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Jordan Flaherty: Das Weltsozialforum in Nairobi – ein Tagebuch

Verantwortlich:

Das Weltsozialforum versteht sich als Gegenveranstaltung zum „Weltwirtschaftsgipfel“ in Davos. In dieser Woche versammeln sich Zehntausende von Menschen, die fast alle Nationen und Völker repräsentieren, um Strategien zu finden, zu debattieren und für Lösungen zu kämpfen, um die weltweite Ungerechtigkeit und Ungleichheit überwinden zu können. Zum ersten Mal ist das Weltsozialforum nach Nairobi in Kenia gekommen. Lesen Sie einen Bericht von Jordan Flaherty, der durch seine Reportagen über die Auswirkungen des Wirbelsturms „Katrina“ in New Orleans auch in Deutschland bekannt geworden ist, mit einem Vorwort und in einer Übersetzung von Brigitta Huhnke.

Vorspann:

Mittlerweile scheint es auch in öffentlich-rechtlichen Medien modisch zu sein, politische Ereignisse nicht mehr in ihren tieferen Inhalten und Bedeutungen ergründen zu wollen. Dies würde zu viel und aufwendige Recherche bedeuten, ein kräftiges Maß Neugierde an der Welt voraussetzen und Empathie für diejenigen, die von solchen Ereignissen betroffen sind.

Achten wir in diesen Tagen auf die Berichterstattung über den „Weltwirtschaftsgipfel“ in Davos. Der Deutschlandfunk machte heute (24.1.) am Morgen mit einer putzigen Human-Touch-Story auf, über das beschauliche Städtchen Davos. Nichts über konkrete Inhalte, über die Interessen der Superreichen, die sich hier in den nächsten Tagen ein Stelldichein geben, abgesichert durch Polizei und Militär. Dafür wurde uns in teuren Sendeminuten etwas ganz besonders Hübsches erzählt: Die Besitzer von Juweliergeschäften freuen sich auf den wie jedes Jahr zu erwartenden Umsatz. Denn die Reichen, unterstützt und devot begleitet von den politischen Statthaltern, kaufen nicht nur global tagein, tagaus rücksichtslos Konzerne, Land und Immobilien ein, zwingen Regierungen zur Zerstörung sozialstaatlicher Strukturen und treiben so täglich mehr Menschen ins Elend. Nein, in diesen Tagen tun sie sich auch einmal ganz persönlich etwas besonders Gutes: Sie kaufen Uhren des „obersten Segments“, für sich, die Ehefrau, die Geliebte. Nun können wir uns die Summen kaum vorstellen. Aber „oberstes Segment“ dürfte so mit 15. 000 Euro am unteren Level beginnen.
In Afrika könnten davon Dutzende von Familien ein Jahr oder länger ohne Hunger leben.

Wie es auf der Gegenveranstaltung zum Stelldichein der Superreichen, nämlich auf dem Weltsozialforum der Anti-Globalisierungsbewegung in Nairobi zugeht, welche Themen die Menschen dort bedrängen und wie es in der Nachbarschaft des Veranstaltungszentrums aussieht, dazu kam nur wenige Minuten nach dem DLF-Stück per e-mail ein Tagebucheintrag von Jordan Flaherty, der von Nairobi aus für mehrere Blätter und Foren in den USA berichtet. Flaherty, der in New Orleans lebt, ist mit seinen Reportagen über die Auswirkungen und Folgen des Hurrikan Katrina auch in Europa bekannt geworden, da viele europäische Blätter, darunter auch „Die Zeit“, seine Reportagen damals abgedruckt haben, gerade auch wegen seiner intensiven Beschreibungen und seiner offenen Kritik am Zynismus und Rassismus der Bush-Junta und dem weißen Amerika gegenüber den Opfern von New Orleans, die überwiegend afrikanische Amerikanern sind.

Hier folgt jetzt eine Übersetzung von Brigitta Huhnke. Die sollte sehr schnell erfolgen, kann damit nur vorläufig sein. Die NDS LeserInnen sollen in den nächsten Tagen diese Schilderungen mit dem vergleichen können, was uns deutsche Medien an Hofberichtserstattung vom Tisch der Reichen in Davos bieten werden. Und wir bitten Sie ganz besonders, in diesem Zusammenhang auch auf die Rede von Angela Merkel zu achten. Zum Auffrischen dessen, was sie uns und der Welt vor einem Jahr geboten hat, lesen Sie gern noch einmal in der Analyse „Gespensterjagden“ von Brigitta Huhnke nach.


Text:

Das Weltsozialforum – ein Tagebuch

Von Jordan Flaherty
Nairobi, Kenia
23. Januar 2007

In dieser Woche versammeln sich Zehntausende von Menschen, die fast alle Nationen und Völker repräsentieren, um Strategien zu finden, zu debattieren und für Lösungen zu kämpfen, um die weltweite Ungerechtigkeit und Ungleichheit überwinden zu können. Zum ersten Mal ist das Weltsozialforum nach Nairobi in Kenia gekommen. Die globale Konferenz ist in einem großen Sportkomplex untergebracht, in der Nachbarschaft des Slums Korogocho, wo Zehntausende von KenianerInnen in bitterer Armut leben. Das ist eine Art sichtbare Demonstration (genau) der Themen, die auf dem Forum diskutiert worden sind und im Kontrast zum Wohlstand vieler TeilnehmerInnen aus der so genannten „entwickelten Welt“ stehen.

Wie in vielen Slums von Nairobi, ist Korogocho entstanden, als Hausbesetzer auf leerem Land der Regierung Hütten erbaut haben. Die meisten dieser ursprünglichen Hausbesetzer haben später diese kleinen Räume an Familien vermietet, die im Monat bis zu 10 Dollar zahlen, um in einem Raum ohne fließendes Wasser, mit illegal abgezapftem Strom zu leben, und in ständiger Bedrohung, dass die Regierung räumen lässt. Nairobi hat mindestens 200 Slums, in denen, nach Angaben örtlicher AktivistInnen, die Hälfte der Bevölkerung lebt.

Heute, beim Besuch einer kleinen Schule am Ende eines Slums, haben mir LehrerInnen über ihre Arbeitsbedingungen erzählt. Wir haben uns in einem der zehn beengten Klassenräume unterhalten, weniger als 10 mal 10 Fuß groß, mit nahezu nichts an Tischen oder anderer Basisausstattung. In diesen zehn Klassenräumen sind fünfzehn LehrerInnen für 450 Kinder zuständig. Eine Radkappe, die an der Wand hängt, wird als Schulglocke genutzt. Einige der Räume aus Stein haben keine Decke. Viele der SchülerInnen sind Waisen, deren Eltern an AIDS gestorben sind. Das Abwasser fließt gleich hinter der Schule in einem Fluss vorbei.

Die LehrerInnen berichten von ihren Sorgen über (mangelnde) Sicherheit, da drogensüchtige Jugendliche durch das Viertel streunen. „Wir müssen den Zeitpunkt für unsere Unterrichtsstunden, die wir abhalten, wegen der Bedrohung ständig verändern“, berichtet mir Paul, einer der Lehrer. Die Polizei betritt das Lager nicht, was vielleicht gut ist, weil die kenianische Polizei noch mehr Angst als die Gangs verbreitet. „Wenn du die Polizei kommen siehst, machst du kehrt und gehst so schnell du kannst in die andere Richtung“, erklärte mir Cynthia, eine junge Freiwillige von der Organisation „Youth Initiatives, Kenya“ (YIKE). „Wenn sie dich erwischen, fragen sie dich nach Schutzgeld und wenn du nicht zahlen kannst, werden sie dich wegschließen. Wenn du verhaftet bist, hast du keine Rechte“. In diesem Monat sind sechzig ZivilistInnen von der Polizei getötet worden, dreizehn letzten Samstag und sieben gerade gestern. Über die Morde der Polizei hat niemand einen Gesamtüberblick.

Humphrey Otieno, der dem “Nairobi People’s Settlements Network” angehört, einer anderen Graswurzelorganisation, die in den Slums aktiv ist, klagt ebenfalls über Polizeischikane. „Wenn du über Rechte sprichst, besonders mit dieser Stadtverwaltung, kannst du gefangen genommen und eingesperrt werden. Vier Leute unserer Gruppe sind im Gefängnis, ohne jede Anklage.“ Nach Angabe von Otieno sitzen diese AktivistInnen seit sechs Monaten ein.

Nairobi ist, wie viele Städte, ein Ort des Kontrastes, wo die, die es sich leisten können in umzäunten Anlagen leben, in den Geschäften der Anlagen einkaufen und in Restaurants der Anlagen essen gehen, ohne jemals die schätzungsweise 1,5 Millionen Slum Bewohner zu sehen, die ganz in der Nähe leben. Paul der Schullehrer erzählte mir: “Einige Leute in Nairobi werden dich, wenn du ihnen gegenüber Korogocho erwähnst, fragen: „Korogocho, ist das in Kenia?“ Das Forum in diesem Jahr, liegt wie der größte Teil von Nairobi, hinter Absperrungen und Mauern, und wird von schwer bewaffneter kenianischer Polizei bewacht, was für viel Spannung auf der Konferenz sorgt

Initiiert im Jahr 2001, in Brasilien, wird das Weltsozialforum als jedes Jahr stattfindende Versammlung von Graswurzelbewegungen aus aller Welt verstanden.
OrganisatorInnen beschreiben es als „einen offenen Versammlungsort für reflektiertes Denken, für die demokratische Debatte von Ideen und die Vernetzung von effektiven Aktionen“. Gestartet als Gegenpol zu Ereignissen wie dem Weltsozialforum in Davos, in der Schweiz, wo die Reichen und Mächtigen sich einfinden, um Entscheidungen zu treffen, die sich auf die Armen auswirken. Das Weltsozialforum ist als Forum gedacht, um Perspektiven zu präsentieren, die von den Zusammenkünften der Eliten ausgeschlossen sind.

Das Forum ist eine hektische und manchmal überwältigende Versammlung, mit schätzungsweise hundert Panels, kulturellen Darbietungen, Diskussionsforen, Zusammenkünften oder Demonstrationen, die sich jederzeit entwickeln können.
Durch die Konferenz laufend, im sich ausdehnenden Moi Sports Center, einem gewaltigen Komplex von Zelten und Gebäuden, in einem Vorort von Nairobi, scheint es für Momente so als sei die ganze Welt repräsentiert. Afrika, das in den vorangegangenen Foren unterrepräsentiert war, ist definitiv in großer Anzahl sichtbar. Die fünftägige Konferenz beginnt täglich um 8 Uhr 30 und einige Veranstaltungen dauern bis spät in den Abend hinein.

Unter den Hunderten von Themen, die repräsentiert werden, kann man Diskussionen unter afrikanischen Jugendlichen über Demokratie und den Aufbau von Bewegungen beiwohnen, verschiedene Berichte über New Orleans und die Golfküste hören, die von der Organisation „Peoples Hurricane Relief Fund“, gefördert wird, Workshops über gewaltlose Strategien und Taktiken, Panels von Veteranen des Befreiungskampfes für die Dritte Welt, Teach-Ins zur Besetzung der Werst Sahara durch Marokko und vieles mehr, auch einen Workshop der sich „Offene Regierung mithilfe von verbreiteten Massen- Dokumenten“ nennt. Während der Konferenz marschieren und demonstrieren TeilnehmerInnen zu einer ganzen Palette von Themen, heute auch in einem Marsch gegen den Krieg in Somalia. Und auf dem Marsch gestern haben behinderte Aktivisten aus Uganda skandiert „Ihr lacht, weil ihr denkt wir seien anders, wir lachen, weil wir die gleichen sind“.

Die diesjährigen Veranstaltungen haben am Samstag mit einem öffentlichen Konzert in der Innenstadt von Nairobi, im Uhuru Park begonnen. Eine der ersten Rednerinnen war die bekannte palästinensische Widerstandkämpferin Leila Khaled, die zu internationalen Sanktionen gegen den israelischen Staat, zur Schließung des Gefängnisses in Guantanamo und für einen international geführten Kampf gegen Unterdrückung und Kolonialismus aufgerufen hat. „Wenn Imperialisten den Widerstand des Volkes beschreiben, nennen sie das Terrorismus, während sie die eigentlichen Terroristen sind“, sagte sie später. Dies ist für Khaled das dritte Forum, wie sie mir erzählt hat und sie fügte hinzu: „Diese Foren sind sehr wichtig. Um diese Zeit können sich Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt treffen. Wir können uns mit anderen Bewegungen vernetzen und Formen der Solidarität entwickeln.“

Klare Kritik an der US-Politik und am Imperialismus dauerte während des gesamten Wochenendes an, wie der Organisator des Forums in Kenia erklärte. „Ein amerikanisches Leben sollte nicht mehr wert sein als ein irakisches Leben. Das Leben des Chefs eines Konzerns sollte dem Leben eines Slum Bewohners in Kiberna gleich gestellt sein.” Bezug nehmend auf die äthiopische Militärpräsenz im benachbarten Somalia, erklärte Professor Edward Oyugi, ein weitere Organisator des Sozialforums: „Der Krieg nebenan ist ein amerikanischer Stellvertreter Krieg.“
Unter den auf dem Forum stattfindenden Demonstrationen finden sich auch täglich welche gegen das Forum selbst. Die richten sich besonders gegen die hohen Beiträge, die erhoben werden, um am Forum teilnehmen zu können, fern dessen was die meisten Kenianer aufbringen können. Die OrganisatorInnen der Konferenz haben entgegnet, es gebe bereits unterschiedliche Konferenzgebühren. Teilnehmende aus dem „globalen Norden“, aus Ländern wie USA und aus Europa zahlen 110 Dollar während Kenianer lediglich sieben Dollar zahlen. Die OrganisatorInnen erklären außerdem, dass von den 46 000 Menschen die sich in den ersten beiden Tagen für das Forum registriert haben, 7000 mit einem Stipendium gekommen sind, die an Mitglieder kenianischer Graswurzel Organisationen vergeben worden sind.

Trotz dieser Beteuerungen blieben die Protestierer unzufrieden und eine Anzahl von Slum Bewohnern, begleitet von TeilnehmerInnen der Konferenz, marschierte durch die Absperrungen und in das Forum hinein. Auf dem Forum kann alles debattiert werden, auch die Regeln des Forums. Wie es ein Aktivist aus Uganda auf einem Panel, das sich „Erinnerungen des Widerstandes” nennt, ausgedrückt hat. „Die Frage die hier steht, ist, ob wir, die Menschen, die ArchitektInnen dieser Welt sein wollen oder nur die Innendekoration?“ Es ist diese Hoffnung, die Hoffnung, dass eine bessere gerechtere und demokratischere Welt durch diese Herausforderungen, die von außerhalb in diese
Versammlung kommen, geschaffen werden kann.

Jordan Flaherty ist auch Herausgeber des „Left Turn Magazine“ –
Quelle: www.leftturn.org

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