WHO-Europa-Direktor Kluge spricht einen Satz mit Rechenfehler und binnen zwei Tagen wiederholen es Dutzende Medien
WHO-Europa-Direktor Kluge spricht einen Satz mit Rechenfehler und binnen zwei Tagen wiederholen es Dutzende Medien

WHO-Europa-Direktor Kluge spricht einen Satz mit Rechenfehler und binnen zwei Tagen wiederholen es Dutzende Medien

Ein Artikel von Moritz Müller | Verantwortlicher: Redaktion

Am vergangenen Donnerstag sagte der Europa-Direktor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Hans Kluge, auf einer Pressekonferenz unter anderem den folgenden Satz: “Last week, Europe registered over 29,000 new COVID-19 deaths. That is one person dying every 17 seconds.”
„In der letzen Woche wurden in Europa über 29.000 neue COVID-19-Todesfälle registriert. Das heißt, alle 17 Sekunden eine tote Person“. Abgesehen davon, wie aussagekräftig so eine Angabe ohne Vergleichsmaßstab ist, griff ich als Nerd zum Taschenrechner und errechnete aus 60 Sekunden mal 60 Minuten mal 24 Stunden mal 7 Tage 604.800 Sekunden pro Woche. Von Moritz Müller.

Die erste Überraschung ereilte mich, als ich diese 604.800 Sekunden durch die von Hans Kluge angegebenen 29.000 Toten in den 53 Ländern, die die WHO als Europa zählt, teilte. Ich kam auf einen Todesfall alle 20,85 Sekunden, also eher 21 Sekunden. Ich habe das dann noch mehrmals wiederholt, weil ich mir dachte, die bei der WHO müssen ja bessere (Taschen-)Rechner haben als meiner vom Schrottplatz. Ich legte das alles auch einem schlauen Freund vor, aber es blieb dabei, dass Hans Kluge innerhalb eines Satzes die Todesfrequenz um nochmals 17% erhöhte.

Wahrscheinlich steckt hinter dem 17-Sekunden-Statement ein Rechenfehler oder die 17 Sekunden leiten sich aus einer höheren Zahl an einem bestimmten Tag her oder man weiß es nicht genau.

Eigentlich ist das natürlich ein nicht so bedeutender Fehler, aber pikanterweise sagte Hans Kluge nicht nur laut Kronen Zeitung direkt danach auch Folgendes: „Wer sich an Richtlinien halte und gegen Missinformationen vorgehe, liefere einen Beitrag, um die Sterbefälle zu vermeiden.“ Wer das sagt, sollte meiner Meinung nach auch seine eigenen Aussagen genauestens prüfen.

Die eigentliche Überraschung kam dann bei der Suche, ob die Zahl „1 Toter alle 17 Sekunden in Europa“ wiederholt oder korrigiert wurde. Am Samstagabend konnte ich nach kurzer Suche auf Deutsch und Englisch die folgende imposante Liste der Publikationen finden, welche „Ein Covid-19-Toter in Europa alle 17 Sekunden” anscheinend ungeprüft wiederholt haben, in vielen Fällen als Überschrift. In den über 50 Einträgen finden sich die Tagesschau, Börse-Online, das Ärzteblatt, Morgenpost, Guardian usw. Entweder erschien diesen Medien der Fehler nicht groß genug oder sie hatten übersehen, dass man gegen Missinformationen vorgehen soll, oder es gab keine Rechner in den Redaktionen.

Aber Spaß beiseite, wir alle sollten alles, was wir an Information konsumieren, so gut es geht prüfen, sei es mit dem Taschenrechner oder gesundem Menschenverstand oder was uns sonst an Beobachtungsgabe zur Verfügung steht. Es ist leicht, der Versuchung zu erliegen, einfach etwas zu wiederholen.

Eine Information muss nicht unbedingt richtig oder falsch sein, weil sie aus der einen oder anderen Quelle kommt. Und auch bei „richtig“ und „falsch“ gibt es oft Grautöne und situationsbedingte Gegebenheiten. Im 17-Sekunden-Fall war die Überprüfung nicht so schwer und es ist auch kein gravierender Fehler, aber bei vielen Dingen muss man als Reporter wirklich genau hinsehen und nachforschen. Das kostet Zeit, Kraft und auch Geld.

Viele der unten aufgelisteten Medien haben sicherlich keinen Ressourcenmangel. Und ein Großteil dieser Medien stellt sich gerne als äußerst seriös dar und betont, dass sie ihre Meldungen auf Herz und Nieren prüfen, und am vorliegenden Fall sieht man dann, dass es mit Faktenchecks in der Praxis nicht so genau genommen wird, sondern eher Copy and Paste angesagt zu sein scheinen und der Drang, eine vorbestimmte Botschaft zu transportieren. Da nimmt man es dann vielleicht auch mit anderen gravierenderen Dingen nicht so genau. Die Meldung eines anderen unterzieht man natürlich immer gerne einem Faktencheck und das Wort „Missinformation“ geht dann leicht von der Hand.

Dies alles erscheint vielleicht als Haarspalterei, aber dass ich nirgendwo in den Medien wenigstens eine kleine Anmerkung zum Rechenfehler finden konnte, bevor der Slogan so massiv wiederholt wurde, stimmt schon nachdenklich.

Zum Zustand der Medienlandschaft noch der folgende Clip.

Es scheint tatsächlich bitterer Ernst zu sein, allerdings auch sehr komisch.

Das ist vielleicht das Wichtigste, dass man versucht, so schwer es oft in dieser düster erscheinenden Zeit ist, etwas Humor zu bewahren. Denn Lachen und gute Stimmung stärkt auch unser Immunsystem.

Dann kann man die folgende Zusammenstellung in ihrer Monotonie auch noch erheiternd finden.

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