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22. Dezember 2014
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Mikhail Gorbachev kritisiert in der New York Times das Handeln der westlichen Länder im Bezug auf Georgien und Süd-Ossetien

Verantwortlich:

Gorbachev schreibt, dass Russland diese Krise nicht gewollt hat. Die russische Führung brauche keinen kleinen militärischen Erfolg, um sich bei der eigenen Bevölkerung zu stärken. Russland sei in diese Auseinandersetzung durch die Leichtfertigkeit des georgischen Präsidenten Saakaschwili hineingezogen worden. Das hätte er sich allerdings nicht ohne Unterstützung von Außen getraut. Nachdem er das gemacht hat, konnte es sich Russland nicht leisten, tatenlos zuzusehen. Übertragung von Roger Strassburg

Es sei richtig gewesen, dass der russische Präsident Dmitiri Medwedew die Kampfhandlungen beendet hat. Er habe ruhig gehandelt, zuversichtlich und entschieden. Wer Verwirrung in Moskau erwartet hat, wurde enttäuscht.

Diejenigen, die hinter dieser Kampagne stehen, wollten offensichtlich dafür sorgen, dass Russland für das Ergebnis – was auch immer dies sein mag – verantwortlich gemacht wird. Der Westen habe einen Propaganda-Angriff gegen Russland geführt. Die amerikanischen Medien haben dabei eine Führungsrolle gespielt.

Die Berichterstattung sei keineswegs ausgewogen, insbesondere am Anfang der Krise. Tskinwali lag danieder, Menschen flohen, ehe russische Truppen angekommen sind.

Es sei nicht klar, ob der Westen von den Plänen Saakaschwilis gewusst hat. Klar sei aber schon, dass die westliche Rüstungshilfe und die Hilfe bei der Ausbildung der georgischen Truppen die Region eher in den Krieg als in den Frieden geführt habe.

Wenn dieses militärische Missgeschick eine Überraschung für die Gönner dieses georgischen Führers ist, umso schlechter. Der Schwanz wedele mit dem Hund.

Herr Saakaschwili wurde als treuer amerikanischer Verbündeter und echter Demokrat viel gelobt – und auch für seine Hilfe in Irak. Jetzt habe der Freund Amerikas Mist gebaut, und alle von uns – vor allem Europäer – müssten aufräumen.

Diejenigen, die Schnellschlüsse über das Geschehen im Kaukasus ziehen, oder dort an Einfluss gewinnen wollen, sollten sich zuerst sich über die Komplexitäten dort informieren. Die Ossetianer leben sowohl in Russland als auch in Georgien. Die Region sei ein Flickenteppich verschiedener ethnischer Gruppen, die dicht nebeneinander leben. Daher sei es Unfug zu sagen, “wir befreien unser Land”. Man müsse an die Leute denken, die dort leben.

Die Probleme im Kaukasus können nicht mit Gewalt gelöst werden. Das wurde mehrfach in den letzten zwei Jahrzehnten versucht. Es sei immer nach hinten losgegangen.

Was gebraucht wird, ist eine verbindliche Vereinbarung gegen Gewalt.
Herr Saakaschwili hat sich immer wieder geweigert, eine solche Vereinbarung zu unterschreiben – der Grund dafür sei jetzt mehr als eindeutig.

Der Westen wäre gut beraten, ein solches Abkommen anzustreben. Wenn er aber stattdessen versucht, Russland die Schuld in die Schuhe zu schieben, sei die Krise unausweichlich. Dann sollte man mit dem Schlimmsten rechnen.

In den letzten Tagen hat die Außenministerin Condoleezza Rice und Präsident Bush versprochen, Russland zu isolieren. Manche amerikanischen Politiker haben gedroht, Russland aus der G8 zu verbannen, den NATO-Russland-Rat abzuschaffen und Russland aus dem Welthandelsorganisation zu halten.

Diese seien leere Drohungen. Seit einiger Zeit fragen sich Russen, wofür man diese Institutionen braucht, wenn ihre Meinung dort nichts Wert sei.
Nur, um am bedeckten Tisch sitzen zu dürfen, und Vorlesungen hören?

Russland wurde seit langem vor vollendeten Tatsachen gestellt. Hier die Unabhängigkeit von Kosovo, dort die Aufhebung des ABM-Abkommens, dazu auch noch die amerikanische Entscheidung, Raketen in Nachbarländern aufzustellen. Dann die unendliche NATO-Erweiterung. Das Ganze wurde mit dem Gerede von Partnerschaft versüßt. Warum sollte jemand auf eine solche Mogelpackung hereinfallen?

Es wird in den USA viel über ein Umdenken im Bezug auf Russland diskutiert. Eines sollte auf jeden Fall überdacht werden: die Angewohnheit, Russland von oben herab anzusprechen, ohne Rücksicht auf seine Interessen und Positionen.

Die beiden Nationen könnten eine ernstzunehmende Agenda für echte, anstatt symbolische, Kooperation entwickeln. Viele Amerikaner, wie viele Russen verstehen, dass es dafür Bedarf gibt. Ob die politischen Führungen dies auch verstehen?

Eine überparteiliche Kommission von Chuck Hagel und Gary Hart wurde neulich an Harvard geschaffen, um über die Beziehungen zwischen Russland und den USA an den nächsten Präsidenten zu berichten. Darunter sind Leute, die seriös sind, und die Wichtigkeit von Russland und konstruktive Zusammenarbeit verstehen.

Aber die Mitglieder dieser Kommisssion sollten vorsichtig sein: Ihr Mandat ist, “Empfehlungen für die nächste Regierung zu formulieren, wie amerikanische Interessen in der Beziehung mit Russland zu fördern sind”.
Wenn das das alleinige Ziel ist, dann bezweifelt Herr Gorbatschow, dass etwas Gutes daraus wird – es sei denn, dass diese Kommission die Interessen der anderen Seite und die gemeinsame Sicherheit berücksichtigt. Dann könnte daraus das Vertrauen zwischen Russland und den USA wieder aufgebaut werden. Dies würde es ihnen ermöglichen, sinnvoll zusammen zu arbeiten.

Siehe:
Russia Never Wanted a War
By MIKHAIL GORBACHEV

The planners of the crisis in Georgia clearly wanted to make sure that Russia would be blamed for worsening the situation.
Quelle: The New York Times

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