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JBs Wochenrückblick – Kampf um die Deutungshoheit der Gauck-Zitate

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Zumindest in einem Punkt weist der Pastor Joachim Gauck bereits jetzt eine erstaunliche Parallele zu den Evangelisten auf – um die Exegese seiner Worte ist ein heißer Streit entbrannt. Nachdem Patrick Breitenbach am Montag die Metaebene betrat und sich eifrig ins Zeug legte, Gaucks Zitate in den rechten Kontext zu rücken, griff auch SPIEGEL-Online-Kolumnist Sascha Lobo die Kritik an der Kritik Gaucks am Dienstag auf. Die beiden Artikel hinterließen zwar einen virtuellen Scherbenhaufen, schrammten jedoch mit Bravour am vorgegebenen Ziel vorbei. Die umstrittenen Zitate des designierten Bundespräsidenten sind auch im jeweiligen Kontext zu kritisieren. Von Jens Berger.

Was will uns eigentlich der bloggende Medienunternehmer Patrick Breitenbach mit seinem stellenweise pompös anmutenden Artikel zur „Filterbubble“ bei den Gauck-Zitaten sagen? Subtrahiert man die – oft gestelzt wirkende – medientheoretische Rahmenbetrachtung und die unverhohlene Bewunderung für den Kandidaten Gauck, erhält man die Kernaussage, dass Joachim Gauck ein Rhetoriker der alten Schule sei, der klare Aussagen meide. Stattdessen trage er in seinen Reden, Interviews und Aufsätzen Abwägungen vor, mit denen er sich dialektisch zu seiner intellektuellen Synthese vorarbeite. In seinem – nicht weniger pompös anmutenden – Folgebeitrag übersetzt Breitenbach dies mit der griffigeren Vokabel „verschwurbelt“. Die vor allem im Netz kolportierten Zitate seien demnach nur Abwägungen, die keinesfalls Gaucks Meinung widergäben, die sich nur im gesamten Kontext erschließen ließe. Ist Gauck also ein modernes Orakel von Delphi? Nein, denn Breitenbachs Metaanalyse ist selbst „verschwurbelt“ und scheitert am eigenen Anspruch.

Wer Breitenbachs Artikel aufmerksam liest, kommt nicht um den Eindruck herum, hier ein außergewöhnliches Beispiel von fortgeschrittener Rabulistik vorliegen zu haben. Er wirft den Gauck-Kritikern vor, die Methoden der BILD anzuwenden, verkürzt alle Argumente, die gegen Gauck sprechen, aber ebenfalls in boulevardesker Manier. Den Kritikern wirft er vor, mit ihren Zitaten den Kontext zu vernachlässigen und legt ihnen dabei indirekt Äußerungen in den Mund, die so nie gemacht wurden. Ein Beispiel gefällig? Breitenbach schreibt, die „unterschwellige Botschaft“ der Gauck-Kritiker beinhalte, dieser sei ein ausgemachter Rassist. Um seinen Vorwurf zu belegen, führt er Gaucks Kritik an den „biologischen Ansätzen“ Sarrazins ins Feld, um zum Ergebnis zu kommen, dass Gauck kein „ausgemachter Rassist“ sein könne. Das mag formal richtig sein, aber was hat das mit Gaucks Lob für Sarrazins Mut zu tun? Gar nichts. Breitenbach verwendet vielmehr den ersten Kunstgriff der eristischen Dialektik von Schopenhauer, die als klassische Einführung in die Rabulistik gilt.

Auch bei den anderen Kritikpunkten an den Gauck-Zitaten (Hartz IV, Occupy-Bewegung, Vorratsdatenspeicherung etc. pp.) meidet es Breitenbach, den Kontext unvoreingenommen zu erschließen und versucht stattdessen lieber, mittels Rabulistik den Spieß umzudrehen und den Gauck-Kritikern Zitierfehler vorzuwerfen. Wenn man die Zitate in ihren Kontext setzt, kommt man jedoch zu einem gänzlich anderem Ergebnis, wie der Blogger Anatol Stefanowitsch in einem ausführlichen Artikel eindrucksvoll belegt.

Nicht minder pompös, dafür rhetorisch und intellektuell zurückhaltender, äußerte sich der SPD-nahe Medienberater und Kolumnist Sascha Lobo einen Tag später auf SPIEGEL Online. Lobo hatte Breitenbachs Artikel gelesen und offensichtlich für kontrovers genug gefunden, um die Thesen noch weiter zuzuspitzen und mit allerlei wohlfeilen Social-Media-Weisheiten zu ergänzen. Für Lobo steht fest, dass von den „aggressiven Vorwürfen“ gegenüber Gauck bei der Betrachtung des Kontexts „wenig übrig bleibt“. Auch wenn Lobo viel über den Kontext schreibt, ignoriert er ihn jedoch selbst gänzlich und macht sich noch nicht einmal die Mühe, seine steilen Thesen anhand von Beispielen zu belegen. Mit direkter und indirekter Kritik an den Kritikern geht er jedoch nicht so sparsam um, wie mit dem Beleg seiner eigenen Thesen. Die Aufmerksamkeit „des Netzes“ ist ihm aufgrund dieser provokanten Zuspitzung sicher – und dies ist ja zumindest etwas. Inhaltlich bleibt Lobo jedoch – wie schon zuvor Breitenbach – auf ganzer Linie hinter den eigenen Ansprüchen zurück und wird nun bereits von seinem SPIEGEL-Online-Kollegen Christoph Twickel in Sachen Zitat und Kontext belehrt.

Eigentlich könnte man diese beiden Artikel getrost ignorieren, hätten sie nicht über den Umweg der medialen Schützenhilfe bereits Einzug ins Meinungsbild vieler Leser gefunden. Selbst an den – ansonsten sehr kritischen – Lesern der NachDenkSeiten ist die Pro-Gauck-Propaganda nicht spurlos vorübergegangen, wie uns einige Zuschriften zeigen. Schon beinahe perfide ist dabei das Muster der Meinungsmache. Man stellt die Behauptung auf, die strittigen Gauck-Zitate seien bei Betrachtung des Kontexts verzerrt, ohne dabei selbst objektiv auf den Kontext einzugehen. Anstatt diese These anhand des Kontexts zu überprüfen, neigen viele Leser jedoch dazu, dieser Interpretation Recht zu geben. Damit machen sich Breitenbach und Lobo exakt der Verfehlung schuldig, die sie den Gauck-Kritikern anlasten. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wessen Interessen und wessen Meinung die beiden Medienunternehmer eigentlich publizieren? Schon bei der ersten Gauck-Kandidatur wurde der Kandidat im Netz von Werbeagenturen und parteinahen Personen massiv promotet.

Es entbehrt freilich nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet ein designierter Bundespräsident offenbar die Unterstützung durch eine rabulistische Diskursanalyse benötigt. Man sollte gerade von einem Bundespräsidenten schon erwarten, dass er zumindest halbwegs unfallfrei auf dem rhetorischen Parkett unterwegs ist. Wer sich einmal den vollen Kontext des Interviews anschaut, in dem Gauck Sarrazin Mut attestierte, wird sich jedoch eher fragen, ob Gauck hier nicht mit voller Absicht einer klaren Aussage aus dem Weg ging und somit jedweder Interpretation Tür und Tor geöffnet. Insofern ist es – vollkommen unabhängig vom Kontext – auch töricht, Gauck zu einem Opfer von Zitatfehldeutern aus dem Netz zu stilisieren. Wir haben es hier nicht mit einem medienunerfahrenen Jüngling zu tun, der für seine Mannschaft ein wichtiges Tor geschossen hat und beim anschließenden Interview von den Journalisten in die Mangel genommen wird. Joachim Gauck ist ein Mann des Wortes. Und einem Mann des Wortes ist es durchaus zuzutrauen, sich – allen Abwägungen zum Trotz – unzweideutig auszudrücken. Wenn er dies nicht tut, liegt hier der Verdacht nahe, dass er es darauf anlegt, zweideutig verstanden zu werden und mit dem vermeintlichen Tabubruch zu spielen. Für einen Bundespräsidenten ist dies keine gute Voraussetzung.

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