Wenn am Monatsende das Geld knapp wird
Wenn am Monatsende das Geld knapp wird

Wenn am Monatsende das Geld knapp wird

Ein Artikel von Frank Blenz | Verantwortlicher: Redaktion

Der Begriff „Streckwoche“ ist den Betroffenen sehr wohl, besser unwohl, bekannt. Er steht für die letzte Woche im Monat, die Zeit, in der das Haushaltsgeld knapp wird oder manchmal gar keins mehr da ist, um einzukaufen, die Versorgung für sich und die Familie abzusichern, Rechnungen zu begleichen. Da hilft wenigstens der Gang zur „Tafel“. Diese Einrichtungen gibt es in Deutschland über 950 Mal. Von Überlegungen, sie überflüssig zu machen, liest man nichts in Wahlprogrammen. Am Wochenende wurde dafür vom Verein „Tafel Deutschland“ der inzwischen 14. Tafeltag gefeiert. Am Sonntag war „Tag der Deutschen Einheit“ – beide Tage bilden zusammen eine tragikomische Kombination. Ein Besuch einer Tafel-Einrichtung bringt Ernüchterndes zutage im reichen Land. Von Frank Blenz.

Die vergangene Woche war eine Streckwoche. Der Monat ist noch nicht zu Ende. Doch braucht es Geld, um „durchzukommen“. Im sächsischen Vogtland, in Plauen, gibt es ein großes Haus für bedürftige Menschen. Das Gebäude heißt „Sozialkompetenzzentrum“ mit Tafel, Kleiderkammer, Suppenküche. Es befindet sich in der Schlossstraße. Untypisch ist das für den Straßennamen, wird der doch im Monopoly-Spiel einem anderen Eigentümer-Typ zugeordnet. Wer bei Monopoly die Schlossallee ergattert, hat es gepackt. In Plauen…

Das Kompetenzzentrum ist eine Parallelwelt, ein kleiner Kosmos der Menschlichkeit, der Zuwendung, der Hilfe, der Selbsthilfe. Neben Tafel und Kleiderkammer ist die Suppenküche ein beliebter Ort, wo fünf Mal die Woche zu sehr kleinen Preisen sehr groß aufgekocht wird. Der Speisesaal lädt zum Mittag und Kaffee, zum Verweilen, zum Reden und Ausruhen ein. Das Zentrum ist nicht nur Ort sozialen Gebens. Es ist ein Ort des Gefühls des Gebrauchtwerdens, des Zusammenhalts. Die Leute, die Hilfe brauchen, erhalten diese hier von Menschen, die ebenfalls selbst nicht auf der Sonnenseite der Gesellschaft leben. Viele Menschen sind aus Plauen und aus der Umgebung, es kommen mehr und mehr Menschen mit Migrationshintergrund hinzu, in der Schlossstraße fühlen sich irgendwie alle wohl. Es wird gelacht, es wird gearbeitet, es wird richtig Geschäft gemacht, im Haus, außer Haus. Die Kleiderkammer haben die Frauen der Einrichtung wie ein kleines Kaufhaus eingerichtet. Die Lebensmittelausgabe der Tafel ist freundlich gestaltet. Ein kleiner „Schalter“ dient dazu, dass Leute neben Essen auch Sachen wie Zahnpasta oder Waschmittel ordern können.

Die Streckwoche aber – die tut den Leuten nicht sehr gut. Es fühlt sich an wie Niederlage, Monat für Monat. Das spüren die Mitarbeiter um Teamleiterin Jana Morawetz. Im Gebäude des Zentrums ist dann stets mehr Betrieb als sonst. Viele Menschen stehen geduldig bei der Tafel an. Viele Leute bezahlen nicht mit Scheinen. „In dieser Woche bekommen wir meist Hartgeld, Centstücke, es wird angeschrieben“. Ein Mann will ein paar Semmeln bezahlen, 50 Cent kostet das. Er hat 45.

Die Tafel liefert neben dem Vorortgeschäft auch aus. Die Touren in die anderen, der Plauener Tafel angeschlossenen Kommunen sind sehr nachgefragt. „Wir haben neun Anlaufpunkte. 50 Packungen sind heute ´rausgegangen“, sagt die Tafelmitarbeiterin. In Plauen werden vor Ort 40 abgeholt. Pakete, damit meint Morawetz Kisten, in denen Lebensmittel einsortiert sind. Obst, Gemüse, Brot, Käse und so weiter. Alles gute Ware. „Was man so braucht“, so die Plauenerin. Dass die Tafel die Kisten gut bestücken kann, hat etwas mit den Supermärkten, den Zulieferern zu tun, weiß Morawetz. Die müssten so weniger wegwerfen.

Die Bedürftigkeit der Menschen nehme zu, so die Teamleiterin. Zwei der drängendsten Ursachen neben Arbeitslosigkeit und dem Abgehängt-Sein in Hartz IV seien die immer noch niedrigen Löhne in der Region und die steigenden Preise gerade bei Lebensmitteln. Die Verbraucherpreise hebe es durch die Inflation, an die vier Prozent weisen aktuelle Statistiken aus, so Morawetz. „Es sind viele berechtigt, bei uns Waren zu beziehen. Man muss nur vorbeikommen mit dem Lohnzettel oder anderen glaubhaften Nachweisen, dass man nicht viel verdient – schon bekommt man den Zettel.“ Die Bedürftigkeit beträfe nicht nur Menschen in Hartz IV, auch Berufstätige oder Studenten, so die Expertin. „Letztens hat sich bei uns eine Frau gemeldet, die wieder studieren kann nach dem Lockdown. Aber sie kann nicht mehr auf Bafög hoffen. Sie hat kaum Geld. Wenigstens kann sie bei uns Lebensmittel holen, auch am Monatsende.“ Morawetz meint, dass ein Ein-Personen-Haushalt unter 1096 Euro Gesamtverdienst bedürftig sei. „Das ist die Armutsgrenze. Weiter geht es mit Zwei- bis Vier-Personen-Haushalten mit den entsprechenden Summen. Nicht wenige Haushalte in Plauen und in der Region verfügen über wenig Geld. Da sind Menschen, die gar nicht von Hartz IV betroffen sind. Kein Wunder, dass am Monatsende die Mittel auch bei denen, die „normale Leute mit Jobs“ sind, knapp werden.“

Im Hausflur der Tafel werben Plakate des Vereins „Die Tafel Deutschland“ für den 14. Tafel-Tag am 2. Oktober 2021, sie loben die Arbeit der 60.000 Tafel-Aktiven in über 950 Tafeln. Der 3. Oktober ist Tag der Deutschen Einheit – in der Schlossstraße ist dafür kein Plakat zu finden. Dafür eines mit dem Titel „Wie lange können Lebensmittel über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus verzehrt werden?“. Viele Positionen werden aufgezählt, unter anderem Brot zwei Tage, Rosinen zwei Monate, Mehl ein Jahr. Die PR-Abteilung der Tafel Deutschland lenkt von der Hauptursache ihrer Einrichtungen ab, haben Leute, die diese Plakate lesen, so ein ambivalentes Gefühl. So heißt es bei der Tafel eher missionarisch statt deutlich:

„Es gibt mehr als genug Lebensmittel, doch weil so viele von ihnen verschwendet werden, kommen nicht bei allen Menschen genug davon an. Tafeln haben deshalb eine klare Mission: Sie retten einwandfreie Lebensmittel, die sonst unnötig im Müll landen würden, und geben sie an armutsbetroffene Menschen weiter.“

„Es stimmt, dass wir Lebensmittel retten. Aber das ist nicht der Grund unseres Bestehens, das mit der Lebensmittelrettung ist ein Ergebnis, dass wir aus der Not eine Tugend machen“, so Morawetz. In der Tat hängen Verfallsdatums-Plakate nicht in den Supermärkten des reichen Deutschland. Und eines sei noch erwähnt: Es ist in Deutschland bei Strafe verboten, Nahrungsmittel aus Müllcontainern von Supermärkten zu holen, keine Strafe droht beim Wegwerfen von Lebensmitteln.

Mit der Lebensmittelrettung malt sich der Verein Tafel Deutschland seine Existenzgrundlage schön. Eine Einrichtung wie die in der Plauener Schlossstraße ist kein Posten, der in einem Bundesetat, Landes – oder Kommunalhaushalt vorgehalten wird. Das Haus wird anders gesichert und finanziert: Spenden, Sponsoren, Fördergelder, viele ehrenamtliche und mäßig bezahlte Stunden von Dutzenden Mitstreitern und die Alimentierung via dritter Arbeitsmarkt (ABM und andere Maßnahmen), alles organisiert vom Verein ALI (Arbeitsloseninitiative) unter der Leitung von Konstanze Schumann.

Schaut man als Bürger, der sich in der Streckwoche bei der Tafel anstellt, in den Verlautbarungen der Sondierungsgespräche auf die Schlagworte, was so alles wichtig sei in diesem Land in den nächsten Jahren: Digitalisierung, Klima, eine starke Bundeswehr, Sicherheit. Die Tafeln überflüssig machen – kein Wort.

Der Oktober hat begonnen, neue „Kunden“ hat das Sozialkompetenzzentrum an der Schlossstraße aufgenommen. Ein seltsamer Kreislauf dreht auf. Neue Ware wird angeliefert von nahen Supermärkten, die sonst ihre Waren wegwerfen, weil sie nicht verkauft werden. Dann holen Menschen bei der Tafel Lebensmittel, die sie im Supermarkt nicht kaufen können, weil ihnen das Geld fehlt. Und Politiker wie der sächsische Ministerpräsident loben zum 3. Oktober: „Wir können stolz auf unser Land und das Erreichte sein.“ Der Mann mit dem Brötchen-Beutel hat andere Probleme, dankend nimmt er die Ware. Angeschrieben sind 50 Cent. 45 Cent hatte er, die fünf Cent packt er in der nächsten Woche dazu. Dann ist er wieder quitt mit Frau Morawetz.

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!