Corona-Debatte: „Waffenstillstand“ an Weihnachten
Corona-Debatte: „Waffenstillstand“ an Weihnachten

Corona-Debatte: „Waffenstillstand“ an Weihnachten

Ein Artikel von: Tobias Riegel

Die Corona-Politik zieht Gräben, selbst durch die Familien. Wir könnten die Feiertage nutzen, um diese Spaltungen wenigstens kurz zu überbrücken: Wir brauchen uns noch! Unnachgiebige Debatten am Küchentisch führen zur Erschöpfung. Feindschaft in der Familie lähmt. Ein Plädoyer für einen (vorübergehenden) „Burgfrieden“ beider Seiten zugunsten der Besinnung. Von Tobias Riegel.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

In vielen Familien waren die gemeinsamen Tage um Weihnachten bisher eine traditionelle und gute Gelegenheit für fruchtbaren gesellschaftspolitischen Austausch. Dabei ging es inhaltlich teils hoch her, was zu begrüßen ist. In diesem Text wird dagegen der ungewöhnliche Rat formuliert, sich dieses Jahr an Weihnachten innerhalb der Familie nicht zu streng über Corona zu zerstreiten. Das ist keine Forderung nach Duckmäusertum oder nach einer Kapitulation der Kritiker der Corona-Politik. Aber anstatt das wichtige Familienfest mit harten und endlosen Debatten zu überschatten: Die Menschen könnten die Tage im Kreis der Verwandten auch nutzen, indem sie die von offizieller Seite unter Verdacht geratene menschliche Gesellschaft wieder wertschätzen und über diese gegenseitige Wertschätzung Kraft sammeln. Sie werden diese Kraft brauchen – für die Kämpfe im nächsten Jahr.

Zeit, um Verletzungen zu heilen

Den Verantwortlichen für die Corona-Politik wäre es vermutlich recht, wenn sich Bürger auch innerhalb der Familien und während Weihnachten wegen des Maskenzwangs entzweien – und über dieser Aufregung gemeinsam die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums aus dem Blick verlieren. Und wenn nach all dem ziellosen Streit und den gegenseitig zurückgewiesenen Argumenten eine allgemeine Erschöpfung die Analyse und den Widerstand einschläfert. Die Empfehlung einer vorübergehenden politischen Deeskalation im Familienkreis kann befremdlich erscheinen oder gar als „Selbstzensur“ – in diesem speziellen Fall ist sie meiner Meinung nach gesund. Ein Waffenstillstand ist auch eine Zeit, um Verletzte zu bergen. Und Verletzungen gab es während der längst nicht beendeten Corona-Debatte.

Allerdings müssten bei dem (vorübergehenden) inner-familiären „Waffenstillstand“ beide Seiten mitmachen. Die kritische Haltung der NachDenkSeiten zur unverhältnismäßigen Corona-Politik und zur gefährlichen Panikmache in den Medien haben wir in den letzten Wochen in zahlreichen Artikeln beschrieben. Diese Kritik soll hier nicht wiederholt werden. Trotzdem sind von der Empfehlung der Zurückhaltung auch (und vor allem) die Verteidiger der offiziellen Corona-Politik angesprochen – weil sie in der Bevölkerung mutmaßlich die Mehrheit darstellen. Und weil sich bei ihnen als Folge der Medienkampagnen ein Bedürfnis zur Belehrung der „Skeptiker“ in der Familie eingestellt haben könnte. Es haben aber natürlich „beide Seiten“ in der Hand, wie weit die Debatte eskaliert.

Ein versöhnliches Ende finden

Es gibt auch sehr unterschiedliche Debatten-Kulturen in den Familien: Da, wo es möglich ist, rational zu diskutieren, da soll die Debatte natürlich auch geführt werden. Schließlich wären die Feiertage eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um sich in einem ruhigen Austausch irrationale Ängste zu nehmen. Wichtig wäre, dann auch wieder ein versöhnliches und produktives Ende für die Diskussion zu finden.

Die politische Toleranz der familiären Harmonie zuliebe hat natürlich ihre Grenzen. Man muss sich am Küchentisch keine zusätzliche Diffamierung gefallen lassen, die schallt schon aus allen Medienkanälen. Aber der Corona-Komplex wird sich an Heiligabend nicht lösen lassen – zumal zwischen Bürgern, die allesamt beeinflusst sind von einer medialen Angst-Kampagne. Man kann also an diesem Abend wenig gewinnen – aber man kann sich durch aggressive Streits noch jenen Rest Geborgenheit zerstören, der die Corona-Politik bislang noch überlebt hat. In rational schwer zu beschreibenden Zeiten: Sollten diese familiären und spirituellen Werte nun vorübergehend über der Tagespolitik stehen?

„…, denn sie wissen nicht, was sie tun“

Beim Thema Corona herrscht auch innerhalb der Familien keine Waffengleichheit: Die Seite der Unterstützer der Corona-Politik weiß die Kraft einer massiven Medienkampagne hinter sich, während die andere Seite gründlich dämonisiert wurde. Für die Feiertage könnten als Konsequenz aus der ungezügelten Berichterstattung beide Seiten das Motto gelten lassen: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Die Menschen sind durch die Corona-Kampagnen erschöpft, verstört und verwirrt, wie sollte es anders sein? Vergib also den Bürgern, aber nicht den Medien und Politikern, die diese Verstörung anrichten und durch ihr Verhalten eine langfristige Spaltung der Gesellschaft forcieren.

Der hier vorgebrachte Ratschlag zur Zurückhaltung kann natürlich auch als Zeichen der Harmonie-Sucht abgetan werden. Um so mehr, als wie gesagt die Tage um Weihnachten in vielen Familien bisher ein traditioneller gesellschaftspolitischer Debattenraum waren: Hier wurden sonst als Begleitung zu Bescherung und Braten oft auch aktuelle Themen behandelt. Und dieses Mal soll nun politische Stille herrschen?

Wir brauchen uns noch!

Es ist in diesem Jahr das erste Mal, dass ich mich als Atheist aufgefordert fühle, die spirituelle Kraft des Weihnachtsfests zu verteidigen. Aber Weihnachten ist bei wohlwollender Betrachtung eben nicht nur der christliche Mythos oder der ausreichend besprochene Konsum-Exzess. Es ist in weiten Teilen Europas, über die religiöse Bedeutung hinaus, tatsächlich das „Fest der Liebe“, eine der seltenen Gelegenheiten der familiären Zusammenkunft – auch für „Ungläubige“ wie mich: Ich nutze die Tage für eine Besinnung, die einer religiösen Meditation möglicherweise ähnlich ist. Vielleicht kann die Kraft der Tradition, die den Feiertagen innewohnt, mehr Ausgleich in den durch die Corona-Politik polarisierten Familien schaffen als Appelle an die Vernunft. Vielleicht ist das aber auch nur ein frommer Wunsch. Es gibt außerdem viel zu häufig Familien-Konstellationen und Alltagsrealitäten, die eine Besinnung grundsätzlich unmöglich machen.

Der Verzicht auf allzu leidenschaftlichen Streit über die Tagespolitik kann auch wieder Raum machen für die in den letzten Monaten offiziell für überflüssig erklärte Kultur: Statt auf die Meinungsmache der „Tagesschau“ und Frank-Walter Steinmeiers durchschaubare Phrasen von der „Solidarität“ kann man sich auf Bachs Weihnachtsoratorium (oder, wer es noch nicht oft genug gehört hat, auch „Last Christmas“ von Wham) einlassen. Dieser wichtige Genuss von Hoch- oder (ebenso berechtigt) Trivial-Kultur ist auch eine der wenigen Freuden, die den Einsamen in diesen Tagen, in denen Einsamkeit besonders schmerzt, bleibt: Etwa den Omas, die nun gemäß einer Aufforderung des „Spiegels“ alleine bleiben. In der „Neuen Normalität“ wird das „Nächstenliebe“ genannt.

Ein Raum für Kultur und Spiritualität. Ein entspanntes und produktives Nichtstun. Das ist kein Aufruf zur langfristigen Realitätsflucht oder Entpolitisierung – aber wir alle müssen mal innehalten, um für die wichtigen Auseinandersetzungen in 2021 Kraft zu schöpfen. Und um uns, trotz dieser Konflikte, mit unseren Nächsten darüber klar zu werden: Wir brauchen uns noch!

Wir wünschen allen Menschen – ob Corona-Kritiker, Hygiene-Verfechter, Strenggläubige oder Heiden, Mitstreiter oder Widersacher – besinnliche Feiertage.

Titelbild: Roman Samborskyi / shutterstock.com

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