www.NachDenkSeiten.de - die kritische Website

Liebe Leserinnen und Leser,
einmal im Jahr bitten wir Sie um Unterstützung für die NachDenkSeiten - so auch heute wieder.
5. Dezember 2016
  • Blog abonnieren

    Beim Erscheinen eines neuen Artikels erhalten Sie eine Benachrichtigung per E-Mail.

  • Archive

Zum 27. Januar – Zwei Jahrestage und zwei Tagebücher

Veröffentlicht in: Gedenktage/Jahrestage, Militäreinsätze/Kriege

Für Anne Frank, Tanja Sawitschewa und all die Anderen
An diesem Tag gedenken wir der Befreiung von Auschwitz [1]. Als die Rote Armee 1945 die Tore öffnete, boten sich ihr Bilder, die in ihrer Grausamkeit durch nichts zu überbieten sind [2]. Gott sei Dank ist der 27. Januar inzwischen ein offizieller Gedenktag!
Aber wir dürfen auch einen anderen Gedenktag nicht vergessen, denn genau ein Jahr zuvor hatte die Rote Armee schon einmal bestialische Verbrechen von Deutschen im Nationalsozialismus beendet: Am 27. Januar 1944 „endete die Blockade von Leningrad“ [3], die Stadt, die heute wieder (Sankt) Petersburg bzw. Petrograd heißt. Von Nadja Thelen-Khoder

„Blockade“ – was für ein Wort!

Am 22. Juni 1941 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion, und mit unvorstellbaren Kriegsverbrechen „eroberte“ sie Kilometer für Kilometer, Dorf für Dorf, Stadt für Stadt. Dörfer wurden niedergebrannt, Menschen, die in den meisten Medien seit acht Jahren Nazis an der Regierung propagandistisch als „minderwertig“ bezeichnet worden waren, wurden wie Vieh zusammengetrieben und ermordet, und die Sieger feierten sich oft als „Herrenmenschen“.

Am 8. September 1941 war die deutsche Wehrmacht vor Leningrad angekommen, und es begann auch da einer der furchtbarsten Gräuel in der Geschichte der Menschheit: Bis zum 27. Januar 1944, fast 900 Tage lang, belagerten deutsche Soldaten die Stadt, um nahezu alle ihre Einwohner an Hunger sterben zu lassen. Weit mehr als eine Million Menschen (die Zahlen schwanken; 1 100 000 ist die kleinste) verhungerten langsam und qualvoll.

Etwa sechs Millionen Juden, eine halbe Million Sinti und Roma, weit mehr als eine Million Leningrader – diese Zahlen sind so unvorstellbar, dass sie oft kaum noch eine Wirkung auf denjenigen haben, der sie zur Kenntnis nehmen soll.

Es ist das Tagebuch von Anne Frank [4], das wirklich erschüttert und uns einen kleinen Eindruck davon gibt, was die von Deutschen lange vorbereitete, geplante, systematische, technokratische, bürokratische Ermordung der europäischen Juden bedeutete.

Und es ist das Tagebuch von Tanja Sawitschewa [5], das uns verstehen lässt, was es bedeutete, als Deutsche den Willen Adolf Hitlers in die Tat umzusetzen versuchten, dass sämtliche Einwohner Leningrads verhungern sollten:
„Schenja starb am 28. Dezember um 12.00 vormittags 1941. (28 декабря 1941 года. Женя умерла в 12 часов утра. )
Großmutter starb am 25. Januar, 3 Uhr nachmittags 1942. (Бабушка умерла 25 января 1942-го, в 3 часа дня.)
Ljoka starb am 17. März um 5 Uhr vormittags 1942. (Лёка умер 17 марта в 5 часов утра. )
Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht 1942. (Дядя Вася умер 13 апреля в 2 часа ночи. )
Onkel Ljoscha am 10. Mai um 4 Uhr nachmittags 1942. (Дядя Лёша 10 мая в 4 часа дня. )
Mutter am 13. Mai um 7.30 vormittags 1942 (Мама — 13 мая в 730 утра.)
Die Sawitschews sind gestorben. (Савичевы умерли.)
Alle sind gestorben. (Умерли все.)
Nur Tanja ist geblieben. (Осталась одна Таня.)“ [6]

Tanja starb am 1. Juli 1944.

„8.9.41-27.1.44: Blockade von Leningrad“ [7] – so oder so ähnlich lauten die Eintragungen in den Geschichtsbüchern, und bei „Blockade“ und „Berlin“ denken viele Deutsche nur an die „Berlin-Blockade“ von 1948.
Wie sie bei „Terror gegen die Zivilbevölkerung durch Bombenangriffe“ an Dresden denken und nicht an London; die Idee, gezielt Zivilisten durch Terror aus der Luft zu töten und zu demoralisieren, wurde von Adolf Hitler für London glühend vertreten und durch deutsche Soldaten in die Tat umgesetzt, und über den „Volksempfänger“ wurden die entsprechenden Reden verbreitet.

Nationen verstehen sich eben lieber als Opfer denn als Täter.

Viele Millionen Menschen waren an Auschwitz und Leningrad beteiligt:
Wie viele Polizeibeamte (um Häuser zu räumen), Staatsanwälte (um Anklagen zu vertreten), Richter (um entsprechende Urteile zu verkünden), Gefängniswärter (um diese Urteile zu vollstrecken), KZ-Wächter (um Menschen zu töten), Journalisten (um Meinungen zu verbreiten und Tatsachen so oder so darzustellen bzw. zu verschweigen), Lokomotivführer (um Menschen wie Vieh in Güterwaggons zu transportieren), Beamte in Einwohnermeldeämtern (um Menschen durch ein „Z“ oder ein „J“ im wahrsten Sinne des Wortes abzustempeln), Grundbuchbeamte (um Grundstücke zu „arisieren“), Lehrer (um Kindern das „Aussondern“ zu lehren bzw. zu ermöglichen), Ärzte (um Menschen „kriegstauglich“ zu schreiben, wieder gesund zu flicken und andere Menschen gar nicht oder schlecht zu behandeln), Pfarrer (um Waffen zu segnen), Schuster (um Soldatenstiefel zu machen), Fabrikarbeiter (um Bomben und Granaten herzustellen), Soldaten (zum Schluss standen 17 Millionen Deutsche unter Waffen; das nannte man „Volkssturm“), Schneider (um Uniformen zu nähen), Krankenschwestern (um Verletzte zu versorgen) und und und brauchte Deutschland von 1933-45, um den Tod von 55 Millionen Menschen zu verantworten?
Und nicht nur Hitler und Goebbels hielten Propagandareden, in denen sie ihre Ziele und „Erfolge“ überall stolz verkündeten – wer kennt die Frage „Wollt Ihr den totalen Krieg?“ nicht?

Und wie viele behaupteten nach 1945, sie hätten von allem nichts gewusst?

Und nach 1945 haben sich weiterhin viele taub und blind oder stumm gestellt. Auch das Tagebuch von Tanja Sawitschewa war bei den unzähligen Beweisen, die bei den Nürnberger Prozessen vorgelegt wurden. Aber wer sprach schon von den Nürnberger Prozessen? Viele verschlossen ihren Mund. Sie redeten nicht, sie erzählten nicht, und angeblich hatten sie „von allem nichts gewusst“.

Ihr ganzes Leben lang haben meine Eltern erzählt. Mit Filmen wie „Die Brücke“ [8], „Rosen für den Staatsanwalt [9] und „Die Mörder sind unter uns“ [10] bin ich aufgewachsen, ebenso wie mit „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert [11]. Als Erbe auch meiner Eltern trage ich sein „Dann gibt es nur eins!“ [12].

Auschwitz und Leningrad – diese beiden Städte stehen für millionenfachen Mord. Unter den Opfern waren auch Anne Frank (deportiert nach Bergen-Belsen) und Tanja Sawitschewa, die beiden jungen Mädchen, die uns ihre Tagebücher hinterlassen haben – die Tagebücher, die mich – besonders als Deutsche – für jetzt und alle Ewigkeit verpflichten, zu erzählen und niemals zu vergessen [13] [14].


Anmerkungen:

nach oben

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Online spenden
Fördermitglied werden

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: