Leserbriefe Ausgabe Nummer 2 zu „Zur Diskussion gestellt: Daniele Gansers Vortrag zu Corona und China. Eine Diktatur als Vorbild““

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In diesem Beitrag haben die NachDenkSeiten auf einen Vortrag des Historikers Daniele Ganser hingewiesen und die Leserschaft um ein Meinungsbild gebeten. Die erste Serie der Leserbriefe, 70 an der Zahl, ist hier veröffentlicht worden. Zu beidem haben uns weitere E-Mails erreicht. Danke vielmals. Mit dieser Veröffentlichung schließen wir dieses Thema ab. Zusammengestellt von Christian Reimann.


1. Leserbrief

anmerkung zu gansers these: „Angst vor Diktatur“ -neben „Angst vor Armut“ / „Angst vor Virus“, die menschen beeinflußen.

ich respektiere ganser, geboren anfang der 1970er zur zeit der einführung der berufsverbote, von ihm kann ich nicht erwarten zu erforschen, inwiefern mentale zustände der deutschen menschen -der exDDRler genauso wie die der exWestdeutschen/BRDler- sich darauf zurückführen lassen, daß sie ihren hitler im kopf nur verdrängt haben: die DDRler zwangsverordnet von oben zur antifaschistischen antikriegshaltung, die westdeutschenBRDler lustvoll  verschoben zur USA-vasallentreue (und seit filmen wie „schindlers liste“ zur staatsräson mit israel). so wird kein deutscher aus scham eine „angst vor diktatur“ (zit ganser) bezogen auf das NAZI-regime entwickeln, stattdessen erzeugt weiterhin das alte NAZI-feindbild („bolschewistische untermenschen“/kommunismus) ängste, die sich gegenüber dem “realsozialismus” („honnecker, stalin“ zit ganser) äußern – unter vermeidung einer ausgewogenen beurteilung der beiden historischen diktaturen, deren unterschiede und auf die heutige weltlage bezogen mit wenig kompetenz, lehren aus der geschichte zu ziehen, vielmehr mit scheuklappen besonders gegenüber china und rußland einher gehen.

beate brockmann


2. Leserbrief

Sehr geehrte Mitarbeiter der Nachdenkseiten,

sehr lang schon beschäftige ich mich mit den Vorträgen und Büchern von Daniele Ganser.

Ich stehe allen Beiträgen von Ihm kritisch und nachfragend gegenüber.

Den Beitrag fand ich- so weit ich das beurteilen kann- fachlich gut recherchiert und sehr gut mit nachvollziehbaren Fakten hinterlegt. Bei Dr.Daniele Ganser nicht überraschend.

Mein Eindruck ist, und da bin ich mir sehr sicher, dass wir uns auch in dem, zumindest offiziell demokratischen Europa mit riesigen Schritten auf den Totalitären Überwachungsstaat nach dem Vorbild von  George Orwell “1984” zu bewegen.

Wir leben in einer Zeit, in der Kritiker bzw. Menschen, die die Wahrheit aussprechen mundtot gemacht, nicht gehört, einfach “verschwinden”, Unfälle haben oder schlimme familiäre Nachteile erfahren müssen.

Es gab doch schon Epochen in unserer Geschichte, wo man seine Meinung nicht jedem mitteilen konnte, oder?

Es ist meiner Ansicht nach völlig normal, das Staaten (oder andere Institutionen) die Meinungsbildung der Bürger – in gewissen Grenzen – überwachen um sie in Ihrem Interesse zu bilden.

Das war doch schon immer so! Es dient ja auch der Sicherheit aller.

Etwas anderes anzunehmen wäre völlig weltfremd und naiv.

Alldings sind die Methoden in unseren Leitmedien so beleidigend, frech, plump und so durchschaubar geworden, das denkende Menschen die Welt da draußen nur sehr schwer mit einem guten Ausgleich im Hintergrund, ertragen können. Man könnte beim Konsum einiger Medien nur noch heulen.

Ich nenne es immer “Gehirngulasch”!

China ist als Vorreiter zu nennen, was die Lückenlose Überwachung seiner Bürger um eine Opposition zu verhindern angeht und liefert ein gutes Beispiel für den Rest der Welt ab, wie man es nicht machen sollte.

Die Überwachung von Menschen nimmt “perverse” und schizophrene Züge an, was Ganser in seinem Vortrag hervorragend aufzeigt.

Natürlich sind Überwachungsmaßnahmen in einem totalitären Staat wesentlich einfacher und man muss mit wesentlich weniger Widerstand rechnen als in einer Demokratie.

Noch!

Ich persönlich fand den Vergleich mit der ehemaligen DDR recht gut und passend.

Jetzt ist es doch viel einfacher, Menschen zu überwachen als in der ehemaligen DDR.

Während die Staatsicherheit noch mit viel personellem und handwerklichem Aufwand Wohnungen verwanzen musste, trägt heute jeder – und das kann man global steuern –  freiwillig seine persönliche Staatssicherheit spazieren!

Das wäre doch der “feuchte Traum” von Erich Mielke.

Natürlich ist mir bewusst, das der Vergleich mit der Staatsicherheit der DDR vielen Menschen Leid zufügt!

Mitarbeiter von Geheimdiensten waren noch nie harmlose Chorknaben…

Aber jetzt gehts um uns. Wollen wir ein neues Berlin-Hohenschönhausen?

Abschließend fand ich den Vortrag sehr gut, den Titel Corona und China: Eine Diktatur als Vorbild? regt auf jeden Fall zum Nachdenken und zur Vorsicht an.

Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!

Ich hoffe, es erscheinen noch viele Vorträge von Dr.Daniele Ganser und seine Beiträge werden weiterhin veröffentlicht. In der heutigen Zeit nicht selbsverständlich.

Wir stehen alle vor fundmentalen Veränderungen!

Ich wünsche Ihnen und allen Lesern der Nachdenkseiten alles Gute!

An die Mitarbeiter der Nachdenkseitenrichte sage ich: Danke für Ihre wertvolle Arbeit!

Die GEZ muss sich auch im Sinne von alternative Medien verändern!!!

Mit freundlichen Grüßen
Lars Fischmann


3. Leserbrief

Liebe Nachdenkenseiten,
 
ich finde, es ist ein interessanter Ansatz unsere gegenwärtigen Probleme mit Corona mal in dieser Dreier-Konstellation zu betrachten.

Naturgemäß kann Herr Ganser in seinem Vortrag nur Denkansätze weitergeben.

Zum politischen System in China möchte ich bemerken, dass es in China sehr wohl ein Mehrparteiensystem gibt. Ähnlich wie in der ehemaligen DDR sind diese m. W. in einer Art „Nationalen Front“ zusammengeschlossen aus der gemeinsame Kandidaten für den Volkskongress zur Wahl stehen. Mir ist schon klar, dass die führende Rolle der KP China damit nicht ausgehebelt werden kann. Um das politische System in China verstehen zu können, bedarf es aber vermutlich eines längeren Diskurses zu Geschichte, Kultur und Religion, den Herr Ganser offensichtlich mangels Zeit nicht führen wollte.

Generell stellt sich für mich die Frage, ob solch ein Land mit den sogenannten westlichen Demokratieansätzen überhaupt zu führen wäre.
 
Für mich stellt sich als Quintessenz dar, dass man zur Erhaltung der Machtinteressen, egal ob in einer Diktatur oder in sogenannte westliche Demokratien, zu ähnlichen Instrumenten (z. B. die unbändige Datenüberwachung/-sammlung) greift. Natürlich lassen sie sich in einer Diktatur rigoroser umsetzen.

Man kann bei den gegenwärtigen Lockdown-Maßnahmen, und den damit verbundenen Eingriffe in die Grundrechte, den Eindruck gewinnen, dass hier sehr wohl die Toleranz der Bürger ausgetestet wird.
 
Bei uns versucht man durch eine zunehmende Gleichschaltung der Medienlandschaft die „Alternativlosigkeit“ der gegenwärtigen politischen Entscheidungen den Bürgern einzutrichtern.

Eigentlich möchte man die Bürger so formen, dass sie den politischen Machteliten widerspruchslos folgen.
 
Zum Glück gibt es die Nachdenkenseiten, die mich immer wieder anregen die politischen Ereignisse zu hinterfragen.
 
Mit freundlichen Grüßen
Lothar Frenzel


4. Leserbrief

Liebe NDS-Macher:innen,

nachdem ich mir einen Überblick über die gut 70 Beiträge der Leser:innen verschafft habe, ist es mir ein Anliegen, Ihnen meine Anerkennung und meinen Dank zukommen zu lassen. Der Bemerkung des Lesers Rolf Henze, die NDS hätten sich zum “Leuchtturm der Aufklärung in Deutschland” entwickelt, kann ich mich nur voll und ganz anschließen.

Warum?

Sie “wagen” es, auf den Vortrag einer in der öffentlichen Wahrnehmung durchaus umstrittenen Person hinzuweisen (dass die Darstellung Gansers sich in Artikeln der NZZ wie auch der taz der gleichen mehr oder minder subtilen diskreditierenden Mitteln bedient, lässt schon tief blicken), wobei Sie bewußt die Gefahr in Kauf nehmen, sich der “Kontaktschuld” zeihen lassen zu müssen.

Sie verhehlen nicht, dass Sie selber Fragezeichen haben, fordern Leser:innen dazu auf, sich ein eigenes Bild zu machen und dies auch mitzuteilen.

70 Menschen nehmen sich daraufhin die Zeit und machen sich die Mühe, ihre Gedanken, Fragen, Denkanstöße zu formulieren, ihr Wissen zu teilen; dies durchaus (teilweise sogar sehr) kritisch, dabei jedoch größtenteils sachlich, differenziert, auch wertschätzend.

Sie veröffentlichen die Einsendungen unkommentiert und unzensiert und eröffnen so allen Interessierten die Möglichkeit, die eigene Meinung zu hinterfragen und sich Anregungen geben zu lassen. Mich persönlich z.B. haben einige Beiträge durchaus dazu gebracht, mein Chinabild (und dessen Zustandekommen) zu überdenken.

Allein dass Sie dies in einer “altmodischen” Form ermöglichen und sogar an der Begrifflichkeit “Leserbrief” festhalten, und nicht etwa ein sog. “Forum” eröffnen (in dem sich die “Forist:innen” meist nur noch mit vorgefassten Positionen aneinander abarbeiten), emfpinde ich als absolut wohltuend.

All dies ist intellektuell eine Freude und im Hinblick auf die Zeitläufte eine demokratisch-freiheitliche Notwendigkeit.

Die Frage wäre, was zu tun sei, dies zum Standard einer derzeit in meinen Augen größtenteils darniederliegenden Debattenkultur zu machen, auch im Anbetracht der Tatsache, dass ein Großteil der Menschen (gewollt?) zu wenig Zeit und Kraft hat, zu abgelenkt ist, mittlerweile sogar des sinnerfassenden Lesens längerer Texte entwöhnt…?

Dankbar grüßt
Tony C. Schwarz

Anmerkung Albrecht Müller, Herausgeber der NachDenkSeiten: So wie Tony C. Schwarz es beschreibt, ist es auch gedacht. Dass es viele Leserinnen und Leser gibt, die wie er erkennen, wie die Macherinnen und Macher der NachDenkSeiten die demokratische Debatte verstehen und zu ihr beitragen wollen, freut uns außerordentlich. Danke vielmals.


5. Leserbrief

Lieber Herr Müller,

stets habe ich Daniele Gansers Fähigkeit bewundert, schwierige und auch komplexe Fragen sachlich und kompetent zu beleuchten, auch beim Vortrag “Corona und China. Eine Diktatur als Vorbild”. Er schafft es, dieses kontroverse Thema in einem großen Bogen zu umreißen. Seine zentrale Botschaft, dass unter extremen Repräsentanten der drei beschriebenen Angsttypen kein konstruktives Gespräch möglich ist, es sei denn die Betreffenden sind in der Lage, ihre eigene Angst und die des anderen zu verstehen und zu akzeptieren, hilft mir, meine Kommunikation beim Thema Corona zu verbessern.

Jedoch unterliegt er hier der Versuchung, eine Manipulationstechnik anzuwenden:

Im Kapitel “5. Schweden: Der liberale Weg ohne Lockdown” behauptet er, dass die Zahlen ab Dezember 2020 zeigten, dass Schweden den besseren Weg eingeschlagen habe, und dass nun Schweden besser als Deutschland da stünde. Hier hat er sich der von Ihnen so gut beschriebenen Manipulationsmethode bedient, den Verlauf einer Entwicklung nicht von Anfang an zu betrachten, sondern willkürlich an einer zeitlich günstigen Stelle zu beginnen, denn im Dezember 2020 sind – wie er korrekt zeigt – die normierten WÖCHENTLICHEN schwedischen Todeszahlen unter die deutschen gefallen. Trotzdem bleibt das Argument gültig, dass die normierten AKKUMULIERTEN Todeszahlen für Deutschland sprechen (dies könnte bedeuten, dass Deutschland das Ziel “flatten the curve” erfolgreich umgesetzt hat! Und weiß er, was im restlichen Jahr 2021 noch passieren wird?). Das Verhältnis der schwedischen zu den deutschen AKKUMULIERTEN Zahlen beträgt: etwa 450% (31.05.2020), 177% (25.01.2021), 168% (01.02.2021), 163% (08.02.2021) und 159% (15.02.2021), was gewiss eine erfolgreiche Entwicklung für Schweden zeigt, aber eben noch kein eingetretener Sachverhalt der Überlegenheit des schwedischen Wegs ist. Strenge Befürworter harter Maßnahmen und flächendeckender Impfungen sind so nicht zu überzeugen.

Mit freundlichem und für die Arbeit der Nachtdenkseiten dankbarem Gruß,
Rüdiger Hauff


6. Leserbrief

Liebe Nachdenker,

Überwachungsstaat!

Das bisher letzte warnende und ungemein wirksame Zauberwort der kapitalistischen Bandenherrschaft zur Abschreckung aller Versuche ihrer Aufhebung.

Denn vorsorgliche und sehr nachdrückliche Überwachung seitens jeden Mitglieds der herrschenden Klasse gegenüber seinen eigenen Kindern, um angemessen stets das befolgen zu lassen, was on the long run dem eigenen Klassen-Glück am besten dient, ist ja nicht etwa deshalb allgemeine Grundlage der Vorherrschaft dieser Klasse, weil solche überwachende Fürsorge eine illegitime Herrschaftstechnik auf Kosten der Unterklasse nur wäre, sondern umgekehrt, weil die Unterklasse materiell ausdrücklich nicht in denselben Stand gesetzt, ja gehindert wird, den eigenen Nachkommen ähnlich für- und nachsorgende, also aufwendige Ausbildung angedeihen zu lassen – und zwar, indem ihnen die Muße zur Bildung und steter Kontrolle ihres Erfolgs durch Raub an ihrer Zeit, ihrer materiellen Mittel und damit ihrer Qualifikation hinterzogen wird.

Überwachungsstaat!

Optimierende Kontrolle ist in Wahrheit zuallererst das teure Privileg der herrschenden Klasse an sich selbst. Nachgelagert dem Volk gegenüber genügen Polzei, Gerichte und Gefängnisse.

Doch was gibt es denn durch Installation unzähliger Kameras auf allen Wegen und Stegen nur an den täglichen Verrichtungen der Menschen so Interessantes zu überwachen? Und wen könnte das schon interessieren – dazu noch in trillionenhafter Wiederholung? Niemand wird in der Zukunft die offenen Geheimnisse des allgemeinen repetitiven Privatbagatellentums eines Blickes würdigen – um so mehr, als sich damit sozialschädliche Devianz wohl meistens von vornherein verhindern wird lassen, deren nötige Unterbindung eine fürsorgende Gemeinschaft sich endlich an der klassenegoistischen Sorgfalt der herrschenden Klasse gegenüber ausschließlich ihrer eignen Kindern abgeguckt hat.

Freiheit und Democracy! Das ist: Teile und herrsche!

Statt Behutsamkeit ausnahmslos jedem Menschen gegenüber lieber unaufhörlich einen Keil in die Beherrschten zu treiben, sie existentiell noch über jede Scheiße sich in die Haare kriegen zu lassen, ist das Geheimnis aller Klassenherschaft, also jener Verbrecherbanden, deren Sicherheit der endlose gesellschaftliche Zwist der Ausgeraubten untereinander ist.

Denn wehe, die Menschen begönnen, den sorgfältigen Umgang mit ausnahmslos jedem Menschen am Menschen durchzusetzen – das Volk selbst als Pater Familias.

Also als große Kamera!

(Verstellungskunst, die vielleicht höchste Begabung aller Menschen, würde an der Realität erschöpft und sich endlich auf ein einziges sozialverträgliches Refugium konzentrieren lassen: also auf die Kunst, wie etwa Bühnen- und Filmkunst.)

Bewußten politischen Mißbrauch einer außerhalb der eigenen Wohnung allgemein erzieherisch kontrollierten Öffentlichkeit braucht es in einer Gesellschaft, welche die kapitalistischen, unablässig Kriege führenden Banden entmachtet hat, keineswegs zu geben:

Denn alle politisch letztlich entscheidenden Gremien einer solchen Gesellschaft wären ausschließlich mit lebenslänglichen Gehaltsempfängern zu besetzen, also solchen Menschen, die ihr Privateinkommen prinzipiell niemals durch ihre Beschlüsse verändern könnten.

Es wäre dann also noch die menschliche Dummheit, die einer besseren Zukunft wie stets weiterhin im Wege stünde. Der bisherige Fortbestand der Menschheit jedenfalls verdankt sich ja keineswegs ihrer Weisheit, sondern ihrer Geilheit (Schopenhauer, ungefähr).

Mit freundlichen Grüßen
Hans Tigertaler


7. Leserbrief

Liebes Nachdenkseitenteam,
 
ein großes Lob für diese Aktion!

Um einen diskussionswürdigen Vortrag sollte eine kritische Auseinandersetzung stattfinden. Die Leserinnen und Leser der Nachdenkseiten haben diese Gelegenheit in offener und tabuloser Weise ausgiebig genutzt. Nun kann Herr Dr. Ganser darüber nachdenken und vielleicht seine Meinung korrigieren, weil einige Kritiker (teilweise) recht haben oder begründen, warum er bei seiner Meinung bleibt. Es wäre schön, wenn er diese Gelegenheit nutzt.
 
So soll es doch in einer Demokratie sein: Nach einem offener Diskurs bei gegenseitigem Respekt, unter Einbeziehung der Betroffenen, werden dann Entscheidungen in demokratischer Abstimmung getroffen. So habe ich es früher  einmal gelernt. Deshalb sei eine Demokratie allen autoritären Regierungsformen überlegen, hieß es in der Schule.
Wir wollen mehr Demokratie wagen, sagte Willy Brandt bekanntlich damals.
 
Danke, dass Sie hiermit noch einmal aufgezeigt haben, wie man sich das vorzustellen hat.
 
Herzliche Grüße
Uwe Skroblin


8. Leserbrief

Liebe NachDenkSeiten,
 
Ich beobachte die Corona-Krise und deren Berichterstattung (sowohl im sog. Mainstream als auch in Alternativportalen) aus der Ferne und mit zunehmender Befremdung.

Ich nehme daher gerne Ihre Aufforderung den Vortrag von Daniele Ganser zu kommentieren, als Anlass ueber die Situation in und (meine persoenliche) Perspektive aus Neuseeland zu berichten.

Hier in Neuseeland wurde der Begriff „doomscrolling“ zum Wort des Jahres 2020 gekuert (der Begriff laesst sich nur schwer ins Deutsche übersetzen, am ehesten würde es wohl „verdammnisblättern“ treffen [1]). Waehrend wir aus aller Herren Laender mit unglaublichen Zahlen und Berichten von noch unglaublicheren Massnahmen bombardiert werden, geniessen wir hier ungeahnte Freiheiten. Unsere wenigen Corona-Infizierten sind dem Gesundheitsministerium namentlich (!) bekannt.

Daher finde ich es etwas befremdlich, dass im Vortrag von Daniele Ganser nur der Chinesische Weg („Ist eine Diktatur“, „Lockdown“, moegen wir nicht) dem Schwedischen Weg („Liberale Demokratie“, „Kein Lockdown“, moegen wir) gegenueber gestellt wird.

Neuseeland ist eben auch eine liberale Demokratie (es hat als erstes Land 1893 das Frauenwahlrecht eingefuehrt) und hat neben anderen Laendern in der Asien-Pazifik-Region einen „harten“ Lockdown durchgefuehrt und damit SARS-CoV-2 praktisch eliminiert.  Daher finde ich auch die gerade in Alternativmedien haeufig benutzte Aussage, dass laut WHO „Lockdowns nichts bringen“ blanken Unsinn. (Die WHO hat uebrigens zurecht darauf hingewiesen, dass ihre Aussagen aus dem Kontext gerissen wurden. [2])

In letzter Zeit werden in den deutschen Medien Alternativen zur gegenwaertigen Corona-Strategie diskutiert (wobei in den Begiff „Strategie“ in seinem weitesten Wortsinn verwende), darunter „No-Covid“ und einen „sozialen Lockdown“.  Gemeinsam scheint beiden, dass sie wohl versuchen das neuseelaendische Erfolgsmodell zu kopieren.  Und tatsaechlich hat es hier funktioniert und war weitestgehend sozial vertraeglich.  Wir hatten einen harten Lockdown, alles wurde heruntergefahren.  Nur „essentielle“ Unternehmen und Geschaefte blieben geoeffnet, alle Arbeitnehmer, die zu Hause bleiben mussten – sowohl Angestellte als auch Selbstaendige – erhielten (relativ) unbuerokratisch finanzielle Unterstuetzung.  Die Strategie wurde von unserer Regierung klar dargelegt, exzellent kommuniziert („we are a team of five million“; „stay home, save lives“), es gab taegliche Pressekonferenzen, die Bevoelkerung stand fast geschlossen hinter den Massnahmen. Wahrscheinlich undenkbar fuer Deutschland, wurden doch noch nicht einmal Strafen festgelegt, sollte sich jemand nicht an die Regeln halten. Letzlich gab es soziale Kontrolle und Aechtung – der Gesundheitsminister musste zuruecktreten, weil er mit seiner Familie im Lockdown an einen Strand gefahren ist.  Ebenso undenkbar fuer Deutschland ist wohl auch, dass ein Grossunternehmen, das Corona-Finanzhilfen der Regierung in Anspruch genommen hatte, aber nicht gebraucht hatte, diese wieder zurueckzahlte – obwohl sie dies gar nicht musste!  Wahrscheinlich sind der neuseelaendische Weg oder eine „No-Covid“ Strategie keine geeigneten Loesungen fuer ein Land, in dem waehrend einer Pandemie darueber diskutiert wird, wann endlich die Autohaeuser wieder aufmachen duerfen…  [3] In jedem Fall erscheint mir jedoch es ist „too little, too late“.

Vielleicht auch ein Wort zu den Corona-Toten.  Ganser hat ja voellig recht, dass 2020 „99,97% der Menschheit nicht an Corona gestorben sind“, das sind Fakten. Bewusst oder unbewusst, er macht sich damit trotzdem der Polemik schuldig.  Ich finde es kaum mehr unertraeglich, wie jede Seite die Anzahl der Corona-Toten (immer natuerlich mit dem Verweis „an oder mit“)  wie ein Monstranz vor sich hertraegt, um ihre Argumentation zu stuetzen. Natuerlich handelt es sich bei Covid-19 nicht um eine toedliche Seuche wie die Schwarze Pest, aber gewaltige Fortschritte in der Medizin haben seither dazu gefuehrt, dass man schwerwiegende Erkrankungen, u.a. durch Intensivmedizin, eben ueberleben kann. In gewisser Weise ist die Einstellung „kaum Uebersterblichkeit – kann also gar nicht so schlimm sein wie alle sagen“ auch noch ein Schlag ins Gesicht all jener, die in der Gesundheitsversorgung arbeiten und durch ihren unermuedlichen Einsatz eben dafuer sorgen, dass so viele Patienten ueberleben.  Wer noch Zweifen an der Gefaehrlichkeit dieser „Grippe“ hat, moechte doch einfach mal PPE (Schutzausruestung) anlegen und darin einige Stunden einen Intensivpatienten behandeln. Nach wie vor ist uebrigens auch noch ein Meinungsartikel von Prof. Dr. Paul Vogt vom April 2020 aktuell, der gut darlegt, woran man als Mediziner eine Pandemie erkennen kann [4]. Wie Daniele Ganser ist auch er Schweizer.

Aehnlich gefaehrliches Halbwissen wie bei den Corona-Toten wird uebrigens auch gerne ueber die PCR-Tests verbreitet und sie werden auf hohem mathermatischen und statistischen Niveau, aber komplett am Thema vorbei diskutiert.   Eigentlich ist ja schon alles dazu gesagt (nur halt noch nicht von jedem…), aber vielleicht kann ich anhand der Nutzung dieses Tests hier in Neuseeland helfen das Gelesene besser einzuordnen.  Obwohl dieser Test – wie jeder Test – sowohl falsch positive wie falsch negative Ergebnisse erzeugen kann, wir er bei uns zum Screening (!) auf SARS-CoV-2 eingesetzt. Getestet werden alle Einreisenden vor und waehrend ihrer Quarantaene, ausserdem regelmaessig Flugpersonal, sowie Arbeiter an Haefen und Angestellte in den Quarantaene-Hotels.  Bei entsprechenden typischen Symptomen wird Neuseelaendern empfohlen, sich testen zu lassen – und dies obwohl hier praktisch keine Covid-Faelle ausserhalb der Quarantaene-Hotels existieren. Wenn man einigen Beitraegen, auch in den NachDenkSeiten [5], glauben schenkt, waere dieses System wegen der geringen Fallzahlen extrem fehleranfaellig.  Doch ein (vermeindlich falsch-) positiver Befund wird grundsaetzlich medizinisch (!) validiert, weil man unter anderem eben weiss, dass auch eine abgelaufene Infektion positive Resultate erzielen kann.

Ueber Impfungen wollte sich Daniele Ganser nicht aeussern: „Ich bin ja kein Arzt“.  Nun, ich bin Arzt, und ich versuche mich umfassend zu informieren, trotzdem faellt es mir manchmal selbst schwer den Ueberblick zu bewahren. Anfangs war ich sehr skeptisch, wurde doch in Rekordzeit nicht nur ein neuer Impfstoff, sondern sogar ein neues Impfverfahren entwickelt. Egoistischwerweise nahm ich mit Erleichterung zur Kenntnis, dass Neuseeland mit einigen Monaten Verspaetung die Impfkampagne starten wurde.  Bis dahin wuerden wir in Phase IV genug Erfahrung ueber den Nutzen und vor allem den unerwuenschten Nebenwirkungen der Impfung, also letzlich ihre Sicherheit erfahren.  Die Zwischenergebnisse liegen vor und sind beruhigend, zumindest fuer den BioNTech/Pfizer-Wirkstoff*. Ob es durch die Impfungen zu Langzeitschaeden kommen kann, wird man natuerlich erst spaeter beurteilen koennen – das liegt in der Natur der Dinge –  doch ueblichweise finden sich ernste Nebenwirkungen in der ersten Wochen bis Monaten. Langzeitschaeden durch Covid – auch bei ansonsten mildem Verlauf – sind jedoch schon bekannt. 
 
Ich hoffe mit meinem Beitrag ein wenig zur Diskussion beitragen zu koennen, ich halte es abschliessend mit Daniele Ganser: es haben wahrscheinlich alle Beteiligten „teilweise recht“, so auch ich.
Bleiben Sie weiter aufmerksam, aber denken Sie nicht immer ueber alles nach…
 
Mit freundlichen Gruessen aus dem sommerlichen und fast Covid-freien Neuseeland
Dr. med. Bernd Kraus
 
PS:  Ueber die Corona- oder Hygiene- (oder wie auch immer sie heissen) Demonstrationen wollte ich mich nicht auessern, dafuer aber ein Link zu einem Artikel ueber einen hiesigen Protest anlaesslich des kleinen Lockdowns vor ein paar Tagen: [6]
 
PPS: ich habe leider keine deutsche Tastatur, sollten Sie meinen Beitrag veroeffentlichen wollen, duerfen Sie gerne Umlaute einsetzten, gerne auch Rechtschreibfehler korrigieren (weil das immer so peinlich ist) und ihn redaktionell kuerzen, wenn dies nicht sinnentstellend ist
 
[1] rnz.co.nz/news/national/433300/doomscrolling-is-word-of-the-year-for-2020-public-address
[2] forbes.com/sites/brucelee/2020/10/13/who-warning-about-covid-19-coronavirus-lockdowns-is-taken-out-of-context/?sh=dcfad49158c4
[3] auto-motor-und-sport.de/verkehr/kfz-handel-corona-lockdown-autohaus/
[4] ga.de/news/panorama/das-sagt-ein-schweizer-professor-zur-pandemie-und-den-zahlen-in-den-medien_aid-50189111
[5] nachdenkseiten.de/?p=61836
[6] thespinoff.co.nz/politics/15-02-2021/an-afternoon-at-alert-level-three-with-the-anti-lockdown-protesters/
 
*) Ich finde es fast schon erheiternd, dass die beiden Entwickler des Impfstoffes Uğur Şahin und Özlem Türeci in Deutschland immer noch als “Tuerken” angesehen werden, obwohl sie anscheinend deutsche Staatsbuerger sind.  Waeren die beiden neuseelaendische Staatsbuerger waeren wahrlich alle Kiwis stolz darauf und sie wuerden Nationalhelden werden… 


9. Leserbrief

Zu Ihrem Artikel über Dr Ganser:
 
worldometers.info/coronavirus/
 
Schweden hat danach 60,010 Coronafälle auf 1 Mio. EInwohner, Deutschland hingegen 27.894 auf 1 Mio. EInwohner. Und Schweden 1.226 Todesfälle auf 1 Mio., Deutschland hingegen 781.

Tja. Das ist so eine Sache mit den Zahlen und Statistiken

Ganser hat sich vermutlich auch auf diesen Artikel vom 10. Dezember berufen: heise.de/tp/features/Der-schwedische-Corona-Weg-Erfolg-oder-Misserfolg-4984494.html

Ich glaube, den hatten die NachDenkSeiten damals auch als Link verschickt. Darin heißt es, dass in Schweden die Gesamt-Sterberate 2020 die drittniedrigste der letzten 10 Jahre war. Und dass Schweden weniger Corona Tote habe als Deutschland. Mittlerweile hat der Autor des Artikels am Anfang einen Nachtrag gemacht, in dem steht, dass Schweden relativ gesehen doch mehr Corona-Tote habe als Deutschland, aber das die Aussage zur Gesamt-Sterblichkeit immer noch stimmen würde.Und letzteres ist eigentlich das Wichtigere, denke ich. Denn wir wissen ja, wer alles als “Corona-Toter” in die Stastiken eingeht (mit oder an Corona gestorben wird ja nicht unterschieden).Aber wenn in einem Land insgesamt weniger Menschen sterben als in den meisten anderen letzten 10 Jahren, dann kann dort keine krasse Pandemie zugeschlagen haben (aufgrund versäumter Maßnahmen z.B.).Warum in Schweden in bestimmten Wochen des Jahres 2020 dennoch recht viele gestorben sind (vielleicht auch an Corona oder an einer Grippe), wird auch damit erklärt, dass es 2019 eine extrem niedrige Sterbrate in Schweden gab (die niedrigste der letzten 10 Jahre). Das bedeutet aber auch, dass sich nach so einem Jahr mehr Menschen “angesammelt” haben, die am Ende ihre Lebens stehen und bei der nächsten “Gelegenheit” mehr Menschen sterben. Man nennt das “dry timber phenomena”. Ich hoffe, es ist verständlich.

Aber eigentlich verstehe ich den Ganser Beitrag als Beschreibung vom Kampf der Systeme: China-totalitär – Schweden-demokratisch. Darauf könnte es hinauslaufen, wie schon zwischen Ost und West, Christentum und Islam und so weiter.

Diese Frage sollte in den Mittelpunkt und von dort muß entschieden werden, welchen Weg man einschlägt.

Dago Lipke


10. Leserbrief

selten hinter der maske des biedermanns und des der wissenschaft verpflichteten Geschichtsprofessors soviel Chinahetze erlebt wie in diesem beitrag.

viele grüße
gebhard moritz


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