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3. Dezember 2016
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Mangelnde Sachkenntnis und Primitivität des Denkens sind vermutlich wichtige Ursachen für das Versagen der sogenannten Qualitätsmedien

Veröffentlicht in: Medienkritik, Strategien der Meinungsmache

Ein Leser der NachDenkSeiten machte uns auf eine Serie von sonderbaren und hochmanipulativen Beiträgen des WDR aufmerksam. Ein Beispiel von mehreren: Heute früh im Morgenecho kam der CDU Europa-Abgeordnete Elmar Brok zu Wort, unwidersprochen mit dieser Aussage: „Eine wirkliche Perspektive für Griechenland [ist es nur], wenn sie die Reformmaßnahmen machen, die sie wieder wettbewerbsfähig machen, damit sie ein normales westliches Lebensniveau für dieses Land wiederherstellen können.“ Hier wird wie bei einigen 1000 anderen Medienereignissen der Wirkungszusammenhang von Reformen der neokonservativen Art mit wirtschaftlichem Erfolg propagiert. Der angebliche Zusammenhang wird wie eine Blackbox in die Argumentationsketten eingebaut. Und die Medien widersprechen nicht, obwohl es viele Gründe gibt, diesen Wirkungszusammenhang infrage zu stellen. Auf das gleiche Phänomen des Nichtwissens oder Nicht-wissen-wollens und zugleich einer primitiven weil undifferenzierten und monokausalen Betrachtung von Wirkungszusammenhängen treffen wir bei anderen Sachfragen. Albrecht Müller.

Zum Beispiel beim Thema Sparen

Nur ganz selten hinterfragt wird in der öffentlichen Debatte behauptet, man könne als Volkswirtschaft sparen, wenn die Regierung sparen will. Die Sparabsicht wird als ausreichend betrachtet. Was die meisten Journalisten und viele Politiker offenbar immer noch nicht wissen: Im einzelwirtschaftlichen Bereich, als Familie und als Unternehmen, kann man in der Tat effektiv sparen, wenn man sparen will (und das nötige Einkommen hat). Auf eine Volkswirtschaft bezogen sieht aber alles ganz anders aus. Wenn in einer wirtschaftlich kritischen Situation der Finanzminister und die Regierung weiter zu sparen versuchen, dann verschärfen sie in der Regel die Krise und sparen am Ende weniger als beabsichtigt und möglich gewesen wäre, wenn die Wirtschaft in Gang gekommen wäre. NachDenkSeiten-Lesern/innen muss man in der Regel diese Zusammenhänge nicht erläutern. Aber bei Journalisten und vielen Politikern ist dieser Denkfehler fest verankert. Das mag im übrigen damit zusammenhängen, dass die falsche Denkfigur so populär ist und nur wenige den Mut haben, gegen den Stachel zu löcken.

Ein weiteres gutes Beispiel ist die Debatte um die Altersvorsorge und die demographische Entwicklung.

Gestern in den Hinweisen war ich auf einen Beitrag von Spiegel Online eingegangen, wo die Angst vor der angeblich problematischen Gestalt der Alterspyramide „mit Händen“ zu greifen war. Das primitive Denken zeigt sich in einem einzigen in der Demographiedebatte immer wiederkehrenden Satz: „Immer weniger Junge müssen für immer mehr Alte sorgen“. In der Sprache von Spiegel Online: Die Pyramide wird zur Urne.

Dass die Produktivität, dass die Erwerbsquote und vieles mehr eine wichtige Rolle spielen und beachtet werden sollten, wenn man über Altersaufbau und Vorsorge fürs Alter ein Urteil fällen will, hat in das Denken der meisten Journalisten und Politiker keinen Eingang gefunden. Mangelnde Sachkenntnis und monokausale Denkfiguren reichen zum Fehlurteil.

Man muss also zur Analyse dieser Vorgänge nicht unbedingt auf dahintersteckende wirtschaftliche Interessen und auf politische Korruption verweisen – man muss nicht, aber man kann, weil tatsächlich gerade bei diesem Thema die Interessen der Banken und der Versicherungen und ihre Lobby- und Propagandaarbeit eine große Rolle spielen.

Ein weiteres Beispiel: Die Bewunderung von Export und von Freihandel.

Auch die folgende Einsicht ist den meisten NachDenkSeiten-Leserinnen und Lesern geläufig: Wir leben nicht vom Exportüberschüssen, mit Exportüberschüssen werden Forderungen gegenüber anderen Volkswirtschaften erworben. Was daraus wird, ist völlig offen. – Die allgemein verbreitete und bei der Diskussion um TTIP massiv eingeführte These, dass mit einem Anstieg des Welthandels wachsender Wohlstand verbunden sei, erscheint bei differenziertem Nachdenken nicht als schlüssig. Nur wenn mit einem erweiterten Welthandel auch dafür gesorgt wird, dass alle anfallenden volkswirtschaftlichen Kosten der Produktion eines Exportgutes auch wirklich angelastet werden, – auch die sogenannten externen Kosten, die Umwelt- und Gesundheitsbelastung durch den Transport mit LKWs, oder auch die Kosten der militärischen Sicherung der Weltmeere – , nur dann könnte man von einem Wohlstandszuwachs sprechen. Aber diese Berechnungen werden gar nicht angestellt. Es wird die primitive Formel eingestellt: Freihandel ist gut, Ausbau des Welthandels nützt allen.

Die Primitivität des Denkens hat in diesem konkreten Fall damit zu tun, dass die meisten Politiker, die meisten Journalisten und sogar ein beachtlicher Teil der Wissenschaftler nicht gelernt haben, in realen Größen, in real terms, zu denken. Sie sehen: in Geldgrößen gerechnet wächst der Betrag der ausgetauschten Güter. Was dahinter an Ressourcenverbrauch steckt, auch an natürlichen Ressourcen, interessiert nicht.

Nicht sachverständig und sogar primitiv – das ist das Markenzeichen der Bewertung und Handlungsempfehlungen hier wie bei anderen hochaktuellen Problemen.

Zum Schluss eine Bitte an jene NachDenkSeiten-Leserinnen und Leser, die schon länger die NachDenkSeiten verfolgen. Für viele von Ihnen werden meine Anmerkungen nicht neu sein. Es gibt aber viele neue Leserinnen und Leser. Deshalb sind manchmal Wiederholungen der Argumente notwendig.

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