Sind Ökonomen die neuen Hohepriester?
Sind Ökonomen die neuen Hohepriester?

Sind Ökonomen die neuen Hohepriester?

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes | Verantwortlicher: Redaktion

Heute akzeptieren wir bereitwillig, dass alles vermarktet werden kann. Die Ursache dafür ist, dass Ökonomen mit ihren Theorien zu einer Art Ersatzreligion geworden sind, die unser Denken korrumpiert und uns dazu bringt, uns egoistisch und destruktiv zu verhalten. Diese These vertritt der britische Ökonom Jonathan Aldred[*] in seinem Buch „Der korrumpierte Mensch. Die ethischen Folgen wirtschaftlichen Denkens“. Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Aldred ist der Auffassung, dass die Verhaltensweisen der Menschen in neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaften ganz wesentlich durch die Theorien und Menschenbilder der Wissenschaft von der Ökonomie geprägt sind. Allerdings von Theorien und Menschenbildern, die in vielen Fällen einer empirischen Überprüfung nicht standhalten würden – aber trotzdem als politische Handlungsgrundlage dienten. Dazu hat er auch einen schönes Bonmot parat:

„Vielleicht kennen Sie diesen Witz: Ein Ökonom ist jemand, der fragt: ‚Das ist ja in der Praxis alles ganz schön und gut, aber wie funktioniert es in der Theorie?’ (S. 27)“.

Nach Aldred hält sich die Wissenschaft von der Ökonomie (im Folgenden nach Aldreds Terminologie „Ökonomik“ genannt) für eine exakte Wissenschaft wie die Physik, Chemie oder Mathematik. Sie sei aber keine, sondern eine Ansammlung von Glaubenssätzen und Theorien, die die Wirklichkeit ignorierten:

„Eine weitere Folge des zwanghaften Drangs von Ökonomen, sich selbst als Wissenschaftler zu sehen – und gesehen zu werden – ist ihre Verdrängung der Tatsache, dass die Ökonomik von politischen und moralischen Ideen durchdrungen ist“ (S.386).

So würde zum Beispiel die orthodoxe (= „rechtgläubige“) Ökonomik, also die vorherrschende, neoliberale Fraktion in der Ökonomik, dem Markt moralische Fähigkeiten zuschreiben. Auf dem Markt kämen nach dieser Auffassung nur Transaktionen zustande, die beiden Parteien eines Geschäfts nützen würden – und deshalb gerecht seien. Denn:

„Das Argument, dass beide Parteien einer freiwilligen Transaktion durch sie bessergestellt werden müssten, da sie sonst nicht stattfinden würde, wird herangezogen, um jede Sorge um Gerechtigkeit, Fairness, Verantwortung, Ausbeutung und so weiter fortzuwaschen“ (S. 387).

Mit anderen Worten: Weil Niedriglohnbezieher „freiwillig“ den Arbeitsvertrag unterschrieben haben, werden sie auch gerecht entlohnt. Denn sonst hätten sie ja nicht unterschrieben. Dass aber z. B. rumänische Arbeiter in der Fleischindustrie so einen Vertrag nur unterschrieben haben, weil die Verhältnisse sie dazu zwingen, sie also keine Wahl haben, wird in diesen Theorien ignoriert. Nichtsdestotrotz, so die zentrale These von Aldred, haben solche ökonomischen Theorien, die so offensichtlich ein ideologisches Zerrbild der Wirklichkeit darstellen, massiven Einfluss auf Gesellschaft und Politik und korrumpieren das Denken und Verhalten von uns allen.

„Natürlich sind wir heute von Haus aus nicht weniger rechtschaffen als frühere Generationen. (…) Vielmehr geht es darum, dass wir in dem Glauben bestärkt wurden, bestimmte Verhaltensweisen seien akzeptabel, natürlich, rational eingewoben in die Eigenlogik der Dinge – obwohl sie noch vor wenigen Generationen für dumm, befremdlich, schädlich oder einfach niederträchtig gehalten wurden. Es hat sich ein Wandel vollzogen in unserem Verständnis vieler Ideen und Wertvorstellungen, an denen wir unser Leben ausrichten: Ideen über Vertrauen, Gerechtigkeit, Fairness, Entscheidungsfreiheit und soziale Verantwortung – Ideen, die unsere Gesellschaft zutiefst prägen. Obwohl diese Entwicklungen relativ neu sind, haben sie sich inzwischen in unserem Alltag dermaßen ausgebreitet und so tief verwurzelt, dass sie uns kaum noch bewusst sind“ (S. 9).

„Der Markt gibt das her“

Mir fällt bei diesem Zitat eine Szene ein, die ich vor Jahren auf dem Höhepunkt der neoliberalen Ideologie auf einem Geburtstag erlebte. Ein Ladenbesitzer erzählte stolz, dass er jetzt stundenweise eine Putzfrau beschäftige – zum Lohn von 5,- DM pro Stunde. Er sagte das wirklich regelrecht stolz und offensichtlich ohne die geringsten Gewissensbisse. Seine Begründung: „Der Markt gibt das her.“ Angesichts solchen Verhaltens muss man tatsächlich sagen: Aldred hat recht. Und er führt viele Beispiele auf, die seine These untermauern.

Eines davon betrifft die Unternehmenskultur. Diese ist nach Aldred ganz massiv durch den neoliberalen Chicagoer Ökonomen Milton Friedman verändert worden. Friedman veröffentlichte 1970 in der New York Times einen Artikel mit dem Titel „Die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens besteht darin, seine Gewinne zu steigern“. Aldred erläutert dazu:

„Um Missverständnissen vorzubeugen: Friedman vertrat die Auffassung, dass Profit die einzige Verantwortung eines Unternehmens sei“ (S.11).

Dieser Artikel habe einen großen Einfluss auf das Denken in der Wirtschaft gehabt und erkläre zumindest teilweise, dass ein Unternehmen wie VW, der weltgrößte Autokonzern, mit ausgeklügelter Raffinesse eine zynische und breit angelegte Täuschung seiner Kunden ins Werk gesetzt habe.

Wetterberichte können das Wetter nicht ändern – aber ökonomische Voraussagen die realen Verhältnisse

Solche Beispiele zeigten, dass der große Einfluss der orthodoxen Ökonomik sehr gefährlich sei. Ein Wetterbericht könne das Wetter nicht verändern. Aber die Voraussagen der Ökonomen könnten sehr wohl das Denken, Verhalten und die Werte der Menschen verändern:

„Manche ökonomischen Ideen bewahrheiten sich selbst, zumindest teilweise. Wenn man sie glaubt, hat man sie schon weitgehend wahr gemacht. Wenn jeder davon ausgeht, dass alle anderen egoistisch sind, werden alle egoistischer (Jüngstes Beispiel: Die Hamsterkäufe im ersten Corona-Lockdown; UB). Wenn alle Käufer und Verkäufer auf einem bestimmten Markt annehmen, dass eine bestimmte ökonomische Theorie diesen Markt zutreffend beschreibt, verhalten sie sich in höherem Maße gemäß dieser Theorie, und so tendiert das Marktverhalten dann eher zu dem in der Theorie beschriebenen Verhalten“ (S.26).

Ökonomische Theorien seien dabei auch so etwas wie eine Ersatzreligion mit allen negativen Folgen einer die Gesellschaft beherrschenden Religion:

„Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die moderne Ökonomik zum Teil die Lücke füllt, die in modernen Gesellschaften durch den Niedergang der Religion entstanden ist. Im 21. Jahrhundert ist unsere Sicht der Welt unbewusst durch ökonomische Konzepte und Werte konditioniert. Die Sprache der Ökonomik schränkt ganz erheblich die Menge der politischen und moralischen Fragen ein, die gestellt werden können. Mit der modernen Ökonomik als Orientierung sehen wir die anderen Fragen einfach nicht mehr. Um unsere Gesellschaft zu verändern (…) müssen wir verstehen, wie eingeschränkt unser Denken geworden ist“ (S. 31).

Die Theorie des Trittbrettfahrens und ihre Auswirkung

Aldred nimmt in seinem Buch die Leser mit auf eine Reise durch die ökonomischen Theorien und deren Vertreter bzw. Erfinder in der Ökonomik. Eine dieser Theorien ist die Theorie vom Trittbrettfahren, für die insbesondere der gebürtige Norweger Mancur Olsen stehe. Diese sollte beweisen, dass der Wettbewerb (und nicht die Kooperation) rational und natürlich sei:

„Nehmen wir an, der Inhaber eines kleinen Geschäfts hat sich bereit erklärt, weniger Ware zu verkaufen, um seinen Teil dazu beizutragen, eine Preisabsprache aufrechtzuerhalten. Er wird bald erkennen, dass er mehr Profit machen kann, wenn er diese Vereinbarung stillschweigend ignoriert und wieder mehr verkauft. Die Preisabsprache wird nicht sofort platzen, weil die darüber hinausgehenden Verkäufe eines einzigen kleinen Geschäftes sich kaum auf den Marktpreis auswirken werden. (…) Also kann er in seinem Geschäft so viel verkaufen, wie er will, und als Trittbrettfahrer von dem höheren Preis profitieren, der nur durch die Verkaufszurückhaltung der anderen Geschäfte ermöglicht wird. Der Haken an der Sache ist freilich, dass die Preisabsprache bald platzen wird, da alle Geschäftsinhaber in diesem Markt so denken – oder dass sie gar nicht erst greifen wird, da alle Beteiligten sofort ihr Scheitern erwarten“ (S. 160).

Es habe sich gezeigt, dass diese obskure technische Argumentation über Preisabsprachen, die in den 1930er-Jahren entwickelt wurde, enorme Auswirkungen auf das moderne Leben entfaltet habe. Denn sie sei der Ursprung all jener heutzutage gängigen Argumente für Trittbrettfahren, die letzten Endes besagen, dass Kooperation nutzlos sei. Und in der Tat: Ob es darum geht, Steuern zu zahlen, sich politisch oder gewerkschaftlich zu engagieren, oder um etwas zu unternehmen, das den Klimawandel aufhält: Die Trittbrettfahrertheorie legitimiert egoistisches bzw. ökologisch schädliches Verhalten. So konnte man zum Beispiel in den Diskussionen über Maßnahmen gegen den Klimawandel immer wieder das Argument hören, Deutschland trage ohnehin nur 2% zum Klimawandel bei. Das sei so wenig, dass sich Verbesserungen wie das Ersetzen von Kohlekraftwerken durch erneuerbare Energie ohnehin nicht auswirkten und sinnlos seien. Mit anderen Worten. Wir brauchen nichts tun. Es ist ohnehin sinnlos. Aldred nennt konkret folgende Beispiele:

„Große Organisationen wie Ryanair oder der UK National Health Service haben wiederholt qualifizierte Mitarbeiter von anderen Unternehmen abgeworben, die dort für viel Geld ausgebildet worden waren. Solches Trittbrettfahren wird generell für akzeptabel gehalten. Und Trittbrettfahren ist so normal. Heutzutage ist es ganz alltäglich, Musik und andere Inhalte umsonst aus dem Netz zu ziehen“ (S.166).

Ja, und auch deutsche Politiker halten das Trittbrettfahren für normal und legitim. Zum Beispiel Gesundheitsminister Jens Spahn, der eine Kampagne zur Abwerbung von Pflegekräften aus anderen Ländern ins Leben gerufen hat, anstatt alles zu tun, um die Arbeitsbedingungen in deutschen Krankenhäusern und Altenpflegeeinrichtungen deutlich zu verbessern.

Aldred hat recht, aber….

Ich denke, an diesen Beispielen erkennt man: Aldred hat recht mit seiner These, dass die von ihm „orthodox“ genannte Ökonomik enormen Einfluss auf unser Denken und Handeln und unsere Wertvorstellungen hat. In einem Punkt kann ich ihn aber nicht nachvollziehen: Obwohl er sehr genau und sorgfältig die Anfänge der neoliberalen Ideologie nachzeichnet, von der Schrift „Der Weg zur Knechtschaft“ des österreichischen Ökonomen Friedrich August von Hayek und der Geschichte der Mont Pèlerin Society und deren systematischer ideologischer Lobbyarbeit, und natürlich auch den Einfluss der Profiteure in den Blick nimmt, mag er nicht von Neoliberalismus sprechen („Ich meide dieses Wort, weil kaum jemand es verwendet und alle anderen sich nicht auf seine Bedeutung einigen können“; Anmerkung S. 12).

Außerdem glaubt er nicht daran, dass die neoliberalen Theorien sich vor allem aufgrund des Einflusses der Reichen und Mächtigen und ihrer Lobbyarbeit durchgesetzt hätten. An dieser Stelle würden Verschwörungstheorien beginnen. Vielmehr sei es so, dass der Kapitalismus durch die Ideen großer Ökonomen geformt werde, und seinerseits das Denken der Ökonomen präge. An diesem Punkt bin ich anderer Meinung. Ich sehe die Politik bzw. die politische Klasse maßgeblich in der Verantwortung. Diese hat größtenteils ja sogar freiwillig das Primat der Politik aufgegeben. Aber es ist kein Naturgesetz, dass unsere Innenstädte veröden, weil Amazon es so will. Es gibt die Möglichkeit, Gesetze zu erlassen, die dafür sorgen, dass Amazons Tätigkeit reguliert wird und dass dieser Konzern z. B. deutlich mehr Steuern zahlen muss. Oder grundsätzlich Versandgebühren und Rücksendegebühren erheben muss. Allein diese kleine Maßnahme mit den Versandgebühren könnte das Einkaufen in der Innenstadt wieder attraktiver machen. Aber dafür bedarf es des politischen Willens. Und dieser fehlt ganz offensichtlich. Denn sonst wären Konzerne wie Amazon schon längst reguliert worden. Und hier spielt das ideologische Dogma vom „natürlichen“ Markt, in den nicht eingegriffen werden darf, eine große Rolle. Dabei ist der nichtregulierte, freie Markt ebenfalls eine Regulierung. Nur eben im Interesse der großen Player am Markt, die ihre wirtschaftliche Macht so voll ausspielen können – ohne Rücksucht auf die gesellschaftlichen Folgen.

Für wen ist das Buch von Aldred was? Grundsätzlich für jeden politisch Interessierten. Man kann vieles über die Ökonomie aus dem Buch lernen und bekommt einen Überblick über die wichtigsten ökonomischen Theorien. Mir persönlich allerdings ging Aldred in seinem Werk zu sehr ins Detail. Aber das ist letztlich Geschmackssache.

Jonathan Aldred: Der korrumpierte Mensch. Die ethischen Folgen wirtschaftlichen Denkens, Klett-Cotta 2021, Geb. Ausgabe, 448 Seiten, 25,00 Euro.


[«*] Jonathan Aldred ist „Director of Studies“ in Ökonomie am Emmanuel College sowie am Department of Land Economy (beide Einrichtungen gehören zur University of Cambridge).

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