Deutschland, wo sind Deine Dichter und Denker?
Deutschland, wo sind Deine Dichter und Denker?

Deutschland, wo sind Deine Dichter und Denker?

Jens Berger
Ein Artikel von: Jens Berger

Die Welt marschiert von Tag zu Tag mehr in Richtung eines Dritten Weltkriegs mit apokalyptischen Folgen und Deutschlands Dichter und Denker schweigen. Und wenn doch einmal ein paar Hoffnungsschimmer aufglimmen, werden sie von einer selbstgerechten, moralinsauren Twittermeute niedergetrampelt. Spätestens seit Corona gilt jeder Abweichler als Spinner und ist vogelfrei. Es herrscht der Diskurstotalitarismus. Man kann nur an den Mut derjenigen appellieren, die ihren Verstand noch nicht weggezwitschert haben. Empört Euch! Es geht um viel! Von Jens Berger.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Man kann den Prominenten rund um Alice Schwarzer nur dankbar sein, dass sie den Mut hatten, sich öffentlich gegen die weitere Eskalation des Krieges in der Ukraine und insbesondere gegen die Lieferungen schwerer Waffen durch Deutschland in das Kriegsgebiet auszusprechen. Was vor wenigen Jahren unter Künstlern und Intellektuellen – vor allem aus dem sozialdemokratischen und linken Umfeld – noch eine Selbstverständlichkeit war, ist heute leider eine Ausnahme. Mehr noch: Galt es seit den Fünfzigern unter Dichtern und Denkern als Konsens, dass es nie wieder Krieg geben darf und ein Krieg zwischen zwei Atommächten auf europäischem Boden das Ende Europas und wahrscheinlich sogar das Ende der Welt wäre, ist dieser Konsens heute leider Geschichte. Das Denken in militärischen Kategorien erlebt ein Revival. Clausewitz ist wieder da.

Die bedingungslose Ablehnung einer atomaren Eskalationsspirale ist heute einer selbstgerechten Moral gewichen. Sicher, die Bilder aus der Ukraine sind nur schwer auszuhalten und es ist ein Versagen der Diplomatie, dass mitten in Europa Panzer rollen und Menschen sterben. Aber ist das nicht gerade ein Grund dafür, alles in seiner Macht Stehende zu tun, dem Morden ein Ende zu setzen? Waffenlieferungen erreichen das genaue Gegenteil. Die Diplomatie hat nur deshalb versagt, weil man ihr keine Chance gab und sie den geostrategischen Interessen der USA untergeordnet ist. Doch bereits diese simple Wahrheit scheint im gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr Konsens zu sein.

Man denkt nicht mehr in größeren Zusammenhängen, sondern in so simplen Kategorien wie Gut und Böse und zimmert sich die komplexen geopolitischen Entwicklungen so zusammen, dass sie in dieses simple Schema passen. Der Russe ist böse, der Ukrainer ist gut. Und wenn der Böse den Guten überfällt, müssen wir dem Guten helfen. Ist doch logisch? Oder nicht?

Nein, ist es nicht. Gut und Böse sind nun einmal sehr subjektive Bewertungen. Die Welt ist kein Hollywood-Blockbuster. Es gibt wohl keinen Aggressor, der in der Geschichte ein anderes Land überfallen hat, weil er selbst sich als der Böse sah und niedere Motive anführte. Jeder Krieg wurde begonnen, weil die Parteien sich subjektiv im Recht sahen und den Krieg à la Clausewitz als Fortführung ihrer subjektiv richtigen Politik sahen. Selbst moralisch sehen sich alle Kriegsparteien meist im Recht. Was für den Westen die Opfer von Butcha, sind für Russland die Opfer von Donezk und Lugansk. Der Krieg begann schließlich nicht erst in diesem Jahr. Ist es so schwer, das zu verstehen? Gute Diplomatie ist das Hineinversetzen in sein Gegenüber, das Verstehen und nicht das Beharren darauf, dass man selbst der Gute und sein Gegenüber der Böse ist.

Das Beharren auf subjektiv „richtigen“ Standpunkten verhinderte in der Geschichte keinen einzigen Krieg und beendete auch keinen einzigen Krieg. Im Gegenteil: Wenn beide Seiten von ihrer moralischen Überlegenheit überzeugt sind und sich im Recht sehen, ist dies die perfekte Melange für die Eskalation von Kriegen. Warum sollte das heute anders sein?

Wie kam es dazu, dass die meisten Deutschen 1914 den Kriegsbeginn bejubelten? Wie kam es dazu, dass selbst im Zweiten Weltkrieg die meisten Deutschen bis zur Kriegserklärung gegen die Sowjetunion die Feldzüge gegen Polen und Frankreich durchaus unterstützten und sich dabei sogar moralisch im Recht wähnten? Dazu hat meine Generation unzähligen Geschichtsstunden gelauscht, Bücher gelesen, Filme gesehen. Genutzt hat es nichts. Das ist zumindest der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man die selbstgerechten „Debatten“ in den sozialen Netzwerken verfolgt und auch die Leitartikler hatten ja sicher keine großartig andere Sozialisierung durchlaufen. Geschichte wiederholt sich nicht? Was für ein dummer Satz. Die Twitter-Gemeinde von heute unterscheidet sich nicht von den Pennälern des Kaiserreichs, die Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ so kunstvoll portraitiert.

Doch heute geht es um mehr. Es ist gerade so, als wäre die Möglichkeit eines Atomkriegs komplett verdrängt worden. Wie Hasardeure tragen die Meinungsführer ihre Moral vor sich her und marschieren Schritt für Schritt in die Apokalypse. Wer Angst vor einem Atomkrieg hat, gilt in unserem gesellschaftlichen Klima als „Lumpenpazifist“ – dieses Zitat stammt übrigens von Sascha Lobo und nicht von Joseph Goebbels. Wo bleibt der Widerspruch? Vielleicht wäre es ja sinnvoll, die täglichen Talkshows einzustellen und stattdessen den Film „The Day After“ mal wieder in der Primetime zu zeigen?

Wir sind doch (noch) keine Gesellschaft, die sich kollektiv auf die intellektuelle Schlichtheit der Lobos und Böhmermanns samt ihrer infantilen Blasen herabgelassen hat, die ebenso infantilen Redakteuren als Gradmesser der öffentlichen Stimmung gelten. Wo sind die echten Intellektuellen, die der Abstraktion und Analyse fähig sind, über Re-Tweets, Likes und Shitstorms hinausdenken und verstanden haben, um was es geht?

Intellektuelle, die gegen den Krieg sind, hatten es noch nie leicht. Das war 1914 so, das war 1939 so und das ist auch 2022 so. Auf welcher Seite der Geschichte man steht, zeigt sich jedoch erst im Nachhinein. Heute gelten nicht die Kriegsbefürworter von 1914 und 1939 als weitsichtig, sondern diejenigen, die sich gegen den Trend gestellt haben. Das ist heute zumindest in einem Punkt anders. Wenn die Kriegsbefürworter sich jetzt durchsetzen, wird es keine Geschichte mehr geben, die über sie urteilen kann. Um so wichtiger ist es, jetzt Widerstand zu leisten und die Stimme zu erheben. Die Gefahr ist real.

Titelbild: Regina Erofeeva/shutterstock.com