Lauschangriff mit israelischer Besatzungs-Technologie
Lauschangriff mit israelischer Besatzungs-Technologie

Lauschangriff mit israelischer Besatzungs-Technologie

Werner Rügemer
Ein Artikel von Werner Rügemer | Verantwortlicher: Redaktion

Ein Abhörskandal macht Schlagzeilen. Laut internationalen Recherchen wurden offenbar in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern hunderte Journalisten, Aktivisten und Oppositionelle mittels einer hochentwickelten Spähsoftware abgehört. In den Meldungen ist davon die Rede, dass die verwendete Spähsoftware Pegasus von einem israelischen Hersteller stammt. Werner Rügemer hat für die NachDenkSeiten einen Blick auf die Hintergründe geworfen.

Die Dauer-Besetzung der Westbank und des Gaza-Streifens durch den Staat Israel ist die Grundlage für die höchstentwickelte Überwachungs-Industrie der Welt. Auch das 2009 gegründete Unternehmen NSO Group mit der Spähsoftware Pegasus gehört dazu. NSO-Mitbegründer Shalev Hulio war mit der israelischen Armee gegen die Zweite Intifada im Westjordanland eingesetzt.[1]

„Die jungen Soldaten, sie sind 18 oder 19 Jahre alt, erhalten in den riesigen Entwicklungsabteilungen, die das Militär gegründet hat, alle Freiheiten, um in der digitalen Welt an der Spitze zu sein.“ So berichtet der israelische Autor Ronen Bergman über seine mehrjährigen Recherchen in der Digital-Industrie Israels.[2]

Israel ist das höchstentwickelte Digital-Labor der westlichen Welt für die Bekämpfung von Aufständen und die Tötung von Menschen, die von Geheimdiensten ohne Gerichtsurteil als Terroristen bezeichnet werden. Amazon, Facebook, Microsoft, Google, Apple kaufen in Israel laufend Start-ups auf, z.B. Anobit, LinX, PrimeSense, SlickLogin, Waze, Annapurna. Mit bisher 5.000 Start-ups, die mehrheitlich von US- und anderen Westkonzernen gekauft wurden, hat Israel die höchste Start-up-Dichte pro Einwohner. Die Firmen werden meist von Ex-Offizieren der israelischen Armee hochgezogen, oft beginnen sie schon in der Armee damit. Hier setzen sie ihre Erfahrungen bei der Fern- und Nah-Erkennung, Bekämpfung und Tötung von Palästinensern in „ziviler“ unternehmerischer Form ein. Die israelischen Soldaten und Soldatinnen werden als Helden und nationale Elite gehätschelt. Das Militär ist der „Innovationstreiber“. „Wer in einer der bekannten Eliteeinheiten dient, bringt wertvolles Wissen mit und macht sich damit nicht selten ein paar Jahre später selbständig.“[3]

Die völkerrechts- und menschenrechtswidrige Praxis des jahrzehntelangen Besatzungsregimes ist ein Trainingscampus der moralfreien Disruption. „You break things“, „You are software Ninjaneers“, heißt es lobend. Seit dem Einsatz ferngelenkter Tötungs-Drohnen bei der ersten Intifada entwickelt der militärisch-industrielle Digital-Komplex Israels immer neue und bessere Technologien, um alle Arten von Daten, die mit Menschen verbunden sind – akustische, optische, sprachliche, nichtsprachliche, farbliche, haptische, gestalt- und bewegungsförmige, interaktionelle, umgebungsbezogene, elektronische, digitale – zu erfassen und nach Zieleingaben integriert und in höchster Geschwindigkeit auszuwerten.[4]

Keine Wirtschaft und Medienbranche der Welt ist so militarisiert wie die israelische. Abitur, Universitätsexamen – in Israel zählt für Positionen in der Wirtschaft vor allem der Offiziersrang.[5] Der Chip-Hersteller Intel war vor vier Jahrzehnten als erstes Unternehmen aus dem Silicon Valley gekommen – als dort noch vorrangig für das US-Militär produziert wurde. Heute beschäftigt Intel in Israel 11.000 Mitarbeiter, darunter viele Ex-Militärs. Seit einigen Jahren erweitern die fünf GAMFA-Giganten die gekauften Start-ups auf bis zu 1.000 Mitarbeiter und vergeben Aufträge.

Google unterhält auf dem Universitäts-Campus des Stanford-Imitats in Tel Aviv eine eigene Start-up-Area. Kein Staat sonst subventioniert die digitale Forschung und Entwicklung so hoch wie Israel. Die Produkte und Dienstleistungen gehen vor allem in den Export, in die USA und die EU. Schon bevor Trump die Mauer zu Mexiko ausbauen ließ, holte sich die Obama-Regierung israelische Erkennungs- und Abwehrtechnologie für tausende Kilometer des High-Tech-Zauns zu Mexiko, der schon unter Präsident Clinton begonnen worden war.

So wurde auch die Cyberkriegs-Software Stuxnet nach Genehmigung durch Obama gemeinsam von US- und israelischen Stellen unter dem Microsoft-Betriebssystem Windows entwickelt. Stuxnet wurde als Zerstörungs-Wurm in der Kontrollanlage der iranischen Atomzentrums Natanz platziert und führte zur „Selbst“zerstörung der Zentrifugen.[6]

Titelbild: Anelo/shutterstock.com


[«1] Auszug aus Werner Rügemer: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. 3. Auflage Köln 2021, Seite 153ff.

[«2] Ronen Bergman. Der Geheimdienst-Experte über Israels Spione, ihre gezielten Tötungen und den gescheiterten Atomdeal mit dem Iran, Handelsblatt 11.5.2018

[«3] Gründergeist aus der Wüste, Handelsblatt 11.5.2018

[«4] Vgl. David Rosenberg: Israel’s Technology Economy, London 2018

[«5] Interview mit dem Start-up-Mobileye-Gründer Ziv Avram, Süddeutsche Zeitung 9.7.2018

[«6] Eric Schmidt / Jared Cohen: Die Vernetzung der Welt, Reinbek 2013, S. 157f. Autor Eric Schmidt, Gründer von Google, ist Mitglied des von Barack Obama eingesetzten Defense Innovation Board, der dem Militär die besten Technologien erschließen soll, Co-Autor Jared Cohen kam vom State Department zu Google.

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