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Sinn kann´s nicht lassen

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Von den unseligen Target-Salden will „Deutschlands klügster Professor“ (BILD-Zeitung) offenbar nichts mehr wissen. In seinem jüngsten Gastartikel für die FAZ verabschiedet sich Hans-Werner Sinn ohne große Worte von seinem einstigen Steckenpferd. Auch bei einigen anderen Themen rudert der Boulevard-Ökonom zurück. Getreu dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ erfindet Sinn sich offenbar täglich neu. Das wäre durchaus erfreulich, würde Sinn nicht wieder einmal mit Scheuklappen durch die Welt laufen, die Leser manipulieren und dem Ganzen den typisch „sinnschen“ Weltuntergangspathos verleihen. Von Jens Berger

Lange Zeit war es um Hans-Werner Sinn ruhig geworden. Trotz medialer Schützenhilfe floppte sein im Herbst erschienener potentieller Bestseller „Die Targetfalle“ an den Ladenkassen. Von seinen ebenso kühnen wie falschen Thesen zu den Target-Salden will heute niemand mehr etwas wissen – auch Sinn selbst nicht, der mittlerweile in die Vorwärtsverteidigung übergegangen ist und die Argumente seiner Kritiker als seine eigenen ausgibt.

Wenig Licht …

Seit dem Sommer 2012 hat die Finanzkrise eine Pause eingelegt. Die Target-Salden, die die Kapitalflucht aus Südeuropa und die öffentlichen Ersatzkredite des Eurosystems anzeigen, steigen nur noch in Italien. Ansonsten gehen sie deutlich zurück.

Hans-Werner Sinn in der FAZ (Onlineausgabe vom 28.01.2013)

Heute gibt Sinn zu, dass die Target-Salden vor allem die Kapitalflucht von Süd nach Nord anzeigen. Das klang früher noch ganz anders. Auch bei der Frage, ob der Steuerzahler für EZB-Verluste haften muss, hat Sinn eine elegante „Mini-Wende“ hingelegt. Hat er früher stets steif und fest behauptet, der Steuerzahler müsse für EZB-Verluste haften, räumt er heute zwischen den Zeilen ein, dass diese Verluste auch durch „weniger Gewinnausschüttungen“ getragen werden können. Viele anglosächsische Ökonomen und auch die NachDenkSeiten haben immer wieder auf diese wichtige Frage hingewiesen. Es ist erfreulich, wenn Sinn in diesem Punkt von seiner Kampflinie abweicht. Schon Konfuzius wusste, dass „wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, einen zweiten begeht.“

… und viel Schatten

Auch bei der Frage der Angleichung der Wettbewerbsfähigkeit scheint Sinn auf den ersten Blick dazugelernt zu haben:

Spanien, Griechenland und Portugal müssen längerfristig im Vergleich zum Durchschnitt der Eurozone um etwa 30 Prozent billiger werden, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, und selbst Frankreichs Preise müssen um 20 Prozent gegenüber dem Durchschnitt fallen. Das ist das Ergebnis einer Ifo-Studie, die am Dienstag in Brüssel vorgestellt wird. Deutschlands Preise müssen umgekehrt um etwa 20 Prozent gegenüber dem Durchschnitt steigen.

Hans-Werner Sinn in der FAZ (Onlineausgabe vom 28.01.2013)

Dies ist alles durchaus korrekt. Der Artikel wurde jedoch nicht von einem Volontär, sondern von Sinn persönlich verfasst und es ist schon arg merkwürdig, dass ein Ökonomie-Professor hier derart schluderig formuliert. Der Satz wäre vollkommen korrekt, hätte Sinn den Begriff „Preise“ durch „Lohnstückkosten“ ersetzt. Wer Sinn kennt, weiß, dass es sich hierbei nicht um einen Flüchtigkeitsfehler oder um eine Vereinfachung handelt. Dies wird im nächsten Absatz von Sinns Aufsatz deutlich:

Wollte man die nötige Anpassung innerhalb eines Jahrzehnts schaffen, wobei nur das französische Preisniveau konstant gehalten wird, müsste die durchschnittliche [europäische/Anm. JB] Inflationsrate bei 2,3 Prozent liegen, Deutschland müsste um jährlich 4,1Prozent inflationieren. Spaniens Preise müssten dann freilich um 1,3 Prozent pro Jahr sinken. So oder so steht eine Phase äußerst schwieriger Anpassungen für die Länder Südeuropas und Frankreichs bevor, die die Gesellschaftssysteme dieser Länder erheblich belasten, wenn nicht gar vor eine Zerreißprobe stellen werden. Bislang ist von den notwendigen Preissenkungen so gut wie nichts passiert.

Hans-Werner Sinn in der FAZ (Onlineausgabe vom 28.01.2013)

Bislang ist, das ist wichtig zu ergänzen, jedoch auch in Deutschland so gut wie nichts passiert, um die Inflationsrate zu steigern. Und – wahrscheinlich ohne es zu merken – hat der Leser von Sinns Aufsatz hier bereits den gedanklichen Schritt von der Wettbewerbsfähigkeit zu den Verbraucherpreisen vollzogen. Und das ist Manipulation auf hohem Niveau! Die Anpassung der Verbraucherpreise ist die Folge und nicht die Ursache von Anpassungen der Wettbewerbsfähigkeit, also Lohnsteigerungen und Lohnkürzungen.

Manipulation durch Begriffe

Würde man eine Umfrage machen und die Deutschen fragen, ob sie sich eine Inflation von jährlich 4,1% wünschen, würden sicher fast alle Befragten mit einem empörten „Nein!“ antworten. Würde man sie jedoch fragen, ob sie sich wünschen, dass die Löhne in Deutschland um 4,1% steigen, fiele die Antwort diametral anders aus. Bei der Anpassung der Wettbewerbsfähigkeit geht es aber primär um die Anpassung der Lohnstückkosten und somit vor allem der Löhne. Die Anpassung der Verbraucherpreise ist eine Folge der Lohnentwicklungen und nicht deren Ursache, schließlich leben wir ja nicht in einer Planwirtschaft, in der der Staat die Preise bestimmt.

Selbstverständlich weiß dies auch Hans-Werner Sinn ganz genau. Aber warum drückt er sich dann derart missverständlich aus? Über Sinns ökonomische Fähigkeiten kann man vortrefflich streiten, dass er aber ein begnadeter Manipulierer und Demagoge ist, darüber kann es eigentlich keine zwei Meinungen geben. Sinns Kernthese ist schließlich, dass die deutschen Steuerzahler und Rentner die Kosten der Eurokrise voll tragen werden. Würde er nun jedoch klipp und klar schreiben, dass die gewünschten Anpassungen mit deutlichen Lohnsteigerungen in Deutschland, die sich auch auf die Renten ausschlagen, einhergehen müssen, bekäme seine Kernthese Kratzer. Um dies zu verhindern, biegt sich Professor Sinn die Begriffe so zurecht, dass zumindest die meisten Leser sicher gar nicht merken werden, dass er sich stetig selbst widerspricht. Aber darin war Sinn ja schon immer einsame Spitze.

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