Leserbriefe zu „Hitze, Dürre, Monokulturen – der deutsche Wald stirbt“

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In seinem Beitrag hat Jens Berger das Waldsterben thematisiert. Die aufzuforstende Fläche entspricht der Größe des Saarlandes. Das wird jedoch kaum beachtet. Die Ursachen sind vielfältig und werden benannt – u.a. Klimawandel und Monokulturen. Der „´Märchenwald´ aus unseren Vorstellungen hat in Deutschland keine Zukunft“ und es stellt sich die Frage, welchen Wald wir hierzulande zukünftig haben wollen.
Zahlreiche Leserinnen und Leser der NachDenkSeiten haben schnell auf diesen Artikel reagiert. Hier nun eine Auswahl der eingereichten Antworten. Für die Leserbriefe bedanken wir uns sehr. Zusammengestellt von Christian Reimann.


1. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,
 
ich kann ihnen nur unumwunden zustimmen, der Deutsche Wald steht vor einer massiven Umwälzung – und mit ihm das ganze Land. Wir haben hier einen Problemkomplex vor uns, den die meisten offenbar noch nicht einmal ansatzweise auf dem Schirm haben, der uns aber unweigerlich zu dem Schluß führt, daß das Deutschland des Jahres 2100 nur noch sehr wenig mit dem gemein haben wird, das wir heute kennen.
 
Nun hat uns Mutter Natur im Bayerischen Wald schon seit Mitte der 90er Jahre eindrücklich vor Augen geführt, was sie von unseren selbstgemachten Fichtenmonokulturen hält, nämlich nichts. Ohne permanente menschliche Eingriffe sind sie zu einem erstaunlich schnellen Tod verurteilt, aber anstatt innezuhalten und einen Moment darüber nachzudenken, ob es angesichts dieser Tatsache sinnvoll ist, an der bisherigen Form der Forstbewirtschaftung festzuhalten, wurde der Parkverwaltung vorgeworfen, sie würde das Naturschutz- in ein Katastrophengebiet verwandeln. Dabei hat sie uns lediglich einen Einblick in den tatsächlichen Zustand unserer Wälder erlaubt. Es war ein dringend notwendiges Experiment zu der Frage: Sind die deutschen Forstgebiete von sich aus überlebensfähig? Und die Antwort war mehr als eindeutig. Sie sind es nicht.
 
Wenn diese Monokulturen schon in Höhen von über 1000 Metern dem massiven Schädlingsbefall zum Opfer fallen, dann kann es in Lagen von 500m oder niedriger unmöglich besser aussehen. Wenig überraschend ist die Situation für die Waldbauern heute höchst problematisch, denn die unglaubliche Menge an Schadholz kann teilweise nur noch unter Inkaufnahme finanzieller Verluste geschlagen werden. Es ist meiner Ansicht nach nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten vor dieser beständig schwieriger werdenden Sisyphos-Aufgabe kapitulieren und ihre Wälder notgedrungen dem Verfall preisgeben, oder besser gesagt, den natürlichen Prozessen überlassen, in der Hoffnung, daß sie noch rechtzeitig richten, was Menschen lange Jahre verpfuscht haben.
 
Die Frage die man sich nunmehr Stellen muß ist, was nach Fichte und Kiefer kommen soll. Die Lage ist leider dergestalt, daß das, was man heute nach bestem Wissen und Gewissens pflanzt, in 30 Jahren womöglich schon nicht mehr dem zunehmenden Hitze- und Dürrestress gewachsen ist. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, in eine klimatische Terra Incognita, und keiner weiß, welche, oder ob in ferner Zukunft überhaupt noch größere Wälder in Deutschland stehen werden, denn auch die Laubhölzer sehen sich durch Klimawandel, Artensterben und importierte Schädlinge einer gegenwärtig kaum abschätzbaren Bedrohung ausgesetzt.
 
Nicht viel weniger problematisch sieht die Situation bei Gräsern und Blumen aus. Artenreiche, natürlich gewachsene Blumenwiesen sind ohnehin schon rar gesät, was aber bis heute mehr schlecht als recht überlebt hat, steht durch den Klimawandel vor dem völligen Kollaps. Es scheint noch nicht in die Köpfe der Menschen gedrungen zu sein, daß selbst eine Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 auf 2°C für ein Land wie Deutschland Temperaturanstiege von 4-5°C und mehr bedeuten kann. Das hieße allerdings, daß hierzulande im Hochsommer das Thermometer regelmäßig die 40°C übersteigt und im Extremfall Richtung 50°C marschiert. Die Vegetation dieses Landes ist auf solche Temperaturen schlicht nicht ausgelegt, ein großer Teil der heimischen Tier- und Pflanzenarten würde dadurch zwangsläufig verschwinden.
 
Daß dies unvermeidlich auch negative Auswirkungen auf die deutsche Landwirtschaft haben wird, versteht sich von selbst. Man muß es mal so deutlich aussprechen: Die Versorgung der deutschen Bevölkerung mit Lebensmitteln ist durch den Klimawandel langfristig akut gefährdet. Dieses Land ist schon seit über 120 Jahren nicht mehr in der Lage seine Einwohner aus eigener Kraft zu ernähren und die Agrarwirtschaft, wie sie heute betrieben wird, ist einzig und allein durch den massiven Einsatz fossiler Energieträger möglich, also genau der Stoffe, die den Klimawandel weiter befeuern. Es ist daher schon heute abzusehen, daß irgendwann in den kommenden Jahrzehnten, als Folge von klimawandelbedingten Mißernten, Unruhen, Kriegen und Völkerwanderungen, die Lebensmittelversorgung in Deutschland – und auch anderswo – zusammenbrechen und sehr sehr viele Menschen verhungern werden.
 
Alleine schon aus diesem Grund ist es mir gänzlich schleierhaft, wie gerade die Umweltfraktion die Massenzuwanderung in dieses, aus ökologischer Sicht bereits aus allen Nähten platzenden, völlig übervölkerten Landes befürworten kann. Jeder Mensch verbraucht zwangsläufig Ressourcen, er verbraucht Wasser, er verbraucht fruchtbaren Ackerboden um zu überleben; nichts davon ist selbstverständlich, nichts davon haben wir wirklich im Überfluß. Das heißt jeder zusätzliche Einwohner befördert letzten Endes die Umweltzerstörung in diesem Land und trägt dazu bei, die heraufziehende Situation in 30, 50, 80 Jahren zusätzlich zu verschärfen. Der natürliche Bevölkerungsrückgang in Deutschland müßte demnach von uns allen als ein Segen aufgefaßt werden, aber stattdessen versucht man aus wirtschaftlichen und humanitären Gründen auf Teufel komm raus diesen, kurzfristig zwar Probleme bereitenden, aber langfristig zu unser aller Vorteil wirkenden Trend umzukehren.
 
Wer nun schon diese Aussichten erschreckend findet, der sollte besser keinen Blick auf die borealen Nadelwälder Kanadas und Russlands riskieren, die bereits heute, wo wir erst am Anfang der klimatischen Veränderungen stehen, großflächig Schädlingen und Waldbränden zum Opfer fallen. Von manchen wird gerne behauptet, der Klimawandel würde die riesigen Flächen Sibiriens der Landwirtschaft erschließen. Das ist ein fataler Irrtum, alleine schon deshalb, weil der Boden für Ackerbau vielerorts wenig geeignet und die Niederschlagsmenge zumindest grenzwertig niedrig ist. Der Aralsee ist das mahnende Beispiel für die Fragilität des dortigen Ökosystems. Es ist daher sehr viel wahrscheinlicher, daß sich nach dem Absterben und Abbrennen der Wälder die zentralasiatischen Steppen und Wüsten über einen großen Teil Russlands ausbreiten werden.
 
In vielen anderen Weltgegenden sieht die Prognose ebenfalls nicht gerade rosig aus und man kann nur mit Bestürzung feststellen, daß gerade in den verwundbarsten Regionen die Bevölkerungszahl weiter massiv ansteigt. Ökologisch betrachtet leben wir bereits jetzt auf Pump, aber die Weltbevölkerung wächst immer noch um mehr als 80 Millionen pro Jahr, während Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß jährlich neue Höchstwerte erreichen. Man muß kein Genie sein um zu sehen, daß das in einer Katastrophe biblischen Ausmaßes Enden und der Tag kommen wird, wo sich selbst der größte Menschenfreund vor die Wahl gestellt sieht: die oder wir.
 
Leider sind wir Meister der Verdrängung. Unangenehmes wird beiseite geschoben, Probleme, die überwältigend scheinen, werden ignoriert, notwendige Maßnahmen, die Unannehmlichkeiten mit sich brächten, werden bis Ultimo aufgeschoben. Wird schon schiefgehen, denken wir, und unternehmen nichts – bis die Hölle losbricht. Dann fragen sich alle, wie dieses Elend über sie hereinbrechen konnte und warum niemand es verhinderte. Dabei ist die Antwort sehr einfach. Weil wir alle auf Bequemlichkeit geeicht sind; weil niemand Einschnitte und Einschränkungen hinnehmen will, schon gar nicht, wenn sie drastische Auswirkungen auf das eigene Leben hätten; weil keiner nie genug hat und wir alle von einer Sucht nach mehr befallen sind; weil wir das Leben eines Durchschnittsmenschen vor 100 Jahren mittlerweile für menschenunwürdig erachten und niemand freiwillig ein solches führen möchte.
 
Die gesellschaftlichen Veränderungen, die notwendig wären, um den Klimawandel aufzuhalten und damit den Deutschen Wald, diesen Sehnsuchtsort der deutschen Seele, zu retten, werden nicht nur, aber auch deshalb niemals durchgeführt werden, nicht in Deutschland selbst, und schon gar nicht global. Stattdessen wird unser Zivilisationszug ungebremst weiterrasen und auf der Jagd nach immer neuen Rekorden werden wir den Kessel mit Feuereifer weiter anheizen, bis zu jenem Moment, wo das fragile Konstrukt endlich entgleist und uns alle in den Abgrund reißt. Danach wird die Welt eine gänzlich andere sein.
 
Mit freundlichen Grüßen,
RF


2. Leserbrief

Sehr ggehrter Herr Berger,
liebe NDS-Redaktion,

“Fichten-Monokulturen” sollte man nicht Wald nennen, man könnte eher von Baumplantagen reden. Wie alle Monokulturen sind sie anfällig für Krankheiten und pflegebedürftig. Ein “natürlicher” Wald hätte keine Probleme mit dem Borkenkäfer. “Schädling” ist ein sehr anthropozentrischer Begriff – Waldbauern denken sich den Wald vermutlich nur aus lauter Brettern bestehend. Der Borkenkäfer macht nichts anderes als andere biologische Lebewesen auch – er vermehrt sich explosionsartig, wo er optimale Lebensbedingungen vorfindet. Nicht der Klimawandel hat den Wald zerstört, sondern Übernutzung und rigoroses Abholzen der Wälder treibt den Klimawandel. Natürlich schaukeln sich die Prozesse mittlerweile gegenseitig auf. Übrigens lieben nicht alle Lebewesen den Wald. Feld- und Haubenlerchen, Birkhuhn und einige Schmetterlingsarten lieben die offene Landschaft. Sie haben sich dort angesiedelt, wo eben gerade kein Wald war. Wenn wir übrigens in naher Zukunft weniger Fleisch und mehr pflanzliche Kost essen wollen, brauchen wir mehr Ackerflächen. Heißt im Umkehrschluss, dass noch mehr Wald verschwinden wird. Tja, noch ein Problem mehr.

Schöne Grüße
Michael Wrazidlo


3. Leserbrief

Sehr geehrte NachDenkSeiten!

Da ich selbst ein “Waldmensch” bin und meine Freizeit sehr gerne in den Wäldern meiner Umgebung verbringe, habe ich etwas zum Thema “Waldsterben” zu sagen. Ich möchte das mit einem Zitat beginnen um das Ganze in einem größeren Kontext zu durchleuchten:

“Das frühe Mesolithikum umfasst die Abschnitte Präboreal und Boreal (ca. 9600-6800 v.Chr.). In dieser Zeit ändert sich die Vegetation: Auf Kiefernwälder mit Birken (Präboreal) folgen Mischwälder mit vielen Haseln (Boreal), und ab ca. 6800 v. Chr. entstehen dichte Eichenmischwälder (Atlantikum)”
— Zitat aus dem Geschichtsbuch “Germanica” (Weltbild Verlag)

Sowohl die Wälder als auch das Klima sind weitaus dynamischer als dargestellt. Wälder sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Bäumen sondern ein komplexes Ökosystem aus Bäumen, Pilzen und Insekten – die zum Teil auch symbiotische Beziehungen miteinander eingehen.

Die von Ihnen genannten Bäume Fichte und Buche sind keine “traditionellen” Waldgewächse in diesem Sinn, sondern wurden (in den letzten 200 Jahren) nur nach einem einzigen Kriterium gepflanzt: dem ökonomischen Nutzen. (Was durchaus nachvollziehbar ist: Holz ist nun mal DER ökologische Baustoff; doch es sollte nicht das einzige Kriterium bei der Bepflanzung der Wälder sein.) Buchen und Fichten brauchen kühle und feuchte Gebiete. In den historischen Warmphasen stellten sie nicht die Mehrheit der Waldgewächse Mitteleuropas.

Was den Nationalpark Harz betrifft, teile ich ihren Pessimismus nicht; das einzige Problem ist, dass wir (das heißt unsere Generationen) nicht mehr sehen werden, wie dieser Wald voll entwickelt aussehen wird, da dies (geschätzt) hundert Jahre oder länger dauern wird bis man erste Ergebnisse sieht. 

Dass der Wald in Deutschland und Mitteleuropa im sterben liegt, ist mir zu reißerisch. Ich würde es eher als eine “schmerzhafte Phase” bezeichnen. China z.B. hat es geschafft, die Gobi erfolgreich zurückzudrängen und teile des Gebiets zu wieder zu begrünen.(1) So etwas schafft man aber nur, wenn man eine langfristige “Forst-Strategie” entwickelt und dabei ggf. Rückschläge in Kauf nimmt.
Doch dazu ist die Politik nicht bereit.

Mit freundlichen Grüßen,
Daniel Jacob

P.S.: Gehört zwar nicht zum Thema aber: Ich möchte mein Lob von März zu Ihrer Covid-19 Berichterstattung wiederholen, da Sie bis zum heutigen Zeitpunkt insofern keine Partei ergriffen haben, weil Sie versuchen alle Meinungen weitgehend abzubilden. In diesem Sinne: vielen Dank!

(1) heise.de/tp/features/Chinas-Gruene-Grosse-Mauer-4638653.html


4. Leserbrief

Als aufmerksamer Leser der Nachdenkseiten möchte ich einen Kommentar zum o.a. Artikel abgeben. Ich bin Fan von Jens Berger und seiner großen detailreichen Expertise im Finanzwesen – hier aber kratzt seine Beschreibung nur an der Oberfläche. Seine aktuellen Beobachtungen des Waldzustandes sind die eines Außenstehenden. Darüber hinaus ist insbesondere die politische Dimension dieses Themas (welche für die Leser der Nachdenkseiten immer interessant ist) deutlich größer als durch ihn dargestellt.

Ich möchte hiermit ein paar Information darlegen, die Ihnen den deutlich größeren Umfang dieses komplexen Themas deutlich machen. Alle Zahlen und Informationen entstammen öffentlich zugänglichen Quellen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen hauptsächlich aus der Forstwissenschaft. Das ist wichtig zu erwähnen, weil andere Quellenbereiche (z.B. der Naturschutz) andere Bewertungstendenzen haben können.

Der wichtigste Ergänzungspunkt zum Artikel von Jens Berger ist aus meiner Sicht der Hinweis, dass die beschriebenen Probleme des Klimawandels für den deutschen Wald zu allermeist den Privatwaldbesitzer und nicht nur die Landesforsten betreffen werden. Die Aufteilung der Waldbesitzverhältnisse in Deutschland sieht folgendermaßen aus:

  • 48 % Privatwald
  • 29 % Staatswald (Landesforsten)
  • 19,4 % Körperschaftswald (Kirchen, Gemeinden …)
  • 3,5 % Bundeswald

Und hier spielt die politische Komponente des Problems hinein. Im Unterschied zu Landesforsten sind die wenigen verfügbaren Mittel zur Begrenzung der Auswirkungen der aktuellen Problematik für einen Großteil der Privatwaldbesitzer (und zwar die wirklichen Privatwaldbesitzer mit den meist kleineren Waldflächen) noch viel schwieriger umzusetzen als für die im Artikel von Jens Berger angesprochenen Staatswaldbetriebe. Deren Hauptaufgabe ist die Waldbewirtschaftung, wodurch die Waldinfrastruktur (z.B. Befahrbarkeit durch Forstfahrzeuge) es den Staatswaldbetrieben viel einfacher macht, einen möglichen Waldumbau großflächig vorzunehmen. Dagegen haben die meisten Privatwaldbesitzer diese Infrastruktur nicht! Wenn nun jetzt bereits die Landesforsten an ihre Grenzen geraten, kann man sich vorstellen, mit welchen Problemen der Privatwaldbesitzer zu kämpfen hat. Insbesondere mit der aktuellen Borkenkäferplage aber bereits in den Jahren davor sind die Anforderungen an Waldbesitzer sehr hoch geworden, wodurch für viele, insbesondere in der aktuellen Situation, der Waldbesitz nicht mehr wirtschaftlich ist (nicht nur durch den verringerten Holzerlös). Alle jetzt und in Zukunft durchzuführenden Waldumbau- und Schutzmaßnahmen sollten für Privatwaldbesitzer staatlich gefördert werden, damit sie weiterhin den Wald für die Gesellschaft (als Wald zum Wandern und Betreten für Jedermann) erhalten können und nicht nur das Risiko allein tragen. Bestrebungen für eine bessere Vertretung dieser Interessen sind schon lange im Gange aber im Vergleich zur kommerziellen Landwirtschaft ist die Lobby deutlich geringer.

Eine weitere politische Dimension dieses Themas ist die im Vergleich zur Landwirtschaft deutlich geringere Zahl erlaubter Schutzmaßnahmen der Waldbesitzer. Beispielsweise gibt es kaum noch zugelassene Mittel, die zum Schutz der Waldfläche gegen Schädlinge eingesetzt werden können. Zum einen ist die eingesetzte Menge vergleichsweise gering (nur auf 0,01 % der Waldfläche kommt Chemie zum Einsatz) so dass die Produktion nicht sehr lukrativ ist. Zum anderen ist der Lobbydruck des Naturschutzes gegen den begrenzten Einsatz von Chemie in den deutschen Wäldern sehr hoch. Dabei ist aber zu beachten, dass das Schadpotential der Forstchemie nachgewiesen deutlich geringer als in der Landwirtschaft ist, deren Produkte aber fast alle Lebensmittel sind. Förster und Forstwissenschaftler haben durch die breitere Ausbildung einen ganzheitlicheren Blick auf den Wald, den leider viele sehr spezialisierte Biologen, die aber in großer Zahl in für den Wald relevanten Behörden arbeiten, nicht haben. Die mögliche Gefahr einer Forstchemie für einen speziellen Waldbewohner ist notwendigerweise zu analysieren. Kann aber der beispielsweise durch eine Käferplage betroffene Wald nicht durch die dringend notwendige Behandlung gerettet werden, ist am Ende der gesamte Lebensraum für den Waldbewohner in Gefahr.

Weitere politische Dimensionen dieses Themas sind der langjährige massive Personalabbau in Landesforsten (nicht in allen Bundesländern), der viele notwendige Arbeiten im Wald behindert und Jagdgesetze, die geändert werden müssen, um dem extrem hohen Wildbestand in deutschen Wäldern zu begegnen. Das ist wichtig, um den Verbiss von Jungpflanzen zu verringern, um nachwachsenden Wald eine bessere Chance zu geben.

Die im Artikel beschriebene Gefahr für den deutschen „Märchenwald“ ist den deutschen Forstwissenschaftlern bereits lange bekannt. Die Auswirkungen von Dürre (Trockenheit) und Hitze auf die hiesigen Baumarten sind verschieden und müssen getrennt untersucht werden. Welche Baumarten in Zukunft damit am besten zurechtkommen ist die Aufgabe intensiver Forschungsarbeit aller deutschen Forstfakultäten. Man weiß beispielswiese, dass junge Pflanzen im Wald, die durch Naturverjüngung („von selbst“) wachsen, deutlich trockenresistenter als Pflanzen aus Baumschulen sind.  Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist aber bis jetzt noch nicht vorherzusehen.

Man muss dabei bedenken, dass der jetzige deutsche Wald bereits das Ergebnis von früheren Eingriffen des Menschen in den Wald ist.  Die aktuellen Standortfehlentwicklungen sind ebenso bereits seit langem bekannt. Was wir jetzt im Wald sehen, ist auch hauptsächlich die Nachkriegspflanzarbeit, die man nicht hoch genug einschätzen kann (wer erinnert sich noch an das Motiv der „Kulturfrau“ auf der 50-Pfennig-Münze der BRD?). Auch damals wurde schon an den zukünftig notwendigen Waldumbau gedacht, der aber waldtypisch Jahrzehnte dauert. Der Waldumbau vollzieht sich in Deutschland bereits seit 20 Jahren. Die aktuellen Entwicklungen haben aber nun das Interesse des Laien geweckt.

Die Motivation der Begründung der modernen nachhaltigen Forstwissenschaft (nach Heinrich Cotta in Tharandt) basierte auf dem katastrophalen Waldzustand des deutschen Waldes vor 200 Jahren (aufgrund der damaligen extensiven Holznutzung). Der deutsche Wald hat auch diesen Zustand überlebt.
 
Thomas Jordan


5. Leserbrief

Lieber Jens Berger,

ich bin kein Experte auf dem Gebiet, halte es aber nach allem, was ich in diesbezüglichen Diskussionen mitbekommen habe, für ausgeschlossen, daß die Fichten-Monokulturen ein Produkt der „letzten Jahrhunderte“ sind. Mein Resümee war immer, daß erst der Wunsch nach schneller Rendite in den letzten Jahrzehnten den typischen deutschen Mischwald, der auch nicht von Stürmen geknickt werden kann wie Streichhölzer, verdrängt hat zugunsten der schnellwachsenden Fichte (ähnliches ist natürlich auch in anderen Ländern wie Frankreich zu beobachten).

In Mischwäldern, heißt es sehr plausibel, ergänzen sich die Baumarten gegenseitig, sind sie besser vor Krankheiten, Schädlingen und Dürre geschützt, speichern länger und effektiver Co2, leisten also einen größeren Beitrag im Kampf gegen den rasanten Klimawandel — kurzum auch hier ein Plädoyer für Artenvielfalt und ein Schutz umfassender Ökosysteme.

Mit freundlichen Grüßen
Michael Ewert

Anmerkung Jens Berger: Lieber Herr Ewert,

Im Harz begann die Umformung des alten Waldes in Fichtenmonokulturen bereits im Mittelalter mit dem Aufbau einer „vorindustriellen“ Struktur aus Bergbau und Hüttenwesen. Bereits im 18. Jahrhundert gab es hier die „Große Wurmtrocknis“, ein massenhaftes Waldsterben vergleichbar mit heute. Doch man lernte natürlich nichts und forstete die Fichtenmonokulturen einfach wieder auf.

Beste Grüße
Jens Berger


6. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,

vielen Dank für diesen sachlichen Artikel. Der Anblick des Oberharzer Waldes, etwa rund um den Oderteich, erinnert mich auch eher an einen Endzeitfilm.

Gefreut hat mich auch, dass Sie nicht den üblichen, universalen  Sündenbock „Klimawandel“ aus dem Sack geholt haben, sondern detailliert auf die Ursachen eingegangen sind.

Zwei hätte ich gern noch erwähnt gesehen: Die zunehmende Verdichtung und Versiegelung des Bodens in unserem Land und die Wasserentnahme im Harz.

Besonders die Verdichtung landwirtschaftlicher Flächen stellt meines Erachtens ein großes Problem dar, das bisher weitgehend ignoriert wird.

Mit der Privatisierung der Harz-Wasserwerke ist das Versorgungsgebiet stetig gesteigert worden.
Sinkt der Wasserstand der Stauseen, so sinkt entsprechend der Grundwasserpegel in der Umgebung.

Grüße
Hermann Jahns


7. Leserbrief

Hallo Herr Berger

ich wusste garnicht, dass Sie auch in das Alarmistenlager übergewechselt sind!

Überall nur Katastrophen, Weltuntergang; Waldsterben, Klimawandel. Gut das ich das schon 68 Jahre überlebt habe.

Das haben die Nachdenkseiten doch garnicht nötig. Überlassen Sie das den Mainstreammedien.

Es stirbt nicht der Wald – das hatten wir schon durch sauren Regen – es sterben einzelne Bäume, welche auf falscher Bepflanzung beruhen.

Ich bin viel im Wald unterwegs. Er ist nur 150m von meinem Haus entfernt. Ich spreche häufig mit Forstleuten, Waldarbeitern, Jagdpächtern und Waldbesitzern.

Der Förster sieht das Sterben der Fichten auch positiv! Endlich, so sagt er, kann er einmal die Monokulturen, die auf falschen Kalkböden wachsen und die ganze Zeit schon deshalb krank waren austauschen. Alle Stellen an denen die Fichten geschlagen wurden, werden mit anderen Bäumen bepflanzt. Douglasien und bestimmte Lärchenarten, welche das Kleinklima und den Boden besser
ausnutzen sind vorrangig.

Und siehe da, an diesen Stellen grünt und blüht es nach einem Jahr. Die jungen Bäume machen wirklich Fortschitte und die tristen Fichtenwälder werden duch sehr viele blühende Blumen ersetzt.

Natürlich können die Niedersächsischen Landesforsten hier anders vorgehen als die Privatwaldbesitzer. Diese machten die gleichen Fehler und müssen nun hohe Einbussen wegen des Holzpreisverfalls hinnehmen.

Deshalb klagen sie am lautesten, vor allen Dingen über den Borkenkäfer, den der Forstmann als natürlichen Schädling ebendieser Monokulturen ansieht und mit entsprechenden Umgestaltungen in Schach hält.

Ein Projekt Mittelwald in einem Bergbereich hat sich, über die 20 Jahre die es besteht, hervorragend gemacht. Hier gibt es keine gestressten Bäume sondern einen lichten Mischwald.

Also – es ist alles beherrschbar.

Der Wald wird nur anders und das ist auch schön.

Mit freundlichen Grüssen
Michael Brüggemann


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