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Angriff auf die Abstiegsprediger

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DIE ZEIT, Nr.47, 11.11.2004, S. 32, Marc Brost

Um die Wut im aktuellen Bestseller von Albrecht Müller richtig zu verstehen, muss man zuvor ein anderes Buch gelesen haben — zumindest die entscheidende Passage. Als der Grünen-Politiker Oswald Metzger 2002 den Bundestag verließ, veröffentlichte er eine wütende Abrechnung mit Deutschlands Finanzpolitik: Einspruch! Wider den organisierten Staatsbankrott. Metzger, damals Haushaltsexperte seiner Partei, beschrieb, wie schnell ein Berufspolitiker als »Experte« gilt. Er müsse bloß »mehr als zweimal« etwas zum gleichen Thema sagen. »Entsprechend oberflächlich sind die Debatten im Parlament«, so Metzger. »Geschäftigkeit, blinder Aktionismus, opportunistisches Schielen nach den Trends der Woche ersetzen viel zu häufig solides Arbeiten.«

Es ist ein Verhalten, das zu einem grotesken Mainstream in der deutschen Wirtschaftspolitik geführt hat (auch wenn Metzger selbst diesen Schluss in seinem Buch nicht zieht). Einige wenige Akteure bestimmen die Debatte über den Umbau des deutschen Sozialstaats und die Qualität des Standorts — sie setzen den Trend. Viele andere hängen sich an ihn dran und befeuern diese Debatte mit noch drastischeren Zitaten über den Reformstau, noch dramatischeren Szenarien der deutschen Krise, noch vehementeren Forderungen nach Abbau hier und Verzicht dort. Es ist ein Trend, der sich auch in den Medien wiederfindet – und damit bei den wirtschaftspolitischen Büchern. Entsprechend viel Gedrucktes über Deutschlands ökonomischen Abstieg liegt derzeit in den Buchregalen.

Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete und studierte Volkswirt Albrecht Müller, der jetzt als Autor sowie als Politik- und Unternehmensberater arbeitet, ist der Erste, der dagegen anschreibt. Ist das nun »links«? Ist das »vulgärkeynesianisch«? Es ist jedenfalls nicht falsch.

»Konstruktiv und optimistisch« nennt Müller – einst Redenschreiber von Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller, dann Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt – sein Buch. Optimistisch gibt sich Müller vor allem, wenn er mit der irrigen Ansicht aufräumt, dass Reformen nur möglich seien, wenn man dem Volk dauernd suggeriere, alles werde noch viel schlechter. »In der öffentlichen Debatte über Deutschland ist das Glas immer halb leer. Wären die Meinungsführer jedoch ernsthaft daran interessiert, dass sich die Stimmung hierzulande verbessert, damit sich anschließend auch das Spar- undAusgabeverhalten der Konsumenten und das Kauf- und Investitionsverhalten der Unternehmen an einer optimistischen Zukunftserwartung orientiert, müssten sie betonen, dass das Glas halb voll ist«, schreibt er. Woher soll der Antrieb für Reformen denn sonst auch kommen? Die Leidenschaft ist das Grundprinzip allen Wirtschaftens. Nur wenn die Menschen glauben, dass sich ihre Anstrengungen lohnen, sind sie bereit, noch mehr zu wagen.

Trotzdem ist dieses Buch erst auf den zweiten Blick konstruktiv. Denn zunächst einmal geht es Müller darum, alles zu widerlegen, was im wirtschaftspolitischen Mainstream dieser Tage als Allgemeingut gilt: Die demografische Entwicklung sei gar nicht dramatisch, die gesetzliche Rente nicht bedroht, die Arbeitskosten nicht zu hoch.

Diese Wut zu begründen gelingt ihm mal besser – etwa, wenn er darauf hinweist, dass Löhne gesamtwirtschaftlich eine wichtige Doppelfunktion haben und eben nicht nur Kosten sind, sondern auch Nachfrage. Und dann wiederum verrennt er sich in einer fast schon absurden Beweisführung – etwa wenn er vehement verneint, dass die Globalisierung ein neues Phänomen sei, immerhin habe die Lederwarenindustrie schon in den siebziger Jahren Entwürfe von Handtaschen per Telefax zu den Produzenten in Ostasien gesandt.

Konstruktiv ist DieReformlüge dennoch, weil das Buch die wirtschaftspolitische Debatte weitet. Und die war zuletzt doch arg verengt.

MARC BROST

Albrecht Müller: Die Reformlüge

40 Denkfehler, Mythen und Legenden,
mit denen Politik und Wirtschaft
Deutschland ruinieren; Droemer,
München 2004; 416 S., 19,90 Euro

© DIE ZEIT

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