Sind wir eine kranke Angstgesellschaft?
Sind wir eine kranke Angstgesellschaft?

Sind wir eine kranke Angstgesellschaft?

Udo Brandes
Ein Artikel von Udo Brandes

Wie ist es zu erklären, dass auf der einen Seite in unserer Gesellschaft eine Kleinigkeit (z. B. die Frage „Wo kommst du denn her?“ an einen dunkelhäutigen Menschen) wütende Diskriminierungsvorwürfe auslöst, auf der anderen Seite aber auf dem Höhepunkt der Coronakrise sogar Medien, Intellektuelle und Politiker in aller Öffentlichkeit gegen Menschen, die sich nicht gegen Corona haben impfen lassen, in der übelsten Weise gehetzt haben – und hetzen konnten? Und zwar so, dass wahrscheinlich der juristische Tatbestand der Volksverhetzung massenhaft gegeben war – und vermutlich 2019 auch noch Staatsanwälte auf den Plan gerufen hätte. Der Arzt und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz, berühmt geworden durch sein Buch „Gefühlsstau“, analysiert in seinem neuen Buch „Angstgesellschaft“ die seiner Meinung nach dahinterstehende Psychodynamik. Auch in diesem Buch spielt der von ihm geprägte Begriff „Gefühlsstau“ eine zentrale Rolle. Unser Autor Udo Brandes hat es für die NachDenkSeiten gelesen.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Maaz’ zentrale Begriffe und analytische Kategorien sind die Begriffe Frühstörung, Selbstentfremdung und ein sich daraus ergebender Gefühlsstau sowie der Begriff der Normopathie. Unter Normopathie versteht Maaz (S. 29)

„eine pathologische Gesellschaftsentwicklung, in der das Gestörte, das Falsche für normal gehalten wird, weil die Gesellschaft von einer Mehrheit der Frühentfremdeten gestaltet wird.“

Eine Frühentfremdung: Damit meint Maaz eine Traumatisierung in der frühen Kindheit, die das emotional wie praktisch hochgradig von den Eltern abhängige Kind zwingt, seine wirklichen Gefühle (also zum Beispiel eine berechtigte Wut auf die Eltern, weil diese es schlagen) zu unterdrücken und sich von seinem „wahren Selbst“ zu entfremden – und diese Gefühle nicht mehr bewusst wahrzunehmen. Was die Gefühle als solche aber nicht beseitigt bzw. erledigt. Sie sind unbewusst nach wie vor vorhanden. Dies führe zu einem Gefühlsstau, der ohne die Aufarbeitung der Frühtraumatisierung nicht abgebaut werden könne und deshalb immer wieder kompensiert werden müsse, solange dies nicht geschehen sei.

Eine Gesellschaft, in der das Falsche, Kranke als Normalität angesehen wird

Die frühen Traumatisierungen teilt Maaz in unterschiedliche Kategorien auf, wie zum Beispiel Mutterbedrohung, Muttervergiftung, Muttermangel oder Vaterflucht und Vatererpressung usw. Je nachdem wie jemand frühgestört ist, reagiert er dann, so Maaz, unterschiedlich in der Coronakrise auf die staatlichen Maßnahmen und den gesellschaftlichen Druck zur Impfung. Er bildet auch da wieder Kategorien wie zum Beispiel die Vertrauenden, die Naiven und Gläubigen, die Unsicheren, die Bequemen usw. Unsere Gesellschaft sieht Maaz als eine normopathische Gesellschaft, in der das Falsche, Kranke als Normalität angesehen wird (siehe das Zitat oben). Unsere Gesellschaft sei deshalb sehr anfällig für Extremismus (S. 30):

„In Krisenzeiten verlieren die individuellen Lebensformen ihre kompensierende Bedeutung (damit mein Maaz zum Beispiel Konsum; UB) und fokussieren sich auf Führung und Rettung. Die Normopathen werden dann zum mehrheitlichen Heer der Mitläufer und der Schritt zum Mittäter für falsches, verlogenes bis verbrecheriches Handeln in der Gefolgschaft und im Dienste der Herrschaft ist nur noch sehr klein. (…) So soll das Falsche mit noch mehr Falschem betäubt werden. In diesem Zustand befindet sich die Pandemie-Angstgesellschaft. Der Impfstoff ist zur Droge pervertiert, dessen Fragwürdigkeit durch immer mehr Boostern verleugnet wird.“

Für Maaz sind Normopathien

„extremistische gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die sich mehrheitlich aus der Verstörung der Frühtraumatisierung bilden. Auch eine Demokratie kann zu einer normopathischen Diktatur einer Mehrheit über Minderheiten werden, wenn durch eine Angst-Herrschaft den Selbstentfremdeten eine illusionäre Rettung ständig suggeriert wird“ (S. 31).

Die Schlussfolgerung von Maaz (S. 38):

„Wir können die Demokratie nur retten oder notwendigerweise weiterentwickeln, wenn jeder von uns bemüht ist, seine Frühängste zu begreifen und den Gefühlsstau abzutragen.“

Corona-Angst aus psychiatrischer Sicht

Maaz hat als Psychiater immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es einen Übergang gibt von einer „überwertigen Idee“ zu einer „Wahnvorstellung“. Dies sei der Unterschied zwischen einer neurotisch-affektbesetzten, übermäßigen Überzeugung, die lebensgeschichtlich und persönlichkeitsstrukturell begründet ist und bei der noch eine kritische Einsicht möglich sein könne, und einer psychotischen Wahnidee, die sich jedem Zweifel, jeder kritischen Reflexion entziehe:

„Das war das Erste, was ich als junger Psychiater zu begreifen hatte, dass jede Diskussion über Wahninhalte völlig sinnlos ist“ (S. 85).

Für die psychiatrische Arbeit bleibe nur die Suche nach der möglichen psychodynamischen Bedeutung eines Wahninhaltes, ohne dass es irgendeine Verständigung mit dem Wahnkranken darüber geben könne. In Bezug auf die Corona-Krise schlussfolgert er deshalb:

„Impfen erfüllt zurzeit die Kriterien einer überwertigen Idee, die Corona-Angst ist zu einem kollektiven Wahn gewuchert. Gewiss sind das COVID-19-Virus, die Infektiösität und schwere bis tödliche Krankheitsverläufe real. Jedoch hat das allgemeine, überall lauernde Bedrohungsgefühl aus der Corona-Pandemie eine kollektiv-psychiotische Erkrankungsangst hergestellt. Ich habe maskierte Menschen angstvoll oder empört beiseite springen sehen, wenn sie glaubten, es sei ihnen jemand zu nahe gekommen (auch mit Maske geschützt!), so als wenn ein Schizophrener vor halluzinierten Strahlen oder Giftwolken ausweichen wollte“ (S.85).

Resümee

Maaz beschreibt in seinem Buch sehr präzise und treffend die Symptome, also das irrationale Verhalten in allen Bereichen der Gesellschaft, das so weit geht, dass selbstverständliche medizinische, ethische, epidemiologische und zulassungsrechtliche Standards plötzlich nicht mehr gelten. Dass also zum Beispiel nicht wenigstens in Kohortenstudien penibelst die Wirkung und Sicherheit der gentechnischen Präparate, die jetzt als Impfstoffe eingesetzt werden, ergebnisoffen überprüft werden, um wissenschaftlich korrekt, nämlich evidenzbasiert, beurteilen zu können, ob diese neuartigen gentechnischen Behandlungen tatsächlich schützen und gesundheitlich unbedenklich sind.

Stattdessen passiert das Umgekehrte, etwa wenn Bundesgesundheitsminister Lauterbach sich mit Händen und Füßen gegen die gesetzlich vorgeschriebene Evaluierung der einzelnen Maßnahmen wehrt und versucht, diese zu verhindern. Oder wenn das Paul-Ehrlich-Institut zur Verfügung stehende Daten nicht mehr öffentlich zugänglich macht. Die Liste solcher Irrationalitäten ließe sich fortsetzen und würde sehr lang werden. Dies beschreibt Maaz in seinem Buch sehr gut.

Auch sein Ansatz, dass das bewusste Schüren von Panik und Angst durch die Regierungen, Behörden und Medien in Kombination mit einem Gefühlsstau die hochaggressiven, feindseligen Hassausbrüche gegen Ungeimpfte verursacht hat, scheint mir plausibel. Aber seine Analyse, woher dieser Gefühlsstau kommt, die kann ich nicht in vollem Umfang teilen. Meines Erachtens macht Maaz mit seiner These, hier würden sich massenhaft Frühstörungen aus der Kindheit Bahn brechen, weil sie nicht mehr kompensiert werden können, einen Denkfehler, den der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter schon 1976 in seinem Buch „Flüchten oder Standhalten“[*] zu Recht kritisiert hat (Näheres dazu auf den NachDenkSeiten hier).

Hassausbrüche kann man auch ohne Frühstörung erklären

Richter störte sich daran, dass seine Zunft, die Psychoanalytiker, die psychischen Probleme und Lebenskonflikte von Menschen primär mit traumatischen Kindheitserlebnissen und mangelnder „seelischer Reife“ erklärten und die Bedeutung des Sozialen für psychische Probleme völlig vernachlässigten. Ganz nach dem Motto „Ist die Kindheit erst aufgearbeitet, haben wir einen reifen, psychisch stabilen Erwachsenen“:

„Diese illusionäre Phantasie von einem souveränen Verhältnis des Individuums zur sozialen Wirklichkeit wird u. a. auch daran erkennbar, dass die psychoanalytische Theorie lange Zeit überhaupt nur die Umweltkonstellationen des Kindes und des Jugendlichen als wirksame Konfliktfaktoren betrachtet hat. Das machte deutlich, dass man der Umwelt der Erwachsenen gar keine neuartigen und spezifischen Einflussmöglichkeiten auf das seelische Leben zutraute.“ (Richter S. 10).

Es lasse sich aber nicht ernsthaft bestreiten, so Richter, dass die soziale Umwelt als psychisch wirkender Faktor ein Eigengewicht habe und ebenso psychische Konflikte auslösen könne wie traumatische Kindheitserlebnisse:

„Es gibt demnach eine Selbsttäuschung des naiven Individuums, das an Stelle der gegenwärtigen sozialen Realität immer wieder nur seine projezierten Kindheitsprobleme vor sich sieht. Und es gibt die andere Selbsttäuschung, u. a. mancher Analytiker, welche umgekehrt daran glauben, die soziale Welt des Erwachsenen wiederhole nur in zahlreichen Variationen die Konfliktkonstellationen der Kindheitsphase“ (Richter S. 10-11).

Auch der erwachsene Mensch ist sehr verletzlich

Der Erwachsene sei aber mit einer Fülle von neuartigen sozialen Bedingungen konfrontiert, für deren Bewältigung die in seiner Kindheit gelernten Verhaltensmuster nicht ausreichten. Er müsse deshalb neue Antworten auf Fragestellungen finden, die sich zum Beispiel in der Arbeitswelt und politischen Vorgängen ergäben. In diesem Zusammenhang nennt Richter als zentrale Angst des Menschen (auch des erwachsenen) die Isolationsangst. Er belegt dies unter anderem mit dem berühmten Experiment des amerikanischen Psychologen Stanley Milgram (Näheres zu dessen Experiment kann man auf Wikipedia nachlesen). Richter ist der Auffassung, dass der Durchschnittsmensch autoritätshörig ist und viel verletzlicher, als wir in unserem Alltagsbewusstsein glauben.

Ich halte Richters Kritik für sehr treffend. Man muss, um die neudeutsche „Angstgesellschaft“ zu erklären, nicht davon ausgehen, dass diese primär durch kindliche Frühstörungen verursacht wird, die durch die Corona-Krise massenhaft getriggert werden. Es ist meines Erachtens eine Illusion zu glauben, dass der einzelne Mensch unabhängig von der ihn umgebenden Gesellschaft und deren Einwirkungen auf ihn Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und eine emotionale Stabilität quasi aus sich selbst heraus generieren kann. Anders formuliert: Auch ein erwachsener und psychisch stabiler Mensch, der eine weitgehend optimale Kindheit durchlaufen hat (eine total glückliche Kindheit wird es nie geben, das wäre die Erwartung eines Paradieses auf Erden), kann als Erwachsener in irrationale Verhaltensweisen verfallen und aggressiv und feindselig werden, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse ihn massiv unter Druck setzen.

Und genau das geschieht seit über drei Jahrzehnten: Unsere Gesellschaft wurde zu einer durchökonomisierten, neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft umgebaut. Dies führte für den Einzelnen zu einen enormen Druck, weil er sich ständig verändernden Marktverhältnissen neu anpassen muss. Und Misserfolg am Markt wird nach dem Motto „Jeder ist seines Glückes Schmied“ einzig und allein dem einzelnen Menschen zur Last gelegt, was sich unter anderem auch in dem Leitmotto der Hartz-IV-Gesetze („Fördern und Fordern“) ausdrückt. Im Wettbewerb am Markt zu bestehen, das bedeutet auch, viele Kränkungen, Ängste und Frustrationen und daraus resultierende aggressive Gefühle unterdrücken zu müssen. Außerdem fördert der Zwang, sich am Markt als erfolgreicher Akteur darzustellen, natürlich den individuellen Narzissmus. In der Coronakrise wurde zusätzlich vielen Menschen die wirtschaftliche Existenz ruiniert und es wurden außerdem systematisch Todesängste geschürt. Man muss deshalb meines Erachtens nicht unter einem frühkindlichen Trauma leiden, um sein inneres seelisches Gleichgewicht zu verlieren. Allein der Gefühlsstau, der sich aus so einer neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft ergibt, reicht aus, um Feindseligkeiten und das Bedürfnis nach einem Sündenbock zu triggern.

Auch um eine „Normopathie“, also einen massenhaft auftretenden, extremen Konformismus zu erklären, muss man keine massenhaften Frühstörungen annehmen. Die immer schlimmer werdende Cancel Culture in unserer Gesellschaft belegt ja nur zu deutlich, wie sehr die Menschen für ihr wirtschaftliches und soziales Überleben in die Konformität gezwungen werden.

Wir sind eine stark beschädigte Gesellschaft

Dies alles bedeutet aber natürlich auch nicht, dass ich abstreiten will, dass Menschen mit einer Frühstörung auf die Corona-Krise bzw. den Umgang der gesellschaftlichen Institutionen damit besonders heftig reagieren – sei es in Form von extremen Angstattacken, so dass sie sich kaum noch aus dem Haus trauen, oder durch einen fanatischen Hass auf Menschen, die sich nicht impfen lassen wollten. Oder in Form eines geradezu religiösen Erlösungsglaubens durch Impfstoffe und das Bedürfnis nach einer „Exkommunikation“ (so bezeichnet man in der Katholischen Kirche den Ausschluss aus der Gemeinschaft der Gläubigen) von Ungeimpften.

Nur glaube ich nicht, dass die überwiegende Mehrzahl der irrationalen Verhaltensweisen, die wir seit Beginn der Corona-Krise erleben, allein durch Frühstörungen zu erklären ist. Auch den Begriff der „Normopathie“ finde ich unglücklich gewählt, denn wer entscheidet, was das „richtige“ und was das „falsche“ Leben ist? Eine Moral ist immer auch die Moral einer sozialen Klasse. Die pathologisierende Sichtweise des Begriffes „Normopathie“ kann leicht zu einer anderen Form der Moralisierung führen, nämlich zur Unterscheidung zwischen „bösen Frühgestörten bzw. Kranken“ und „guten Gesunden“.

Ich finde es eher plausibel, dass wir Menschen als soziale Wesen nicht ohne einen bestimmten Grad an äußeren Halt durch die Gemeinschaft auskommen. Und verlieren wir den, setzt schnell eine massive Isolationsangst ein, die wir dann, wie H.-E. Richter das sehr schön in „Flüchten oder Standhalten“ beschrieb, an andere weitergeben – zum Beispiel in Form von Feindseligkeit gegen Ungeimpfte, die als Sündenbock verfolgt werden. Ich würde deshalb die Frage in der Überschrift („Sind wir eine kranke Angstgesellschaft?“) so beantworten: Wir sind eine durch den neoliberalen Konkurrenzkapitalismus stark beschädigte Gesellschaft, in der sich viele Menschen alleingelassen fühlen und massive Existenzängste haben. Und das ist ein gesellschaftlicher Humus, der Angstneurosen, Feinseligkeiten und Hassausbrüche nur so sprießen lässt. Kommen dann neue gesellschaftliche Krisen, können all diese angestauten Ängste wunderbar auf ein Thema projiziert und fokussiert werden. Dies sieht im Prinzip auch Maaz so. Nur dass er dabei die individuellen Kindheitstraumata betont.

Auch wenn ich manches anders sehe bzw. einschätze als Maaz und sein Tonfall mir bisweilen zu biblisch-verkündigend ist, fand ich die Lektüre anregend und interessant. Wer sich für die Psychodynamiken des Unbewussten in der Corona-Krise interessiert, findet hier viel Stoff zum Nachdenken und interessante Gedankengänge. Ein Buch, das ich trotz meiner Kritik hier zur Lektüre empfehlen möchte.

Hans-Joachim Maaz: Angstgesellschaft, Franck & Timme Verlage, Berlin 2022, 244 Seiten, 18,00 Euro.


[«*] Horst-Eberhard Richter: Flüchten oder Standhalten, Psychosozial-Verlag (die neueste Auflage stammt von 2012; meine Ausgabe von 2001), 315 Seiten, 22,90 Euro