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ARD und ZDF erleiden Zuschauerverluste – Ist das wirklich so erstaunlich?

Verantwortlich:

Dieser Tage konnte man im Spiegel lesen: „Quoten von ARD und ZDF stürzen auf historisches Tief“. In der Tat ist das ein trauriger Rekord,
wenn die ARD nach eigener Prognose in diesem Jahr nur einen Marktanteil von 13,4 Prozent (Vorjahr: 14,2) erreicht und das ZDF nur noch mit einem Marktanteil von 12,8 Prozent (Vorjahr: 13,6) rechnet. Die öffentlich-rechtlichen „Hierarchen“ wiegeln ab, die Verleger mit eigenen Fernsehkanälen lassen in ihren Printmedien klammheimlich darüber jubeln oder reklamieren mal wieder eine „Strukturreform“. Könnte diese Abstimmung mit der Fernbedienung aber nicht einfach daran liegen, dass sich eine große Mehrheit der Zuschauer mit ihrem realen Erfahrungshorizont bei ARD und ZDF immer weniger wieder finden? Wolfgang Lieb

Ich will mit einem Bekenntnis beginnen: Ich bin ein überzeugter Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, bei dem alle gesellschaftlich relevanten Gruppen eine Mitsprache und ein Kontrolle über die Erfüllung des gesetzlichen Programmauftrags der Sender haben. Ich halte die Gebührenfinanzierung für richtig, weil die Inhalte des Kommerzfernsehens von denjenigen bestimmt werden, die ihre Werbung an die Konsumenten bringen wollen. Die Aussage, des ehemaligen RTL-Chefs Thoma, „der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht den Angler“ ist für mich bezeichnend für ein zynisches Verhältnis zum Zuschauer. Ich halte die Akzeptanz der öffentlich-rechtlichen Vollprogramme für einen wichtigen Faktor der demokratischen Meinungsbildung. Sie müssten ein Kulturträger sein, der nicht zuletzt auch zur gesellschaftlichen Identifikation und Integration beitragen kann. Insofern bedaure ich, dass die Reichweite der öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber der meist kommerziellen Konkurrenz abnimmt.

Ich bin auch kein Quotenfetischist, denn für mich ist der öffentliche Rundfunk auch dazu da, die Wünsche und Bedürfnisse von Minderheiten zu befriedigen. Selbst wenn Arte, 3Sat oder Phoenix geringe Einschaltquoten haben, ja selbst wenn ich sie selbst nicht allzu häufig verfolge, so ist es mir wichtig und meine Gebühr wert, wenn Programme dieser Art und Qualität angeboten werden. Mir ist allerdings auch klar, dass dauerhaft niedrige Einschaltquoten dazu benutzt würden, die allgemeine Rundfunkgebühr in Frage zu stellen.

Von den Programmverantwortlichen von ARD und ZDF werden viele Gründe als Begründung für den Rückgang angeboten, etwa, dass dieses Jahr eben keine Fußball-WM war, dass 2007 wenig politische Großereignisse bot oder einfach, dass die Zahl der Sender zugenommen hat und die „Piranhas am Körper der Großen nagen“ (so Thomas Bellut).

Dass „der Kuchen unter immer mehr Sender aufgeteilt wird“ (so ARD-Programm Chef Günter Struve) scheint auf den ersten Blick plausibel, wenn man bedenkt, dass im GfK-TV-Panel im Auftrag der AGF (Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung) derzeit 700 Sender erhoben werden. Es ist gar nicht zu bestreiten, dass es vor zehn oder fünfzehn Jahren nur einen Bruchteil davon gab. Diese fast unüberschaubare Zahl an Sendern in der digitalen Fernsehwelt relativiert sich jedoch, wenn man erfährt, dass von den 600 frei empfangbaren Sendern (zusätzlich zu den etwa 100 verschlüsselten Bezahl-Sendern) gerade einmal 41 Sender einen kumulierten Zuschaueranteil von 96,5 Prozent erreichen. D.h. umgekehrt, auf alle übrigen 559 sog. Free-TV-Sender entfällt nur ein gemeinsamer Marktanteil von insgesamt 1 Prozent.
Es gibt die plausible These, dass je stärker sich der „Markt“ fragmentiere, desto stärker werde der Sog der etablierten Programme. (So etwa Dr. Andrea Malgara, Geschäftsführer Marketing SevenOne Media)
Das heißt, wer sich nicht täglich durch das nicht mehr überschaubare Angebot kämpfen will und kann, verlässt sich lieber auf die großen und bekannten Sender.

Doch auch die etablierten Sender haben in diesem Jahr bis auf den Abspielkanal Vox auf niedrigere Einschaltquoten. Laut Spiegel ist RTL mit 12,5 Prozent (Vorjahr: 12,8) so schlecht wie seit 1990 nicht mehr. Sat.1 und ProSieben liegen mit 9,6 Prozent und 6,5 Prozent (Vorjahr: 9,8 und 6,6) unter dem Niveau von 1991. Nur der kleine Sender Vox kann mit 5,7 Prozent (Vorjahr: 4,8) einen neuen Rekord aufstellen. Die Dritten kommen auf 13,3 Prozent (Vorjahr: 13,5).

Der Rückgang der Zuschauerquote der meisten großen Sender muss deshalb wohl auch noch andere Gründe als die Programmvermehrung haben. Bei ein wenig mehr Selbstkritik könnten die Programmverantwortlichen die Antwort aus einer Umfrage des Marktforschungsinstituts „Ipsos“ vom August 2007
ablesen. Darin stellen die Zuschauer dem Fernsehen ein vernichtendes Zeugnis aus: Mehr als die Hälfte aller Zuschauer (50,5 Prozent) glauben TV-Berichten nicht mehr. Knapp 60 Prozent finden, das Fernsehprogramm sei “dümmer” geworden.
In Deutschland scheint sich mit der „Amerikanisierung“ der Medien ein Vertrauensverlust einzustellen, wie er in den USA noch viel ausgeprägter ist: Dort sind 74 Prozent der Zuschauer mit der Qualität unzufrieden und 61 Prozent sind der Ansicht, dass die klassischen Medien den Kontakt zum Bürger verloren haben.

Dieser Verlust an Bezug zur Wirklichkeit der Zuschauer ist nach meiner Meinung ein ganz wesentlicher Grund warum gerade auch die prestigeträchtigen Nachrichtenmagazine wie die ARD-„Tagesthemen“ mit einem Anteil von nur noch 10 Prozent und das ZDF- „heute journal“ mit 12 Prozent an Zuschauerinteresse eingebüßt haben.
Als relativ regelmäßiger Nutzer dieser Nachrichtensendungen frage ich auch mich immer häufiger, von welcher Welt reden die Moderatorinnen oder Moderatoren da eigentlich. Wenn etwa dort z.B. das ganze Jahr über ständig vom „großen Aufschwung“ geredet wird, so fragen sich die zwei Drittel der Menschen, die nach einer Allensbach-Umfrage nichts vom Aufschwung gemerkt haben, von welchem Land sprechen die im Fernsehen eigentlich. Oder wenn Monat für Monat die Arbeitsmarktzahlen gefeiert werden, so fragen sich die Hälfte der Zuschauer, im Osten sind es gar zwei Drittel, die ihren Arbeitsplatz für unsicher halten, ob die Leute, die vor der Kamera frohe Botschaften verkünden, nicht den Kontakt zur Arbeitswelt verloren haben. Wurde schon einmal darüber berichtet wie viele aus der Statistik in Billigjobs oder Leiharbeit gegangen sind? Man kann diese Diskrepanz zwischen dem was da im Fernsehen als Erfolg verkündet wird und der Wahrnehmung der Zuschauer auf ganz vielen Feldern beobachten. Nehmen wir etwa die ganz unverhohlene Propaganda von ZDF und auch von ARD für die private Altersvorsorge. Was haben die jetzigen Rentner, die ja – wie man hört – die wichtigste Sehergruppe der öffentlich-rechtlichen Sender geworden sind, davon, wenn sie tagtäglich erleben, dass ihre Rente immer mehr gekürzt wird. Was sollen die Leute von den auch im Fernsehen ständig geforderten Reformen halten, wenn sie an jedem Monatsende beim Blick in ihren Geldbeutel feststellen müssen, dass ihnen mit jeder neuen Reform nur ständig in ihre Taschen gegriffen wurde.
Manchmal drängt sich einem bei der Kommentierung oder bei der Berichterstattung in unseren Sendern der Ausspruch der französischen Königin Marie Antoinette auf: Wenn die Leute kein Brot haben, warum essen sie dann nicht einfach Kuchen.

Den großen öffentlich-rechtlichen Sendern geht es bei ihrem dem politischen Zeitgeist folgenden Informationsangebot offenbar wie den großen Parteien. SPD und CDU erleben einen dramatischen Mitgliederschwund, ARD und ZDF einen Zuschauerschwund. Die Wähler der großen Parteien flüchten in die Wahlenthaltung, die Zuschauer der großen Sender stimmen mit der Fernbedienung ab und schalten ab oder flüchten in die Unterhaltungswelt der privaten Sender.

Und die jungen Leute holen sich ihre Informationen lieber aus dem Internet. Ich kann das bei meinen eigenen erwachsenen Kindern beobachten: “Was soll ich mir die Laberei in den Talk-shows oder im ARD-Pressclub antun, wo jeder behaupten kann, was er gerade für eine Meinung vertritt, wenn ich mir die mich interessierende Information in wenigen Minuten aus dem Internet holen kann?“ sagte mir unlängst mein Sohn, als ich ihn fragte, ob ihn eigentlich Sabine Christiansen oder die Tagesthemen nicht interessierten.
Ich konnte ihm nicht widersprechen. Warum sollte man den im Fernsehen ständig herumgereichten sog. Experten wie Miegel, Straubhaar, Raffelhüschen, Sinn und wie sie alle heißen mögen noch über den Weg trauen, wenn man ihre interessenbezogenen Behauptungen mit wenigen Klicks in den Suchmaschinen widerlegen kann.
Da „chillen“ (entspannen) die jungen Leute doch lieber im Unterhaltungsangebot der Kommerzsender ab, da wissen sie von vorneherein, dass das, was ihnen da geboten wird, nichts mit der Realität zu tun hat.

Unlängst meldeten die Zeitungen, dass 78 Prozent der Fernsehzuschauer die verwendeten Begriffe in den Fernsehnachrichten oft nicht verstehen
. Die Programmverantwortlichen meinten dazu ziemlich arrogant, die Nachrichtensendungen seien keine Volkshochschulen. Vielleicht sollte man ihnen einmal klar machen, dass Vieles was in den Nachrichten vorkommt, den Leuten einfach nichts sagt, weil sie in ihrer Lebenswelt nichts damit anfangen können oder ihre Erfahrung ihnen etwas ganz anderes sagt.

Es kann sicher nicht darum gehen, dass das Fernsehen, den Leuten nach dem Mund redet, aber zuhören sollten sie vielleicht schon mal, was die Leute reden. Vielleicht könnten ARD und ZDF dann auch wieder mehr Zuschauer erreichen. Das würde aber verlangen, dass statt sie statt Hofberichterstattung wieder eine kritische Wächterrolle gegenüber der Politik und den mächtigen Interessengruppen und deren Vertreter einnähmen. Eine Wächterrolle stellvertretend für die Zuschauer und auf die sich die Leute verlassen können.

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