Beschäftigen sich die NachDenkSeiten zu viel mit Corona?
Beschäftigen sich die NachDenkSeiten zu viel mit Corona?

Beschäftigen sich die NachDenkSeiten zu viel mit Corona?

Albrecht Müller
Ein Artikel von: Albrecht Müller

Ein Leser der NachDenkSeiten hat uns am vergangenen Samstag in einer Lesermail mit dem Vorwurf „zu viel Corona“ konfrontiert. Ich habe daraufhin den Monat November durchgezählt. Im November 2020 hatten wir 20 Artikel zu Corona und 15 zu anderen Themen in Verbindung mit Corona, jedoch 72 Artikel zu völlig anderen Themen: zur Wahl in den USA, Berichte über Lateinamerika und Thailand und viele Artikel zu wichtigen Fragen hierzulande – alle jenseits von Corona. Hinzu kommt, dass wir uns ja als ein medienbegleitendes und medienkritisches Projekt begreifen. Was sollen wir dann machen, wenn in der Tagesschau und in Heute, in den Tagesthemen und im Heute Journal, in nahezu allen Talkshows, im Tagesspiegel, in der FAZ, in der taz und in vielen anderen Medien ständig an vorderer Front von Corona die Rede ist? Albrecht Müller

Wir haben in der Redaktion immer darauf geachtet, dass auch andere wichtige Themen zur Sprache kommen. Wir haben uns ausführlich mit den Folgen der Corona-Politik beschäftigt – und dabei geht es wahrlich nicht um das Virus, sondern um die Wirkung auf die Menschen, auf ihre menschlichen und sozialen Beziehungen und dann auch noch um die wirtschaftlichen Folgen. Wir haben dazu auf der Basis von Berichten von NDS-Leserinnen und -Lesern eine Dokumentation erarbeitet. Und wir beharren darauf, dass dies zu dokumentieren ausgesprochen wichtig ist, weil die davon betroffenen Menschen und gesellschaftlichen Gruppen von den Tischen der Talkshows hinten runterfallen. Die im Dunkeln sieht man nicht.

Wir haben auch versucht, die Gefahren des Virus zu sehen und gleichzeitig andere Gefahren zu sehen. Wir haben die Gefahren nicht geleugnet, wie das auf anderen Portalen geschieht. Wir haben aber auch Verständnis für Menschen, die sich mit Demonstrationen gegen die Corona-Politik wenden. Und wir haben beschrieben, wie manipulativ mit diesen Initiativen umgegangen wird, wie undemokratisch mit ihnen umgegangen wird.

Das wurde uns dann als Verständnis für Verschwörungstheoretiker ausgelegt. Gegen derartige Verdächtigungen können wir uns argumentativ kaum wehren. Da sind wir auf Sie angewiesen, auf Ihr Verständnis und auf Ihre Kraft als Multiplikatoren, um Einsicht und Verständnis für diese unsere differenzierte Haltung und den differenzierten Umgang mit dem Virus und der Politik zu werben.

Wir haben uns auch gegen einseitige Wissenschaftsgläubigkeit gewandt. Wir haben dafür geworben, zumindest die Erkenntnisse verschiedener Wissenschaften in die Urteilsfindung und Entscheidungsfindung bei der Corona-Politik einzubeziehen. Aber das ist unglaublich schwer zu vermitteln. Auch der oben erwähnte Leserbriefschreiber pocht auf die unerschütterliche Richtigkeit der Wissenschaft, die von Herrn Drosten repräsentiert wird. Einzig die Wissenschaft der Virologen sei von Relevanz für die politischen Entscheidungen. So kann man denken. Wir denken nicht so.

Übrigens sprechen wir heute Abend in einem Videogespräch zwischen allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der NachDenkSeiten genau über dieses Thema – nämlich über die Frage, ob wir uns zu viel mit der Corona-Problematik beschäftigen oder zu wenig, ob wir mit der herrschenden Lehre zu kritisch umgehen oder zu unkritisch, was wir anders und besser machen müssten. Dies wollen wir klären – immer im Bewusstsein darum, dass auch wir nur begrenzte Ressourcen haben. Eine Ressource haben wir allerdings: den Willen, uns nicht mit der erstbesten Erklärung eines Vorgangs und dem erstbesten Lösungsvorschlag zufrieden zu geben. Ich nannte das einmal den „Doppelten Biss“ der NachDenkSeiten. Auch dieser macht ihre Qualität aus. Wir hoffen, dass wir Sie in den letzten Monaten nicht enttäuscht haben und auch in den nächsten Monaten nicht enttäuschen werden. – Wir sind übrigens glücklich darüber, dass wenige Stunden nach der oben erwähnten grundsätzlich kritischen Mail die im Folgenden zitierte Mail bei uns ankam:

Moin,

ich muss das zwischendurch einfach mal loswerden: natürlich bin schon länger Unterstützer, aber auch das muss gesagt werden:

Sie und Ihr Team leisten unglaublich wertvolle Arbeit in diesen verrückten Zeiten. Ich danke Ihnen aufrichtig dafür!

Viele Grüße
K. Strauß

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!