Der Fall Lisa Eckhart – Cancel Culture in Deutschland
Der Fall Lisa Eckhart – Cancel Culture in Deutschland

Der Fall Lisa Eckhart – Cancel Culture in Deutschland

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart gehört zu den Personen, denen deutsche Medien das Attribut „umstritten“ als vorangestellten Namensbestandteil verliehen haben. Nun wurde Eckhart, wie der SPIEGEL berichtet, vom Veranstalter einer Literaturlesung in Hamburg ausgeladen. Die offizielle Begründung: Eckhart sei so umstritten, dass man im „bekanntlich höchst linken Viertel“, in dem die Veranstaltung stattfinden sollte, die „Sicherheit der Besucher und der Künstlerin“ nicht gewährleisten könne. Zuvor hatten zahlreiche Feuilletonistinnen, angeführt von taz und SPIEGEL, Eckhart Antisemitismus, Rassismus und weitere unschöne Dinge vorgeworfen und damit die Atmosphäre geschaffen, die sich nun nach Ansicht der Veranstalter gewalttätig entladen könnte. Das ist tragisch. Noch tragischer ist jedoch, dass große Teile des sich selbst als linksliberal verstehenden deutschen Feuilletons offenbar die Satire von Lisa Eckhart nicht einmal im Ansatz verstehen, fehlt ihnen doch jeglicher Sinn für kritische Selbstreflektion. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Gerne beginnt man ein solches Stück mit dem Satz: „Die Bühnenfigur Lisa Eckhart ist darauf angelegt, zu polarisieren“. Doch das ist falsch. Lisa Eckhart geht es nicht darum, zu polarisieren. Sie will provozieren. Und das beginnt bereits mit ihrem Äußeren. In einer Zeit, in der jeder kritische Kommentar zu Äußerlichkeiten als “Lookism” verpönt ist, wirkt bereits ihr platinblondes, leicht anorektisches und bis zur Grenze ans Klischee auf sexy und elegant gestyltes Äußeres wie eine Provokation. Ihr durch und durch arroganter, von Selbstzweifeln befreiter, reaktionärer altösterreichischer Habitus unterstreicht dieses Bild in Perfektion – ein weiblicher böser Falco, den man reflexhaft unsympathisch finden muss und der den perfekten Gegenentwurf zum Klischee einer taz-Feuilletonistin darstellt.

Die Satire von Lisa Eckhart ist schwarz und bitterböse. In einem Land, das lange Zeit Satire und Kabarett nur in der Form des hochmoralischen Oberlehrers gekannt hat, ist dies ein Affront. Man muss wohl auch eine bestimmte „Satire-Sozialisation“ durchlaufen haben, um Eckharts Satire zu verstehen und zu mögen. Wer wie der Autor dieses Textes mit der ebenfalls oft schwarzen und bitterbösen Satire von Monty Pythons Flying Circus aufgewachsen ist, wird in der Regel einen guten Zugang zu dieser Form von Satire haben, die Stereotype nutzt, um zur Selbstreflektion anzuregen und dabei eben jene Stereotype zu hinterfragen.

Es ist schon ein großer Erfolg, dass dieses Stilmittel in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland mehr und mehr akzeptiert wurde. Warum also die Aufregung um Lisa Eckhart? Die Antwort ist ebenso einfach wie offensichtlich und es ist schon merkwürdig, dass sie unseren ach so gebildeten Leuchtfeuern des Feuilletons noch nicht in den Sinn gekommen ist – Lisa Eckhart spießt als eine der ganz wenigen Satirikerinnen nicht etwa negative Stereotype, sondern ganz im Gegenteil unsere positiven Stereotype auf. Das ist ungewöhnlich und offenbar ein Tabubruch, der mit den Konventionen und Denkverboten der Politischen Korrektheit nicht vereinbar ist.

Anstoß des Proteststurms des empörten Feuilletons war ein Stück des WDR-Format „Mitternachtsspitzen“, in dem Eckhart so ziemlich sämtliche heiligen Kühe der Politischen Korrektheit schlachtete. Es ging um #meetoo, Juden, Schwarze, Behinderte und Schwule. Doch schauen Sie sich dieses Stück selbst an …

Wer die Zitate in reiner Textform, losgelöst vom satirischen Kontext, aufnimmt, kommt natürlich nicht drum herum, sie als antisemitisch, rassistisch, schwulen- und behindertenfeindlich einzuordnen. Das macht aber keinen Sinn. Wenn man beispielsweise Spielbergs Meisterwerk „Schindlers Liste“ auf die Zitate der dort gezeichneten Nazis reduzieren würde, müsste man es zweifelsohne auch als antisemitisch einordnen, was selbstverständlich Unsinn wäre. Das würden auch die empörten Feuilletonistinnen weit von sich weisen. Stattdessen führen sie die Debatte, ob Lisa Eckharts boshafte Überspitzung negativer Stereotype dazu beiträgt, diese Stereotype zu hinterfragen, und kommen dabei – wenig überraschend – zu einem negativen Urteil. Wer die falsche Frage stellt, kann natürlich auch nicht zur richtigen Antwort kommen.

In Eckharts Stück geht es schließlich nur vordergründig um negative Stereotype. Stattdessen spießt sie positive Stereotype auf. Es geht nicht um Antisemitismus, sondern um Philosemitismus. Es geht nicht um den Hass auf Schwarze und Schwule, sondern um deren Überhöhung und die kognitive Dissonanz, wenn sich diese Überhöhung an Fallbeispielen hinterfragen lässt. Werden beim Antisemitismus, Rassismus oder der Homophobie vermeintlich negative Gruppenmerkmale generalisiert, sind es bei deren Umkehrung vermeintlich positive Gruppenmerkmale. Nun mag man es ja für unproblematisch halten, wenn man Juden die Attribute intelligent und reich zuschreibt, Schwarze für musikalisch und Schwule für empathisch hält. Dennoch sind es Klischees, Stereotype, die immer die Gefahr mit sich bringen, dass sie dann, wenn sie sich auf individueller Ebene als falsch herausstellen, in ihr Gegenteil umschwenken. In einem Interview bekannte Eckhart einmal, dass es ihr darum ginge, in den „Wunden ihres weißen Publikums zu bohren“, „das seinen Humanismus oft nur stupid auswendig gelernt hat und nun alles bekämpft, was dem widerspricht“. Dabei ginge es dem Publikum „wie oft nur um sein eigenes Unbehagen“.

Eckharts subtile Publikumsbeschimpfung nimmt nicht nur die reaktionären Bildungsbürger, sondern auch diejenigen aufs Korn, die sich selbst als linksliberal, weltoffen und politisch korrekt verstehen und nie eingestehen würden, dass auch sie in Stereotypen denken … obgleich ihr „Gruppenfeindbild“, der „alte weiße heterosexuelle Mann“, ein Stereotyp wie aus dem Bilderbuch ist. Lustigerweise greift Eckhart damit eben jene linksliberalen Intellektuellen – ja, auch das mag ein Stereotyp sein – an, die sich ihr Geld als Feuilletonisten verdienen.


Lisa Eckharts aktuelles Bühnenprogramm

Und hier kommen wir dann zu dem Vorwurf, den man Eckhart am ehesten machen kann: Sie ist zu klug für ihr Publikum. Wenn die Zielscheiben ihrer Kritik noch nicht einmal verstehen, dass es sie sind, die hier kritisiert werden, bleibt der aufklärende Aspekt, den Satire ja haben sollte, leider aus. Ähnliches musste seinerzeit auch der leider viel zu früh verstorbene Satiriker Wiglaf Droste erfahren, der als einer der Ersten in Deutschland auch dem linksliberalen Bildungsbürgertum und seinen positiven Stereotypen einen von dieser Zielgruppe als “Tabubruch” empfundenen Spiegel vorhielt.

Dass sich nun genau diejenigen, die weder die Satire noch den Umstand verstehen, dass sie selbst deren Zielscheibe sind, im Sinne der Cancel Culture zu Zensoren aufplustern, ist eine besondere Pointe, geben sie der Kabarettistin doch – wahrscheinlich ohne es zu wissen – recht. Zum Lachen ist dies jedoch ganz und gar nicht, zeigt dieses Beispiel doch einmal mehr die Einengung des Debattenraums. Über negative Stereotype darf man – natürlich völlig zurecht – Witze machen, wenn es aber um positive Stereotype geht, läuft man Gefahr, als „umstritten“ zu gelten und ein Bühnenverbot zu bekommen.

1930 wurden Satire- und Kabarettstücke auch abgesagt, weil die Veranstalter die „Sicherheit von Publikum und Künstlern“ nicht gewährleisten konnten oder wollten. Wenn dies heute wieder geschieht, sollte dies zum Nachdenken anregen. Nicht über Lisa Eckhart, deren Kunst man natürlich auch kritisch sehen darf, sondern über unser gesellschaftliches Verständnis von Kunst- und Meinungsfreiheit. Karl Kraus sagte einst, „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten“. Heute werden Satiren verboten, die der Zensor nicht versteht. Ob dies ein Fortschritt ist, liegt wohl im Auge des Betrachters.

Titelbild: Screenshot ARD via YouTube

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