Das Fracking, die Not und die Nichtschlussfolgerungen
Das Fracking, die Not und die Nichtschlussfolgerungen

Das Fracking, die Not und die Nichtschlussfolgerungen

Ein Artikel von Frank Blenz

Radiohören informiert und bildet. Manchmal sogar in einem Mainstreamformat. Und lässt dem Zuhörer den Atem stocken, etwa hervorgerufen durch die Sendung „Wirtschaft und Gesellschaft“ im öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk (DLF) vom Dienstag. Der DLF berichtet dort Erschütterndes über US-Fracking-Gas, wir Deutschen lassen uns als „Partner” der USA brav mehr und mehr davon teuer anliefern. Was im Beitrag „Retter in der Not – wird US-Fracking-Gas wieder salonfähig?“ an Infos geliefert wurde, machte einem Angst und Bange. In der Kurzreportage wurde offenbar, dass der Kurs der USA und seiner mächtigen und nimmersatten Industrie gefährlich und rücksichtslos ist. Aber auch, dass die in unserem Land beobachteten skandalösen Nichtschlussfolgerungen (eben auch in diesem DLF-Beitrag ganz ohne kritischen Kommentar) die eigentlichen Ursachen unserer aufkommenden Not sind. Von Frank Blenz.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die Geschichte in dem DLF-Beitrag war ein Lehrbeispiel für Zynismus der Macht. Und auch die Machart selbst war aufschlussreich, ließ der Beitrag letztlich den Hörer allein. Einerseits erfuhr der Hörer, dass in den USA eine üble Entwicklung ihren Lauf nimmt und andererseits, dass keinerlei Änderung dieses Irrwegs in Sicht sei. Tja, das habe mit innen- und außenpolitischen Interessen zu tun, wird später erläutert. Verflüssigtes Erdgas (LNG) aus Übersee soll uns aus der russischen Energieabhängigkeit helfen, moderierte die DLF-Sprecherin den Beitrag über US-Fracking an. Seit Beginn des Angriffskriegs (Russlands) sei die USA zum wichtigsten LNG-Lieferanten der Welt aufgestiegen, wurde verkündet. Und: Mit steigenden Öl- und Gaspreisen gehe der Fracking-Boom – gerade in den USA – weiter. Klimaschutz? Der würde dabei zuweilen auf der Strecke bleiben. Pech. Menschenschutz? Die benachteiligte Bevölkerung in den Fördergebieten und rund um die Pipelines und LNG-Terminals würde eher eine untergeordnete Rolle im großen Getriebe spielen. Denn US-Präsident Joe Biden unterstützt den weiteren Ausbau und räumt alles aus dem Weg, was progressiv und freundlich wäre für Umwelt und Menschen, so zusammengefasst der Inhalt der Moderatoren-Einleitung.

Die Euphorie der Gierigen nimmt beängstigende Züge an

„Die Gewinne der beteiligten Konzerne gehen durch die Decke, die Branchenriesen verdoppelten bzw. verdreifachten 2022 ihre Milliardengewinne“, beschrieb die Sprecherin des Beitrags die euphorische Situation in den USA. Die LNG-Aktien würden in Börsensendungen der Medien als sicher und ertragreich beworben. Das Gas komme im Westen aus dem Permbecken aus Texas und New Mexico, es sei das größte zusammenhängende Frackinggebiet der Welt mit Vorräten für Gas und Öl noch für Jahrzehnte. Neue Leitungen und Terminals würden gebaut. In den nächsten acht Jahren werde die Förderung nochmals um die Hälfte gesteigert. Das Geschäft brumme und die interessierten Großunternehmen seien erfolgreich und enorm einflussreich: durch hohe Spenden an Entscheidungsträger und mit massiven PR-Kampagnen. Mit der derzeitig steigenden Quote der LNG-Exporte würden weitere Begehrlichkeiten geweckt, so dränge die Industrie die USA zu noch mehr Fracking trotz aller Folgen für das Klima und trotz einer Vergiftung der Bevölkerung in den Abbaugebieten. Egal, die US-Regierung erwartet, dass 50 Milliarden* Kubikmeter jährlich nach Europa fließen werden.

Alle Scheu ist beiseite geschoben

Für Unternehmen gäbe es keine Vorgaben für die CO2-Reduzierung trotz ambitionierter Klimaziele, die die USA einst in Paris unterzeichnet hatten. Biden früher geplanter Ausbau erneuerbarer Energien sei im Kongress sogar am Widerstand aus Bidens eigener Partei gescheitert, erfährt der Zuhörer. Vielmehr ginge es in der aktuellen Situation darum, so ein deutscher Experte in der Sendung, dass die Exportmöglichkeiten deutlich auszubauen seien – aus wirtschaftlichen und geopolitischen Gründen. Biden sähe die USA in der Verantwortung.

Die US-Bundesstaaten sehen sich als Anwalt der Industrie

Weiter erfährt man: „Regulierung wird kleingeschrieben. 270.000 aktive Öl- und Gasbohrungen sollen alle fünf Jahre kontrolliert werden – aber auf je 1.500 kommt nur ein Inspekteur. New Mexico verfügt bei 60.000 Bohrlöchern im Jahr 2020 nur über neun Kontrolleure.“ Umweltschutzgebiet hin oder her: „In Louisiana baut ein Konsortium ein LNG-Terminal mitten im Mississippi-Delta südlich von New Orleans. Obwohl dieses Delta vergangenes Jahr komplett überflutet war.“

Demokratie, Rechtsstaatlichkeit – ach, papperlapapp

Ein US-Experte meldet sich zu Wort: „Die Fracking-Operationen sind ausgenommen von US-Gesetzen, die die Öl- und Gasindustrie regulieren, und von Bundesgesetzen über gefährliche Abfälle.“ Das bedeute, dass Abfälle aus dem Fracking nicht als gefährlich eingestuft würden trotz geheimer Chemikalien und radioaktiver Bestandteile, die mit den Frackingabfällen aus der Erde geholt würden. Es sei den Bundesstaaten überlassen, wie sie regulieren und mit den Abfällen umgehen wollen.

Schöne Wortwahl für böses Treiben – Bevölkerung dokumentiert dies und bleibt machtlos

„Saubere Energie aus Texas in die Welt bringen“ – so lautet der Werbeslogan für ein 10 Milliarden Dollar teures LNG-Terminal-Projekt von Exxon Mobil und Carter Energy. Doch viele Förderanlagen seien alt und undicht. 3,7 Prozent des Gases gingen durch Lecks verloren, wobei auch das klimaschädliche Methan freigesetzt werde. Anwohnerinitiativen und Umweltorganisationen dokumentierten die Zunahme von Krebs, Asthma und anderen Krankheiten. Es sei kein Zufall, dass dort Menschen mit niedrigen Einkommen wohnten.

„Arme Menschen haben in den USA die geringsten Möglichkeiten, die politische Unterstützung zu bekommen, die notwendig sei, um den Industrien die Stirn zu bieten.“

Mein Fazit und Fragen über Fragen: Die Giganten der US-Industrie und ihre Helfershelfer toben sich aus und diktieren bis zu uns, wo der Hase langläuft. Das Benennen von Missständen in dem Beitrag, das nenne ich schön und gut und erschütternd, ja. Doch wo bleibt das Anklagen, das Verlangen nach Veränderungen und nach echten, guten Konsequenzen, aufgeschrieben und formuliert von Journalisten, wie eben auch von denen des DLF? Ist das der Ernst der Moderatorin, dass durch derart gewonnenes Gas wir Deutschen befreit werden und ruhig in gewärmten Stuben einschlafen, mit gutem Gewissen gar? Ist es egal, wie es der Bevölkerung in den Frackinggas-Abbaugebieten geht? Ist all das der Preis der geopolitischen Spiele eines Biden und der Chefs der Konzerne?

Die Antworten auf diese und weitere Fragen – ich vermisse sie. Und schließlich: Derlei Preise, derlei Spiele, derlei Treiben, derlei Ziele – sie sind abzulehnen. Und zum Umweltschutz und zum Schutz der Gesundheit der Menschen: Die USA müssen sich erinnern an die Verpflichtungen, die sie zum Beispiel in Paris unterschrieben haben.

*Aktualisierung, 15.7.2022: In einer früheren Version war zunächst von Millionen die Rede – das wurde korrigiert.

Titelbild: Photo smile / Shutterstock

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