Das Schweinesystem hat Angst

Das Schweinesystem hat Angst

Das Schweinesystem hat Angst

Ein Artikel von Florian Schwinn

Der Deutschen und der Europäer meistes Nutztier ist bedroht von einer Seuche – von der Afrikanischen Schweinepest, kurz ASP. Eine ganze Industrie hat Angst vor diesem Virus: die globale Fleischindustrie. Wenn wir uns anschauen, wie wir mit dieser Bedrohung umgehen, dann erfahren wir sehr viel auch über unser Verhältnis zu dem empfindsamen und intelligenten Tier, das unser liebster Fleischlieferant ist und eines unserer gewichtigen Exportgüter im Weltmarkt der Lebensmittel. Von Florian Schwinn

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Nach der Vorstellung der beiden aktuellen „Schweinebücher“ von Kristoffer Hatteland Endresen und Rudolf Buntzel habe ich für diesen Beitrag mit der Tierärztin Anita Idel gesprochen, die sich in Gutachten mit dem Umgang mit der Afrikanischen Schweinepest auseinandergesetzt hat und in einem Kommentar für den Kritischen Agrarbericht fordert: „Impfen statt Keulen“. Ob Europa, USA oder China, tatsächlich dreht die weltweite Impfstoffentwicklung auf Hochtouren. Und ein US-amerikanischer Impfstoff ist bereits auf dem Weg zur Marktreife.

Tod am Zaun

In Deutschland haben wir bisher versucht, die Afrikanische Schweinepest mit Grenzzäunen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, in Sachsen und Bayern einzudämmen. Auch hier im Blog mehrfach berichtet. Zäune, die Naturräume durchschneiden, Wildwechsel unterbinden und tierische Wanderwege durchtrennen. Und die im Oderbruch dazu führten, dass viele Wildtiere im Hochwasser ertranken. Die Afrikanische Schweinepest aufgehalten haben die Zäune nicht. Im Gegenteil, zuletzt sprang sie von der polnischen Grenze über zweihundert Kilometer weit direkt in den Landkreis Ludwigslust-Parchim im Westen Mecklenburg-Vorpommerns, also von der Oder bis zur Elbe.

Eine Evaluierung der ASP-Grenzzäune hat Anita Idel schon vor einem Jahr gefordert. Sie steht nach wie vor aus. Und der letzte Ausbruch im Westen Mecklenburg-Vorpommerns spricht nicht dafür, dass die Seuche von Wildschweinen oder aasfressenden Vögeln übertragen wird. Das spricht eher für autofahrende Menschen als Virustransporter. Zumal die Afrikanische Schweinepest am Nordufer der Elbe nicht etwa zuerst bei Wildschweinen nachgewiesen wurde, sondern gleich in einer Schweinemastanlage, in der dann viertausend Tiere gekeult wurden.

Das ist unser Umgang mit Tierseuchen: Wir töten dort, wo sie ausbrechen, auch die gesunden Tiere. Übrigens auch dann, wenn es einen Impfstoff gibt, wie bei der Europäischen oder Klassischen Schweinepest. Offizielle Begründung: Um die weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Weniger offiziell, aber immer mal wieder am Rande auch genannt: die sogenannte Marktbereinigung, die eigentlich Keulung zur Preisstützung bedeutet.

Wenn wir uns mit unserem Umgang mit den Tieren beschäftigen, dann lernen wir auch immer viel über uns selbst – so wie im Gespräch mit Anita Idel …

Ablenken vom Faktor Mensch

  • ? Bisher haben wir hunderte von Kilometern Zäune durch die Landschaft gezogen, um die Afrikanische Schweinepest aufzuhalten. Und die Veterinärämter in den betroffenen Gebieten weisen die Schweinehalter an, ihre Tiere aufzustallen. Biobetriebe und Freilandhaltungen sollten ihre Tiere nicht mehr rauslassen dürfen. Ausgebrochen ist die Seuche aber in Deutschland bisher nur in Beständen mit Hausschweinen, die im Stall gehalten wurden. Was soll also die Aufstallpflicht?
  • ! Das ist der Versuch, vom Faktor Mensch abzulenken! So soll der Eindruck erweckt werden, für Biobetriebe und Freilandhaltungen bestünde ein höheres Risiko des Eintrags der Afrikanischen Schweinepest. Das wurde auch immer wieder vom Bauernverband und der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands ISN so kolportiert. Unterstützung kommt vom Friedrich-Loeffler-Institut, das in seinen Risikobewertungen unterstellt, dass bei Auslauf- und Freilandhaltung von Hausschweinen ein erhöhtes ASP-Risiko besteht.
  • ? Das Friedrich-Loeffler-Institut ist unser staatliches Referenzlabor für die ASP. Auch ich habe die jüngste Risikobewertung des FLI gelesen. Die suggeriert erneut, Auslauf- und Freilandhaltung seien problematisch. Und am Schluss steht wieder nur die Aufstallpflicht als Lösung.
  • ! Vor allem wird auch immer wieder beschrieben, dass die meisten ASP-Ausbrüche in Freilandhaltungen aufgetreten sind. Aber, seit die Afrikanische Schweinepest 2007 erstmals in Eurasien aufgetreten ist, gab es überhaupt keinen Fall in einem Betrieb, der mit unseren Freilandhaltungen vergleichbar wäre. Die müssen nämlich nach der Schweinehaltungs-Hygieneverordnung hohe Standards erfüllen – zum Beispiel mit Doppelzäunen. In einem solchen Betrieb hat es in ganz Eurasien noch nie einen ASP-Fall gegeben. Und auch für ein relevantes Risiko der Übertragung der Seuche durch Vögel oder Insekten, die Zäune überwinden können, besteht keine wissenschaftliche Evidenz. Das ständige kampagnenartige Wiederholen dieses Narratives lenkt aber erfolgreich vom eigentlichen Problem ab – dem Faktor Mensch.

Seit dem 25. Mai 2022 gibt es nun doch einen Ausbruch in einer Freilandhaltung in Deutschland. Aber es sieht so aus, dass wieder keine Wildtiere am Eintrag des Virus beteiligt waren. Siehe hierzu das Update am Ende des Beitrags.

Impfen statt Keulen

  • ? Ich zitiere mal das FLI: „Bei der Bewertung des Risikos eines ASP-Eintrags in einen Schweinebetrieb mit Frei- bzw. Außenflächen sind die Folgen, die ein Aufstallungsgebot für die betroffenen Schweinehaltungen hätte, gegen die Konsequenzen abzuwägen, die ein Eintrag in einen Hausschweinebestand für die gesamte Schweineproduktion in Deutschland hat.“ Zu Deutsch: Wenn die Schweine, die ihr Leben lang draußen waren und jetzt in den Stall müssen, dabei durchdrehen, dann ist das nicht so wichtig. Kann es sein, dass es weniger um Tierwohl und Seuchenschutz, als vielmehr um den weltweiten Schweinemarkt geht?
  • ! Ich fürchte ja! Und das trifft ausgerechnet die Haltungsformen, die gesellschaftlich gewollt sind und von der Borchert-Kommission, die sich um die Tierhaltung der Zukunft gekümmert hat, und von der Zukunftskommission Landwirtschaft vorgeschlagen werden – also die verantwortbare Haltung von morgen, nämlich mit Auslauf oder in Freilandhaltung. Aber die Schweine, die so gehalten werden, haben schon heute gar nichts mit dem Weltmarkt zu tun. Sie werden nur für den regionalen oder nationalen Konsum erzeugt. Das Problem ist aber die massenhafte Überschussproduktion in den großen Ställen für den Export, weit über den nationalen Bedarf hinaus.
  • ? Wie sollten wir also mit der Situation umgehen?
  • ! Wir sollten die Freilandhaltung auf keinen Fall dieser desaströsen und ohnehin gescheiterten Weltmarktstrategie opfern. Die Afrikanische Schweinepest ist inzwischen endemisch in Deutschland und wird uns über Jahre erhalten bleiben. Ich halte deshalb eine Köderimpfung von Wildschweinen für sinnvoll, sobald der Impfstoff verfügbar ist. Ganz abgesehen davon müssen wir Auslauf- und Freilandhaltungen von Schweinen ausbauen, und uns nicht ständig von abwegigen Argumenten gegen artgerechte Schweinehaltung verunsichern lassen.
  • ? Was nicht heißt, dass es keine Ausbrüche von Schweinepest mehr geben wird.
  • ! Genau. Was aber heißt, dass wir uns endlich um denjenigen kümmern müssen, der das ASP-Virus weltweit verbreitet, um den Menschen, um uns selbst.
  • ? Könnte es auch heißen, dass wir am Ende gar kein Schweinefleisch mehr für den Weltmarkt produzieren?
  • ! Wir müssen weg von der Überschuss- und Exportstrategie. Das muss das Ziel sein. Und wir müssen jetzt die rechtlichen und technischen Voraussetzungen für den Einsatz von Köderimpfstoffen bei Wildschweinen schaffen.

Impfstoff auf dem Weg

Wir sind gespannt, was geschieht, wenn es demnächst dann tatsächlich den Impfstoff gegen die Afrikanische Schweinepest gibt. Und das könnte in absehbarer Zeit sein, denn Wissenschaftler des Agricultural Research Service des US-Landwirtschaftsministeriums meldeten Ende April, der Impfstoff ASFV-G-DI177L habe die letzten Sicherheitstests bestanden und werde jetzt von dem Partner National Veterinary Joint Stock Company in Vietnam für die kommerzielle Nutzung weiterentwickelt.

Was bedeutet das für unsere Schweine, wenn die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA dann irgendwann den Impfstoff auch für Europa freigeben sollte? Ich zitiere abschließend noch einmal das Friedrich-Loeffler-Institut. Das schreibt in einer Bewertung zum Stand der Forschung beim ASP-Impfstoff: „Ausbrüche der ASP beim Hausschwein konnten in den meisten Ländern mit den etablierten Verfahren der Tierseuchenbekämpfung erfolgreich unter Kontrolle gebracht werden. Die Akzeptanz eines Impfstoffeinsatzes in der Schweineproduktion, der mit Handelseinschränkungen verbunden wäre, ist daher fraglich.“

Was heißt: Wir impfen eher nicht und keulen weiter ganze Bestände, also notfalls tausende von Schweinen. Aber wir impfen vielleicht die Wildschweine, wie Anita Idel das vorschlägt. Und wir kümmern uns endlich um das Tier, das die Afrikanische Schweinepest um die Welt trägt: um den Menschen.

Update

Der fünfte Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland wird am 26. Mai 2022 aus dem Landkreis Emmendingen in Baden-Württemberg berichtet. Am Tag zuvor hat das Friedrich-Loeffler-Institut bei einem verendeten Mastschwein aus einem Betrieb in Forchheim die Seuche diagnostiziert und neue Restriktionszonen um den Betrieb ausgewiesen. Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) sprach von einem „vorbildlichen Betrieb“ mit strikter Einhaltung der Biosicherheitsmaßnahmen, doppeltem, eingegrabenem Zaun und Hygieneschleuse. Schon am Morgen hieß es aus dem Landwirtschaftsministerium in Stuttgart außerdem: „Bisher liegen keine Erkenntnisse vor, dass das Ausbruchsgeschehen auf Wildschweine übergegangen ist.“ Es wird deshalb im Betrieb selbst nach der Ursache gesucht. Der Minister erklärte, man müsse vom Menschen als Einträger des Virus ausgehen. Eine Gensequenzierung soll klären, woher der Erreger kommt. Das neue ASP-Gebiet liegt ganz im Südwesten Deutschlands, weitab von jeglichem bisherigen Seuchengeschehen bei Wildschweinen, aber in einer Spargelregion, in der zurzeit viele Saisonarbeiter aus Osteuropa beschäftigt werden. Sie kommen aus Regionen, in denen die ASP weit verbreitet und teilweise außer Kontrolle ist.

Titelbild: Gabor Tinz/shutterstock.com

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