• Blog abonnieren

    Beim Erscheinen eines neuen Artikels erhalten Sie eine Benachrichtigung per E-Mail.

  • Archive

Glosse – Weltpolitik für Anfänger

Veröffentlicht in: Aktuelles, Außen- und Sicherheitspolitik, Audio-Podcast, Länderberichte

Als politisch Unbedarfter kommt man in diesen Tagen ganz schon ganz schön ins Schlingern. In der Ukraine demonstrieren Tausende Menschen gegen die Regierung und ernten dafür den Beifall der deutschen Medien und der deutschen Politik. Dabei haben sich sowohl die deutschen Medien als auch die deutsche Politik im letzten Jahr doch noch gegen die Macht des „Pöbels“ auf der Straße ausgesprochen. Nur, dass es damals nicht um die Ukraine, sondern um Ägypten ging. Ein Glosse von Jens Berger

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Zur Erinnerung: Im Sommer letzten Jahres putschte eine Militärjunta den demokratisch gewählten ägyptischen Präsidenten Mursi aus dem Amt. Als daraufhin die Anhänger dieses demokratisch gewählten Präsidenten gegen die Junta demonstrierten und dafür niedergemetzelt wurden, waren die deutschen Medien ganz auf der Seite der Junta und fanden es vollkommen in Ordnung, dass der „Pöbel“ von der Strasse gefegt wurde. Die „Demokratie“ wurde der „Stabilität“ geopfert. Schließlich ging es um größere Zusammenhänge.

Siehe dazu: Jens Berger – Arabischer Winter – Wenn „Demokratie“ zum Kampfbegriff wird

Heute demonstriert in der Ukraine ein buntes Gemisch – durchzogen von Brauntönen – gegen eine demokratisch gewählte Regierung und Berlin ist im Einklang mit den Medien auf der Seite der Demonstranten. Wieder einmal geht es nicht um „Demokratie“. Diesmal geht es aber auch nicht um „Stabilität“. Und man kann wohl auch annehmen, dass Deutschlands Meinungsmacher nicht nur deshalb für die Demonstranten sind, weil diese (noch) von einer der bekanntesten Boxbirnen der Welt angeführt werden. Warum sind nun demonstrierende Ukrainer „gut“, während demonstrierende Ägypter „böse“ sind? Wer soll da noch durchblicken?

Was für politisch Unbedarfte schwer zu durchschauen sein dürfte, ist aber eigentlich ganz einfach. Man darf nur nicht zu kompliziert denken. In Ägypten waren die gestürzte demokratisch gewählte Regierung samt der Demonstranten, die für die Demokratie ihr Leben ließen,„böse“, weil es sich um Muslimbrüder handelte. Und Muslimbrüder sind – wie „wir“ ja wissen – „unser“ Feind. Warum? Das spielt keine Rolle, bloß nicht zu kompliziert denken. Die ägyptische Militärjunta war also der Feind „unseres“ Feindes und gehörte damit zu den „Guten“, denn „wir“ sind ja die „Guten“.

Die Regierung der Ukraine ist wiederum ein Freund Russlands und „die Russen“ sind – auch das wissen „wir“ – die „Bösen“ und „unser“ Feind. Warum? Das spielt keine Rolle, bloß nicht zu kompliziert denken. Wer also gegen den Freund „unseres“ Feindes auf die Straße geht, ist schlussendlich auch einer von den „Guten“. So einfach kann Weltpolitik sein! Man darf halt nur nicht zu kompliziert denken.

nach oben

Die NachDenkSeiten sind für eine kritische Meinungsbildung wichtig, das sagen uns sehr, sehr viele - aber sie kosten auch Geld und deshalb bitten wir Sie, liebe LeserInnen, um Ihre Unterstützung.
Herzlichen Dank!

Online spenden
Fördermitglied werden

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: