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4. Dezember 2016
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Der Terror von Paris und die globale Gewaltspirale

Veröffentlicht in: Aktuelles, Innere Sicherheit, Interviews, Militäreinsätze/Kriege, Strategien der Meinungsmache

Die Morde von Paris haben umgehend nicht nur zu massenweise politischer Instrumentalisierung der Toten, sondern auch zu einem neuen „kollektiven Selbstverständnis“ geführt, das die Gefahr mit sich bringt, „die Barbarei“ im Sinne eines neuen Feindbildes vor allem „im Außen“ und bei „den anderen“ zu verorten, die eigene hingegen zu verschleiern und mehr denn je zu übersehen. Und auch die eigentlichen gesellschaftlichen Konfliktlinien und Sollbruchstellen – beispielsweise eben jene zwischen „Oben“ und „Unten“ – geraten ob dieses neu testierten „Wirs“ rasch aus dem Blick. Dabei stellt ein Nein dazu, sich mit dem Kollektiv aus Angela Merkel, Jens Stoltenberg, Matthias Döpfner, Benjamin Netanjahu, Ahmet Davutoglu und anderen solcher Art zu assoziieren, eben keine Absage an den Kampf gegen Armut, Gewalt und Terror dar, sondern wäre faktisch der erste Schritt hin zur Erkenntnis, die einen wirklichen Kampf hiergegen überhaupt erst möglich macht. Zu den Hintergründen der Morde in Paris sowie zur „Barbarei der Zivilisierten“ sprach Jens Wernicke mit Daniele Ganser [*].

Herr Ganser, nun wurde auch Europa durch einen terroristischen Anschlag erschüttert, was viele Fragen aufwirft. Die womöglich erste und wichtigste hiervon ist: Sind wir jetzt alle durch radikale Islamisten bedroht – hatten PEGIDA und Co. mit ihrer Warnung vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ also womöglich recht?

Wir wissen derzeit nicht, was wirklich in Paris passiert ist. Die Massenmedien erklären zwar seit Tagen, es sei sicher und erwiesen, dass der Anschlag durch radikale Islamisten durchgeführt worden sei. Das stimmt aber nicht. Nichts ist erwiesen. Wir sollten ruhig und achtsam bleiben. Einen Terroranschlag kann man nicht in einem Tag aufklären, nicht einmal Inspektor Derrick hätte das gekonnt. Das braucht Zeit. Und Ruhe. Und Erfahrung. Und Scharfsinn.

Auf was stützen sich denn die Medien, wenn sie sagen, der Anschlag sei durch radikale Islamisten durchgeführt worden? Auf die französische Polizei. Diese hatte schon am Abend des 7. Januars, also bereits am Tag des Anschlages, erklärt, der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo sei durch zwei radikale Islamisten durchgeführt worden. Wenn die Polizei Recht hat, haben wir es mit einer sensationell schnellen Aufklärung eines komplizierten Verbrechens zu tun. Diese Aufklärung dauerte keine 24 Stunden! Wie gelang das der Polizei? Die Killer haben angeblich gerufen „Gott ist groß“, sowie „Wir haben den Propheten gerächt“, so die Zeugin Corinne Rey. Erkannt hat sie die Männer aber nicht, denn sie waren mit schwarzen Sturmmasken maskiert. Sind diese Ausrufe nun aber ein Beweis? Nein, denn das kann jeder rufen. Die Polizei kann sich also nicht darauf ausruhen.

Dann aber hat einer der Killer im Fluchtauto sein Personalausweis liegen lassen. Das gilt nun derzeit in Europa und den USA als der durchschlagende Beweis. In der Boulevardzeitung Blick, die hier in der Schweiz viele lesen, stand wörtlich: „Nach dem Attentat hatte einer der Brüder seinen Ausweis im Fluchtauto liegen gelassen. So konnte die Polizei die Täter rasch identifizieren.“ Das aber ist eine sehr merkwürdige Geschichte. Ich hab mich sofort gefragt: Wie oft habe ich meinen eigenen Personalausweis in den letzten 40 Jahren verloren? Die Antwort ist: Noch nie! Diese Frage muss sich jeder selber stellen. Auch habe ich mich gefragt: Warum nimmt ein Killer seinen Ausweis mit, wenn er einen Massenmord plant? Und wie konnte man mit einem Personalausweis sofort zwei Täter identifizieren? All diese Fragen sind ungeklärt, die ganze „Beweis“-Pyramide steht jedoch wirklich auf dieser Spitze. Wenn die also bricht, kracht die Geschichte in sich zusammen.

Eigentlich müsste man die Brüder Cherif und Said Kouchai, von denen die Polizei annimmt, dass sie hinter den schwarzen Sturmmasken steckten, nun ins Verhör nehmen. Denn es gilt ja der Grundsatz: Auch die andere Seite muss gehört werden. Das kann man aber nicht mehr, weil sie tot sind.

Meine Fazit ist klar: Erstens ist der Anschlag nicht geklärt, das braucht mehr Zeit. Vielleicht waren es radikale Islamisten. Vielleicht aber auch nicht. Zweitens muss man bei jedem Terroranschlag immer auch untersuchen, ob es nicht eine False-Flag-Operation war, welche man in diesem Fall den Muslimen nur in die Schuhe schiebt um in Europa und den USA Angst und Hass zu schüren, den Überwachungsstaat weiter auszubauen und Kriege gegen muslimische Länder fortan noch besser legitimieren zu können.


Sabine Schiffer: Attentat auf Charlie Hebdo:
Woher wissen die Medien all das?


Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Nun, ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Terror. Nach jedem Anschlag ist die Öffentlichkeit zuerst schockiert und aufgewühlt. Das ist auch genau das Ziel: Den Menschen vor dem Fernseher soll die Angst in Mark und Knochen fahren. Nicht nur die Toten, sondern vor allem die Beobachter der Geschehnisse sind das Ziel des Terrors.

Oft werden unmittelbar nach dem Anschlag dann falsche Beweise präsentiert und erlogene Geschichten erzählt, welche die Menschen bereitwillig schlucken weil sie in einem emotionalen Ausnahmezustand sind und nicht mehr in Ruhe nachdenken können.

Das passierte zum Beispiel in Italien. Dort starben 1972 in Peteano bei einem Terroranschlag drei Polizisten. Der Anschlag wurde sofort den extremen Linken in die Schuhe geschoben. Doch die Beweise waren gefälscht. Der Sprengstoffexperte der italienischen Polizei, Marco Morin, hatte bewusst eine falsche Expertise erstellt und behauptet, der Peteano-Sprengstoff sei jener, den auch die linke Terrorgruppe Brigate Rosse verwende. Die Massenmedien folgten dieser Expertise blind und dadurch wurden nicht nur die Brigate Rosse, sondern auch die italienischen Kommunisten und Sozialisten diskreditiert. Das ist wichtig, weil auch heute ja nicht nur die militanten Islamisten am Pranger stehen, sondern faktisch alle Muslime kollektiv angeschwärzt werden. In Italien dauerte es schließlich zwölf Jahre bis der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson die Lüge dann aufdeckte. Daher sage ich immer: Es braucht Ruhe, Scharfsinn und Zeit, um einen Terroranschlag aufzuklären.

Casson jedenfalls fand heraus, dass nicht die Linken sondern der Rechtsextremist Vincenzo Vinciguerra den Anschlag verübt hatte, und dass zudem innerhalb des italienischen Geheimdienstes eine Geheimarmee mit dem Namen Gladio existierte, welche vom US-Geheimdienst CIA aufgebaut worden war und durch geheime Ausschüsse der NATO koordiniert wurde. Vinciguerra gestand die Tat und erklärte die „Strategie der Spannung“ die Angst schüren um den Ausbau des Überwachungsstaates legitimieren solle: „Man musste Zivilisten angreifen, Männer, Frauen, Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen. Der Grund dafür war einfach. Die Anschläge sollten die Menschen, das italienische Volk, dazu bringen, den Staat um größere Sicherheit zu bitten.“

Und bei einem anderen Terroranschlag habe ich beispielsweise verfolgt, wie Pässe gefälscht worden sind: Als 1985 der französische Geheimdienst in Neuseeland das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior mit einer Bombe versenkte weil dieses gegen die französischen Atomtests im Pazifik protestiert hatte, reisten zwei Agenten mit gefälschten Pässen als Schweizer Ehepaar Turenge ein. Die Schweiz hatte aber gar nichts mit dem Anschlag zu tun – Schweizer waren überhaupt nicht an Bord. Geheimdienste haben also, das lehrt diese Erfahrung, keinerlei Probleme damit, Pässe zu fälschen und damit falsche Fährten zu legen, das ist ein Kinderspiel.

Aber gibt es denn nicht tatsächlich eine zunehmende Radikalisierung bestimmter oder gar einer ganzen Menge von Milieus, wodurch die Terrorgefahr steigt?

Natürlich gibt es eine Radikalisierung, wir stecken Mitten in einer riesigen Gewaltspirale und das ist alles andere als gut. In den nächsten 10 oder 20 Jahren müssen wir daher versuchen, aus dieser Gewaltspirale rauszukommen, die sich bereits jetzt immer schneller dreht. Und das können wir nur, indem wir Konflikte, die wir natürlich immer haben werden, ohne Gewalt lösen.

Wir kommen nicht aus der Gewaltspirale heraus, indem wir noch mehr muslimische Länder angreifen oder bombardieren oder in den NATO-Ländern den Überwachungsstaat ausbauen, was ja der frühere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden vollkommen zurecht kritisiert hat.

Wenn wir die Gewaltspirale in aller Ruhe anschauen, besteht sie nämlich aus vielen verschiedenen Elementen. Wir haben in der Tat radikale gewalttätige Muslime. Das ist ein Problem. Im Nordsudan hat der muslimische Präsident Bashir alle „Nicht–Muslime“ als „giftiges Ungeziefer“ bezeichnet, Christen werden brutal vertrieben und auch getötet. Das ist ein Element der Gewaltspirale. Ein anderes Element der Gewaltspirale ist aber auch die Folter der CIA, welche kürzlich aufgedeckt worden ist. Auch das ist ein ernstes Problem, da die CIA hier außer Kontrolle geraten zu sein scheint. Da gibt es aber auch noch den Krieg von Frankreich und anderen NATO-Ländern gegen Libyen 2011, der 30.000 Tote forderte, die meisten davon Muslime. Und den illegalen Angriffskrieg von Großbritannien und den USA gegen den Irak 2003, der mehr als 100.000 Tote forderte, die meisten davon Muslime. Das sind schwere Verbrechen gegen die Menschheit und unverzeihliche Verstöße gegen das Völkerrecht.

Derzeit stehen nun die Kämpfe in Syrien und in der Ukraine im Fokus. Jede daran beteiligte Gruppe – die Christen, die Muslime, die Juden, die Hindus, die Buddhisten, die Atheisten – sollte dabei über den je eigenen Beitrag zur Gewaltspirale kritisch nachdenken, erst dann erkennt man, dass wir alle zusammen den Kessel einheizen. Es braucht daher auch und vor allem Selbstkritik, denn man muss den Balken im eigenen Auge sehen – und nicht nur den Splitter in dem des Fremden.

Derlei Selbstkritik ist sicher wünschenswert, scheint aber kaum überhaupt vorhanden zu sein. Wie erklären Sie sich das?

Das stimmt nicht. Es gibt diese Selbstkritik, nur hört man viel zu wenig davon in den Massenmedien. Der US-Drohnenpilot Brandon Bryant hat beispielsweose kürzlich eine sehr bewegende Selbstreflexion durchgemacht. Er hat 1.626 Menschen getötet, nicht von Hand mit dem Messer oder Gewehr, sondern vor seinem Monitor als Drohnen-Pilot der US-Luftwaffe. In einem Fall sah er, wie ein Opfer wegen einer offenen Beinarterie verblutete. Auch Kinder und Frauen sterben in Afghanistan und Pakistan bei Drohnenangriffen, die meisten davon sind Muslime. Diesen Teil der Gewaltspirale wollen viele in Europa nicht sehen. Bryant hinterfragte sein Tun und kündigte schließlich beim Pentagon. Darüber gab es einige Beiträge in den Medien, leider aber viel zu wenige, daher kennen viele nun zwar den Begriff „Charlie Hebdo“, nicht aber den Namen Brandon Bryant.

Daniele Ganser - NATO Geheimarmeen in Europa

Bei aller Selbstkritik muss aber doch sicher der Angriff auf die Pressefreiheit verurteilt werden, den die Morde in Paris offenbar intendierten. Wie sehen Sie das?

Natürlich, die Pressefreiheit ist sehr wichtig und wird immer wieder angegriffen, zum Beispiel auch in Russland. Aber manchmal greift auch die NATO die Presse an, das blenden wir dann immer gerne aus, vergessen es sehr schnell. Am 23. April 1999 bombardierte die NATO beispielsweise die Redaktion des Radio- und TV-Senders von Serbien. Es gab 10 tote Journalisten, 20 Vermisste, die meisten davon verschüttet. Das Medienzentrum war damit ausgeschaltet.

Damals gab es weder in Frankreich noch in Deutschland noch in den USA jemanden, der gesagt hätte, hierbei handele es sich um Terror gegen Journalisten. Man fand das stattdessen sogar regelrecht normal und korrekt – und der NATO-Sprecher erklärte dann, man habe erfolgreich einen Propagandasender ausgeschaltet.

Diesen Balken im eigenen Auge will die NATO nicht sehen. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat nach dem Anschlag in Paris erklärt: „Die NATO-Verbündeten halten im Kampf gegen Terrorismus zusammen. Wir stehen in voller Solidarität bei unserem Verbündeten Frankreich.“ Eine Reflexion über den eigenen Terror ist vollkommen tabu.

Stecken denn alle Menschen in dieser globalen Gewaltspirale?

Nein. Wir sind derzeit 7 Milliarden Menschen in 200 Ländern. Nur ein Prozent, also 70 Millionen, tötet und foltert derzeit oder gibt Untergebenen den Befehl zu töten oder foltern. Das ist also eine kleine Minderheit. Die anderen 99 Prozent möchten einfach in Ruhe leben, sich verlieben, etwas Geld verdienen, in die Ferien fahren, Freunde treffen, eine Familie gründen, Musik hören, die normalen Dinge des Lebens eben. Leider kann man diese 99 Prozent aber sehr gut an der Nase herumführen. Man erzählt ihnen etwa, ihre Freiheit müsse jetzt am Hindukusch verteidigt werden. Und obschon sie zuvor noch nie von diesem Berggebiet gehört haben, ziehen sie womöglich mit in den Krieg.

Ist bei den 70 Millionen Gewalttätern weltweit das Merkmal Religion denn wirklich das entscheidende Moment?

Nein. Diese 70 Millionen kommen aus verschiedenen Ländern und gehören verschiedenen Religionen an. Es sind aber meistens Männer. Oft geht es im Kern um den Zugriff um Ressourcen wie Erdöl oder Erdgas, die Religionen werden dabei vor allem dazu benutzt, um die Gruppen in die Gewaltspirale hineinzuführen, als „Begründungserklärung“ sozusagen, um die es aber im Hintergrund überhaupt nicht geht, die nicht ausschlaggebend für territoriale oder Ressourcenkriege ist.

Und diese gewalttätigen Männer haben ganz verschiedene Weltbilder. Sie sitzen etwa in den USA und steuern – wie sie denken, im Kampf für Freiheit, Menschenrecht und Demokratie – eine Drohne im Auftrag des Pentagons. Oder sie sind Präsident im Sudan und töten die Christen – vermeintlich im Auftrag Gottes oder der Religion. Oder sie arbeiten beim Geheimdienst in Italien und manipulieren einen Terroranschlag um die Bevölkerung zu täuschen und für die Herren, denen sie hierbei dienen, die Chancen auf Wiederwahl zu erhöhen, die Möglichkeiten sozialer Revolten im Keim zu ersticken oder anderes…

In jedem Fall aber behaupten sie, dass sie durch Gewalt das Böse ausrotten könnten. Doch die Friedensforschung, in der ich aktiv bin, beweist ganz klar, dass das so nicht geht. Das ist ein ganz grässlicher Irrtum. Das Böse kann niemals durch Gewalt ausgelöscht werden. Im Gegenteil, Gewalt bewirkt immer mehr und neues Böses, und daher sollten wir, wo immer möglich, unsere Konflikte auch ohne Gewalt lösen.

Sehen Sie in Bezug auf die Morde von Paris denn eher einen Ein- oder Ausstieg aus dieser „Spirale der Gewalt“? Und: Halten Sie es für denkbar, dass nun aufgrund der vorschnellen Urteile hierzu gerade die Gefahr besteht, die geopolitischen und anderen Interessen im Hintergrund auch dieses Geschehens womöglich zu übersehen und vorschnell auf falschen Täter mit womöglich überdies noch falschen weil nicht tief genug hinterfragten Motiven zu schließen?

Nun, einigen Staaten und mit diesen assoziierten Mächten käme es aktuell sicher sehr gelegen, „der Westen“ würde sich in Folge der Geschehnisse nun gegen „den Islam“ verbünden.

In diesem Setting, das gern als „Kampf der Kulturen“ geframet wird, um den sich ausbreitenden Neokolonialismus des Westens zu überdecken, geht es aber auch und vor allem um Geopolitik und Rohstoffe. Hinter dem uns präsentierten „Offensichtlichen“ sollten wir uns daher daran machen, mehr und mehr über das Geschehen und die Interessen im Hintergrund zu erfahren. Manch einer sagt eben „Terrorstaat“ und begründet damit nichts anderes als einen Ressourcen-Krieg gegen ein fremdes Land.

Wenn dem aber so ist: Was könnte und sollte man aktuell tun?

Man muss sich erinnern, dass man den 99 Prozent angehört, die gar keine Gewaltspirale wollen. Man sollte daher mit Mut und Ehrlichkeit für gewaltfreie Konfliktlösung und für Toleranz gegenüber anderen Religionen einstehen. Auch wenn das derzeit nicht sehr populär ist. In einer Zeit voller Angst und Misstrauen muss man Brücken bauen.

Wer einen Muslim kennt, sollte zu ihm gehen und ihn umarmen, oder wenn das nicht geht, ihm die Hand geben und ein freundliches Wort austauschen. Wir haben mehr als zwei Milliarden Christen und mehr als 1,5 Milliarden Muslime auf der Welt. Es hat also offensichtlich gar keinen Sinn, wenn diese beiden großen Gruppen nun gegeneinander in den Kampf ziehen.

Krieg und Terror und Folter erzeugen großes Leid. Muslime sollten aufhören, in ihren Ländern Christen zu töten. Und die NATO sollte aufhören, muslimische Länder zu bombardieren. Wir müssen versuchen, aus der Gewaltspirale auszusteigen.

Ich glaube, das ist im 21. Jahrhundert möglich. Wir brauchen dazu aber einen Bewusstseinswandel, der die Gefühle Angst und Hass überwindet und den Wert eines jeden Lebewesens anerkennt.

Für mich bleibt die Haltung von Sophie Scholl, die sich im Zweiten Weltkrieg mutig gegen den Nationalsozialismus zur Wehr setzte und dafür mit dem Leben bezahlte, hier richtungsweisend: 

„Wir haben alle unsere Maßstäbe in uns selbst, nur werden sie zu wenig gesucht. Vielleicht auch, weil es die härtesten Maßstäbe sind.“

Ich bedanke mich für das Gespräch.


[«*] Daniele Ganser (Dr. phil.) ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik. Er unterrichtet an der Universität St. Gallen (HSG) zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen und an der Universität Basel im Nachdiplomstudium Konfliktanalysen zum globalen Kampf ums Erdöl. Er leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Basel.


Weiterlesen:

Übersicht: “Charlie Hebdo, free speech, us-and-them thinking: First reflections on what is happening”

Artikel: „Charlie Hebdo: The Rallying Cry for Free Speech Is Noble, but Hypocritical”

Artikel: “Redefining the poor as ‘terrorists’”

Artikel: „Are All Terrorists Muslims? It’s Not Even Close“

Artikel: „Die Wurzel allen Übels“

Artikel: „Der Krieg kehrt heim“

Artikel: „Wer ist für die Terroranschläge in Frankreich verantwortlich?“

Artikel: „Heilige Terrorallianz: Attentate und EU-Innenminister“

Artikel: „Die Einheitsfront der Zivilisierten“

Artikel: „Das Bündnis der Freien und Friedfertigen“


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