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Zur Manipulation der Angst – Ein Plädoyer für Statistik und gegen Bilder

Veröffentlicht in: Aktuelles, Audio-Podcast, Innen- und Gesellschaftspolitik, Strategien der Meinungsmache, Terrorismus

Der Islamische Staat hat in Deutschland keinen einzigen Menschen getötet. Dennoch haben die meisten Deutschen laut Umfragen Angst vor ihm. Ihre Angst ist irrational, erschaffen wurde sie durch inszenierte Bilder. Nichts hat größeres Potential, die Wirklichkeit zu verzerren, als ein Bild. Es berührt die Menschen oft emotional. Zugleich wirkt das Gezeigte durch seine Unmittelbarkeit besonders authentisch. Durch die Bilder der Medien sind viele Menschen der westlichen Welt nicht mehr in der Lage, ernsthafte Bedrohungen von Drohgebärden zu unterscheiden. Von Benjamin Fredrich[*].

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Vor einer Kamera steht eine Person, die eine Ansprache hält und anschließend eine kniende Person köpft. Die Hinrichtungen des Islamischen Staates sind abstoßend und haben das Ziel, Angst zu verbreiten. Ohne das Medium des Bildes oder des Videos wäre die Tat ziemlich folgenlos geblieben. Der IS muss das Mittel des Terrors und der Angst wählen, weil er den westlichen Mächten unterlegen ist. Militärisch wird der IS keine relevante Gefahr werden und die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines terroristischen Anschlages in Europa zu werden, ist nicht messbar.

Nach einem Bericht des PewResearchCenter sehen in fast allen NATO-Mitgliedstaaten die Menschen im IS die gegenwärtig größte Gefahr. In Asien, Südamerika und Afrika überwiegt die Angst vor dem Klimawandel und in Russland vor wirtschaftlicher Instabilität. Die Osteuropäer empfinden Russland hingegen als größte Bedrohung und die Vietnamesen fürchten sich vor China. Die Befragten wurden nacheinander nach ihrem Angstempfinden gegenüber dem IS, wirtschaftlicher Instabilität, Klimawandel, China, Russland und dem Iran befragt. Die Ausprägungen sind in jedem Land verschieden und im Durchschnitt haben die US-Amerikaner deutlich höhere Angstwerte als andere Nationen. So haben durchschnittlich über 50% der US-Amerikaner Angst auf eine dieser Fragen bekundet. Bei den Chinesen liegt der Wert bei nur 10%, und bei den Russen bei 17%.

Quelle: Katapult-Magazins

Die detaillierten Ergebnisse von PewResearch als Excel-Tabelle XLS

Das Gefühl der Angst ruft selten Lähmung hervor, sondern in den meisten Fällen ihr Gegenteil. Es verursacht in erster Linie Bekämpfungs-, Vermeidungs- und Fluchtverhalten. Sie stellt eine allgemeine Verhaltensbereitschaft dar. Wer Angst hat, handelt. Was die Bevölkerung heute beängstigt, entscheidet deshalb über ihre zukünftige Bereitschaft für eine bestimmte Politik. Dadurch ist es zurzeit in Deutschland wahrscheinlich einfacher, außen-und sicherheitspolitische Ziele durchzusetzen, um den IS zu bekämpfen, als sich auf Sozialpolitik oder Umweltschutz zu konzentrieren.

Statistisch gesehen müssten wir uns vor Rechtsradikalen, Krankenhäusern und Autofahrern fürchten. Sie sind tatsächlich gefährlich – und vor allem, mitten in der Gesellschaft. Ihre Opferstatistik (in Deutschland) schlägt die des IS um ein Vielfaches. Im deutschen Straßenverkehr sterben jedes Jahr über 3.000 Menschen. In deutschen Krankenhäusern werden jährlich über 30.000 Menschen durch multiresistente Keime getötet. Die Zahl der politisch motivierten Straftaten von rechts steigt beständig und lag 2014 bei 17.020. Rechtsmotivierte Kriminalität macht den größten Teil der politischen Straftaten aus.

Auf der Autobahn, im Krankenhaus und in Freital bestehen also reale Gefahren, auf die Angst eine natürliche Reaktion sein sollte. Die Angst, die diese Statistik auslösen müsste, wird allerdings durch die Bilder des IS überspielt. Ein Bild wirkt anscheinend eindrucksvoller als eine Statistik und der Mensch neigt dazu, die vermeintlich größte Gefahr zuerst bekämpfen zu wollen. Der IS geht vor und deshalb ist die derzeitige Angstsituation eine geeignete Grundlage, um neue Waffen für die Bundeswehr zu fordern. Die wirklichen Probleme bleiben dabei außer Acht.

Das Tempolimit auf Autobahnen, ein Plan, um gewaltbereite Extremisten zu kontrollieren und die Hygiene der Krankenhäuser zu verbessern, stehen gegenwärtig nicht im Interesse der Politik, obwohl dadurch die Opferzahlen sinken würden. Ernsthafte Gefahren würden auf diese Weise gemindert. Zuerst müssen jedoch Terroristen bekämpft werden. Den Kampf gegen den IS wird wahrscheinlich die Rüstungsindustrie gewinnen, am besten so, dass die Legitimation eines Auslandseinsatzes durch die Angst der Masse entsteht. Die bildhafte Darstellung des Terrors manipuliert das Gerechtigkeitsempfinden für politische Entscheidungen.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte und ein Fotograf hat tausend Möglichkeiten, ein Bild zu verfälschen. Auf diese Weise können unangemessene Emotionen und besonders übertriebene Ängste erzeugt werden. Statistik verliert in der Berichterstattung zu oft – sie verliert immer wieder gegenüber dem Bild. Die Masse der Medien veröffentlicht lieber ein buntes Foto als eine gut aufbereitete Statistik.


[«*] Benjamin Fredrich ist Redakteur des Katapult-Magazins

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