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Die Günther-Jauch-Show durchschaut gar nichts

Verantwortlich:

Zugegeben, es fällt schwer einen Fernsehauftritt von Helmut Schmidt zu kritisieren, dazu ist der Respekt vor dem 92-Jährigen und der Bewunderung seiner Formulierungskraft in hohem Alter zu groß. Dieser Hochachtung ist offenbar auch der ohnehin auf Harmonie bedachte Günther Jauch unterlegen. Und deswegen hatte seine Talkshow auch wenig mit Journalismus zu tun, sondern Jauch lieferte – vor Ehrfurcht erstarrt – nur Stichworte, mit denen sich Helmut Schmidt selbst und vor allem sein politischer Adoptivsohn Peer Steinbrück zur Selbstdarstellung und Eigenwerbung auch für ihr gemeinsames Buch präsentieren konnten. So konnte sich Peer Steinbrück einmal mehr seiner Verantwortung für das Finanzdesaster entziehen und sich künftiger als Heilsbringer aus der Krise aufspielen. Von Wolfgang Lieb

Es war der Abend, an dem in Brüssel über das Schicksal des Euro, ja über die Zukunft der Europäischen Union und über eine erneute Bankenrettung gerungen wurde. Man hätte erwarten müssen, dass Jauch danach gefragt hätte, wie sich die beiden „politischen Schwergewichte“ Lösungen vorstellten. Jauch fragte nur pseudokritisch: Man habe den Eindruck, die Regierungen wüssten nicht, wo es lang gehe. Dabei entließ er Helmut Schmidt mit einer launigen Bemerkung: „Diesen Eindruck teile ich.“ Auch der Politiker, der nach Schmidts Adelung zum Kanzlerkandidaten „einer von denen (ist), die wirklich wissen, worüber sie reden“, konnte sich einer Antwort mit der banalen Aussage entwinden, dass die „Krisenstrategie erfolglos“ sei und dass es keine Lösung sei, für die Opfer der Krise den Kapitaldienst zu finanzieren und ein „Diätprogramm“ zu verordnen, das sie „ins Grab bringe“. Es fehle ein „umfassender Ansatz“ kritisierte Steinbrück, ohne Gefahr laufen zu müssen, gefragt zu werden, wie ein solcher Ansatz denn aussehen könnte. Er konnte es bei der banalen Aussage belassen, dass die europäische Währung eine wichtige Säule der Europäischen Union sei, ohne die Deutschland nicht in der „Champions League“ spielen könne.

Und Helmut Schmidt konnte sich mit der Kritik begnügen, dass bisher kaum Entscheidungen getroffen seien und sehr viel Zeit vertan worden sei. Und dann schob er noch einen Kassandraruf nach: Griechenland werde in eine Depression gestürzt, „von der niemand weiß, ob die Demokratie das aushält.“

Sodann war in Jauchs Fragezettel die Kritik aus dem Konrad-Adenauer-Haus an den Sozialdemokraten notiert, wonach es der damalige SPD-Finanzminister Hans Eichel gewesen sei, der den Griechen ein Aufnahmezeugnis in die Europäische Währungsunion ausstellte und es doch die Regierung Schröder war, die den Euro-Stabilitätspakt verletzt habe. Hans Eichel sei vom „Sparminister“ zum „Schuldenhans“ geworden.

Aus heutiger Betrachtung sei die Aufnahme Griechenlands in die gemeinsame Währung falsch gewesen meinten Schmidt und Steinbrück unisono, die Aufnahme in die Europäische Union hätte gereicht. Und Steinbrück kritisierte nicht etwa den Maastricht-Vertrag, sondern nahm die damalige Verletzung des 3-Prozent-Kriteriums als Rechtfertigung für das „fulminante Reformprogramm“, das aufgelegt worden sei. Mit dieser „Agenda 2010“ – so stimmten beide Gäste mit dem Merkel-Spruch überein – sei Deutschland „schneller und erfolgreicher aus der Krise“ gekommen als andere Länder. Die naheliegende Frage, warum wir denn schon wieder mitten in einer Krise steckten, fiel Jauch nicht ein, vielmehr nahm er die gängige Umdeutung auf, wonach die derzeitige Krise den staatlichen „Schuldenbergen“ und nicht den Banken anzulasten sei.

Steinbrück meinte dazu, dass beide – Politik und Banken – schuld seien. Die Verschuldung sei zu hoch und die Banken seien in Gefahr geraten, dass über „Infektionskanäle“ zu anderen Banken und zu anderen Staaten Länder wie „Dominosteine“ umgefallen wären, wenn sie nicht gerettet worden wären. Und dann brachte Helmut Schmidt den eigentlichen Sündenbock ins Spiel. Steinbrück sei doch nahe daran gewesen die Schuldengrenze einzuhalten und dann sei eben die „amerikanische Bankenkrise“ gekommen: „Die Bankenkrise stammt aus New York.“ Alles Übel habe in Amerika begonnen, mit der Preisgabe der Trennung von Kredit- und Investmentbanking, mit der Zulassung von Hedge-Fonds, mit dem aufkommenden Drohpotential „too big, to fail“.

Dass vor allem auch Peer Steinbrück mit dafür gesorgt hat, dass dem von ihm in der Sendung kritisierten Derivathandel, den Kreditversicherungen, dem Finanzkapitalismus insgesamt in Deutschland Tür und Tor geöffnet wurde, das war dem ansonsten beeindruckenden Erinnerungsvermögen von Helmut Schmidt (und natürlich auch von Günther Jauch) völlig entschwunden.

Es ist geradezu ein Paradebeispiel für Geschichtsklitterung, wenn einerseits Helmut Schmidt sagen kann, dass man „in einer Art freudiger Stimmung alle möglichen gesetzlichen Regelungen aufgegeben“ und den „Märkten“ einen „Heiligenschein“ verpasst habe, und dass andererseits Peer Steinbrück alle Schuld mit der rhetorischen Gegenfrage „Sie wollen doch nicht darauf hinaus, dass die SPD an der Schuldenkrise schuld ist“ seine Verantwortung auf andere abschieben kann. Es hat shakespearsche Qualität der abwiegelnden Rhetorik, wenn Steinbrück einerseits kleine Schuldeingeständnisse macht und sich dabei zum tragischen Helden stilisiert und auf der anderen Seite sich zum Opfer der damaligen Zeit stilisiert, das geläutert aus diesem Opfergang emporsteigt und sich als Retter aus der deutschen Finanzkrise aufschwingen kann:

Ja, man habe sich zu sehr dem damaligen Zeitgeist „gebeugt“, man sei überzeugt gewesen, dass Deutschland „einen großen Finanzsektor“ brauche, aber Hans Eichel habe sich damals immer noch den Vorwurf eingehandelt, dass er zu viel reguliere. Er, Steinbrück, habe schon 2007, also ein Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise in Deutschland, „Leitplanken“ einbauen wollen, aber die Anderen hätten ihm vorgehalten, „die Deutschen wollen immer alles regulieren“.
Steinbrück, der die Förderung der Finanzindustrie in den Koalitionsvertrag der Großen Koalition hineingezwängt hat, der Private Equity und Real Estate Investment Trusts in Deutschland hoffähig gemacht hat, kann so tun, als habe die Finanzkrise Deutschland wie ein „Spring-ins-Feld-Teufel“ überfallen; er tut so als habe es nicht schon im Jahr 2003 Überlegungen zur Gründung einer Bad Bank gegeben, als seien nicht schon damals faule Kredite an Industriebank IKB oder an die Hypo Real Estate (HRE) ausgelagert worden.

Steinbrück leidet entweder selbst an Gedächtnisverlust oder er setzt bei den Bürgerinnen und Bürgern auf einen kollektiven Gedächtnisverlust voraus, wenn er sich jetzt als Retter aus der Bankenkrise darstellt, ja noch mehr, sich als Heilsbringer aus der daraus erwachsenen gesellschaftlichen Krise ausgibt: Hinter der ökonomischen Krise stecke eine gesellschaftliche Krise, die Politik sei getrieben und nicht mehr handlungsfähiger Teil, die Gewinne würden privatisiert und die Verluste sozialisiert, Haftung und Risiko liefen nicht mehr zusammen. Er schwingt sich geradezu zum Sprachrohr der zweifelnden und an der Politik verzweifelnden Menschen auf und warnt vor den Gefahren für die Demokratie.

Peer Steinbrück spielt die Rolle des Doppelgängers: Als Mister Hyde hat er das Finanzkasino in Deutschland eröffnet und unser Land in die Finanzkrise hineingezogen; als der gute Dr. Jekyll tritt er nun auf und verspricht die Spekulanten wieder unter Kontrolle zu bringen und die Politik aus der Fängen zu befreien, um so die Demokratie zu retten.

Dass der Altkanzler Helmut Schmidt Peer Steinbrück bei Jauch als künftigen Kanzler anpreisen kann, „weil wir im Augenblick politische Führer brauche, die wissen, worüber sie reden“, bekommt angesichts dieses Doppelspiels seines gelegentlichen Schachpartners einen zynischen Unterton. Will Helmut Schmidt uns in Abwandlung seines drastischen Zitats in der „Zeit“ etwa damit sagen, dass nur dieser Typus von politischem Führer, der uns mit „in die Scheiße geritten hat“, uns auch wieder daraus herausholen könnte?

Wie sagte Schmidt doch in der Sendung über sich selbst: Er sei nicht gemein, sondern ironisch. Vielleicht war ja auch das Lob für Steinbrück nur ironisch gemeint.

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