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Geldschwemme oder Spekulation und kriminelle Energie? Was ist die Hauptursache der Finanzkrise?

Verantwortlich:

Spätestens seit Herbst 2008 schwelt ein Disput zwischen einigen fortschrittlichen Ökonomen. Sind die wegen der miesen Einkommensverteilung quasi explodierten und Anlage suchenden Geldvermögen die Hauptursache der Finanzkrise? Oder sind Spekulation und kriminelle Energie die eigentlichen Ursachen? Einige Ökonomen wie beispielsweise Axel Troost und Michael Schlecht, denen wir uns sonst oft in der Sache verbunden fühlen, haben immer wieder auf den rasanten Anstieg der großen Vermögen und die Geldschwemme als Ursache der Finanzkrise hingewiesen. In einem Beitrag vom 25. November 2008 „Ist die Geldschwemme Ursache der Finanzmarktkrise? Ein Anstoß zu ein paar Zweifeln an einer gängig werdenden These“ habe ich diesen Konflikt und meine Position beschrieben. Dieser zuweilen hart ausgefochtene Disput könnte sich dank einiger neuer Erkenntnisse über das Ausmaß der Spekulation und der kriminellen Energie bei wichtigen Finanzinstituten erledigt haben. Das wäre gut. Albrecht Müller.

Ich skizziere zunächst in groben Strichen die Positionen im hoffentlich beendeten Disput:

Die einen meinen, dank der immer miserabler werdenden Einkommensverteilung werde bei den oberen Einkommen und Vermögen immer mehr Kapital angesammelt. Dieses finde nicht ausreichend Anlagemöglichkeit in der „Realwirtschaft“ und werde zunehmend in der Finanzwirtschaft „investiert“. Einige sprechen auch davon, diese Kapitalien jagten Anlage suchend um den Globus, was dank moderner IT-Technik möglich sei. Jedenfalls seien diese nicht investierbaren Gelder die Basis der spekulativen Machenschaften auf den Finanzmärkten. –

Die andere Position: Die Finanzkrise gründet darauf, dass die Spekulation hemmungslos ausgeweitet wurde, dass „Wertpapiere“ erfunden worden sind, dass gewettet und betrogen wird. Kriminelle Energie ist massiv im Spiel. Das konnte man schon bei der Verbriefung fauler Kredite in neuen Wertpapieren sehen, die 2007 bei der offenbar gewordenen Krise der IKB in Düsseldorf aufgeflogen ist. Die durch die schlechte Einkommensverteilung gewachsenen Geldvermögen mögen das spekulative Spiel und die kriminellen Machenschaften erleichtert haben. Hauptursachen sind sie nicht. Und nötig ist dieser Zuwachs an Geldvermögen zum Betrieb des Finanzcasinos auch nicht.

Auf die Bedeutung der kriminellen Energie hatte ich schon in einem Artikel vom 17. August 2007 mit dem Titel „Die Blase – das Werk von Kriminellen, kriminellen Vereinigungen und Hehlern.“ aufmerksam gemacht. Auch in einem grundlegenderen Beitrag vom 7.1.2009 mit dem Titel „Den Kapitalmarkt effizienter organisieren – Konversion ist angesagt (Teil I)” war ich auf das Problem eingegangen. Ich nenne diese Quellen, weil sie zum Verständnis der Debatte wichtig und im Kern immer noch aktuell sind. Das gilt auch für die aus meiner Sicht vorliegende Notwendigkeit der Konversion weiter Teile der Tätigkeit im Bankensektor, vor allem des Investmentbankings. Der Sektor „Finanzwirtschaft“ ist weit überbesetzt mit Personal und Palästen. Um die Zukunft der dort arbeitenden Menschen sollte sich die Politik kümmern, und die Paläste nicht.

Bei den jetzt neu diskutierten Vorgängen um die Deutsche Bank, um die schweizerische UBS und andere Finanzinstitute wird für jedermann sichtbar, dass die Wettinstrumente für den Betrieb des Finanzcasinos erfunden worden sind. Dazu bedurfte es keiner durch Einkommens- und Vermögensumverteilung erzeugten Geldschwemme.

In den Hinweisen von heute sind eine Reihe von einschlägigen Vorgängen bei der Deutschen Bank und der UBS aufgelistet. Sie sind unten im Anhang wiedergegeben. Darunter findet sich auch ein Artikel von Rudolf Hickel, der den zuvor genannten Ökonomen besonders nahe steht. Dort ist die Rede von „Betrug“, von durch Mathematiker konstruierten „Wettinstrumenten ohne jegliche produktionsbezogene Werthaltigkeit“, von Eigenhandel ohne Kundenauftrag, von der „betrügerischen Struktur der Deutschen Bank“, vom „Übergang zum spekulativen Investmentbanking“ und von der „Explosion der Bilanzsumme“ um 350 %, während der „Anteil der Kundeneinlagen von 42 % auf 28 % reduziert“ wurden.
Diese letzte Information ist ein Hinweis darauf, dass die angeblich um den Globus herum schwirrenden und Anlage suchenden Großvermögen zumindest nicht die Hauptursache der Machenschaften auf den Finanzmärkten waren und sind.

Also, nachdem diese Erkenntnisse jetzt so drastisch formuliert und veröffentlicht worden sind, sollte der Disput um die Ursachen der Finanzkrise beendet werden können. Die Einkommensverteilung und die Vermögensverteilung zu Gunsten der oberen Einkommen und Vermögen ist auch ohne die Verknüpfung mit der Finanzkrise ein Skandal. Um dies zu erkennen und um dies öffentlich zu machen, bedarf es keines fragwürdigen Konstruktes.

Es gibt einen weiteren Grund dafür, die Geldschwemmen-These zu begraben: sie führt zur Resignation.
Diese These hatte nämlich einen Nebeneffekt: sie führte zur Untätigkeit, während die Erkenntnis, dass wir es mit kriminellen Akten zu tun haben, Aktivität auslösen muss und kann. Wenn wir nämlich mit einer drastischen Regulierung der Finanzmärkte, wenn wir mit dem Verbot von Wetten und der Reduzierung der Spekulationsgeschäfte auf die hilfreiche Risikoabsicherung, von der auch im Beitrag von Rudolf Hickel die Rede ist, weiterkommen wollen, dann dürfen wir nicht auf die ebenfalls notwendige Korrektur der Einkommens- und Vermögensverteilung warten.

Anhang

Auszug aus Hinweisen vom 21.12.12:

  1. Deutsche Bank
    1. Rudolf Hickel: Der gefallene Engel
      Nachdem die Polizei das Beweismaterial über die beim Emissionshandel unterschlagene Umsatzsteuer gesichert hat, ist die Kritik an der Deutschen Bank geradezu überwältigend kritisch. Selbst namhafte Politiker der Bundesregierung zeigen sich empört. Dabei ist es noch nicht lange her, da war Josef Ackermann zum einflussreichen Regierungsberater im Bundeskanzleramt aufgestiegen. Auch der 2008 durchgesetzte staatliche Rettungsfonds für Banken mit einem Volumen von 480 Milliarden Euro trägt seine Handschrift.
      Quelle: TAZ
    2. Wenn ein Brandstifter das Feuer löschen soll
      Die Wut über „die da oben“ wächst – selbst unter Bankangestellten. Die Manager der Deutschen Bank haben das alte Vertrauen verspielt, dass auch im Finanzsektor Verantwortung und Anstand herrschen. Jetzt soll ausgerechnet derjenige das Vertrauen wiederherstellen, der für den Schaden mitverantwortlich ist.
      Quelle: Süddeutsche
    3. Der Traum vom Aufräumen
      Dass 500 Beamte die Büros der Deutschen Bank durchsucht haben, ging durch alle Medien, aber das war nur eine bemerkenswerte Nachricht von vielen in den vergangenen Tagen. So müssen etwa britische und Schweizer Kreditinstitute hohe Summen berappen, um sich von Sünden der Vergangenheit freizukaufen. Standard Chartered: insgesamt 667 Millionen Dollar. HSBC: 1,9 Milliarden Dollar. UBS: Rund 1,5 Milliarden Dollar…
      Doch so spektakulär viele dieser Aktionen und Strafzahlungen sind – sie bewegen in Wahrheit wenig. An den Wurzeln der Probleme, die zur Finanzkrise geführt haben, rütteln sie alle nicht: Um die Bankmanager, ihre Fehler und die institutionellen Mängel, die die Welt in die Krise taumeln ließen, geht es dabei so gut wie nie. Stattdessen beißen sich die Behörden meist an einzelnen kriminellen Vergehen fest: an Steuerhinterziehung, Geldwäsche oder illegalen Absprachen. Verwerflich, das alles, aber mit dem Absturz im Jahr 2008 hat es selten direkt zu tun. Hinzu kommt: Auch wenn Verfahren laut und spektakulär beginnen, klingen sie doch oft leise aus. Heraus kommen regelmäßig Vergleiche, die für die Institute verkraftbar bleiben. Vor einem wirklich harten Durchgreifen scheuen die Behörden zurück. Zu groß ist ihre Angst vor den potenziellen Folgen für das Finanzsystem.
      Quelle: Zeit.de

      Anmerkung WL: Die Vergleiche, die die Justiz mit den Banken schließen, lassen die kriminellen Handlungen im Dunklen. Statt einer Durchsetzung von Recht und Gesetz verhandeln die Gerichte mit den Tätern. Die Banken haben mit ihren betrügerischen und treulosen Machenschaften mehr verdient, als sie anschließend an Bußen bezahlen müssen.
      Es ist wie bei Parksündern, die kalkulieren, ob sie einmal ein Knöllchen bezahlen, aber dafür viele Male im Parkverbot parken, ohne eine Parkgebühr zu bezahlen.
      Bei jedem Diebstahl wird akribischer aufgeklärt und auf die Täter härter zugegriffen. Ganz selten kommt es bei den Bank-Betrügern zu Verurteilungen und fass doch, dann wegen Randerscheinungen. Im Zweifel stehen dutzende von hochbezahlten Anwälten hilflosen und schlecht ausgestatteten Richtern gegenüber. Und wenn alles nicht mehr hilft, dann hilft der unvermeidbare „Verbotsirrtum“, d.h. die Richter können nicht zweifelsfrei nachweisen, dass den Angeklagten eine Einsicht in ihr unrechtes Tun möglich war.
      Doch man sollte nicht die Richter zu Sündenböcken machen, sie müssen nach den bestehenden Gesetzen urteilen und wenn die Gesetze so lasch sind, wie sie sind, bleibt das Strafrecht eben ein „hölzerner Handschuh“ (Heribert Prantl), der die Täter nicht greifen kann.

    4. Italienisches Gericht verurteilt Deutsche Bank
      Vier Finanzinstitute, darunter die Deutsche Bank, sind des schweren Betrugs für schuldig befunden worden. Hintergrund sind riskante Zinswetten gegen Städte und Kommunen. Geldbuße und Gewinnabschöpfung werden fällig…
      Die Banken hatten Derivate an die Stadt Mailand verkauft, die sie mit der Aussicht auf niedrigere Zinsen köderten. Doch letztlich kosteten die Zinsswaps die Stadt Millionen.
      Quelle: Handelsblatt
  2. UBS führte „epische“ Libor-Verschwörung an
    Die versuchten Manipulationen bei weltweit wichtigen Zinssätzen wie dem Libor haben ein weit größeres Ausmaß als bisher angenommen. Ermittler in den USA, Großbritannien und der Schweiz werfen den Beteiligten eine breit angelegte Verschwörung vor. An der Spitze stand dabei mutmaßlich die schweizerische Großbank UBS. Ihre Mitarbeiter waren intensiv daran beteiligt, jene Sätze zu manipulieren, die die Zinsbasis für Kredite und Finanzprodukte mit einem Volumen von Billionen Dollar sind.
    Quelle: Wallstreet Journal Deutschland

    dazu auch: Zynisch
    Die UBS hat mit ihrer Rolle im Libor-Skandal den bislang eindrücklichsten Beleg dafür geliefert, mit welchem Zynismus das Unternehmen bis und auch noch nach dem Ausbruch der Finanzkrise seine Geschäfte betrieben hat. Offensichtlich wird auch , wie schwer sich der Konzern damit tut, seine Vergangenheit abzustreifen und sich anständig zu verhalten…
    Man könnte und sollte auch von Zynismus sprechen. Seit Frühjahr 2008, als die UBS 20 Mrd. sfr abschreiben musste und Marcel Ospel den Präsidentenposten an Peter Kurer übergab, brannte es in dem Konzern lichterloh. Ab diesem Zeitpunkt manipulierten die UBS-Trader ihre Libor-Zinseingaben, um die angeschlagene Kreditwürdigkeit der Großbank zu verschleiern. Auch in diesem Fall fanden die Behörden keine Hinweise auf eine wie auch immer geartete Mitbeteiligung des Spitzenmanagements.
    Feststellen lässt sich aber dennoch, dass auch diese Manipulation ganz in dessen Interesse war. In diesem Fall ging es nicht gegen die eigenen Kunden, sondern gegen die ganze Schweiz und gegen das gesamte Finanzsystem. Denn mit der Manipulation wurde die im Herbst 2008 durchgeführte Staatsrettung der UBS möglicherweise hinausgezögert und das Risiko für die Steuerzahler erhöht. Es ist schwer zu akzeptieren, dass für Zynismus in dieser Dimension nur ein paar Händler geradestehen müssen.
    Quelle: Börsen-Zeitung

  3. Millionengewinn mit der Euro-Krise
    Ein Hedgefonds verdient mit Griechenland-Wette 500 Millionen – und kann sich bei Angela Merkel bedanken. Erst eines ihrer seltenen Machworte sicherte für „Third Point“ diesen unglaublichen Gewinn.
    Quelle: Frankfurter Rundschau
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