Der Laptop lehrt nichts
Der Laptop lehrt nichts

Der Laptop lehrt nichts

Ein Artikel von Konrad Lehmann | Verantwortlicher: Redaktion

„Digitalisierung“ der Schulen als „Allheilmittel”: Dieselben High-Tech-Konzerne, die kaum Steuern zahlen und damit den Staaten das Geld vorenthalten, das für eine gerechte Frühförderung aller Kinder gebraucht würde, vermarkten digitale Lernprogramme, mit denen gerade die Kinder der Ärmsten abgespeist werden. Eine Rezension des Buches „Die Katastrophe der digitalen Bildung“ von Ingo Leipner. Von Konrad Lehmann.

Kinder seien von Corona kaum betroffen, heißt es häufig. Umso stärker leiden sie unter den Gegenmaßnahmen. Während der Schulschließungen im Frühsommer 2020 saßen sie monatelang zu Hause, konnten ihre Freunde nicht sehen, ihre Freizeitaktivitäten nicht ausüben, und vor allem: kein Wissen erwerben. Selbst in den Niederlanden, wo es eine hervorragende digitale Infrastruktur an den Schulen gibt, haben die Schüler während des ersten Lockdowns, einer aktuellen Studie zufolge, nichts gelernt.

Dabei war die „Digitalisierung der Schulen“ zu Beginn der Schulschließungen noch das propagierte Allheilmittel, galt Corona als Rechtfertigung und Motivation für ihre rasche Durchführung. Bildungspolitiker und Schuldirektoren mussten sich bittere Vorwürfe anhören, sie hätten die Digitalisierung verschlafen und damit die Zukunft der Kinder ruiniert. Der renommierte Bildungsforscher Klaus Hurrelmann schimpfte mit: „Allen unseren europäischen Nachbarländern ist es gelungen, die Schulen mit Server, WLAN, PCs oder Laptops auszurüsten und anschaffen. Wir hinken da mächtig hinterher.“ Und sah in der Coronakrise einen Vorteil:

„Es besteht die Gelegenheit, […] zwei der größten Schwachpunkte der bisherigen pädagogischen Arbeit zu beheben: Erstens die unzureichende Umstellung der Lernprozesse auf digitale Muster und zweitens die unbefriedigende Kooperation zwischen den professionell ausgebildeten Lehrkräften und den Eltern.“

Und bei anderer Gelegenheit tönte er:

„Um eine solche Medienkompetenz zu entwickeln, brauchen Kinder und Jugendliche Anleitung und Hilfe in Kindergarten, Schule und Familie parallel.“

Was von Medienkompetenz im Kindergarten (!) zu halten ist, dazu haben nicht nur Kinderpsychologen und Pädagogen, sondern auch Hirnforscher wie Prof. Gertraud Teuchert-Noodt eine klare Meinung: In einem Alter, in welchem Kinder erst noch Selbstwirksamkeit erfahren und entfalten und ihre sensomotorischen Fähigkeiten entwickeln und integrieren müssen, ist es absurd, von ihnen kritisch-reflektierende Medienkompetenz zu erwarten, und schädlich, sie vor Bildschirmen zu parken. Medienkompetenz, und damit Mediennutzung, kann mit der Pubertät beginnen.

Und selbst dann können digitale Medien nur Mittel zu einem klar definierten Erkenntniszweck sein, nicht pädagogisches Allheilmittel. Wie eingangs gesagt: Wissensvermittlung per Laptop funktioniert selbst unter optimalen Bedingungen nicht.

Hier setzt der Wirtschaftsjournalist Ingo Leipner mit seinem neuen Buch „Die Katastrophe der digitalen Bildung“ ein. Bereits in mehreren Büchern hat er sich kritisch damit beschäftigt, wie die digitalen Medien unser Leben verändern („Zum Frühstück gibt es Apps“) und auf Heranwachsende wirken („Die Lüge der digitalen Bildung“, unter Mitarbeit von Prof. Teuchert-Noodt) und hat konstruktiv Gegenmaßnahmen empfohlen („Heute mal bildschirmfrei“).

Die „Katastrophe“ ist aber mehr und etwas anderes als eine Neuauflage der „Lüge der digitalen Bildung“. Leipner erklärt nicht nur, dass digitalisierter Unterricht nicht funktioniert und warum nicht. Er bettet das pädagogische Scheitern der Digitalmedien ein in eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen und wirtschaftlichen Interessen hinter ihrer Propagierung und mit ihren sozialen Folgen: Dieselben High-Tech-Konzerne, die kaum Steuern zahlen und damit den Staaten das Geld vorenthalten, das für eine gerechte Frühförderung aller Kinder gebraucht würde, vermarkten digitale Lernprogramme, mit denen gerade die Kinder der Ärmsten abgespeist werden. Denn die Reichen schicken – auch in den USA – ihre Kinder in Kindergärten mit realen Erziehern und später dann nicht selten auf Waldorfschulen. So vertiefen die digitalen Medien die wirtschaftliche und soziale Spaltung.

Und das interessanterweise in exakt umgekehrter Weise zu dem, was Politiker offiziell befürchten. Heißt es doch oft, arme Kinder würden durch die Digitalisierung abgehängt, weil sie keine Geräte haben: Das ist einerseits richtig, weil in der Realität der verfehlten Bildungspolitik der Besitz technischer Geräte über den Bildungserfolg entscheiden kann. Andererseits sind es, wie Leipner anhand solider Quellen genüsslich ausführt, aber gerade die Kinder der milliardenschweren Computergurus, die Kinder von Bill Gates, Steve Jobs oder Tim Cook, die keine Smartphones haben – weil ihre Eltern sie ihnen nicht geben. Dieselben Menschen, die Milliarden von Konsumenten nach ihren Produkten süchtig machen wollen, schützen die eigenen Kinder davor.

Denn Kinder sind eben keine Erwachsenen; sie brauchen noch Zeit, Wachstum und Anleitung, ehe sie selbstständig ihr Leben gestalten können. In einem besonders starken Kapitel forscht Leipner daher der Entwicklung der Reformpädagogik nach: Betonte sie ursprünglich noch ganz richtig die Individualität und Selbstwirksamkeit des Kindes, wandelte sie sich später in einigen Strömungen zur Anti-Pädagogik, die jegliches Belehren des Kindes ablehnte und die Verantwortung für seine Bildung völlig dem Kind selbst zuschrieb. Daraus entstand schließlich die „Neue Lernkultur“, laut der Kinder einzeln, ohne soziale Einbettung in der Gruppe und ohne Bezugsperson, an Computern „individualisiert“ unterrichtet werden können. Aus der aufklärerischen Idee der Selbstständigkeit wurde die anti-aufklärerische Parole der Atomisierung.

Leipner untersucht auch die immensen Datenschutzprobleme mit den meisten Arten von Lernsoftware und er beleuchtet die totalitären Tendenzen, die in automatisierten Lehrprozessen liegen, bei denen Kinder komplett vermessen und durchleuchtet werden und ihre Leistung konditioniert und computergesteuert abliefern. Überdeutlich wird das in chinesischen Modellschulen, in welchen die Mimik der Schüler von Kameras aufgezeichnet und einer künstlichen Intelligenz ausgewertet wird, um in Echtzeit ihre Aufmerksamkeit und Stimmung messen zu können. Man kann das getrost als Vorboten dessen sehen, was uns hier erwartet.

Denn Leipner findet zwar in China und den USA die extremen Auswüchse des Digitalisierungsglaubens, aber er erkundet kenntnisreich auch den deutschen Markt und die Methoden, mit welchen Softwarefirmen die Kulturministerien und Schulen vor sich hertreiben. Hier bieten sich dem Leser schließlich Ansätze zur Gegenwehr, und auch diesen widmet Leipner am Ende ein Kapitel. So rundet sich dieses hoch informative, aufrüttelnde und flüssig geschriebene Buch zu einem klaren Handlungsappell und liefert zur Gegenwehr gleich die Argumente.

Ingo Leipner: Die Katastrophe der digitalen Bildung, Oktober 2020, Redline Verlag, 304 Seiten, 19,99 Euro

Titelbild: Parilov/shutterstock.com