waren Geld und Gewalt.

Donald Trump, Bill Clinton und Jeffrey Epstein

Nachdem Ermittlungen eingeleitet wurden, war Epstein laut Film nicht nur auffällig gut über den jeweiligen Stand der Ermittlungen informiert. Zusätzlich schikanierte und überwachte sein Team aus Star-Anwälten und Privatdetektiven potenzielle Zeugen. Ungerechtigkeiten im US-Justizsystem entstehen nicht nur durch unangemessene Absprachen (in diesem Fall zwischen Epstein und Staatsanwaltschaft), sondern auch dadurch, dass sich eine Seite eine ganze Einheit von manipulierenden und einschüchternden Mitarbeitern mieten kann, während die andere Seite (in diesem Fall die Zeuginnen) kaum die eigene Miete bezahlen kann.

Weitere Infos über Donald Trump, Bill Clinton und andere Prominente, die im Film in sehr vertrauter Pose mit Epstein zu sehen sind, wären wichtig gewesen. Sie kommen aber nur als Statisten auf Fotos vor – es erfolgt keine weitere Recherche zum tatsächlichen Charakter der Verbindungen. Das ist unseriös: Zum einen, weil der Eindruck eines Schutzschirms für die betreffenden Personen entsteht. Zum anderen, weil es ungebührend viel Raum für Spekulationen lässt: Epstein war als Partylöwe höchst umtriebig und dementsprechend gibt es zahllose Bilder von ihm mit Prominenten. Wer aber tatsächlich zum engeren Kreis der Eingeweihten oder gar Mittäter gehörte, und wer nur zufällig auf Schnappschüssen gelandet ist, das müsste recherchiert und dann streng getrennt werden. Sonst könnte man nun zahllose Unschuldige in den Epstein-Strudel werfen, während die echten Mittäter möglicherweise verschont bleiben.

Der „Suizid“ des Jeffrey Epstein

Echte Aufklärung wird es wahrscheinlich nicht mehr geben: Zwar wurde Epstein am 6. Juli 2019 erneut verhaftet. Im August 2019 wurde er dann aber in seiner Zelle leblos aufgefunden; im Krankenhaus wurde der Tod festgestellt. Zahlreiche Ungereimtheiten sind mit diesem angeblichen „Suizid“ verbunden. So stand Epstein bereits nach einem vorhergehenden mutmaßlichen Suizidversuch im Juli 2019 unter ständiger Beobachtung. Einen Tag vor seinem Tod war sein Zellengenosse verlegt worden. Außerdem ist das Überwachungsvideo von der Gefängniszelle Epsteins laut Medien „versehentlich“ gelöscht worden und die Sicherung dieser Videoaufnahme sei aufgrund eines „technischen Fehlers“ ebenfalls nicht mehr abrufbar.

Der Film ist wie gesagt durchwachsen: Dass die Opfer endlich eine Stimme erhalten, ist sehr zu begrüßen. Wer sich noch gar nicht mit dem Fall Epstein befasst hat, der kann die Doku als zusätzliche Quelle mit Gewinn sehen. Aber auf der anderen Seite ist die Produktion sehr ungenügend: Weitere Recherchen über die Defizite und Mechanismen der US-Justiz, die eine skandalöse Verschleppung über Jahrzehnte möglich machen, wären nötig. Weitere Recherchen über verschwiegene, unbehelligte und einflussreiche Männerkreise (zu denen mutmaßlich auch einflussreiche Frauen zählen) müssen folgen.

Das sieht sogar die „Bild“-Zeitung so, die den Film „eine Abrechnung“ und „ein teils deprimierendes Machwerk über das ‚Raubtier‘ Epstein“ nennt, „das Fragen nach Hintermännern“ aber leider offen lasse. So ordnet es auch ein Teil der US-Filmkritiker ein. Adam Graham stellt etwa in den „Detroit News“ fest:

„Über Epstein, sein Netz von Geheimnissen, das Netzwerk der Reichen und Mächtigen und die Art und Weise, wie Geld korrumpiert, gibt es eine größere, umfassendere Geschichte zu erzählen. Für den Augenblick ist ‚Filthy Rich‘ ein guter Anfang.“

Titelbild: Yupa Watchanakit / Shutterstock

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